Eine weitere Beratung zu dem Thema erfolgte in der Sitzung am 25 September

18. Wahlperiode 11. 10. 07

Zwischenbericht des Kulturausschusses zum Thema

Die Situation der Geschichtswerkstätten (Selbstbefassungsangelegenheit) Vorsitzender: Dr. Willfried Maier Schriftführerin: Brigitta Martens

I. Vorbemerkungen:

Der Kulturausschuss beschloss in seiner Sitzung am 1. Dezember 2005 die Selbstbefassung mit dem Thema „Die Situation der Geschichtswerkstätten" gemäß Paragraf 53 Absatz 2 der Geschäftsordnung der Hamburgischen Bürgerschaft (GO) sowie die Durchführung einer Anhörung gemäß Paragraf 58 Absatz 2 GO, die am 28. Februar 2006 stattfand.

Eine weitere Beratung zu dem Thema erfolgte in der Sitzung am 25. September 2007.

Der Ausschuss beschloss einstimmig, die Bürgerschaft in Form eines Zwischenberichts über den Stand seiner Beratungen zu unterrichten.

II. Beratungsinhalt Beratung am 1. Dezember 2005

Der Ausschussvorsitzende informierte den Kulturausschuss über die Bitte des Vereins Heimatmuseum und Geschichtswerkstatt Barmbek e.V., Vertreter der Geschichtswerkstätten zur derzeitigen Situation der Geschichtswerkstätten anzuhören.

Der Ausschuss beschloss daraufhin die Durchführung einer Anhörung von Auskunftspersonen gemäß Paragraf 58 Absatz 2 GO und legte als Termin den 28. Februar 2006 fest. Der Sitzungsort sei noch festzulegen.

Anhörung am 28. Februar 2006

Eine Grundlage der Beratung bildeten die Anlage 1, die Bezugsdrucksachen 13/6153 betr. Situation und Perspektive der Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive in Hamburg ­ Antrag der SPD und der FDP vom 13. Juni 1990 ­ und 13/6832 betr. Stellungnahme zu dem Ersuchen der Bürgerschaft vom 27. und 28. Juni 1990 ­ Situation und Perspektive der Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive in Hamburg (Drs. 18/6153) ­ Senatsmitteilung vom 2. Oktober 1990 ­ sowie das Protokoll des Kulturausschusses 13/36 vom 15. Februar 1991. Herr Joachim Szodrzynski (Galerie Morgenland e.V., Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg) führte eingangs aus, dass sich die finanzielle und personelle Situation der Geschichtswerkstätten seit der Anhörung im Jahr 1991 enorm verschlechtert habe, obwohl die Arbeit der Geschichtswerkstätten in der Stadt sehr angesehen sei und gut angenommen werde. Für die traditionelle Aufgabe einer Geschichtswerkstatt ­ Projektarbeit an einzelnen stadtteilbezogenen Themen ­ fehle das Geld. Die mangelnde Rückendeckung durch parlamentarische Gremien wirke sich demotivierend auf die überwiegend ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus.

Frau Brigitte Abramowski (Stadtteilarchiv Ottensen) verdeutlichte, dass die Kürzung des Etats der Geschichtswerkstätten um 25 Prozent eine 50-prozentige Kürzung der Personalkosten zur Folge gehabt habe. Das Stadtteilarchiv Ottensen habe 2003 ein Viertel des Etats selbst erwirtschaftet, aber die Kürzung des Etats um 30.000 Euro habe man nicht auffangen können, was verringerte Öffnungszeiten, Entlassungen, eine eingeschränkte Projektarbeit und die Aufgabe der Zusammenarbeit mit Schulen zur Folge gehabt habe. Glücklicherweise habe der Bezirk Altona das Stadtteilarchiv Ottensen seitdem finanziell unterstützt.

Frau Ulrike Hoppe (Stadtteilarchiv Bramfeld) trat dem Vorurteil entgegen, dass in den Geschichtswerkstätten jeder eine hoch dotierte Stelle habe, dass dort nur Kaffee getrunken werde, dass die Werkstätten dubiosen Gruppen ein Forum böten und ein Minderheitenprogramm betrieben werde. Viele der Stellen seien stundenmäßig reduziert und in der Wertigkeit abgesenkt worden. Bei den eingeladenen Gruppen handele es sich um seriöse Institutionen wie den Bramfelder Bürgerverein oder die Freiwillige Feuerwehr. Zielgruppen seien unter anderem Schulen und Kindergärten, denen auch kindgerechte Stadtrundgänge angeboten würden. Alteingesessene und neu hinzugezogene Bramfelder könnten sich im Stadtteilarchiv über die Geschichte ihres Stadtteils informieren. Zu den Aufgaben gehörten unter anderem das personelle und finanzielle Management des Stadtteilarchivs, die Erstellung von Programmen, das Einwerben von Projektmitteln beim Bezirk, die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen und die dazugehörige Öffentlichkeitsarbeit.

Der GAL-Abgeordnete war der Auffassung, dass das ursprüngliche Interesse der Geschichtswerkstätten nicht allgemein auf Stadtteilkultur gerichtet gewesen sei, sondern speziell auf die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Erst in den letzten Jahren habe sich die Tendenz zur Herausarbeitung der historischen Identität eines Stadtviertels verstärkt.

Frau Prof. Dr. Inge Marßolek (Universität Bremen) bestätigte, dass die Geschichtswerkstätten entstanden seien, um die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten, Materialien aus dieser Zeit zu sammeln und mündliche Überlieferungen als Quellen zu sichern. Die Aufgabe der Geschichtswerkstätten sei in der Vergangenheit jedoch gewachsen. Identitätsfindung und Orientierung für Jugendliche sei hierbei nur ein Beispiel.

Herr Victor Hert (Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung) verteilte das als Anlage 2 beigefügte Schreiben und betonte, dass im Sinne einer Stadtteilschule, einer verstärkten Selbstverwaltung und Identitätsfindung von Schulen, die Stadtteilarchive unter anderem als außerschulische Lernorte wichtige Kooperationspartner seien. Zudem werde Geschichte in den Geschichtswerkstätten greifbar aufbereitet.

Herr Prof. Dr. Michael Wildt (Universität Hannover) machte darauf aufmerksam, dass die Geschichtswerkstätten kontinuierlich sehr erfolgreiche Arbeit geleistet hätten. Die anschauliche Vermittlung von Geschichte in der Gesellschaft unterstütze ein offenes Miteinander und fördere die Bürgerbeteiligung.

Herr Dr. Rainer Hering (Staatsarchiv) hob hervor, dass von den Geschichtswerkstätten viele Dokumente ­ zum Beispiel 100.000 Fotos ­ gesammelt und viele Interviews geführt worden seien, die als Grundlage vieler Ausstellungen gedient hätten. Die Arbeit der Geschichtswerkstätten ergänze und bereichere die Arbeit des Staatsarchivs.

Die Senatsvertreter versicherten, dass nach wie vor versucht werde, die Geschichtswerkstätten zu unterstützen. Aufgrund der Überschuldung der Freien und Hansestadt Hamburg sei eine Aufstockung des Etats der Geschichtswerkstätten im Doppelhaushalt 2007/08 allerdings nicht zu erwarten. Die Zusammenarbeit der Geschichtswerkstätten mit den Schulen müsse optimiert und in Form von Kooperationen ausgebaut werden.

Der GAL-Abgeordnete stellte die Frage, ob es möglich sei, den Geschichtswerkstätten als außerschulische Lernorte Honorarmittel zukommen zu lassen.

Die Senatsvertreter hielten die Geschichtswerkstätten als außerschulische Lernorte für sehr wichtig und sprachen in diesem Zusammenhang den als Anlage 3 beigefügten Flyer an. Sie erklärten, dass sich im Zuge der Verselbstständigung von Schulen jede Schule Kooperationspartner suchen und diesen auch Honorarmittel zahlen könne. Darüber hinaus seien jedoch weitere finanzkräftige Partner für die Geschichtswerkstätten notwendig, die ebenfalls für entsprechende Leistungen zahlen würden.

Die CDU-Abgeordneten sahen die Kernaufgabe der Geschichtswerkstätten in der Erforschung, Dokumentation und Bewahrung der Geschichte der Stadtteile, was sehr wichtig sei. Hier sei der Eindruck entstanden, dass das Aufgabenfeld sehr viel größer sei, was zu präzisieren sei. Sie wollten wissen, inwieweit die Bezirke die Geschichtswerkstätten unterstützten.

Frau Ulrike Hoppe (Stadtteilarchiv Bramfeld) erklärte, dass der Aufgabenbereich der Geschichtswerkstätten ­ gerade in kulturell unterversorgten Stadtteilen wie Wilhelmsburg oder Bramfeld ­ über den geschichtlichen Aspekt hinausgehe und Kulturarbeit geleistet werde, was zu wenig honoriert werde.

Sie habe beim Bezirksamt Anträge auf Projektmittel gestellt, deren Bewilligung für das Überleben ihrer Einrichtung unabdingbar sei. Dadurch sei jedoch das Problem der Unterfinanzierung nicht gelöst. Im Jahr 2007 könne sie beispielsweise die Miete nicht bezahlen.

Frau Brigitte Abramowski (Stadtteilarchiv Ottensen) berichtete, dass der Stadtteil Ottensen kulturell gut ausgestattet sei und dass zum Beispiel Rundgänge des Stadtteilarchivs mit 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen touristischen Charakter hätten. Dennoch habe man Personal entlassen und die Projektarbeit reduzieren müssen. Das Bezirksamt Altona sei bestrebt, das Stadtteilarchiv Ottensen zu erhalten, aber ein dauerhafter und hundertprozentiger Ausgleich der ab dem Jahr 2003 von der Bürgerschaft vorgenommenen Kürzungen sei nicht zu erwarten.

Man unterscheide bei den Geschichtswerkstätten grob zwischen Werkstätten mit professioneller Grundlinie (Ottensen und auch Bramfeld) sowie Werkstätten auf rein ehrenamtlich arbeitender Basis (St. Georg oder Dulsberg), so die Senatsvertreter.

Sie hielten die Entscheidung, die Geschichtswerkstätten ab dem Jahr 2004 auf der Grundlage der Globalrichtlinie Stadtteilkultur in die Bezirke einzugliedern, für richtig.

Stadtteilspezifische Strukturen müssten individuell genutzt werden. Dennoch habe die Behörde nach wie vor ein großes Interesse an den Geschichtswerkstätten und unterstütze diese.

Die CDU-Abgeordneten erkundigten sich nach Synergieeffekten mit anderen Einrichtungen.

Frau Brigitte Abramowski (Stadtteilarchiv Ottensen) führte aus, dass von den Geschichtswerkstätten zum Beispiel technisches Equipment gemeinschaftlich genutzt oder die Lohnbuchhaltung gebündelt vergeben werde. Mehr Einsparmöglichkeiten sehe sie nicht.

Herr Joachim Szodrzynski (Galerie Morgenland e.V., Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg) gab zu Bedenken, dass es in Eimsbüttel kein Kulturzentrum gebe, mit dem man zusammenarbeiten könne. Um dem niedrig schwelligen Angebot gerecht zu werden, sollten die bisherigen Standorte beibehalten werden.

Der GAL-Abgeordnete war der Meinung, dass von den Geschichtswerkstätten die Einsparmöglichkeiten weitgehend ausgeschöpft worden seien.