Altersdiskriminierung beenden

Die Versicherungswirtschaft versucht den rasch verlaufenden demographischen Wandel zu erfassen und legt ihren Prognosen die Annahme zugrunde, dass alle vier Jahre die Lebenserwartung Neugeborener um ein Jahr steigt. Demnach würde ein heute geborenes Mädchen im Durchschnitt das 104. Lebensjahr erreichen! Die Universitäten kennen Senioren-Studenten und Junior-Professoren. Die Familienphase beginnt häufig erst nach dem beruflichen Einstieg und damit immer später. Akademikerinnen und Akademiker erfüllen ihren Kinderwunsch häufig erst zwischen dem 35 und 45 Lebensjahr. Ein Zeitpunkt zu dem es durch informelle Altershöchstgrenzen praktisch unmöglich ist, ein Kleinkind zu adoptieren.

Viele 70-Jährige sind heute in besserer körperlicher und geistiger Verfassung als 50-Jährige vor einem halben Jahrhundert. Die Altersforschung belegt nicht nur die gestiegene Lebenserwartung, sondern auch den deutlich besseren Gesundheitszustand der Menschen - die im Übrigen heute auch über einen höheren Bildungsstand verfügen als vorhergehende Generationen. Das Alter und das Altern haben sich stark relativiert und individualisiert. Beides hängt von vielen physischen, psychischen und sozialen Variablen ab und verläuft individuell sehr unterschiedlich. Aus diesen Gründen müssen formelle Altersgrenzen hinterfragt werden.

Formelle Altersgrenzen sollen den Einzelnen beispielsweise davor schützen, noch arbeiten zu müssen, wenn seine Kräfte es nicht mehr zulassen. Gleichzeitig soll die Gesellschaft davor geschützt werden, dass Menschen eine Funktion innehaben, die sie aufgrund nachlassender Kräfte nicht mehr ausfüllen können. Beide Anliegen waren berechtigt und müssen auch zukünftig berücksichtigt werden. Es muss überprüft werden, ob die verschiedenen starren Altersgrenzen so gelockert werden können, dass es möglichst jedem Einzelnen frei steht, bis zu welchem Alter er sich ehrenamtlich engagieren möchte.

Altersgrenzen gelten für viele Bereiche: Ehrenamtliche Schöffen dürfen laut Gesetz zum Beispiel nicht älter als 69 Jahre alt sein, Gutachter dürfen häufig nicht älter als 67 Jahre sein, selbst für ehrenamtliche Telefonberater gelten Altersgrenzen. Viele Banken verweigern ab einem bestimmten Lebensalter Kredite, obwohl entsprechende Sicherheiten vorhanden sind. Und es gibt Handelsketten und Kaufhäuser, die älteren Menschen auch bei kleinen Summen Teilzahlungsgeschäfte verweigern, weil in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen Altersbegrenzungen festgelegt sind. Deshalb fühlen sich viele Menschen durch die geltenden Altersgrenzen nicht vor altersbedingter körperlicher oder geistiger Überforderung geschützt, sondern altersdiskriminiert.

Die Bürgerschaft möge beschließen:

Der Senat wird aufgefordert, eine Bundesratsinitiative zu starten mit dem Ziel, diejenigen Bundesgesetze, die Altersgrenzen für ehrenamtliches Engagement vorsehen, dahingehend zu überprüfen, wie es möglich ist, die bestehenden Altersgrenzen so zu lockern, dass Bürgerinnen und Bürger möglichst selbst entscheiden können, ob und unter welchen Bedingungen sie sich länger ehrenamtlich engagieren wollen.