Untersuchung zur Auswertung der Schulprogramme

Ziel der Schulprogramme ist es, im Kontext der Autonomieentwicklung für Hamburger Schulen die Schwerpunkte und Organisationsformen der pädagogischen Arbeit der einzelnen Schule festzulegen und in einem übersichtlichen Programm darzustellen. Sinnvoll ist eine Schulprogrammentwicklung allerdings nur, wenn sie zu einer Verstetigung der Schulentwicklung führt und die Qualität von Unterricht und Schulleben verbessern hilft. Die einzelne Schule kann dann anhand des Programms ihre laufende Arbeit überprüfen und diese gezielt weiterentwickeln. In der Drucksache 16/5446 (6. Februar 2001) hat der Senat berichtet, dass die zuständige Behörde Prof. Dr. Holtappels beauftragt hat, eine Inhaltsanalyse aller vorgelegten Schulprogramme vorzunehmen.

Ich frage den Senat:

1. Liegt dem Senat inzwischen der Bericht der Untersuchung von Prof. Dr. Holtappels zur Analyse der Hamburger Schulprogramme vor? Wenn ja, warum wurde er bisher nicht veröffentlicht?

Der Bericht zur Untersuchung Inhaltliche Analyse der Hamburger Schulprogramme von Heinz Günter Holtappels und Sabine Müller (Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund) liegt vor. Die zuständige Behörde hat den Untersuchungsbericht inzwischen ausgewertet. Sie beabsichtigt, die zentralen Ergebnisse in Kürze in aufbereiteter Form gemeinsam mit den später vorgelegten Ergebnissen einer vertiefenden Analyse zu Konzepten für Grundschulen mit Integrativen Regelklassen und Integrierten Haupt- und Realschulen den Schulen bekannt zu machen.

2. Welche Kosten sind dem Senat durch die Untersuchung entstanden?

Die Kosten der Schulprogrammanalyse inklusive der Zusatzuntersuchung zu Konzepten für Grundschulen mit Integrativen Regelklassen und Integrierten Haupt- und Realschulen belaufen sich auf rund 54000 E.

3. Welche wichtigen Erkenntnisse ergeben sich für den Senat aus der Untersuchung für die Schulprogrammentwicklung und welche Konsequenzen möchte der Senat daraus ziehen?

Die Untersuchung diente der systematischen Generierung von Überblickswissen zur landesweiten Implementierung der Schulprogrammentwicklung anhand einer Inhaltsanalyse nahezu aller schriftlich abgefassten Schulprogramme, die die Hamburger Schulen zum 1. August 2000 gemäß schulgesetzlicher Verpflichtung bei der zuständigen Behörde vorzulegen hatten. Es ging darum, eine Bestandsaufnahme und Analyse der Schulprogramme zu erstellen, insbesondere hinsichtlich einer Typologie von Problemlagen, entwicklungsbezogenen Vorgehensweisen, inhaltlichen Gestaltungsschwerpunkten, Organisationslösungen und Entwicklungsbedarfen.

Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis, dass durch die systematische Entwicklung der Schulprogramme, die durch die Vorgabe der Durchführung einer Bestandsaufnahme gefördert wurde, die meisten Schulen eine datengestützte Bilanz gezogen haben, an der in vielen Fällen auch Schülerinnen und Schüler sowie Eltern beteiligt waren. Dies wäre nach Einschätzung des Forschungsteams ohne die Schulprogrammentwicklung nicht in diesem Umfang geschehen. Der Untersuchungsbericht registriert folgende zentrale Auffälligkeiten in den Schulprogramm-Texten, wobei gut ausgearbeitete Programmtexte deutlich überwiegen:

1. Schulen, in denen ein gewisses Sockelniveau in der Entwicklung und Erprobung konzeptioneller Ansätze vorliegt, zeigen im Durchschnitt fundiertere Konzeptionen und eine professionellere Herangehensweise im Schulentwicklungsprozess.

2. Die Schulprogramme unterscheiden sich ganz erheblich im Konkretisierungsgrad der Darstellungen, von allgemeinen und undifferenzierten Skizzen über Vorhaben und Ansätze bis hin zu konkreten und differenzierten Darstellungen von Ansätzen und Maßnahmen.

3. Schulen, die Vorarbeiten zum Schulprogramm aufweisen oder bereits Schriftwerke als Vorläufer eines Schulprogramms (z.B. Profildarstellungen, VHGS-Schulkonzept, Schulbroschüre) erarbeitet hatten, zeigen sich offenbar durchschnittlich besser in der Lage, eine konzeptionell ausgearbeitete und programmatische Textfassung zu erstellen. Dies gilt allerdings nicht für Schulen mit fragmentierten Projekten und ungeklärter Bestandsaufnahme der Schulkultur.

4. In der konzeptionellen Ausarbeitung und Qualität der Schulprogramme hinsichtlich bildungs- und erziehungstheoretischer Fundierungen der pädagogischen und organisatorischen Gestaltungsansätze und Entwicklungsvorhaben wird über alle Schulprogramme eine erhebliche Varianz sichtbar. Ein solch konzeptioneller Anspruch gehörte allerdings auch nicht zu den Vorgaben der zuständigen Behörde.

5. Auf der Systemebene und im Zuge der Vermittlung von Vorgaben an Schulen ist zu klären, welche Bedeutung mittel- bis langfristig ein Schulkonzept als Ziel oder als Grundlage für ein Schulprogramm haben könnte. Ein Schulkonzept ­ als Teil des Schulprogramms ­ hätte nach Auffassung der Forscher die Funktion, die einzelnen Lern- und Erziehungsansätze und Organisationsformen schulpädagogisch zu begründen und in einen Gestaltungszusammenhang zu integrieren, basierend auf theoretisch-konzeptionellen Reflexionen über Unterrichten und Erziehen. Schulen mit zielorientierten Gestaltungsansätzen und konzeptioneller Basis weisen deutlich fundiertere und schlüssigere Schulprogramme auf, halten jedoch oftmals ihr Schulkonzept auch ohne entwicklungsorientiertes Arbeitsprogramm bereits für ein Schulprogramm.

6. Schulprogramme mit einem Umfang von deutlich weniger als 20 Seiten erweisen sich selten als aussagekräftige Programmtexte. Schulprogramme mit einem hohen Seitenumfang von über 50 Seiten laufen Gefahr, weder vom Kollegium als Arbeitsplattform noch von Eltern als Informationstext wahrgenommen zu werden; seitenstarke Schulprogramme zeigten sich in der Auswertung nicht selten als unübersichtliche und ballastintensive Sammlungen verschiedener Ansätze.

7. Schulen, die über weite Strecken ihres Schulprogrammprozesses eine externe Beratung als Prozessmoderation oder -begleitung in Anspruch genommen haben, legten vielfach systematische Schulprogramme vor. Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass ein Teil der Schulen, die in ihren Schulprogrammen keine externe Unterstützung angegeben haben, ebenfalls systematische und fundierte Programme vorgelegt und sich dabei möglicherweise auf die vorhandenen Leitfäden gestützt hat, auch wenn dies nicht explizit aus den Programmen zu entnehmen war.

8. In inhaltlicher Hinsicht hat ein großer Teil der Schulen realistische und relevante Entwicklungsschwerpunkte bearbeitet. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Schulen nimmt sich jedoch äußerst bescheidene Vorhaben vor, mit denen sie teilweise auch in weniger zentrale pädagogische Bereiche ausweichen. Eine kleine Gruppe von Schulen legt dagegen überzogene Entwicklungsplanungen vor, die vom Umfang oder von der Komplexität der Vorhaben voraussichtlich die Möglichkeiten eines Lehrerkollegiums für den fraglichen Programmzeitraum übersteigen.

9. Gut 40 Prozent der Programme haben ein ausgearbeitetes Evaluationsdesign (mit konkreten Zielvorstellungen, Indikatoren, Methoden und Beteiligten). Viele Schulen haben sich an dem Leitfaden zur Evaluation orientiert. Dies zeigt sich vielfach in den Gliederungen. Betrachtet man die Programme, die überhaupt Vorstellungen zu Kriterien der Zielerreichung enthalten, so wächst der Anteil auf 370 Schulen (87,5 Prozent).

Die im Hamburgischen Schulgesetz festgelegten Vorgaben haben im überwiegenden Teil der Programme für systematische Gliederungen gesorgt, was auch die Arbeit bei der Analyse erleichtert hat. Die verpflichtenden Mindestanforderungen wurden von einem Großteil der Schulen erfüllt, insbesondere der Unterricht als Kernelement pädagogischer Schwerpunktsetzung wurde in allen Schulprogrammen berücksichtigt. Die inhaltliche Qualität der Entwicklungsschritte im Rahmen der Schulprogrammarbeit und der geplanten Entwicklungsschwerpunkte ist sehr unterschiedlich.

11. In verschiedenen Schulen sind Hinweise darauf zu finden, dass die mit großer Skepsis begonnene Schulprogrammarbeit zu einem innovativen Entwicklungsprozess geworden ist, wenngleich betont wird, dass der Aufwand erheblich und zum Teil belastend war und auch weiterhin beträchtliches Engagement erfordern wird.

Die zuständige Behörde hat veranlasst, dass im Rahmen des Genehmigungsverfahrens mit allen Schulen verbindliche Vereinbarungen über die Umsetzung und Evaluation der geplanten pädagogischen

Entwicklungsschwerpunkte getroffen wurden. Auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse und der zwischen Schule und Schulaufsicht und Schulberatung getroffenen Vereinbarungen kommt die zuständige Behörde zu folgender Einschätzung:

Mit dem Schulprogramm steht den Schulen ein Instrument zur Verfügung, das Schulentwicklung planvoll, systematisch und zielorientiert anlegt. Das Instrument ermöglicht es, die Erreichung der selbst gesteckten Ziele im Rahmen von schulinterner Evaluation zu überprüfen. An die Fortschreibung der Schulprogramme werden in Zukunft differenzierte Anforderungen gestellt. In pädagogischen Entwicklungsschwerpunkten, die im Schulprogramm ausgewiesen sind, sollen nachweisbar prioritäre Problemlagen der Schule bearbeitet werden. Unterrichtliche Entwicklungsschwerpunkte müssen insbesondere die Entwicklungserfordernisse berücksichtigen, die sich aus der schulinternen Umsetzung der Bildungspläne und Standards ergeben. Die Auswahl von Entwicklungsschwerpunkten wird datengestützt begründet. Der schulinternen Evaluation werden Verfahrensstandards zugrunde gelegt, deren Einhaltung von der zuständigen Behörde überprüft wird.

4. Ist nach Einschätzung der BBS der mit der Erstellung der Schulprogramme eingeleitete Prozess der Schulentwicklung abgeschlossen? Falls nein, wie wird der Prozess fortgesetzt, mit welchen Maßnahmen wird die zuständige Behörde den Prozess begleiten und unterstützen und welche Mittel sollen hierfür bereitgestellt werden?

Mit der Vorlage der ersten Schulprogramme ist der eingeleitete Prozess systematischer Schulentwicklung nicht abgeschlossen. Die zuständige Behörde wird im Rahmen der Steuerung der Schulen durch die Schulaufsicht und Schulberatung die Umsetzung der schulischen Entwicklungsschwerpunkte begleiten und anhand vorgelegter Evaluationsberichte die Maßnahmen der Schulen zur Evaluation der Zielerreichung auswerten. Den Schulen steht für die Fortsetzung der notwendigen Entwicklungsaktivitäten die Beratung und Begleitung des Instituts für Lehrerfortbildung zur Verfügung.

Die fachliche Unterstützung wird sich an den Erfordernissen orientieren, die mit den Bildungsplänen in Bezug auf Fächer, fächergreifenden Unterricht und Aufgabengebiete gesetzt sind.