Qualifiziert und doch chancenlos ­ Potentiale von Migrantinnen und Migranten besser erkennen, fördern und nutzen

Probleme und Defizite waren lange Zeit jene Attribute, die in der öffentlichen Diskussion in Bezug auf Einwanderung und Integration hauptsächlich gesehen wurden.

Langsam wandelt sich dieses Bild erfreulicherweise. Immer mehr staatliche und private Arbeitgeber erkennen und nutzen gezielt Potentiale von Menschen mit Migrationshintergrund wie Interkulturalität und Mehrsprachigkeit.

Doch häufig bringen Einwanderinnen und Einwanderer, die nach Deutschland kommen, außerdem schulische, universitäre oder sogenannte berufliche Qualifikationen mit, um deren Anerkennung sie hier kämpfen müssen. Für viele ergibt sich auf der Suche nach Zuständigkeiten und verbindlichen Informationen eine langwierige und aufwändige Odyssee durch Behörden und Kammern. Ob Schulabschlüsse, Hochschulabschlüsse oder die Anerkennung von Ausbildungen ­ die zuständigen Anerkennungsstellen variieren in all diesen Bereichen.

Insbesondere Migrantinnen und Migranten, die nicht aus EU-Staaten stammen oder unter das Bundesvertriebenengesetz für Aus- und Übersiedler fallen, machen häufig die Erfahrung, dass ihre Qualifikationen und Ausbildungen nicht oder nur in Teilen anerkannt werden.

Im Bereich der Schulabschlüsse wird im Regelfall individuell geprüft, wie lange die Schule im Herkunftsland regelmäßig besucht wurde und wie viele und welche Fächer belegt wurden. Im Normalfall ist dafür das Schulinformationszentrum in der Behörde für Bildung und Sport zuständig.

Bezüglich der Hochschulzugangsberechtigung ermöglichen Schulabschlüsse, die im Herkunftsland ein Hochschulstudium möglich machen, im Normalfall auch ein Studium in der Bundesrepublik. Häufig erfordern insbesondere Abschlüsse aus außereuropäischen Ländern allerdings den Besuch eines Vorbereitungskurses an einem deutschen Studienkolleg und schließen mit einer Feststellungsprüfung. Die auf diese Weise erworbene Hochschulzugangsberechtigung ist im Normalfall jedoch fachgebunden.

Ausländische Abschlüsse eines wissenschaftlichen Studiums hingegen werden im Normalfall als hinreichende Zugangsqualifikation für einen beliebigen Studiengang anerkannt.

In Bezug auf ihre berufsqualifizierende Anerkennung ergibt sich allerdings auch im Bereich der Hochschulabschlüsse eine Vielzahl verschiedener Regelungen. Insbesondere bei reglementierten Berufen im padägogischen, juristischen oder medizinischen Feld sind unterschiedliche Stellen für die Anerkennung zuständig. Ansonsten gilt allgemein, dass akademische Titel in ihrer Originalform getragen werden dürfen.

Je nach Beruf kann es allerdings sinnvoll sein, eine offizielle Einschätzung des jeweiligen Hochschulabschlusses zu erhalten.

Ganz andere Regelungen und Zuständigkeiten ergeben sich hingegen wieder im Bereich der Anerkennung von Ausbildungen. Ein Antrag auf Anerkennung muss jeweils bei der zuständigen Kammer gestellt werden, welche dann eine Vergleichbarkeitsprüfung durchführt, die einige Wochen bis Monate dauern kann. Dabei wird der deutsche Ausbildungsberuf mit dem ausländischen verglichen und eine Anerkennung, die zum Führen der deutschen Berufsbezeichnung berechtigt, lässt sich lediglich dann aussprechen, wenn hierfür die nötige Rechtsgrundlage besteht. Eine häufig sehr viel einfachere Variante ist es, außerhalb des jeweiligen Ausbildungsgangs an der entsprechenden Abschlussprüfung für den Beruf teilzunehmen und somit die formale Qualifikation für das zu erwerben, worin die Betroffenen häufig bereits jahrelang die nötige praktische Erfahrung gesammelt haben.

Die Vielzahl der beschriebenen Verfahren und Ausnahmeregelungen zeigt die verwirrende Situation auf, mit der sich nach Deutschland eingewanderte Fachkräfte auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus wird deutlich, in wie vielen Bereichen ergänzende Zusatzschulungen und -prüfungen notwendig sind, um den gelernten Beruf in Deutschland ausüben zu können oder die angestrebte Ausbildung zu absolvieren.

Hierbei werden sinnvollerweise insbesondere Deutschkenntnisse sowie spezifische deutsche Regularien gelehrt.

Ein Problem stellt beim Besuch entsprechender Schulungen für zahlreiche Migrantinnen und Migranten häufig allerdings die Finanzierung des Lebensunterhalts dar. Können sie es sich nicht leisten, für die Zeit einer Fort- oder Weiterbildung auf ein reguläres Einkommen zu verzichten, so nehmen die Betroffenen häufig Beschäftigungen an, die lediglich geringe Qualifikationen erfordern, um überhaupt ein Einkommen zu haben.

Die Bürgerschaft möge beschließen:

Der Senat wird aufgefordert,

- im Rahmen des „Welcome Centers" eine zentrale Anlaufstelle zu schaffen, an der qualifizierte Migrantinnen und Migranten in den Bereichen der Anerkennung von Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüssen sowie Hochschulzugangsberechtigungen von gut ausgebildetem Personal kompetent beraten und begleitet werden. Hierzu gehört eine umfassende Aufklärung über formelle Verfahren, Hilfestellungen bei auftretenden Problemen sowie die Weitervermittlung an die jeweiligen zuständigen Sachbearbeiter/-innen in Behörden, Kammern und anderem.

- zusätzlich zu der zentralen Anlaufstelle eine umfassende und übersichtlich gegliederte Broschüre zu erstellen, die alle formellen Verfahren im Bereich der Anerkennung von Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüssen sowie Hochschulzugangsberechtigungen bündelt sowie die jeweils zuständigen Sachbearbeiter/innen auflistet. Idealerweise ist die Broschüre in die stark nachgefragten Fremdsprachen zu übersetzen.

- ein Stipendienprogramm aufzulegen, das jene Einwanderinnen und Einwanderer finanziell unterstützt, die über einen bestimmten Zeitraum an Fortbildungen und Aufbaukursen teilnehmen, um ihre Qualifikationen in Deutschland anerkannt zu bekommen.

- eine Aufklärungskampagne unter Hamburger Unternehmerinnen und Unternehmern zu starten, in der über ausländische Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüsse informiert wird. Auf diese Weise wird es Arbeitgebern erleichtert, einzuschätzen, welche Qualifikationen Migrantinnen und Migranten, die sich mit ausländischen Abschlüssen bewerben, mitbringen. Zudem findet eine Sensibilisierung für das Problem der Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse statt.

Dies wäre sinnvollerweise in Kooperation mit den Kammern denkbar.