Der Kulturausschuss befasste sich in seiner Sitzung am 17 Januar 2008 abschließend mit der

18. Wahlperiode 21. 01. 08

Bericht des Kulturausschusses über die Drucksache 18/7511: Stellungnahme zu dem Ersuchen der Bürgerschaft vom 24. August 2006 „Schriftgut Hamburger Archive und Bibliotheken retten ­ Säurefraß stoppen!" ­ Drucksache 18/4851 ­ (Mitteilung des Senats) Vorsitzender: Dr. Willfried Maier Schriftführerin: Brigitta Martens

I. Vorbemerkungen:

Der Präsident der Bürgerschaft hat am 11. Dezember 2007 die Drs. 18/7511 dem Kulturausschuss federführend und dem Wissenschaftsausschuss mitberatend gemäß § 53 Absatz 1 der Geschäftsordnung der Hamburgischen Bürgerschaft im Vorwege überwiesen. Die Stellungnahme des Wissenschaftsausschusses ist als Anlage beigefügt.

Der Kulturausschuss befasste sich in seiner Sitzung am 17. Januar 2008 abschließend mit der Drucksache.

II. Beratungsinhalt Einleitend brachten die Senatsvertreter dem Parlament ihren Dank dafür zum Ausdruck, das Thema in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder auf die Agenda genommen zu haben.

Sie wiesen darauf hin, dass die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg im April 2007 eine ausführliche Darstellung der Gesamtschadenssituation vorgelegt habe. Im Staatsarchiv sei das Schadensbild jedoch ungleich schwerer zu erfassen. Dort werde von zwei Werkvertragsnehmerinnen bis Ende März 2008 daran gearbeitet, Stichprobenuntersuchungen vorzunehmen. Danach folge die Bewertung der Untersuchungen.

Dies seien jedoch lediglich die ersten Schritte einer Generationsaufgabe, die jetzt begonnen werden müsse.

Für das Archiv entstünden neue Schwierigkeiten durch das beschlossene Klimaschutzkonzept der Stadt. Dieses ziehe eine Steigerung des Einsatzes von RecyclingPapier auf 60 Prozent des Gesamtverbrauchs nach sich, was unter Archivierungsaspekten ausgesprochen problematisch sei. Komme Recycling-Papier in diesem Umfang zum Einsatz, müsse vorausschauend ein Betrag in Höhe von 1 Million Euro jährlich bei den Haushaltsaufstellungen der folgenden Jahre für Entsäuerungsmaßnahmen eingeplant werden.

Frau Prof. Beger, Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, informierte darüber, dass alle Bibliotheken in Hamburg angeschrieben und über die Problematik aufgeklärt worden seien. In der Folge hätten sich 41 Bibliotheken daran beteiligt, gefährdete Bestände zu melden. Durch elektronische Kataloge werde mittels Einstellen des Vermerks „Entsäuert" dafür Sorge getragen, dass die Entsäuerung nur eines Exemplars eines Titels durch Steuergelder finanziert werde.

Herr Dr. Schäfer, Direktor des Staatsarchivs, ergänzte, dass eine Schadensanalyse des Vorhandenen durchgeführt werden müsse, was sich in einem Archiv zwangsläufig schwieriger gestalte als in einer Bibliothek. Für die zwei Jahre des Doppelhaushalts seien seitens der Bürgerschaft 160.000 Euro zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt worden, wofür man sehr dankbar sei. Die aktuell durchgeführte Stichprobenanalyse werde zuverlässige Erkenntnisse darüber liefern, wie es um die Bestände des Staatsarchivs bestellt sei. Die Untersuchung bestehe aus zwei Komponenten: Zum einen werde eine exemplarische Analyse ausgewählter Bestände durch zwei Teams von Restauratoren und Restauratorinnen vorgenommen, die ihre Arbeit im Oktober begonnen hätten und Ende März abschlössen. Zum anderen werde sich im zweiten Quartal eine weitere Stichprobenanalyse anschließen, mit der der gesamte Rest abgedeckt werde und die repräsentativ sei. Von dieser mithilfe eines neu entwickelten Infrarotgeräts durchgeführten Untersuchung würden aufschlussreichere Erkenntnisse als von der auf der konventionellen Methode basierenden erwartet. Diese beiden Verfahren würden bewusst gegenübergestellt, um bewerten zu können, wie zuverlässig die Ergebnisse seien. Da der Einsatz elektronischer Akten in absehbarer Zeit in der Verwaltung der Freien und Hansestadt Hamburg nicht zu erwarten sei und in nächster Zeit noch damit zu rechnen sei, dass Papierunterlagen verwahrt werden müssten, habe man sich für eine Papierbeschaffung nach der DIN ISO 9706 eingesetzt. Diese Norm stehe jedoch der DIN 6738 entgegen, die vonseiten der Papierhersteller favorisiert werde. Die Beschaffung orientiere sich leider an der letztgenannten Norm, die eine dauerhafte Bestandskraft des Papiers nicht gewährleiste. Werde dieses Papier eingesetzt, würden die jetzt konstatierten Probleme bei den aktuellen Beständen mit einer Zeitverzögerung erneut auftreten.

Die SPD-Abgeordneten schlugen vor, das Thema bei den nächsten Haushaltsberatungen erneut aufzugreifen und bis dahin nach weiteren Lösungen zu suchen. Die in der Drucksache formulierte Aussage des Senats, Papiere nach DIN 6738 seien mehrere hundert Jahre haltbar, müsse zu gegebener Zeit, eventuell anlässlich der nächsten Haushaltsberatungen, einer genauen Prüfung unterzogen werden. Sie zeigten sich erfreut über die in dem Bericht dargelegten Maßnahmen, aber auch betroffen darüber, dass das Staatsarchiv für seine Untersuchungen einen so langen Zeitraum benötige und in der Drucksache erwähnt werde, dass erst nach Abschluss der Analysen des Staatsarchivs ein Bestandssicherungsplan erstellt werden könne. Im Anschluss daran könne über eine entsprechende Finanzierung nachgedacht werden.

Das Problem seien nicht die unzulänglichen technischen Möglichkeiten, sondern das Nichtvorhandensein von entsprechenden Haushaltsmitteln in den jeweiligen Behörden. Jetzige Schätzungen gingen, wie in der Drucksache dargelegt, davon aus, dass allein, um die Dringlichkeitsstufe 1 umsetzen zu können, über 12 Millionen Euro notwendig seien. Bislang stünden lediglich 160.000 Euro für das Staatsarchiv zur Verfügung, was Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation schüre. Die SPD-Abgeordneten fragten, ob die aktuell durchgeführten Maßnahmen beschleunigt werden könnten und ob nicht parallel hierzu seitens des Senats begonnen werden könne, Möglichkeiten der Finanzierung zu schaffen. Es sei nicht hilfreich, hiermit bis zu den Haushaltsberatungen im Herbst zu warten; Gelder müssten bereits unterjährig zur Verfügung stehen.

Die Senatsvertreter pflichteten dem bei und betonten, dass sie diesem Thema nicht gleichgültig gegenüberstünden. Selbstverständlich werde parallel zur Bestandserhebung bereits damit begonnen, mit den vorhandenen Möglichkeiten Sicherungen vorzunehmen.

Zur Dauer der Erhebungen im Staatsarchiv führte Herr Dr. Schäfer aus, dass in einem Buch lediglich eine Papiersorte vorhanden sei, eine Akte hingegen 10 bis 20

Papiersorten aufweise. Bücher seien im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) komplett registriert, was bei Archivbeständen nicht der Fall sei. Um präzise Aussagen treffen zu können, müssten belastbare Analysen stattfinden, wie sie bislang noch in keinem Archiv durchgeführt worden seien. Hierfür sei eine gewisse Zeit erforderlich.

Die zur Verfügung gestellten 160.000 Euro seien sehr knapp bemessen; man habe genau rechnen müssen um zu sehen, wie eine möglichst genaue Erhebung mit diesen Mitteln zu realisieren sei. Parallel hierzu fänden jedoch auch Maßnahmen statt. So sei beispielsweise ein Bestand bereits entsäuert.

Frau Prof. Beger ergänzte, dass die Bereitstellung der SIP-Mittel durch die Bürgerschaft es ermöglicht habe, ein Projekt gemeinsam mit dem Staatsarchiv zu realisieren.

Hier sei sehr systematisch gearbeitet worden. Zudem sei der Staatsbibliothek seitens der Bürgerinnen und Bürger Hamburgs eine Spende zur Verfügung gestellt worden, wodurch insgesamt Gelder im Umfang von 350.000 Euro zur Verfügung gestanden hätten. Frau Prof. Beger wies darauf hin, dass die Bibliotheken nunmehr schon seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt seien und die Deutsche Forschungsgesellschaft bereits in den Neunzigerjahren zur Aufklärung über geeignete Entsäuerungsverfahren beigetragen habe, in deren Folge sich weltweit Firmen mit diesem Tätigkeitsschwerpunkt etabliert hätten. International bestehe die gleiche Problematik und in Barcelona, London, St. Petersburg und in der Schweiz seien in großem Maßstab Entsäuerungsmaßnahmen in Bibliotheken begonnen worden. Eine Firma sei augenblicklich in der Lage, Leistungen im Umfang von 1 Million Euro pro Jahr zu erbringen, wenn die Entsäuerung palettenweise stattfinde; die Einzelblattentsäuerung sei erheblich aufwendiger. Eine Bibliothek in der Größenordnung der Staatsbibliothek könne jährlich mit eigenem Personal eine Betreuung von ungefähr 360.000 Bänden leisten. Mit einem regelmäßigen jährlichen Budget in Höhe von 1 Million Euro würde es möglich sein, den Gesamtbestand der Hamburger Bibliotheken zu koordinieren.

Diese Zahl beziehe sich allerdings ausschließlich auf die Bibliotheken, nicht auf das Staatsarchiv.

Der GAL-Abgeordnete wies darauf hin, dass ein Großteil dessen, was in der Verwaltung in schriftlicher Form fixiert werde, nicht zwingend aufbewahrt werden müsse.

Daher sei zu hinterfragen, ob es sinnvoll sei, verbindlich für alle Schriftstücke den Ausdruck auf archivbeständigem Papier zu fordern.

Herr Dr. Schäfer erklärte, dass mit Blick auf die Haushaltsberatungen das Archiv seine Anmeldungen bei der Kulturbehörde vornehmen werde. Er betonte allerdings, dass das Entsäuerungsprojekt nicht das einzige sei, für das Mittel beantragt werden würden. Man sehe sich in der Pflicht, verlässliche Zahlen zu liefern, die fundierte Planungen erst ermöglichten. Mit den Ende Juni, Anfang Juli vorliegenden Ergebnissen seien diese sicherlich möglich. Zur Frage des differenzierten Papiereinsatzes in Akten führte er aus, dass dies nur schwer realisierbar sei. Es gehe nicht darum, Drucksachen und Ähnliches zu archivieren, denn Dokumente dieser Art würden inzwischen elektronisch übermittelt und in dieser Form vorgehalten. Der Inhalt einer Akte hingegen könne nicht gesteuert werden, da Schriftstücke beispielsweise aus Verwaltungen anderer Länder oder auch von Bürgerinnen und Bürgern Eingang fänden, die Papiere unterschiedlichster Qualität verwendeten. Daher sei der Ansatz gegenüber der Stadt, eine Beschaffung nach DIN ISO 9706 durchzusetzen, nicht ausschließlich zur Lösung des Problems geeignet.

Die SPD-Abgeordneten plädierten erneut dafür, nicht auf die Haushaltsberatungen zu warten, sondern unterjährig einen nennenswerten Betrag zur Verfügung zu stellen, der Signalwirkung habe. Das Thema sei seit den Beratungen der Kultusministerkonferenz im Jahr 1992 bekannt und es sei an der Zeit, deutliche Zeichen zu setzen.

Die Senatsvertreter unterstrichen, dass der Säurefraß nicht zuletzt dank der Beratungen in der Bürgerschaft in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt sei, wofür sie ausdrücklich ihren Dank aussprachen.

Die CDU-Abgeordneten griffen die Aussage der Senatsvertreter auf, dass es sich bei dem Projekt um eine Generationenaufgabe handele, die bewältigt werden müsse. Sie fragten, welche Position der Bund dieser Frage gegenüber einnehme, und wollten wissen, ob es Bundesländer gebe, die in ihrem eigenen Ansatz größere Summen zur Bewältigung des skizzierten Problems in die Haushalte eingestellt hätten.

Frau Prof. Beger unterstrich, dass alle Bundesländer vor der gleichen Problematik stünden. Einzelne Bundesländer hätten bereits Programme aufgelegt, es bestünden jedoch noch keine kontinuierlichen Projekte. Hervorzuheben sei allerdings Berlin ­ die Stadt habe einmalig mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Klassenlotterie 5 Millionen Euro für ein auf drei bis vier Jahre angelegtes Entsäuerungsprojekt für einen Bestand der Zentral- und Landesbibliothek zur Verfügung gestellt.