Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Hamburger Handwerks

Im Hamburger Handwerk sind rund 136.000 Erwerbstätige in ca. 12.800 Betrieben beschäftigt. Die Betriebe sind Pflichtmitglieder in der Handwerkskammer Hamburg und freiwillige Mitglieder in 51 Innungen oder 21 Fachverbänden. Das Handwerk in der von der Hafenwirtschaft und dem Dienstleistungsgewerbe geprägten Metropole Hamburg ist nach wie vor einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Diese Position ist langfristig jedoch gefährdet, wie der nachfolgende Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zeigt.

Wirtschaftliche Rahmensituation des Hamburger Handwerks Wirtschaft, Technik und Gesellschaft befinden sich in einem raschen Wandel. Dieser Prozess ist seit langem wirksam. Phänomene, die den aktuellen Wandel charakterisieren, sind die Entwicklung von der Industriegesellschaft über die Dienstleistungsgesellschaft hin zur „Informations- und Wissensgesellschaft", die Globalisierung der Wirtschaft, organisatorische Neuerungen oder die rasche Entwicklung in den IuK-Techniken. Zugleich sind seit etwa 15 Jahren nachhaltige strukturelle Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt festzustellen, gekennzeichnet durch Nachkriegs-Rekordstände der Arbeitslosenzahlen u. a. als Folge eines massiven Beschäftigungsabbaus namentlich in der industriellen Produktion. Die mit dem Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft prognostizierten erheblichen Beschäftigungspotenziale sollten, verbunden mit einer tendenziell günstigen Demografie, das Problem der Massenarbeitslosigkeit lösen, was bislang nicht gelungen ist.

Die genannten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betreffen auch das Handwerk; sie werden in ihren Wirkungen verschärft durch strukturelle Größennachteile, eine Überalterung handwerklicher Betriebe (Stichwort Generationswechsel) und Konjunkturprobleme (u. a. im Bau- und Ausbaugewerbe). Die erforderliche Neuausrichtung des Handwerks setzt mit Verzögerung ein, da vor allem die Sonderkonjunktur im wiedervereinigten Deutschland die schon in den achtziger Jahren sichtbaren Strukturprobleme im deutschen Handwerk überdeckt hat.

Seit Mitte der neunziger Jahre ist ein deutlicher Abwärtstrend festzustellen, der unmittelbar mit den genannten wirtschaftlichen Herausforderungen zusammenhängt. Bereits in den vergangenen Jahren waren im Hamburger Handwerk Anzahl der Betriebe, Umsatz und Zahl der Beschäftigten und Lehrlinge rückläufig. Dies gilt auch für die Zahl der erfolgreich abgeschlossenen Gesellen- und Meisterprüfungen. Es ist zu erwarten, dass es zu weiteren Betriebsschließungen und einem Abbau der Beschäftigtenzahl kommen wird.

Die ökonomische Entwicklung des Hamburger Handwerks hängt von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ab.

Für die Bundesrepublik erwarten die Wirtschaftsforschungsinstitute im laufenden Jahr 2003 ein Wachstum von weniger als 1,0 Prozent; für Hamburg ist mit einer vergleichbaren Entwicklung zu rechnen.

Dringlicher Antrag Errichtung eines Kompetenzzentrums des Hamburger Handwerks Finanzielle Beteiligung der Freien und Hansestadt Hamburg Haushaltsplan 2003

Nachbewilligung einer Verpflichtungsermächtigung in Höhe von 12.397.000 Euro bei dem Titel (neu) 3200.893.

Folgende Faktoren werden die wirtschaftliche Entwicklung in Hamburg mittelfristig beeinflussen:

­ Die Zunahme von Im- und Exporten von über 5 Prozent wird zu einem vermehrten Umschlag von Gütern im Hamburger Hafen mit Auswirkungen auf den gesamten Logistikbereich führen,

­ der Hamburger Außenhandel profitiert auf Grund seiner spezifischen Struktur stärker von einer Belebung des Welthandels als der Bundesdurchschnitt,

­ die zusätzliche Abgabenbelastung wirkt negativ auf konsumorientierte Branchen und den Einzelhandel,

­ Hamburg profitiert von der Zunahme der Nachfrage nach Unternehmensdienstleistungen und Softwareprodukten.

Von den genannten Wachstumsimpulsen dürfte das Handwerk aufgrund der geringen Außenhandelsquote allerdings kaum profitieren, während die zusätzliche Abgabenbelastung wahrscheinlich nicht nur auf den Konsum dämpfend wirkt, sondern auch die Nachfrage nach handwerklichen Dienstleistungen einschränkt. Zusätzliche Belastungen können aus der zunehmenden Europäisierung des Wettbewerbs und der EU-Osterweiterung entstehen. Beides wird mit großer Sicherheit zu einem verschärften Kostenwettbewerb führen, der auch das Hamburger Handwerk treffen wird.

Die genannten Faktoren lassen daher für das Hamburger Handwerk im Vergleich zur Hamburger Wirtschaft insgesamt eine eher ungünstige wirtschaftliche Entwicklung erwarten.

Rahmenbedingungen für eine Trendwende

Eine Trendumkehr ist nur zu erreichen, wenn das Handwerk den Strukturwandel noch mehr als bisher als permanente Herausforderung annimmt und den Prozess aktiv gestaltet. Dazu zählt die Schaffung eines positiven Klimas u. a. für handwerkliche Existenzgründungen, die für die permanente Erneuerung des Handwerks unabdingbar sind. Der Hamburger Senat hat hierzu bereits weitreichende Beiträge geleistet. Die notwendigen Umstrukturierungen kann das Hamburger Handwerk jedoch nur mit der nachhaltigen Unterstützung der Politik meistern. Vor allem mit dem Hamburger Gründungsnetzwerks H.E.I., der im Dezember 2002 unterzeichneten Mittelstandsvereinbarung mit der Handwerkskammer Hamburg und der Handelskammer Hamburg, der Novellierung des Mittelstandsförderungsgesetzes, der erfolgten Straffung der Mittelstandsprogramme, der Eigenkapitalerhöhung der Bürgschaftsgemeinschaft Hamburg GmbH (BG) und der Beteiligungsgesellschaft Hamburg mbH (BTG) sowie der Schaffung eines Mittelstandslotsen hat der Senat deutliche Zeichen zur Stärkung des Mittelstands gegeben.

Ebenfalls erforderlich ist die Erschließung neuer zukunftsträchtiger Märkte. Gute Perspektiven haben daher ­ wie der Präsident der Handwerkskammer Hamburg in seiner Ansprache im Rahmen der traditionellen Jahresschlussversammlung am 30. Dezember 2002 zu Recht hervorgehoben hat ­ Handwerksunternehmen mit flexiblen Produktions- und Leistungsverfahren, die schnell reagieren können; solche Betriebe können lukrative Planungs- und Konstruktionsaufgaben übernehmen und hohen Qualitätsstandard bieten, was die Wettbewerbsposition begünstigt. Wettbewerbsfähige Handwerksbetriebe müssen daher flexibel sein, um sich rasch auf ständige Veränderungen des Marktgeschehens anpassen zu können.

Dies setzt vor allem bei den Beschäftigten im Handwerk durchgreifende Anpassungsprozesse voraus, die ein geeignetes berufsbildendes Netzwerk erfordern, das dem Handwerk gegenwärtig in Hamburg nur in eingeschränkter Form zur Verfügung steht.

Berufsbildung als Motor der Zukunftsfähigkeit des Handwerks

Die Handwerkskammer Hamburg hat die Aufgaben der beruflichen Erstausbildung (Durchführung von Zwischen- und Gesellenprüfungen, Lehrgänge der so genannten überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung [ÜLUKurse]) im Wesentlichen auf die Innungen delegiert und seit den siebziger Jahren den Auf- und Ausbau der dortigen Bildungsstätten gefördert.

Die Handwerkskammer Hamburg ist selbst Anbieterin von Bildungsdienstleistungen in Querschnittsaufgaben (z. B. Schweißtechnik), für die Grundausbildung/Umschulung in der Informationstechnik und im Berufsbereich der Ver- und Entsorger, ÜLU, sofern die Innungen nicht selbst tätig werden, sowie im Rahmen von Sonderausbildungsgängen für lernstarke Schulabgänger. Daneben ist die Kammer zuständig für konzeptionelle (Weiter-) Entwicklungen von Lehrplänen und Prüfungsordnungen (z. B. Integration von Umweltaspekten in Rahmencurricula) sowie für die Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben der Berufsbildung.

Die Handwerkskammer Hamburg ist in der gewerblichtechnischen Berufsbildung ein kompetenter Anbieter.

Rund 40 Prozent der Teilnehmenden an Bildungsmaßnahmen der Kammer kommen aus der nicht handwerklich tätigen mittelständischen Wirtschaft. Regional betrachtet nimmt die Handwerkskammer eine wichtige Metropolfunktion wahr. Nach ihren Angaben stammen rund 40 Prozent der Teilnehmenden an Bildungsdienstleistungen aus benachbarten Bundesländern.

Die maßgeblichen Träger der kammerseitigen Bildungsdienstleistungen sind die Gewerbeförderungsakademie (GFA) mit dem Standort Goetheallee 9 (Altona) und das Zentrum für Energie-, Wasser- und Umwelttechnik (ZEWU) mit Sitz in der Buxtehuder Straße 76 (Harburg).

Die erforderliche Modernisierung der eigenen Kapazitäten wurde Anfang der neunziger Jahre zurückgestellt zu Gunsten des Aufbaus in den neuen Bundesländern. Der entstandene Entwicklungsstau in den Bildungseinrichtungen der Handwerkskammer ist nunmehr gravierend; die vorhandenen Strukturen sind weder zeitgemäß noch ausbaufähig.

Steigende Qualitätsanforderungen an integrierte Bildungsdienstleistungen mit möglichst unmittelbar verwertbarem Wissen und Können verlangen von einer modernen berufsbildenden Infrastruktur kundenorientierte, d. h. maßgeschneiderte Bildungsangebote, die von der noch vorherrschenden Programmorientierung der Bildungsträger nach dem veralteten Motto „Was nicht drin steht, wird nicht angeboten" nicht erfüllt werden können.

Neue und neu geordnete Ausbildungsberufe formulieren technische und curriculare Anforderungen, die ein Bildungsdienstleister nur vermitteln kann, wenn er sich ständig auf dem neuesten Stand der Entwicklung hält.

Eine solche berufsbildende Infrastruktur, die den kleinen und mittleren Unternehmen in überbetrieblicher Form spezifische Hilfen anbietet, um die neuen Herausforderungen zu meistern, fehlt dem Hamburger Handwerk gegenwärtig.

Da die aufgezeigte Problematik keineswegs allein für das Hamburger Handwerk zutrifft, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit und in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) diesen Veränderungsbedarf hin zu kompetenten Bildungsdienstleistern aufgegriffen und angesichts des weitreichenden Veränderungsbedarfs im Jahre 2001 ein Förderprogramm zur Weiterentwicklung von Überbetrieblichen Berufsbildungsstätten zu Kompetenzzentren aufgelegt.

2. Funktion und Auftrag eines Kompetenzzentrums

Die berufliche Erstausbildung vollzieht sich in Deutschland nach wie vor überwiegend im dualen System, das durch die arbeitsteilige Kooperation der beiden Lernorte Berufsschule und Ausbildungsbetrieb gekennzeichnet ist.

Die traditionelle Arbeitsteilung, nach der im Betrieb die „Praxis" und in der Schule die „Theorie" durchgeführt werden, trifft heute in dieser scharfen Abgrenzung nicht mehr zu. Vielmehr zeichnet sich die duale Ausbildung durch eine Differenzierung der Lernorte aus, an denen Theorie und Praxis eng verzahnt werden. Die industriellen Großbetriebe haben auf diese Erfordernisse reagiert und einen Teil der betrieblichen Ausbildung in produktionsunabhängige Lehrwerkstätten verlegt, um vor allem eine systematische Vermittlung von Ausbildungsinhalten zu gewährleisten. Diese Möglichkeit haben ausbildende Klein- und Mittelbetriebe (KMU) schon aus Kapazitätsgründen nicht. Daher ist in Deutschland namentlich in Trägerschaft von Handwerksorganisationen ein Netz von überbetrieblichen Bildungsstätten (ÜBS) entstanden, dessen Aufbau und Modernisierung mit hohem Aufwand öffentlich bezuschusst worden ist. Eine Kernaufgabe der ÜBS ist die Durchführung von überbetrieblichen Lehrgängen für Auszubildende namentlich aus KMU. In diesen Lehrgängen werden Ausbildungsinhalte und Zusatzqualifikationen vermittelt, die KMU aus unterschiedlichen Gründen (z. B. hoher Spezialisierungsgrad) selbst nicht anbieten können. Damit stellen die ÜBS ­ nicht zu Unrecht als „verlängerte Werkbank der Ausbildungsbetriebe" bezeichnet ­ die Erhöhung der fachlichen Ausbildungsqualität insgesamt sicher und gewährleisten die Ausbildungsfähigkeit der KMU, um eine ausreichende Zahl von Ausbildungsplätzen zur Verfügung zu haben. Damit übernehmen ÜBS eine unverzichtbare Doppelfunktion in der Berufsausbildung: Zum einen stellen sie die Verbindung dar zwischen den hohen Anforderungen der modernen anerkannten Ausbildungsberufe und den Ausbildungsmöglichkeiten der KMU, zum anderen steigern sie mit ihren unterstützenden Funktionen die Ausbildungsbereitschaft der mittelständischen Wirtschaft, einem maßgeblichen Träger der betrieblichen Ausbildung in Deutschland.

Auch in der beruflichen Fort- und Weiterbildung übernehmen die ÜBS zukunftsorientierte Aufgaben. Lehrgänge und andere Bildungsangebote zur Vorbereitung auf Fortbildungsprüfungen (einschließlich der Meisterprüfungen in Industrie und Handwerk) gehören zum Kernprogramm einer ÜBS. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur strukturellen Verbesserung der Berufsbildung und letztlich zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Damit sind diese Einrichtungen ein unverzichtbarer Partner für die mittelständische Wirtschaft.

In den letzten Jahren haben der schnelle technologische Wandel und tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt zu einer Verschiebung der Rahmenbedingungen geführt, in denen die ÜBS arbeiten, und somit auch die Anforderungen an sie erheblich verändert. Zudem sind strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Bildungs- und Beschäftigungssystem allmählich auseinander driften. Um diese Entwicklung zu stoppen, müssen ÜBS stärker betrieblich und wirtschaftsnäher ausgerichtet werden.

Um die Bildungsarbeit der ÜBS noch wirkungsvoller zu organisieren und zu gestalten, hat der Bund im Jahre 2001 das bereits erwähnte Programm zur Weiterentwicklung bestehender ÜBS zu Kompetenzzentren aufgelegt. Originäre Aufgabe des Kompetenzzentrums bleibt die intensive Durchführung von beruflicher Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die Kompetenzzentren sind jedoch keine reinen Bildungsanstalten, sondern haben eine multiple Funktion. In ihnen sollen auf der Grundlage einer weitergehenden Spezialisierung auf ausgewählten Gebieten („Leuchtturmfunktion") hohe und technische Standards erreicht werden. Daher kommt den Kompetenzzentren auch das Vorhalten von Dienstleistungen wie Information, Betriebsberatung und Technologietransfer als festem Bestandteil zu (Fördervoraussetzungen des Bundes). Sie übernehmen damit auch wichtige wirtschaftspolitische Funktionen. Selbstverständlich sind die Spezialgebiete („Leuchttürme") so mit Dienstleistungen des Kompetenzzentrums in der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung zu verbinden, dass eine wirtschaftliche Nutzung des Kompetenzzentrums unter Einsatz von Optimierungsinstrumenten wie Bildungsmanagement sichergestellt ist.

Dabei gilt es, die vorhandene Infrastruktur der regionalen Bildungslandschaft zu nutzen und entsprechend den neuen Anforderungen weiter zu entwickeln. Kompetenzzentren haben aufeinander abgestimmte, aber unterschiedliche Schwerpunkte zu bilden und sich zu diesem Zweck mit Kooperationspartnern zu vernetzen. Wichtige Netzwerkpartner sind neben den Betrieben vor allem die Berufsschulen (hier vor allem die handwerklich geprägten Gewerbeschulen) und Hochschulen (namentlich die TU Harburg) der Region.

Dies sind die wichtigsten Ziele, die auch die Handwerkskammer Hamburg mit ihrem Antrag auf Förderung eines Kompetenzzentrums verfolgt.

3. Errichtung eines Kompetenzzentrums des Hamburger Handwerks

Die Handwerkskammer Hamburg plant den Neubau eines integrierten Kompetenzzentrums. Dieses soll drei Kompetenzelemente (KomZet) in technologischen Querschnittsbereichen und eine überbetriebliche Berufsbildungsstätte enthalten: KomZet I: Schweiß-, Füge- und Kunststofftechnik. Dieses Vorhaben soll durch Integration der derzeitigen Bereiche Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt (SLV-Nord) und Kunststoffzentrum (KuZ-Nord) entwickelt werden.

KomZet II: Informationstechnologie (EDV, E-Learning, Informationstechnik) soll aus der Integration der Bundesfachschule für Informationstechnik.