Waldzustand

Die Aussage: Der Waldzustand ist insgesamt besser geworden, erstaunt mich.

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie hoch war die Protonendeposition in den Waldböden 1993 (kg oder Mol/ha)?

2. Um wieviel ist die Protonendeposition zu senken, um die natürlichen Pufferkapazitäten der Waldböden nicht zu überschreiten und damit eine weitere Versauerung zu vermeiden?

3. Wie ist die Situation des Waldbodens bezüglich der 4. Welche Folgen hat die Waldkalkung für die Belastung des Oberflächen- und Grundwassers sowie auf die Arten, die keine Bäume sind?

5. Wie hoch war die in den Thüringer Wäldern zur Bodenschutzkalkung ausgebrachte Kalkmenge 1991 und 1992, und wie hoch wird diese 1994 sein?

6. Wieviel Kalk müßte jährlich ausgebracht werden, um die jährlich über den natürlichen Pufferkapazitäten der Böden liegende Protonendeposition zu neutralisieren?

7. Wieviel Kalk müßte in Thüringen ausgebracht werden, um die immissionsbedingte in den Waldböden wettzumachen?

8. Wie werden die Umweltauswirkungen der Kalkgewinnung beurteilt?

9. Wie darf ich die Aussage des Thüringer Ministers für Landwirtschaft und Forsten (Pressemitteilung vom 27. Oktober 1993, Waldschadensbericht 1993), ... vor allem die Verminderung der Stickoxidemissionen aus dem Straßenverkehr... bleibt die wichtigste... Aufgabe zur Stabilisierung der Waldökosysteme, in Anbedacht der ausdrücklich begrüßten Straßenplanungen des Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr verstehen, die nach eigener Aussage zur Folge haben: Im Jahre 2000 wird in den neuen Bundesländern... mit einer Verdopplung der Co2- und NOx-Emissionen gegenüber 1988 gerechnet, ... (Drucksache 1/1583)?

Das Thüringer Ministerium für Landwirtschaft und Forsten hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 14. Dezember 1993 wie folgt beantwortet:

Zu 1.: Konkrete Aussagen zur Protonendeposition in den Waldböden sind grundsätzlich nur möglich, wenn flächendeckende Depositionsmessungen erfolgen.

In Thüringen wurde 1990 begonnen, ein Netz von Waldmeßstationen zu errichten mit dem Ziel, die Schadstoffeinträge - einschließlich der Protonendeposition - zu quantifizieren.

Die vorliegenden Ergebnisse zum südlichen Thüringer Wald-Vorland und Lagen im Rennsteiggebiet sind als vorläufig zu betrachten. Es lässt sich jedoch bereits ableiten, dass die Säureeinträge in den Hochlagen des Thüringer Waldes die natürliche Pufferkapazität der Waldböden übersteigen.

Zu 2.: Da mit dem Aufbau eines Meßnetzes von Waldmeßstationen erst begonnen wurde und demzufolge gesicherte Meßreihen nicht vorliegen, kann diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Im übrigen ist wegen der enormen Standortdifferenziertheit eine Antwort immer nur für den Einzelboden (Fallbeispiel) möglich.

Zu 3.: Die Situation der Waldböden kann nicht pauschal anhand der beurteilt werden, da die natürlichen Voraussetzungen wie Grundgestein, Bodenart, Humusform, Bestockung und Klima die Spezifik des jeweiligen Standortes prägen. Immissionsbedingte Säureeinträge wirken deshalb in jedem Falle standortsunterschiedlich und führen nicht zwangsläufig zu Letzte Untersuchungen im Thüringer Schiefergebirge zeigen beispielsweise, dass momentan in der Humusauflage und im Oberboden die in den letzten Jahrzehnten nachgewiesene stagniert, während in den unteren Bodenschichten der Versauerungsprozeß weiter voranschreitet.

Zu 4.: Die Nitrat-, Säure- und Schwermetallbelastung von Sicker- und Quellwasser in Waldgebieten und auf der Freifläche wird von vielen Faktoren (Standort, Schadstoffdeposition, Klima, Bestockung usw.) beeinflußt. In Thüringen werden Sicker- und Quellwasserdepositionsuntersuchungen erst seit 1990 durchgeführt. Es liegen noch keine gesicherten Ergebnisse vor.

Wie Untersuchungen aus den Alt-Bundesländern (SAUTER und MEIWES, 1990, BRECHTEL 1992) belegen, sind die mit einer Kalkung verbundenen Einflüsse auf Sicker- und Quellwasser standörtlich sehr differenziert. Auf Freiund Kulturflächen sowie auf durchlässigen Standorten mit stickstoffreichen Auflagehumusformen ist auch ohne Kalkung eine höhere Nitratfreisetzung zu erwarten. Standortauswahl und Dosierung richten sich in Thüringen deshalb in erster Linie nach dem Nitratrisiko, um bereits im Vorfeld Risiken auszuschließen.

Säure- und Schwermetallbelastungen des Quell- und Sickerwassers und die damit verbundene Gefahr einer Minderung der Trinkwasserqualität wurden im Thüringer Gebirge an einer Quelle nachgewiesen (LUCKE, 1992).

Auch deshalb sind Maßnahmen zur weiteren erheblichen Reduzierung der Luftschadstoffe dringend notwendig.

Bodenschutzkalkungen sind eine Möglichkeit zur teilweisen Kompensation der Säureeinträge. Werden sie sachgemäß vorgenommen, sind Oberflächen- und Grundwasser nicht gefährdet.

Bezüglich der Kraut- und Strauchflora wirken Kalkungen auf den entsprechenden Standorten langfristig positiv.

Sie verändern das chemische Milieu im Oberboden und damit auch die Bedingungen für die Entwicklung der entsprechenden Arten. Wissenschaftliche Untersuchungen in den Altbundesländern (BRECHTEL, 1992), aber auch in Thüringen, belegen, dass auf vor ca. 30 bis 40 Jahren gekalkten Flächen heute ein wesentlich größeres

Artenspektrum anzutreffen ist als auf nachweislich ungekalkten.

Zu 5.: Die ausgebrachte Kalkmenge (kohlensaurer Magnesiumkalk) belief sich 1991 auf 10.500 Tonnen und 1992 auf 18.500 Tonnen. 1994 wird sie voraussichtlich 55.000 Tonnen betragen.

Zu 6.: Da gegenwärtig noch keine exakten Aussagen zur Protonendeposition in Thüringen gemacht werden können, ist eine Beantwortung der Frage 6 nicht möglich.

In der Regel kann mit einer Kalkmenge von drei Tonnen pro Hektar kohlensaurem Magnesiumkalk die bereits eingetretene Versauerung nicht rückgängig gemacht werden. Sie kann nur zur Abpufferung der aktuellen Säuredeposition dienen. Um Schäden an den Waldökosystemen und Gewässern auszuschließen, wird die Ausbringungsmenge nicht erhöht. Somit stellt die Ausbringungsmenge einen Kompromiß zwischen den bodenchemischen Notwendigkeiten und ökologischen Begrenzungen dar. Die Kompensationskalkung hält nach den heutigen Erkenntnissen etwa sieben bis zehn Jahre an.

Zu 7.: Ich verweise auf die Beantwortung der Fragen 3 und 6.

Zu 8.: Der Mengenbedarf der Forstwirtschaft für die Bodenschutzkalkung des Waldbodens beträgt 1993 weniger als 1 Prozent der jährlichen Kalksteingewinnung des Landes Thüringen. Benutzt werden dolomitische Kalke. Eine Vergrößerung der Umweltauswirkungen bei der Kalksteingewinnung wird aufgrund des geringen Anteils und der Überwachung des Abbaus durch die Bergbehörden ausgeschlossen.

Zu 9.: Stickoxidemissionen aus dem Straßenverkehr spielen nach den heutigen Erkenntnissen eine wesentliche, aber nicht ausschließliche Rolle im Waldschadensgeschehen. Dennoch ist es ein besonderes Anliegen der Verkehrspolitik, einen Beitrag zur Verringerung des Ausstoßes von Luftschadstoffen zu leisten. Dies umfaßt sowohl technischkonstruktive Änderungen am Kfz (Massereduzierung, Verbrauchsreduzierung, Verbesserung der Abgasentgiftungseinrichtungen, Luftwiderstandsreduzierung u. ä.) als auch eine Optimierung der Verkehrsorganisation (Verstetigung des Verkehrsflusses, Stauvermeidung, Verkehrssystemmanagement, Verkehrs- und Citylogistik, Verkehrsvermeidung durch Landesentwicklungs-, Regional- und Wohnungsbaupolitik, Bündelung von Verkehrsströmen und ökologisch verantwortbare Verkehrslenkung). Einen besonderen Schwerpunkt der Verkehrspolitik muss die Steigerung der Attraktivität des öffentlichen Verkehrs mit dem Ziel der Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und die weitestmögliche Verlagerung von Straßengütertransporten auf die Schiene bilden. Hierzu ist die Vernetzung der Verkehrssysteme untereinander zu gewährleisten, z. B. durch die Errichtung von Güterverkehrszentren sowie von Service- und Logistikzentren für den Güterverkehr. Dies muss flächendeckend geschehen.

Eine ausreichende Verkehrsinfrastruktur für alle Landesteile ist Bedingung für den wirtschaftlichen Aufschwung im Land Thüringen. Nur so kann die zentrale Lage Thüringens im Herzen Europas als Standortvorteil wirken.

Allein aufgrund der topographischen Gegebenheiten kann dies die Bahn allein nicht leisten. Straßenbau ist daher unverzichtbar, auch als Voraussetzung für einen attraktiven ÖPNV und als Voraussetzung für die Entwicklung des Fremdenverkehrs und des Tourismus.

Landschaftsgerechter bzw. ortsgerechter Straßenbau mit dem Ziel der Minimierung des Flächenverbrauchs bei ökologisch und ökonomisch optimierter Trassenwahl bestimmen die heutige Straßenbedarfs- und Ausbauplanung, die den überaus hohen Anforderungen der Umweltverträglichkeitsprüfungen gerecht werden muß.