Gemeinschaftliches Wohnen in Bremen

Seit ein paar Jahren gibt es einen neuen Bautrend in Deutschland. Immer mehr Menschen bevorzugen gemeinschaftliches Wohnen gegenüber dem Leben im Einfamilienhaus auf dem Lande. Der Grund ist, dass diese Menschen in einer gut angeschlossenen, innerstädtischen Lage leben möchten. Dafür organisieren sie sich in Gruppen und ziehen zurück vom Land in die Städte. Das Eigenheim im Grünen wird zur Lebensabschnittsimmobilie, bis die Kinder erwachsen sind und ausziehen.

Das Land Bremen hat auf dieses Phänomen reagiert und bietet seit Januar 2010

Grundstücke speziell für Projekte gemeinschaftlichen Wohnens an. Deutschlandweit gibt es in einigen Kommunen Beispiele für erfolgreiche Projekte dieser Art.

Wir fragen dazu den Senat:

1. Was sind die Vor- und Nachteile von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens?

2. Welche kurz- und langfristigen Vorteile verspricht sich die Stadtgemeinde Bremen von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens?

3. Welche erfolgreich realisierten Projekte gemeinschaftlichen Wohnens im Lande Bremen sind dem Senat bekannt?

4. Wie unterstützt und begleitet die Stadtgemeinde Bremen derzeit Projektgruppen für gemeinschaftliches Wohnen, und welche Möglichkeiten des sozialen Wohnungsbaus sieht der Senat in diesem Zusammenhang, etwa über stadteigene Immobilienunternehmen oder Miet- statt Eigentumsprojekten?

5. Wann soll die angekündigte Koordinierungsstelle beim Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa eingerichtet werden, und in welcher Art wird sie für Projekte gemeinschaftlichen Wohnens unterstützend tätig werden können?

6. Welche nicht öffentliche Unterstützung von Projektgruppen für gemeinschaftliches Wohnen im Lande Bremen sind dem Senat bekannt, zum Beispiel bei der Projektbegleitung, bei der Finanzierung oder der Verwertung/dem Verkauf von Altimmobilien?

7. Welche Rechtsformen eignen sich besonders für sogenannte Baugemeinschaften, und welche werden bevorzugt nachgefragt?

8. In welcher Form kann die in Gründung befindliche ressortübergreifende Immobilienkommission des Landes Bremen die Situation für Projekte gemeinschaftlichen Wohnens verändern?

9. Welche städtebaulichen und konzeptionellen Aspekte oder ortspolitischen Interessen können bei der Verkaufsentscheidung dazu führen, dass ein freiverkäufliches Grundstück nicht zum Höchstpreis an den Meistbietenden veräußert wird, sondern zum Beispiel an eine Projektgruppe für gemeinschaftliches Wohnen?

10. In welcher Weise fließen ökologische Bauweise, energetische Baustandards, eine hauseigene Energieversorgung aus regenerativen Energien, Barrierefreiheit oder andere Kriterien in die Beurteilung der Nutzungskonzepte von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens ein?

11. Wie vermeidet der Senat rechtliche Probleme bei der rücksichtsvollen Behandlung von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens im Vergabeverfahren von Grundstücken, etwa potenzielle Konflikte mit Mitbietern oder der VOB Teil A?

12. Wie sind die bisherigen Erfahrungen der Verwaltung mit Projektgruppen gemeinschaftlichen Wohnens?

13. Welche Resonanz hat der Senat bislang auf die von Immobilien Bremen angebotenen drei Grundstücke für Pilotprojekte gemeinschaftlichen Wohnens erhalten, und wie bewertet er die Ergebnisse des gesamten Verfahrens?

14. Wie beurteilt der Senat die Möglichkeit, bei zu verkaufenden städtischen Grundstücken ab einer gewissen Grundstücksgröße im Kaufvertrag einen Mindestanteil für Projekte gemeinschaftlichen Wohnens zu reservieren und dies im Rahmen der Bauleitplanung oder mittels städtebaulichen Verträgen abzusichern?

15. Welche weiteren Verbesserungen für den Erfolg von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens in Bremen könnten auf Seiten des Senats und bei Immobilien Bremen umgesetzt werden, etwa, Grundstücke im Festpreisverfahren an Baugemeinschaften zu vergeben, wie dies die Richtlinien zum Verkauf von Grundstücken des Landes und der Stadtgemeinde Bremen von 2008 in Punkt 4 erlauben und wie dies viele andere Kommunen bereits erfolgreich praktizieren?

1. Was sind die Vor- und Nachteile von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens?

Der demografische Wandel und damit einhergehende Veränderungen der Wohnwünsche haben erhebliche Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und die Wohnungspolitik. Die Gesellschaft wird älter und heterogener. Viele Menschen ohne familiäre Bindungen möchten einer Vereinsamung im Alter vorbeugen und immer mehr junge Menschen organisieren ihren Alltag auch ohne eine Familienunterstützung. Bundesweit zeigt sich ein hohes Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen. Diese Nachfrage ist ebenfalls in Bremen festzustellen. In den letzten Jahren hat sich insbesondere die Altersgruppe 50+ durch die Bildung von Projektgruppen und Organisationsformen als Nachfragegruppe auf dem Markt etabliert.

Gemeinschaftliche Wohnprojekte werden in der Regel als Hausgemeinschaften verstanden, in denen jedes Mitglied eine eigene Wohnung hat und möglicherweise auch Gemeinschaftsräume zur Verfügung stehen.

Durch die notwendige Auseinandersetzung mit neuen Fragestellungen sowie Kooperation und Interaktion mit den Mitbewohnern/-innen kann gemeinschaftliches Wohnen speziell für die älteren Interessenten ein präventiver gesundheitsförderlicher Faktor sein. Neben wirtschaftlichen Aspekten und der Möglichkeit gemeinsamer Hilfeleistungen im Bedarfsfall ist mit der Entscheidung für diese Wohnform häufig auch der Gedanke verbunden, einer Vereinsamung entgegenzuwirken. Wird das gemeinschaftliche Wohnen mit gegenseitigen Hilfen verbunden, kann es auch dazu beitragen, Angehörige zu entlasten.

Wenn sich gemeinschaftliche Wohnprojekte nach außen öffnen und mit den Nachbarschaften in Kontakt treten, ist es ein belebender Faktor im Quartier.

Interessenten für Projekte des gemeinschaftlichen Wohnens sollten über ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen als Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung und Realisierung des gemeinsamen Vorhabens verfügen. Grundsätzlich ist es vorteilhaft eine Entscheidung für diese Wohnform nicht erst in hohem Alter zu treffen. Inwieweit später eintretende Unterstützungs- und Pflegebedarfe durch gegenseitige Hilfe aufgefangen werden können, kann die Gemeinschaft durch interne Vereinbarungen festlegen; es kann aber auch ein Wechsel in ein Heim erforderlich werden.

Haus- und Grundstücksangebote am Grundstücksmarkt, aber auch aus den Portfolios der Sondervermögen können teilweise mit den innovativen neuen Nutzungskonzepten des gemeinschaftlichen Wohnens vereinbar sein. So werden neue Kunden- und Käuferkreise für städtische Immobilien angesprochen. Die Veräußerung von Objekten an gemeinschaftliche Wohnprojekte benötigt aber einen längeren Vermarktungszeitraum als an einen klassischen Investor.

2. Welche kurz- und langfristigen Vorteile verspricht sich die Stadtgemeinde Bremen von Projekten gemeinschaftlichen Wohnens?

Die kurzfristigen Vorteile können für die Stadtgemeinde Bremen in einer Belebung der öffentlichen Diskussion über Wohn- und Unterstützungsformen im Alter liegen. Dies kann zu einer Verstetigung der Planungen und zu neuen Angeboten der Wohnungswirtschaft führen. Eine stärkere Etablierung der Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen bietet der Wohnungswirtschaft den Anreiz, vielfältigere Wohnformen und Unterstützungsangebote für ältere Menschen zur Verfügung zu stellen.

In einem späteren Lebensabschnitt fragen verstärkt Menschen diese Wohnform nach, die sich für den weiteren Lebensweg rechtzeitig positionieren möchten und damit ein möglichst langes sowie eigenständiges Leben damit verbinden. Ein erhöhtes Angebot für diese Wohnform auf dem Bremer Wohnungsmarkt wird dazu beitragen, ältere Menschen in Bremen zu halten bzw. zu gewinnen.

Die langfristigen Vorteile für die Stadtgemeinde Bremen sind eine Stärkung der Alternativen zum Heim und eine Komplettierung der Angebotsvielfalt zwischen häuslicher ambulanter Unterstützung und stationärer Pflege.

Ebenso können Projekte des gemeinschaftliches Wohnen zu einer Belebung der Quartiere durch Kooperation mit anderen Initiativen, Trägern, Projekten etc. im Stadtteil bei (z. B. Haus im Viertel: Kooperation mit Montessori-Kindergarten) beitragen. Dadurch werden Nachbarschaften gestärkt und unter Einbeziehung der Integration und Vernetzung mit bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten zukunftsfähiger.

Ein breit gefächertes Wohnungsangebot, das den Ansprüchen der unterschiedlichen Wohn- und Lebensstilgruppen entspricht, stellt einen Baustein zur Stabilisierung der Einwohnerzahlen dar. Aus immobilienwirtschaftlicher Sicht trägt die Entwicklung von stabilen sozialen Strukturen in den Stadtteilen zur nachhaltigen Wertentwicklung städtischer Grundstücke bei.

3. Welche erfolgreich realisierten Projekte gemeinschaftlichen Wohnens im Lande Bremen sind dem Senat bekannt?

Bekannte Projekte sind: anders wohnen e. G. in der Neustadt: Dieses Projekt war 1993/1994 das erste genossenschaftliche Wohnprojekt in Selbstverwaltung, das als Neubau mit öffentlicher Förderung in der Grünenstraße auf einem städtischen Grundstück realisiert wurde. Dieses Projekt funktioniert bis heute sehr erfolgreich generationsübergreifend mit 40 Erwachsenen und Kindern.

Goethestraße 43 in Bremerhaven-Lehe: In der Zeit 2004/2005 wurde von der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft Bremerhaven (STÄWOG) in enger Beteiligung der zukünftigen Bewohner mit öffentlicher Förderung ein Altbau saniert und umgebaut zu elf Mietwohnungen und einer Gemeinschaftswohnung.

Das Projekt ist generationsübergreifend und besteht aus 15 Erwachsenen und zwei Kindern im Alter von 4 bis 76 Jahren.

Cigarrenmanufaktur in Bremen-Burgdamm: 2005 bis 2007 hat die bras e. V. in der Stader Landstraße einen Klinkerbau aus dem 19. Jahrhundert in eigener Regie mit zu qualifizierenden Langzeitarbeitslosen im Verbund mit Firmen des ersten Arbeitsmarktes saniert und umgebaut. Es leben dort 23 Bewohner generationsübergreifend und gemeinschaftlich im Alter von 6 bis 84 Jahren miteinander zur Miete, u. a. auch Studenten der JUB Grohn.

Haus am Fleet in Findorff: Es entstand in der im Zeitraum 2007/2008 als Projekt eines Investors, der in enger Kooperation mit dem damaligen netzwerk bauen und leben einen Neubau mit 14