Eine Übersicht über die bestehenden Qualifizierungsund Weiterbildungsmöglichkeiten für die IT Branche

Die Bürgerschaft hat in ihren Sitzungen am 18. und 19. September 2002 (Drucksache 17/1378) den Senat ersucht, der Bürgerschaft bis zum 31. Dezember 2002 zu folgenden Punkten zu berichten: „1. Welche wissenschaftlichen Begleitungen es zu Firmenund Existenzgründungen in Hamburg gibt und welchen Sachstand die Bemühungen der Hochschule für Wirtschaft und Politik HWP zur Einrichtung eines eigenen Bereichs für Existenzgründungslehre und -forschung haben.

2. Eine Übersicht über die bestehenden Qualifizierungsund Weiterbildungsmöglichkeiten für die IT-Branche in Hamburg.

3. Welche organisatorischen Veränderungen aus Sicht des Senates notwendig sind, um weitere Branchennetzwerkaktivitäten bei newmedia@work sowie der HWF für die IT-Branche umzusetzen.

4. Ob aus Sicht des Senats spezifische Maßnahmen zur Verbesserung der Ansiedlung von IT-Firmen in Hamburg notwendig sind.

5. Wie sich derzeit die Nutzung von Gewerbeflächen und Büroräumen in der Speicherstadt für Firmen aus der ITund New-Media-Branche darstellt und welche Planungen es diesbezüglich für die HafenCity gibt." II. Stellungnahme des Senats

1. Vorbemerkung Informationstechnologien verändern die Wirtschaft in nachhaltiger Weise. Ihre breite Diffusion, die Tatsache, dass es sich dabei um eine „general purpose technology" und nicht um eine auf ganz bestimmte Einsatzfelder begrenzte Technologie handelt und die fast ununterbrochen aufeinander folgenden technischen Innovationen sowie Preissenkungen haben zu strukturellen Veränderungen in der gesamten Wirtschaft geführt. Die IT-Wirtschaft entwickelt und produziert dabei die „Tools", mittels derer die „Anwenderbranchen" ihre Produktions-, Vertriebs- und Marketingprozesse und nicht zuletzt Produkte und Dienstleistungen innovativ verändern und weiterentwickeln.

Bei der Bewertung des Stellenwerts der IT-Wirtschaft müssen dementsprechend sowohl die direkten Effekte ­ vor allem auf die Beschäftigung ­ in der IT-Wirtschaft selbst als auch die durch die Anwendung IT-gestützter Lösungen und Dienstleistungen induzierten indirekten Effekte in anderen Wirtschaftsbereichen berücksichtigt werden.

Der signifikante Anstieg der volkswirtschaftlichen Bedeutung der IT-Technologie in Deutschland wird u. a. dadurch deutlich, dass das Wirtschaftswachstum der 90er Jahre zu 20­25 % auf den zunehmenden Einsatz von IT-Technologien zurückzuführen ist.

Die Informationswirtschaft zählt in Deutschland mittlerweile zu den drei wichtigsten Wirtschaftsbereichen:

­ Der Anteil der Informationstechnik- und Telekommunikationsindustrie am deutschen BIP betrug im Jahr 2001

6,8 %. Nur die Branchen Straßenfahrzeugbau (10,0 %) und Elektrotechnik (7,3 %) hatten höhere Anteile am BIP.

­ Im Jahr 2000 waren in Deutschland schätzungsweise 2,5 Mio. Menschen in informationstechnologischen Berufen tätig (Diese Schätzung bezieht die Mitarbeiter in den IT-Abteilungen der Unternehmen aller Branchen und den spezifischen Handel mit ein). Die Unternehmen der Informationstechnik und der Telekommunikationsbranche (ITK) beschäftigten 2001 rund 820.000 Mitarbeiter. Im Vergleich zum Jahr 1995 wurden von den ITUnternehmen damit 205.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Stellungnahme des Senats zu dem Ersuchen der Bürgerschaft vom 18./19. September 2002 (Drucksache 17/1378)

­ IT-Standort Hamburg stärken ­

Aktuell muss allerdings konstatiert werden, dass sich nach Jahren des dynamischen Wachstums weltweit die Zuwächse der IT-Branche verlangsamen. Die IT-Branche ist derzeit insbesondere von der Zurückhaltung der Unternehmenskunden bei Investitionen betroffen. Als Folge kam es erstmals seit Anfang der 90er Jahre in 2002 zu einem signifikanten Verlust von Arbeitsplätzen in der IT-Industrie. Die Zahl der Beschäftigten sank laut Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) von 819.000 im Jahr 2001 auf 791.000 am Ende des Jahres 2002. Der deutsche Markt für Informationstechnik und Telekommunikation schrumpfte 2002 um 1,3 % auf 136 Mrd. Euro. Für 2003 wird ein leichtes Wachstum von 0,4 % prognostiziert, wobei sich die verschiedenen Branchensegmente unterschiedlich stark entwickeln werden.

Positive Signale kommen vor allem aus den Mobilfunkdiensten und dem für Hamburg besonders relevanten Segment der Internet- und Onlinedienste.

Diese Entwicklung zeigt, dass die IT-Branche einen gewissen Konsolidierungsgrad erreicht hat. Als Basistechnologie und aufgrund ihrer strukturellen Funktion wird sie ­ in Abhängigkeit von der Entwicklung der Gesamtkonjunktur

­ auch in Zukunft schneller als die Gesamtwirtschaft wachsen und entsprechende Beschäftigungseffekte auslösen. Die zweistelligen Wachstumsraten der 80er und 90er Jahre dürften aber der Vergangenheit angehören.

Entsprechend der nationalen Entwicklung kommt auch in Hamburg dem IT-Sektor als „strategischer Industrie" eine zunehmende Bedeutung zu. Veränderungen und neue Prozesse dieser Branche haben weitgehende Auswirkungen auf andere Sektoren der Hamburger Wirtschaft. Dies wurde in der Vergangenheit beispielsweise durch die Entwicklung mobiler Dienstleistungen oder auch durch die Diffusion zwischen IT- und Multimedia-Branche deutlich. Gerade der letztgenannte Prozess war für Hamburg als einer der führenden Medien- bzw. NewMedia-Standorte von besonderer Bedeutung.

So wurde in Hamburg das Wachstum im IT-Sektor insbesondere durch die Segmente „Softwareberatung und -entwicklung" und „Multimedia/Internet" generiert. Bedingt durch ihre Querschnittsfunktion ist bei veränderten gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch in Hamburg von einem überdurchschnittlichen Anstieg der Umsätze und Beschäftigtenzahlen auszugehen. Die gezielte Förderung der ITIndustrie ist deshalb für den Wirtschaftsstandort Hamburg lohnend.

Hamburg bietet der IT-Wirtschaft gute Ausgangsbedingungen für ihre weitere Entwicklung. Indikatoren hierfür sind u. a. die lokale Verflechtung der IT- und Medienwirtschaft, ihre Zukunftsfähigkeit, die in der starken Ausprägung des Geschäftsfelds Multimedia zum Ausdruck kommt, sowie die positive Bewertung der wesentlichen Standortfaktoren und des Entwicklungspotenzials des Standorts durch Hamburger Unternehmen. Das geht aus einer Umfrage zum Medien- und IT-Standort hervor, die die Handelskammer Hamburg und der Senat gemeinsam im 2. Halbjahr 2001 unter 4.800 im Handelsregister eingetragenen Firmen der Medien- und IT-Branche durchgeführt haben.

Andererseits bedarf es aber erheblicher Anstrengungen, um die vorhandenen Potenziale der IT-Wirtschaft für den Standort Hamburg zu aktivieren. Hamburg nimmt im Wettbewerb der IT-Standorte in Deutschland zwar einen der vorderen Plätze ein, muss aber noch aktiver werden, um dauerhaft mit anderen Spitzenstandorten wie München oder Berlin konkurrieren zu können, die in der Vergangenheit stärker vom Wachstum der IT-Branche profitierten und mehr Arbeitsplätze schaffen sowie Unternehmen ansiedeln konnten. Eine Analyse der Stärken und Schwächen des IT-Standorts Hamburg durch die Unternehmensberatung KPMG aus dem Jahr 2002 unterstreicht, dass

­ Hamburg einerseits gute Chancen hat, seine Position als IT-Standort zu verbessern und zu den Konkurrenzstandorten aufzuschließen;

­ es andererseits gerade im Kontext des Standortwettbewerbs erforderlich ist, nachhaltig einen entsprechenden wirtschaftspolitischen Schwerpunkt zu setzen und kurzfristig Maßnahmen einzuleiten.

2. Stellungnahme des Senats zu den einzelnen Punkten des Ersuchens

Zu 1.: An der Hochschule für Wirtschaft und Politik HWP wurde erstmals im Wintersemester 1999/2000 im Rahmen des zweiten Studienabschnitts das Lehrprojekt „Entrepreneurship: Existenzgründung heute und in Zukunft" angeboten. Wegen der großen Resonanz wurde gleich nach Beendigung des ersten Durchgangs im Sommersemester das zweite „Lehrprojekt „Entrepreneurship: Junge Unternehmen" gestartet. Aufgrund des ebenfalls erfolgreich durchgeführten zweiten Projekts wurde der Masterabschluss MBA/Entrepreneurship etabliert.

Zusätzlich sind unter „Allgemeine Studien", die für alle Masterprogramme an der HWP verbindlich sind, Kurse wie z. B. „Kommunikationstheorie und Kommunikationspolitik" und „Persönlichkeitsentwicklung" zu absolvieren.

Das Lehrangebot des Masterprogramms Entrepreneurship wird nach Aussagen von Experten als deutschlandweit einmalig bezeichnet, da die Studierenden gleichzeitig alle auftretenden Probleme aus betriebswirtschaftlicher und rechtlicher Sicht bearbeiten müssen und diese Probleme reale Probleme einer Existenzgründung bzw. der Führung eines jungen Unternehmens sind. Die Studierenden arbeiten entweder an eigenen Gründungen oder sind als Berater bei jungen Technologieunternehmen und Vorhaben aus dem kulturellen Bereich tätig. Im Rahmen der mündlichen Abschlussprüfung im Projekt erfolgt die Präsentation der erarbeiteten Businesspläne. Somit sind die Studierenden nicht nur selbständig tätig, sondern auch selbstverantwortlich. Dies erhöht die Berufschancen auch für den Fall, dass Absolventen zunächst nach dem Studium ein Angestelltenverhältnis eingehen.

Die positive Beurteilung der Zusammenarbeit von HWPStudierenden im Projekt „Entrepreneurship" mit Gründern aus dem Technologiebereich (Twinning) wird im Bericht über die „Evaluierung des hep Hamburger Existenzgründungsprogramm" durch das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsförderung ausdrücklich hervorgehoben.

Eine Weiterentwicklung des Masterprogramms Entrepreneurship für Nicht-Ökonomen und ein Executive MBA/Entrepreneurial Management befindet sich in der Planung. Es wird geprüft, ob weitere Angebote mit den vorhandenen Kapazitäten an der HWP realisierbar sind.

Der mit den beschriebenen Aktivitäten geschaffene Arbeitsbereich Entrepreneurship entwickelt sich auch durch die Forschung weiter: Derzeit werden zwei Dissertationen im Themenbereich Entrepreneurship betreut, drei Promovenden arbeiten an den Exposès ihrer Vorhaben.

Außerdem hat die HWP ein Forschungsfeld „Insolvenzprophylaxe" eingerichtet. Im Zentrum des Interesses stehen kleine und mittlere Unternehmen sowie die besonderen Probleme junger Unternehmen.

Zu 2.: Eine ausführliche, detaillierte und ständig aktualisierte Übersicht zu allen Bildungsangeboten der Hamburger staatlichen und privaten Bildungsträger (berufliche Erstausbildung, Studium, berufliche und wissenschaftliche Weiterbildung sowie sonstige Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten) im Bereich der IT-Branche liefert das vom „SDA ServiceDigitaleArbeit im Bildungswerk Medien" ins Internet gestellte Bildungsportal (www.itmedien-hamburg.de). Die Onlineplattform bildet mit ihren 1.300 Einträgen rund 95 % der in Hamburg bestehenden Qualifizierungsangebote ab.

Zu 3.: Im Bereich der Netzwerke und Branchentreffs wurde seitens der Wirtschaft vor allem kritisiert, dass mit den bestehenden Strukturen zu wenig auf die branchenspezifischen Bedürfnisse der IT-Unternehmen eingegangen wurde. Da sich IT-Unternehmen nur partiell mit dem Multimedia-Netzwerk „newmedia@work" identifizieren konnten und keinen Vorteil in einer Mitgliedschaft sahen, hat KPMG eine stärkere Fokussierung auf IT-relevante Themen empfohlen.

Innerhalb der HWF wurde mit der Einrichtung des Bereichs „MITT" (Medien, Informationstechnologie, Telekommunikation) auf die veränderten Bedarfe reagiert. Die Umsetzung der Empfehlung ist auch für die Netzwerkbildung konsequent angegangen worden. Hierbei wurde auf die bestehenden Strukturen der Initiative „Hamburg newmedia@work" zurückgegriffen. Organisatorische Veränderungen waren aus Sicht des Senats dabei nicht notwendig, da sich der PublicPrivatePartnership-Ansatz der Initiative bei der Entwicklung des Multimedia-Standorts Hamburg bewährt hatte und unter den rund 270 Mitgliedern des Private Partner „Förderkreis Multimedia" bereits ein relevanter Prozentsatz an IT- und Telekommunikationsunternehmen vertreten war. Somit waren ein gewisser Organisationsgrad und der Nukleus eines IT-Netzwerkes vorhanden. Dementsprechend konnten bestehende Potentiale genutzt und weiterentwickelt werden, um dem in der ITBranche vorhandenen Erwartungsdruck zügig entsprechen zu können. Mit der geänderten inhaltlichen Schwerpunksetzung wurde die Initiative in „Hamburg@work" umbenannt. Ihre Aktivitäten wurden in den zurückliegenden Monaten an die Bedürfnisse der Unternehmen der IT-Branche angepasst und erste Schritte zur Integration der Hamburger IT-Unternehmen in das Netzwerk eingeleitet.

Um die IT-Branche noch besser ansprechen zu können, wurde in einem ersten Schritt ein branchenspezifischer Verteiler mit bislang 3.000 Unternehmensadressen aufgebaut und die Kooperation der Initiative Hamburg@work mit Multiplikatoren (HiTEC e.V., TuTech, Handelskammer/E-Com Hamburg, Universität Hamburg/Fachbereich Informatik) intensiviert.

Mittlerweile werden der Hamburger IT-Branche folgende Möglichkeiten für Networking und die Pflege von Kontakten angeboten:

­ CXO-Events als Plattform für Entscheidungsträger von IT-Unternehmen und der IT-Anwenderbranchen. Um den spezifischen Bedarfen gerecht werden zu können, wurden vier Formate entwickelt: CXO Lounge, CXO dinnerTalks, CXO Stammtische und eBusiness Lounge.

Insgesamt haben 2002 in diesem Veranstaltungssegment 22 Veranstaltungen mit 1.300 Teilnehmern stattgefunden.

­ Eine breitere Zielgruppe ­ vom Programmierer bis zum Geschäftsführer ­ spricht das Treffen der Hamburger onlineKapitäne an. In 2002 besuchten 1.700 Vertreter der IT-Branche vier Veranstaltungen.

­ Derzeit geben fünf Arbeitskreise Einblicke in aktuelle Themen aus IT und Telekommunikation: Content Management, dot.com Development, Enterprise Resource Planning (ERP), Recht und Security. Ziele sind der Meinungsaustausch von Unternehmen mit ähnlichen Interessenlagen und die Kompetenzbildung auf Spezialfeldern der IT-Wirtschaft. In bisher 26 Sitzungen wurde dieses Angebot von durchschnittlich 24 Teilnehmern wahrgenommen. Um den Anforderungen und der Dynamik der IT-Wirtschaft Rechnung zu tragen, werden die Arbeitskreise kontinuierlich erweitert.

Weitere Arbeitskreise sind in Vorbereitung, u. a. ein Arbeitskreis „Mobile Kommunikation".

­ Im Februar 2003 diskutierten auf den von der Initiative „Hamburg@work" initiierten Hamburger IT-Strategietagen rund 450 IT-Entscheider über die Frage, wie sich der IT-Beitrag zur Wertschöpfung optimieren lässt.

Zur Vernetzung trägt auch das im allgemeinen Teil erwähnte Online-Angebot der Initiative „Hamburg@work" (www.hamburg-media.net) bei.

Zu 4.: Hierzu hat der Senat die Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF), die bereits über ein ServiceAngebot zur Akquisition von Unternehmen verfügt, beauftragt, ein Konzept für die gezielte Ansiedlung von IT-Unternehmen zu erarbeiten.