Börse

Sie weisen diskontinuierliche Bildungsverläufe auf, sprechen kein Deutsch und etliche unter ihnen sind auch in ihrer Erstsprache nicht alphabetisiert. Derzeit wird ein Pilotprojekt mit Schulen vorbereitet (August 2011 ­ Juli 2013), in dem ein Konzept für Aufnahme, Beschulung und Alphabetisierung von neu zugereisten Kindern und Jugendlichen entwickelt und erprobt werden soll.

Besondere Leseförderung von Jugendlichen in der Sekundarstufe I

Sowohl PISA (2000 und folgende) als auch IGLU (2006) haben nachgewiesen, dass es bedeutende Unterschiede in der Lesesozialisation von Jungen und Mädchen gibt und dass v. a. pubertierende Jungen im Durchschnitt sehr viel weniger fiktionale Literatur lesen als Mädchen.

In der Lesesozialisationsforschung wird dieser Tatbestand als „Lesemotivationsknick" beschrieben. Es gibt inzwischen sehr interessante fachdidaktische Überlegungen, wie diese Probleme gendersensitiv aufgefangen werden können, und zwar nicht nur durch gezielte Förderung der Motivation sondern auch und vor allem durch die Förderung der Leseflüssigkeit [Hurrelmann 2002, Rosebrock & Nix 2008].

Eine Reihe von Wettbewerben und Initiativen versucht schon lange, die Lesefreude der Kinder und Jugendlichen zu fördern (z. B. Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Organisation von Lesenächten, Büchergutschein der Stiftung Lesen). Nachweislich wird durch diese Impulse jedoch nur der Teil der Kinder und Jugendlichen erreicht, der sowieso schon eine erhöhte Affinität zum Lesen hat; die oben geschilderte Risikogruppe bleibt von diesen Möglichkeiten oftmals unberührt.

Seit dem Schuljahr 2010/2011 hat Berlin das Modellvorhaben „ProLesen-Transfer" aufgelegt, das sich insbesondere auf die Leseförderung von (männlichen) Jugendlichen der genannten Risikogruppe konzentriert und die Erfahrungen des zum Juni 2010 beendeten KMK-Projekts „ProLesen ­ Auf dem Weg zur Leseschule" transferiert:

- Die Zielgruppe besteht v. a. aus Schülerinnen und Schülern der neuen Integrierten Sekundarschulen.

- Ziel ist die Erarbeitung differenzierender Angebote, die diese Schülerinnen und Schüler dort abholen, wo sie bisher zu scheitern drohten.

- Das bedeutet die Entwicklung basaler Lesekompetenz vor allem bei der oben genannten Risikogruppe, die an der Rekonstruktion übergreifender inhaltlicher Zusammenhänge in Texten bisher scheitert.

Das Projekt ist mit 34 Abordnungsstunden ausgestattet und wird 2012 ­ flankiert ab April 2011 durch Fortbildungsmodule und -angebote für Lehrkräfte des 7. Jahrgangs der Integrierten Sekundarschulen ­ in allen Berliner Bezirken je eine Integrierte Sekundarschule oder Gemeinschaftsschule zu „Leseschulen" zertifizieren. Das Projekt soll 2012 wissenschaftlich evaluiert und sein Ertrag allen Berliner Schulen zur Verfügung gestellt werden.

In diesem Kontext werden noch im Frühjahr 2011 in Kooperation mit den Berliner öffentlichen Bibliotheken verbindliche Standards und Anregungen für die Nutzung von Bibliotheken und für die Partnerschaft Schule - Bibliothek erarbeitet.

4. Grundbildung in der Berliner Erwachsenenbildung Forschungsstand

Im Rahmen der Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen (2003-2012) hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für den Zeitraum von 2008-2012 den Förderschwerpunkt „Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich Alphabetisierung/Grundbildung für Erwachsene" eingerichtet. Ziel des Förderschwerpunktes ist die Verbesserung des Forschungsstandes zum Thema.

Durch die Zusammenarbeit in gemeinsamen Forschungsprojekten des Förderschwerpunktes sollen Akteure aus Wissenschaft und Praxis der Grundbildungs- und Alphabetisierungsarbeit mit Erwachsenen bundesweit vernetzt werden. Ergebnisse der Forschungsvorhaben, Projekte und Studien sollen in einer Bilanztagung am 29.03.2011 vorgestellt werden.

Von hohem Interesse für eine methodische und praktische Qualifizierung der Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus im Land Berlin werden die Berichte zu folgenden Forschungsvorhaben sein:

- Verbesserung des Forschungsstandes zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener

- Erhöhung von Effizienz und Qualität von Unterstützungs- und Beratungsmaßnahmen

- Entwicklung von Konzepten zur Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit im Kontext von Wirtschaft und Arbeit

- Professionalisierung der Lehrenden in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener

- Anzahl der funktionalen Analphabeten/-innen.

Funktionale Analphabeten und Analphabetinnen in Deutschland und Berlin

Zur Anzahl der von funktionalem Analphabetismus betroffenen Menschen in der Bundesrepublik liegen seit dem 28.2.2011 durch die Ergebnisse eines sogenannten Level-One Surveys (leo) der Universität Hamburg zum Ausmaß von Analphabetismus in Deutschland neue Daten vor: „Die Studie der Universität Hamburg kam zu dem Ergebnis, dass etwa 2,3 Millionen (erwachsene) Menschen in Deutschland zwar einzelne Wörter lesend verstehen oder schreiben können, nicht jedoch ganze Sätze. Insgesamt sind damit mehr als 4 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland von Analphabetismus betroffen. Deutlich höher als bislang vermutet ist die Zahl der funktionalen Analphabeten: Etwa 7,5 Millionen beziehungsweise 14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende, auch kürzere Texte wie zum Beispiel eine schriftliche Arbeitsanweisung verstehen. (...) Bisher gingen Schätzungen von etwa vier Millionen (erwachsenen) Menschen aus, die von funktionalem Analphabetismus betroffen sind.

Fehlerhaftes Schreiben auch bei gebräuchlichen Worten betrifft laut der Studie rund 21 Millionen Menschen in Deutschland beziehungsweise knapp 40 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung." (BMBF, http://www.bmbf.de/de/426.php)

Für Berlin bedeutet dies: Bei rund 3,4 Millionen Einwohnern hat die Stadt rein rechnerisch ca. 311.000 erwachsene funktionale Analphabeten.

Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse der Berliner Volkshochschulen

Es sind keine wesentlichen Veränderungen / Entwicklungen beim Kursangebot im Vergleich zum Berichtsjahr 2004 anzuführen. Angebote „Lesen und Schreiben für deutschsprachige Erwachsene" gibt es derzeit in zehn von zwölf Bezirken mit Grundkursen auf bis zu vier Niveaustufen, Grundkurse im Rechnen nur in einzelnen Bezirken. Darüber hinaus finden sich Ergänzungsangebote wie z. B. Rechtschreibung, Grammatik, Schreibwerkstatt, Lesen und Schreiben am PC, Ausdruck/Stil.

Im Jahr 2009 wurden 127 Kurse mit 5.379 Unterrichtsstunden à 45 Min. und insgesamt 1.255 Teilnehmer/innen durchgeführt. Das Teilnehmeralter lag überwiegend zwischen 25 und 50 Jahren.

Die Berliner Volkshochschulen führen Regelberatungen durch Programmbereichsleitende und/oder Kursleitende zu Semesterbeginn durch, auf Wunsch auch während des Semesters.

Für das Teilnahmeziel Hauptschulabschluss besteht eine hohe Nachfrage in den Bezirken, die Vorbereitungskurse anbieten. An sieben Volkshochschulen kann im Rahmen des 2. Bildungsweges ein Haupt-, erweiterter Haupt- oder mittlerer Schulabschluss nachgeholt werden. Für Behinderte gibt es spezifische Angebote in Lesen und Schreiben an einzelnen Volkshochschulen sowie eine intensive Beratung und Kursbegleitung, oft in Zusammenarbeit mit Behindertenwerkstätten.

Die Kursleitenden werden im Rahmen des Fortbildungsangebotes für Mitarbeiter/innen der Berliner Erwachsenenbildung bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung fortgebildet. Hierbei handelt es sich um Einzelangebote und nicht um ein standardisiertes Qualifizierungssystem; in der Regel sind diese Angebote Kooperationen mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband e.V. Ein standardisiertes Angebotssystem wie im Bereich Allgemeine Erwachsenenbildung wäre von Vorteil.

Für gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Werbung gibt es die VHS-Programme, die Internetseite, z. T. spezielle Flyer und Einzelaktionen von Volkshochschulen (z. B. Alphabetisierungstage).

Die Finanzierung der Kurse erfolgt weiterhin über Landesmittel; Einnahmen werden bei diesen Kursen nicht erzielt. Entweder sind die Angebote kostenfrei oder es wird nur eine geringe Verwaltungspauschale (4 bis 10) gemäß der Entgelt-Anweisung für VHS erhoben Zusammenfassung zum Angebot der Berliner Volkshochschulen:

- 10 von 12 Volkshochschulen bieten ein zum Teil mehrstufiges Grund- und Elementarbildungsprogramm,

- Gebühren für Grundlagenangebote beschränken sich auf geringe Verwaltungspauschalen,

- Regelberatung erfüllt kompetenzgerechte Kurseinstufung und Kursbegleitung,

- differenzierte Angebote können die vorhandenen Defizite verringern,

- besondere Angebote für Behinderte werden durchgeführt,

- speziell Jugendliche und junge Erwachsene werden mit den herkömmlichen Angeboten kaum erreicht,

- keine Intensivkurse mit täglichem Angebot im Programm,

- Alphabetisierungskurse verursachen hohe Kosten ohne Refinanzierungsmöglichkeit durch Einnahmen aus Entgelten.

Weitere Maßnahmen zur Grundbildung in der Erwachsenenbildung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V. mit Auswirkung auf Berlin

Der Deutsche Volkshochschul-Verband e.V. hat im September 2010 die Online-Community „AlphaVZ" ins Web gestellt. Hier können sich Menschen, die erst als Erwachsene lesen und schreiben lernen, miteinander vernetzen. Das Internet ist damit auch für so genannte funktionale Analphabeten/-innen nutzbar. „AlphaVZ" verfügt über alle grundlegenden Funktionen eines sozialen Netzwerks, wie es von Facebook, studiVZ oder schülerVZ bekannt ist und will die Selbstorganisation der Lernenden fördern und unterstützt gleichzeitig das gemeinsame Lernen im Kurs. AlphaVZ ist integriert in das Lernportal des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V. www.ich-will-lernen.de. ist Deutschlands größtes offenes Lernportal mit Übungen im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung und ist unter anderem auch für junge Menschen konzipiert worden, die an Volkshochschulen ihren Hauptschulabschluss nachholen möchten. Die interaktiven Übungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch sowie in einem berufsbezogenen Bereich können individuell zusammengestellt werden.