Bereich der Spreeinsel zwischen Schloßplatz und Fischerinsel

Die Umsetzung der Ziele des Planwerks Innenstadt für den Bereich der Spreeinsel zwischen Schloßplatz und Fischerinsel ist auf der Grundlage des gegenwärtigen Planungsrechts nach § 34 BauGB nicht bzw. nur eingeschränkt möglich. Voraussetzung für die Umsetzung der Planungsinhalte ist daher die Aufstellung eines Bebauungsplans.

Darüber hinaus ist die Aufstellung eines Bebauungsplans gemäß § 166 Abs. 1 BauGB aufgrund der Lage des Plangebietes im Gebiet der mit Rechtsverordnung vom 17. Juni 1993 förmlich festgelegten Entwicklungsmaßnahme „Hauptstadt Berlin ­ Parlaments- und Regierungsviertel" (GVBl. S. 268), zuletzt geändert durch Verordnung vom 22. Juni 1999 (GVBl. S. 346), erforderlich.

Ein unmittelbarer Anlass für die Aufstellung des Bebauungsplans ergibt sich insbesondere aufgrund der fortgeschrittenen Planung für den Baublock westlich der Breiten Straße. Hier wurde zum einen durch den Rückbau der Breiten Straße und zum anderen durch die bevorstehende Nutzungsaufgabe großer Teile der bestehenden Bundeseinrichtungen eine neue Planungskonzeption erforderlich, die im Rahmen eines Entwurfsverfahrens erzielt werden sollte. Ergebnis dieses 2008 durchgeführten Gutachterverfahrens ist ein verwaltungsintern abgestimmtes und im Rahmen des Planwerks Innere Stadt vom Senat zustimmend zur Kenntnis genommenes städtebauliches Konzept, dessen Umsetzung durch den Bebauungsplan planungsrechtlich vorbereitet werden soll. Auch für den Bereich des ehemaligen Parkplatzes zwischen Scharrenstraße und Gertraudenstraße liegt eine in diesem Rahmen neu abgestimmte Konzeption vor, deren Umsetzung durch den vorliegenden Bebauungsplan planungsrechtlich vorbereitet werden soll. Hier wurden wichtige archäologische Funde gemacht, die bei der künftigen Entwicklung des Bereiches eine stärkere Berücksichtigung finden sollen.

Plangebiet I.3.1 Historische Entwicklung

Die Spreeinsel ist einer der Ursprungsorte der Stadt Berlin. So erfolgte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts am Übergang über den sumpfigen Unterlauf der Spree die Doppelgründung der beiden Warenumschlags- und Handelsplätze Berlin und Cölln. Die Erhebung zur Residenzstadt des Kurfürstentums Brandenburg und die Anlage des Schlossbezirks unmittelbar nördlich des Siedlungskerns von Cölln waren prägend für die weitere Entwicklung der Stadt. Im Stadtgrundriss bildete die den Fluss querende alte Handelsstraße, die spätere Gertraudenstraße, die Hauptbezugslinie für die bauliche Entwicklung dieses Bereiches. Den westlichen Abschluss bildeten das Gertraudentor und die Gertraudenbrücke über den westlichen Spreearm, im Osten führte der Mühlendamm hinüber nach Alt-Berlin.

Bereits im 13. Jahrhundert entstanden auf der nördlichen Seite der Gertraudenstraße der Cöllnische (Fisch-)Markt, das Cöllnische Rathaus und die erste Petrikirche. Markt, Rathaus und Kirche kennzeichneten den städtischen Mittelpunkt Cöllns, auf sie waren sowohl das durch die Breite Straße und die Brüderstraße geprägte Petriviertel nördlich der Gertraudenstraße als auch die Bebauung der südlich anschließenden Fischerinsel ausgerichtet.

Die Breite Straße entwickelte sich nach der Errichtung des Schlosses zur vornehmsten Straße der Residenzstadt. Der einzige erhaltene Spätrenaissancebau Berlins, das Ribbeckhaus, sowie der benachbarte Alte Marstall vermitteln einen Eindruck von dem früheren repräsentativen Charakter dieser Straße. In der Brüderstraße, der ehemaligen Verbindung zwischen Petriplatz und Schloßplatz, sind das so genannte Galgenhaus (Nr. 10) sowie das spätere Nikolaihaus (Nr. 13) Zeugen der Wohnkultur des hier seit dem 17. Jahrhundert ansässigen Hofbeamtentums. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Breite Straße zu einer Geschäftsstraße. Aus dem ursprünglich reinen Wohnquartier Petriviertel wurde ein Geschäftsviertel mit Begründung Bebauungsplan I-218 „Petriplatz / Breite Straße" teils großstädtischen Bau- und Nutzungsstrukturen, aber auch noch erheblichen Wohnanteilen. Die bauliche Entwicklung vollzog sich auch jetzt noch weitgehend innerhalb der schon im Mittelalter angelegten Block- und Parzellenstrukturen. Lediglich das Kaufhaus Hertzog (Scharrenstraße / Ecke Brüderstraße) entwickelte sich aus kleinen Anfängen zu einem großmaßstäblichen Warenhauskomplex, der bis 1930 den gesamten Block sowie Teile des kleineren Baublocks südlich der Scharrenstraße einnahm. Nach den umfangreichen Kriegszerstörungen wurde von dem gesamten Komplex lediglich der heute vorhandene Gebäudeteil in vereinfachter Form wiederaufgebaut.

An der Gertraudenstraße stand bis zum Ende des 14. Jahrhunderts eine Feldsteinkirche (St. Petri). Die nachfolgende Backsteinhallenkirche wurde 1730 durch einen Barockbau ersetzt, der 1809 abbrannte. Der zwischenzeitlich mit Linden bepflanzte Petriplatz wurde 1850 erneut mit einer Kirche bebaut, deren kriegszerstörte Ruine mit ihren schlank aufragenden neugotischen Türmen erst zwischen 1960 und 1964 abgetragen wurde.

Das bis zum 14. Jahrhundert entstandene, in den nachfolgenden Jahrhunderten stark verdichtete städtische Gefüge blieb bis zu den Zerstörungen des 2. Weltkriegs in den Grundzügen erhalten. Die Stadtplanung der Nachkriegszeit griff diese Grundstruktur jedoch nur ansatzweise wieder auf: Die Gertraudenstraße und die Breite Straße wurden in den 60er Jahren stark aufgeweitet, neben der erhaltenen (alten) Gertraudenbrücke von 1894 wurde ein sehr viel breiterer Brückenneubau errichtet. Auf der Westseite der Breiten Straße entstand im Anschluss an das Staatsratsgebäude ein Verwaltungsgebäude für das Bauministerium der DDR. Im Block zwischen Brüderstraße und Spreekanal wurden die erhaltenen bürgerlichen Wohnhäuser durch eine Blockrand-Wohnbebauung mit großzügigem Innenhof ergänzt.

Anfang der 70er-Jahre wurde die südwestlich an das Plangebiet angrenzende Fischerinsel vollständig beräumt und mit frei in einem Grünraum stehenden 18- bis 21-geschossigen Wohnhochhäusern und eingeschossigen Pavillonbauten bebaut.

I.3.2 Stadträumliche Bedeutung

Die stadträumliche Bedeutung des Plangebietes resultiert vor allem aus seiner gesamtstädtisch bedeutsamen Lage im Zentrum Berlins und der besonderen stadtgeschichtlichen Bedeutung im Kern der historischen Altstadt. Durch die mögliche Aktivierung untergenutzter Flächen für die neue innerstädtische Nutzung kommt dem Bereich darüber hinaus eine große Bedeutung als gesamtstädtisch relevantes Potenzial der Innenentwicklung zu.

Der Straßenzug Leipziger Straße - Spittelmarkt - Gertraudenstraße - Mühlendamm besitzt über die verkehrliche Funktion hinaus auch eine wichtige stadträumliche Funktion, als Bindeglied zwischen dem Bereich um dem Alexanderplatz, dem historischen Stadtzentrum, der Friedrichstadt und dem Zentrumsbereich um den Potsdamer Platz. Die heutige städtebauliche Gestalt mit verkehrsdominierten Straßenräumen und Parkplätzen wird dieser Bedeutung nicht gerecht. Der Straßenzug wirkt zugleich als Barriere zwischen dem eher städtisch geprägten Bereich rund um die Breite Straße und dem Wohnquartier der Fischerinsel.

Funktional wird das Plangebiet sowohl durch seine Wohnnutzung als auch durch gesamtstädtisch bedeutsame Gemeinbedarfseinrichtungen und hauptstadtbezogene Nutzungen geprägt.

In seiner Funktion als Keimzelle der Stadt und durch die erhaltenen authentischen archäologischen und baulichen Zeugen verschiedener Phasen der Stadtgeschichte kommt dem Bereich auch eine wichtige stadthistorische und touristische Bedeutung zu. Im Gegensatz zum nahen Nikolaiviertel kann es diese Rolle bisher aber kaum ausfüllen. Die historischen Zeitzeugen wie das Ribbeckhaus und der Marstall, die Stadthäuser an der Brüderstraße, die Fundamente der Cöllnischen Lateinschule und der Denkmalbereich an der Gertraudenbrücke liegen isoliert und ohne Bezug zueinander. Auch der historische Stadtzusammenhang auf der Spreeinsel, über das zukünftige Humboldtforum zur Museumsinsel, ist nicht mehr nachvollziehbar.

(a) Beiderseits von Gertraudenstraße und Mühlendamm

Der Straßenzug Gertraudenstraße - Mühlendamm trennt als achtspurige Verkehrsschneise die stadträumlich zusammengehörigen Bereiche Petriviertel und Fischerinsel. Eine Randbebauung ist hier nur punktuell vorhanden. An der Gertraudenbrücke besetzt das Ende des 19.

Jahrhunderts entstandene fünfgeschossige repräsentative Geschäftsgebäude Gertraudenstraße 10 - 12 die Zufahrt zur Spreeinsel und überragt die kleinmaßstäblichen Nachbarhäuser der nördlichen Blockhälfte. An der Mühlendammbrücke markiert der siebengeschossige Neubau des Hauses der Deutschen Wirtschaft die Zufahrt zur Spreeinsel. Zwischen diesen „Eckpfeilern" bestimmten bis vor kurzem noch Parkplätze das Bild der nordwestlichen Straßenseite. Der gesamte Bereich wird zurzeit noch durch Baustelleneinrichtungen für den Straßenumbau und die archäologischen Grabungsarbeiten dominiert. Aufgrund der aufgerissenen Strukturen und der breiten Verkehrsschneise, die erst in der Blockrandbebauung an der Scharrenstraße ihre Begrenzung findet, ist die städtebauliche Raumwirkung hier unbefriedigend.

Südöstlich der Gertraudenstraße ist dagegen mit der Errichtung eines sieben- bis achtgeschossigen Baublocks (anstelle des ehemaligen „Ahornblatts") eine neue Raumkante entstanden. Das Stadtbild wird ansonsten durch die Hochhausbebauung der Fischerinsel mit der zur Gertraudenstraße vorgelagerten Schwimmhalle und durch konturlose Abstandsflächen geprägt.

(b) Nördlich der Scharrenstraße zwischen Spree und Spreekanal

Die hinsichtlich der Fahrbahnbreite bereits umgebaute Breite Straße weist beidseitig eine geschlossene Randbebauung sowie Baumreihen auf; mit über 50 m wirkt der Straßenraum im Verhältnis zur Bebauung jedoch übermäßig breit.

Die nordöstliche Straßenseite wird vor allem durch eine in großen Teilen erhaltene bzw. in den 1950er und 60er Jahren wieder aufgebaute historische Bebauung geprägt. Vom Schloßplatz ausgehend reihen sich hier mit dem Neuen Marstall, dem Alten Marstall und dem Ribbeck Haus mehrere Gebäude von besonderer bau- und stadtgeschichtlicher Bedeutung aneinander. Auch das daran anschließende Gebäude der Zentral- und Landesbibliothek steht als charakteristischer Funktionsbau der 60er-Jahre unter Denkmalschutz, das südlich anschließende, um 1900 entstandene Gebäude ist ebenfalls Teil dieses Denkmalbereichs.

Den Abschluss zum Mühlendamm bildet der in den 90er Jahren entstandene Neubau der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. Die rückwärtige Bebauung des Blocks reicht auf fast der gesamten Länge bis an die Wasserfläche der Spree heran.

Der abwechslungsreichen und architektonisch interessanten Bebauung auf der nordöstlichen Straßenseite steht ein in den 1960er Jahren für das Bauministerium der DDR errichtetes sechsgeschossiges Bürogebäude gegenüber, das sich von der Scharrenstraße bis zum ehemaligen Staatsratsgebäude erstreckt und die Neumannsgasse oberhalb des 2. Vollgeschosses mit einem Verbindungsbauwerk überbrückt. Dieser Gebäudekomplex nimmt nahezu die gesamte Fläche des Baublocks zwischen Breite Straße und Brüderstraße ein. Lediglich an der Ecke Brüderstraße / Scharrenstraße ist noch ein Anfang des 20. Jahrhunderts entstandener, denkmalgeschützter Bauteil des ehemaligen Kaufhauses Hertzog erhalten.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geben das so genannte Galgenhaus in der Brüderstraße 10, das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus in der Brüderstraße 11/12 und das Nicolai-Haus in der Brüderstraße 13 Zeugnis von der früheren Bedeutung der Straße als Teil eines bürgerlichen Wohn- und Geschäftsviertels. Der Rest dieses bis an die Straße „Friedrichsgracht" entlang des Spreekanals reichenden Baublocks wird durch eine in den 60er Jahren entstandene sechsgeschossige Wohnbebauung mit etwa 530 überwiegend sehr kleinen