Zukunft des Versicherungsstandortes Hamburg

Hamburg ist ein traditioneller und vielseitiger Standort für die Versicherungswirtschaft. Zusammen mit der bundesweit einzigartigen Versicherungsbörse und den versicherungsspezifischen Verbänden, Vereinen und Studienangeboten bietet die Stadt eine hohe Attraktivität und gute Rahmenbedingungen.

In jüngster Vergangenheit war der Standort aber vielfach auch in negativer Weise Gegenstand der Presseberichterstattung. Dabei reichte das Spektrum der Ereignisse von der bloßen Verlagerung unternehmensinterner Dienstleistungen an andere Standorte bis hin zur Abwanderung der Zentralen von Versicherungsunternehmen, die in Hamburg ihren Sitz hatten. Die Versicherungsbranche befindet sich derzeit in einem allgemeinen Konsolidierungsprozess, von dem alle Standorte betroffen sind. Im Gegensatz zu Köln hat Hamburg seit 1994 rund 5.000 Branchenbeschäftigte verloren. Weiterer Stellenabbau ist nicht auszuschließen. Möglicherweise werden diese Ereignisse gravierende Auswirkungen auf den gesamten Hamburger Versicherungsplatz haben, auf die der Senat in Anbetracht der Gesamtschau in angemessener Weise reagieren muss.

Dies vorausgeschickt fragen wir den Senat:

Der Senat beantwortet die Fragen auf der Grundlage von Auskünften der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), des Statistikamts Nord, der Bundesagentur für Arbeit und der Handelskammer Hamburg wie folgt:

I. Aufbau der Hamburger Versicherungsbranche

1. Welche historischen Wurzeln und Bedeutung hat die Versicherungswirtschaft in Hamburg?

Hamburg kann als drittgrößter Versicherungsstandort in Deutschland auf eine jahrhundertlange Tradition im Versicherungsgewerbe verweisen.

Bereits im Mittelalter entstanden Versicherungsgilden, vornehmlich gegen Brandschäden. Aus diesen entwickelten sich die „Hamburger Feuerkontrakte" und später die Hamburger Feuerkasse, welche die weltweit älteste Einrichtung ihrer Art ist. Das erste hamburgische Stadtrecht, das sogenannte „Ordelbok" von 1270, kannte die Fürsorgepflicht im Handwerk, woraus sich später die Krankenversicherung entwickelte. Das Hamburger Schneideramt gründete 1422 eine der ersten Sterbekassen. Im Jahre 1447 kam die Sterbekasse der Hamburger Schoppen-Brauer-Brüderschaft hinzu.

1806 wurde in Hamburg mit der „Lebens-Versicherungs-Societät" die erste deutsche Lebensversicherungs-Aktiengesellschaft gegründet. Tradition hat in der Hafenstadt Hamburg daneben das Seeversicherungsgeschäft und die Kreditversicherung, die Ende des 19. Jahrhunderts von in Hamburg ansässigen Unternehmen erstmals angeboten wurden. Im Übrigen siehe Antworten zu II. und III.

2. Was ist von dem Begriff der Versicherungswirtschaft umfasst und welche Arten von Versicherungsunternehmen beziehungsweise welche Sparten gibt es?

Der Begriff der Versicherungswirtschaft umfasst rechtliche sowie ökonomische Kriterien. Während eine rechtliche Beschreibung an die verschiedenen Rechte, Pflichten und Aufsichtsbehörden anknüpft, denen die Akteure in der Versicherungswirtschaft unterliegen, zielt eine ökonomische Beschreibung auf die Benennung der wirtschaftlichen Funktionen des Versicherungsgeschäfts ab.

Rechtlich wird in der Versicherungswirtschaft zwischen Versicherungsunternehmen, Trägern der Sozialversicherung, Versicherungsvermittlern und Versicherungsberatern unterschieden.

Versicherungsunternehmen haben den Betrieb von Versicherungsgeschäften zum Gegenstand, ohne zugleich Träger der Sozialversicherung zu sein. Ihre Tätigkeit wird im Versicherungsaufsichtsgesetz geregelt. Sie unterliegen der Aufsicht der BaFin.

Für die Träger der Sozialversicherung, wie zum Beispiel die gesetzlichen Krankenkassen, gelten die Regelungen der Sozialgesetzbücher. Sie unterstehen der direkten Aufsicht des Bundes oder der Länder.

Die Tätigkeiten der Versicherungsvermittler und Versicherungsberater werden seit der Umsetzung der EU-Versicherungsvermittlerrichtlinie im Mai dieses Jahres in der Gewerbeordnung geregelt. Sie stehen unter der Aufsicht der Industrie- und Handelskammern.

Der rechtliche Begriff des Versicherungsvermittlers umfasst Versicherungsmakler und Versicherungsvertreter. Beide Gruppen vermitteln den Abschluss von Versicherungsverträgen und werden dabei selbstständig, also nicht als Angestellte, tätig. Ein Makler vermittelt Versicherungsverträge für andere Personen, ohne von diesen ständig mit der Vermittlung betraut zu sein. Ein Versicherungsvertreter ist von einem oder mehreren Versicherungsunternehmen ständig damit betraut, für sie Geschäfte zu vermitteln oder in ihrem Namen abzuschließen.

Anders als die Versicherungsvermittler sind Versicherungsberater tätig, ohne von einem Versicherungsunternehmen einen wirtschaftlichen Vorteil zu erhalten oder in anderer Weise abhängig zu sein.

Ökonomisch erfüllen die Akteure in der Versicherungswirtschaft je nach ihrem Tätigkeitsgebiet Risikoübernahme-, Finanzanlage-, Vermittlungs- und Informationsfunktionen.

Nach der Art des übernommenen Risikos lassen sich folgende Geschäftstätigkeiten der Versicherungsunternehmen unterscheiden: Lebensversicherung (LV), Pensions- und Sterbekassen, Krankenversicherung (KV), Schadens- und Unfallversicherung, Rückversicherung.

Im Bereich der LV gewinnt neben den traditionellen Formen (Risiko-LV, kapitalbildende LV) zunehmend der Aspekt der Altersvorsorge an Bedeutung. So fallen unter diese Kategorie auch die Angebote an Finanzanlageprodukten, die beispielsweise unter der Bezeichnung „Riester-Rente" bekannt sind und weniger den Eintritt eines

Richtline 2002/92/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. Dezember 2002 über Versicherungsvermittlung (ABl. EG Nr. L 9 vom 15. Januar 2003, Seite 15). ungewissen Ereignisses versichern, als vielmehr spätere Zahlungen (so etwa im Rentenalter) sichern.

Schadens- und Unfallversicherungen sind insbesondere Unfall- und Feuerversicherung, Immobilienversicherung, Kraftfahrt-, See-, Luftfahrt- und Transportversicherung, Vermögensschadens- und Haftpflichtversicherung, Rechtsschutzversicherung, Hagelversicherung, Reisegepäckversicherung, Kreditversicherung, Hausratversicherung und Tierversicherung.

3. Wie setzt sich die Versicherungswirtschaft am Platz Hamburg heute zusammen?

4. Wie hoch ist innerhalb der Gruppe der Versicherungsunternehmen in Hamburg der

a. Anteil der Lebensversicherer?

b. Anteil der gesetzlichen Krankenversicherer?

c. Anteil der privaten Krankenversicherer?

d. Anteil der Schadens- und Unfallversicherer?

II. Struktur der Hamburger Versicherungswirtschaft

1. Wie viele Versicherungsunternehmen gibt es in Hamburg?

2. Wie viele Versicherungsmakler und -vermittler gibt es in Hamburg?

Am 1. November 2007 hatten 67 Versicherungsunternehmen ihren Geschäftssitz in Hamburg. 17 davon haben ihren Verwaltungssitz in Hamburg.

Darunter befinden sich auch die Deutsche Angestellten-Krankenkasse und die Techniker Krankenkasse, die nach der Barmer Ersatzkasse die größten gesetzlichen Krankenversicherer in Deutschland sind.

Insgesamt gibt es in Hamburg 4.397 Gewerbetreibende, die Versicherungen vermitteln, davon 1.123 Versicherungsmakler und 3.274 Versicherungsvertreter (Quelle: Handelskammer Hamburg, September/2007). Aktuell besitzen in Hamburg 23 Personen eine Erlaubnis, für den Bereich des Versicherungsrechts rechtsberatend tätig zu sein. 26 weitere Personen sind befugt, in Angelegenheiten der Renten- und Sozialversicherung zu beraten.

3. Wie viele der größeren, selbständigen deutschen Versicherungsunternehmen haben ihren Geschäftsitz in Hamburg?

Größere, selbstständige deutsche Versicherungsunternehmen sind im Sinne der Anfrage definiert als rechtlich selbstständige Versicherungsgesellschaften oder Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit mit Geschäftssitz in Deutschland und verdienten