Inhalt des Leitbilds ist nicht allein der Verkehr der Zukunft

Stadtentwicklungsplan Verkehr Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ­ Abt. VII Seite 35

III Das Leitbild und die Ziele III.1 Das Leitbild III.1.1 Funktion des Leitbilds

Das Leitbild nimmt im StEP Verkehr eine besondere Rolle ein ­ und das in mehrfacher Hinsicht. Im Prozess der Planerstellung diente es den Akteuren aus Verwaltung, Wissenschaftlichem Beirat und dem Runden Tisch dazu, die Verständigung über die Ziele stadtintegrierter Verkehrspolitik zu erleichtern. Klare Ziele sind Voraussetzung für gestaltendes politisches Handeln und Grundlage für die Benennung konkreter Maßnahmen, die zur Erreichung der Ziele geeignet sind.

Inhalt des Leitbilds ist nicht allein der Verkehr der Zukunft. Vielmehr zeigt es auf, wie Verkehr sich zukünftig in den gelebten Stadtalltag einbettet. Zusammenhänge, Wechselwirkungen, Synergien, aber auch Konflikte und Risiken werden so vermittelt - von Stadtentwicklung über Umweltschutz bis hin zu sozialen Themen.

Die beteiligten Akteure haben das Leitbild in einem gemeinsamen mehrstufigen Vorgehen entwickelt.

Daher kann es eine Verbindlichkeit entfalten, die bereits positiv auf den Planungsprozess gewirkt hat und die nachfolgende Umsetzung erleichtern soll. Über den Kreis der unmittelbar am StEP-Prozess Beteiligten hinaus soll das Leitbild verkehrsplanerische Visionen vermitteln, aber auch Grenzen und Möglichkeiten zu deren Umsetzung aufzeigen.

Das Leitbild des StEP Verkehr fußt auf den folgenden Grundsätzen:

· Es baut auf dem Leitbild des vorangegangenen StEP Verkehr auf ­ setzt aber neue Impulse.

· Es besitzt zahlreiche Schnittstellen zu anderen Politik- und Handlungsfeldern ­ vertritt jedoch einen eigenen Gestaltungsanspruch.

· Es ist Wunschbild und Vision ­ und greift dabei aus den Rahmenbedingungen abgeleitete Notwendigkeiten auf.

· Es dient als Arbeitshilfe ­ und ist ein Instrument zur Verständigung und Kommunikation.

· Es ist ambitioniert ­ aber realistisch.

Aus der Perspektive des Zeithorizontes 2040 präsentiert sich das Leitbild in Form einer Zukunftsvision.

In dieser spiegeln sich veränderte Rahmenbedingungen von Wirtschaft, Finanzen, Bevölkerung und Stadtentwicklung wider. Darüber hinaus stellen die energie-, umwelt- und klimaschutzpolitischen Herausforderungen unserer Zeit weitere wichtige Wegweiser für die städtische Verkehrsentwicklung dar.

Diese Entwicklungen wirken in manchen Bereichen sehr langfristig und weisen teilweise über den im StEP Verkehr betrachteten Zeitraum hinaus.

Das Leitbild gibt Antwort auf die Frage „Wohin wollen wir?". Es dient der Vorbereitung auf ein Verkehrssystem, das der Endlichkeit natürlicher Ressourcen und den Anforderungen des Klimaschutzes Rechnung trägt. Im Zusammenspiel mit anderen, die Funktionsweise der Stadt beeinflussenden Bereichen der Stadtentwicklung ist es ein wichtiger Schritt in Richtung „kohlenstoffarme Stadt" ­ einer Stadt, die im Ergebnis einer langfristigen Entwicklung für die Erfüllung der Mobilitätsbedürfnisse nur noch in Stadtentwicklungsplan Verkehr Seite 36 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ­ Abt. VII möglichst geringem Umfang CO2 produziert („postfossile Mobilität"). Veränderte Rahmenbedingungen und neue Anforderungen an den Stadtverkehr können jedoch auch Risiken für die Gewährleistung der städtischen Mobilität bergen. Diese sollen rechtzeitig erkannt und aufgefangen oder zumindest minimiert werden.

Das Leitbild besteht aus acht Bausteinen, die einen engen inhaltlichen Zusammenhang aufweisen. Sie thematisieren teils inhaltlich, teils räumlich fokussiert spezifische Funktionen des Verkehrs im Stadtgebiet sowie darüber hinaus und zeigen auf, welche Entwicklungen erwartet und welche Gestaltungsspielräume wahrgenommen werden können und sollen.

III.1.2 Berlin 2040... ... Zukunftsfähige Mobilität für alle Berlin ist eine lebendige und sozial gemischte Stadt. Die Bevölkerung ist weltoffen, und es existieren kulturell und ethnisch vielfältig geprägte Milieus. Die Menschen engagieren sich für ihre Stadt, treten gegen soziale und räumliche Polarisierung ein und fühlen sich in den lebendigen, vielfältigen Nachbarschaften in ihrem Stadtteil, ihrem Kiez zu Hause.

Arbeitsorte und -zeiten, Freizeitgestaltung und die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs sind vielfältiger und flexibler geworden. Daher haben sich auch die Mobilitätsbedürfnisse weiter differenziert und der Verkehr ist räumlich und zeitlich stärker verteilt. Die daraus entstandenen neuen Mobilitätsanforderungen konnten optimal erfüllt werden, da die Trends der Lebens- und Mobilitätsgestaltung durch eine Umorientierung in der Priorätensetzungen der Verkehrsplanung zielgerichtet aufgenommen wurden. Weiter unterstützt wurde dies durch eine verstärkte Notwendigkeit zum wirtschaftlichen Handeln. Zusammen genommen führten diese Entwicklungen unter anderem dazu, dass sich die Angebote im öffentlichen Nahverkehr stärker an den konkreten Bedürfnissen der Menschen orientieren. Ihre hohe Qualität zu angemessenem Preis überzeugt Nutzerinnen und Nutzer jeden Tag aufs Neue, die daraus resultierenden hohen Fahrgastzahlen tragen zur Wirtschaftlichkeit bei. Die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten der Verkehrsträger des Umweltverbundes bieten Flexibilität und Wahlfreiheit, konsequentes und strategisch ausgerichtetes Mobilitätsmanagement ermöglicht informiertes und bewusstes Handeln. Daher organisieren immer mehr Menschen ihre Mobilität ohne Fixierung auf ein bestimmtes Verkehrsmittel. Sie verhalten sich „multimodal". Abhängig vom Verkehrsangebot, dem Ziel und der aktuellen Verkehrslage entscheiden sie immer wieder aufs Neue, welche Verkehrsmittel (bzw. deren Kombination) für ihre momentanen Bedürfnisse am geeignetsten sind. Längere Fahrstrecken werden mit dem ÖPNV schnell, zuverlässig und bequem bewältigt, Wege von und zur Haltestelle lassen sich mit (dem eigenen oder einem öffentlichen) Fahrrad schnell und flexibel überwinden, die Mobilität im Nahbereich wird durch überall günstige Bedingungen für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie für den Radverkehr erleichtert. Insbesondere in der Innenstadt verzichten daher viele Menschen auf einen eigenen Pkw. Wer gelegentlich ein Auto braucht, findet viele Möglichkeiten, einen Pkw mit anderen zu teilen.

Berlin hat sich rechtzeitig auf die Veränderung der demografischen Rahmenbedingungen eingestellt.

Planung und Gestaltung von Infrastruktur und Verkehrsangeboten folgen mit Selbstverständlichkeit dem Grundsatz der Barrierefreiheit. Die durchdachte Gestaltung von Haltestellen und öffentlichen Stadtentwicklungsplan Verkehr Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ­ Abt. VII Seite 37

Räumen, mehr Zeit für sicheres Ein- und Aussteigen und eine Mobilitätskultur des Miteinanders haben dazu geführt, dass trotz Autoverfügbarkeit ältere Jahrgänge zu großen Teilen den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Selbstbestimmte Mobilität bis ins hohe Alter ist für die Berlinerinnen und Berliner eine Selbstverständlichkeit. Durch passende Angebote, die mehrsprachig sind und kulturelle Aspekte berücksichtigen, wird darüber hinaus die Integration von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund unterstützt, auch zum Nutzen der vielen internationalen Besucherinnen und Besucher der Stadt.

Eine hochentwickelte Planungs- und Beteiligungskultur bei allen verkehrsplanerischen Prozessen und Entscheidungen stellt ein überdurchschnittliches Maß an Konsens in der Stadtgesellschaft sicher, der wesentlich zum Erfolg dieser zukunftsorientierten Politik der Mobilitätssicherung beiträgt.

Die vorhandenen Verkehrssysteme bzw. -angebote bewirken, dass die Berlinerinnen und Berliner mobil sind und bleiben ­ und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter, Lebenssituation und den individuellen Alltagsanforderungen. Der Verkehrspolitik ist es damit gelungen, gleiche Mobilitätschancen für alle zu sichern und damit die Grundvoraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben zu schaffen und zu erhalten.

... Großstadt mit hoher Lebensqualität

Die Folgen der deutschen Teilung und des wirtschaftlichen Strukturumbruchs nach der Wiedervereinigung sind endgültig überwunden. Viele neue Arbeitsplätze sind entstanden und zwar zunehmend auch in den östlichen Stadtbezirken, wie zum Beispiel an den beiden Forschungs- und Entwicklungsstandorten Adlershof und Buch. Durch die Entwicklung wichtiger Bereiche im Stadtgebiet (u.a. im Lehrter Stadtquartier am Hauptbahnhof, im Spreeraum Friedrichshain-Kreuzberg sowie entlang des Süd-Ost Korridors Richtung Flughafen Berlin Brandenburg und auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof sowie des ehemaligen Flughafen Tegels) wurden neue attraktive Wohn-, Arbeits- und Aufenthaltsorte geschaffen. Die vitale und attraktive polyzentrische Gliederung des Berliner Stadtzentrums, das von der City-West über den Potsdamer und Leipziger Platz und die historische Mitte bis zum Alexanderplatz reicht, ist eine Berliner Besonderheit, die weiter entwickelt und baulich wie funktional gestärkt werden konnte.

Auch jeder Bezirk und Stadtteil hat seine eigenen Stärken weiterentwickelt und verbindet charakteristische Lebensräume mit hoher Aufenthalts- und Wohnqualität. Stadtgebieten, die von Alterung überproportional betroffen waren, konnten neue Entwicklungsimpulse gegeben werden. Durch den Ausbau der Funktionsvielfalt, Durchmischung der Wohnformen und Stärkung quartiersspezifischer Besonderheiten wurden sie für neue Bewohnergruppen attraktiv. Im Zuge des Umgangs mit dem demografischen Wandel sind zudem viele neue Wohnformen für ältere Menschen, z. B. Alten-Wohngemeinschaften, in stadtintegrierter Lage entstanden. Auch die Angebote für Familien mit Kindern zum Wohnen in der inneren Stadt sind vielfältiger, attraktiver und bezahlbarer geworden. Die Gestaltung von Stadträumen, Straßen und Verkehrsbauwerken ermöglicht es allen Bewohnerinnen und Bewohnern, sich sicher und frei zu bewegen. Klare Gliederungen und Wegeführungen, Beleuchtung und Gestaltung führen dazu, dass sich die Menschen gefahrlos zu jeder Tages- und Nachtzeit bewegen können und dies auch so wahrnehmen. Ein Ergebnis dieser vielfältigen Anstrengungen zur sozialen, ökologischen und funktionalen Aufwertung des Wohnens in der Stadt ist, dass Menschen jeder Altersgruppe gerne in der Stadt leben und nicht mehr so häufig ins Umland ziehen. Die „Reurbanisierung made in Berlin" gilt damit als Erfolgsprojekt.