Wie viele Kinder/Jugendliche sind in Thüringen von der elterlichen Arbeitslosigkeit betroffen?

November 1993 hat folgenden Wortlaut:

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie viele Kinder/Jugendliche sind in Thüringen von der elterlichen Arbeitslosigkeit betroffen?

2. Liegen der Landesregierung Erkenntnisse vor, wie die Kinder/Jugendlichen die elterliche Arbeitslosigkeit erleben?

3. Trifft es zu, dass solche Kinder/Jugendliche später einem höheren Risikofaktor ausgesetzt sind, selbst einmal arbeitslos zu werden?

4. Liegen der Landesregierung Daten vor, wie sich familiäre Probleme infolge von Arbeitslosigkeit auf die schulischen Leistungen der Kinder/Jugendlichen auswirken?

5. Gibt es Untersuchungen, ob spezielle gesundheitliche Auffälligkeiten von Kindern/Jugendlichen arbeitsloser Eltern vorhanden sind?

6. Gibt es in Thüringen Kinder, die ohne Zuhause auf thüringischen Straßen und Plätzen nächtigen, und kommen sie aus Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind?

7. Gibt es in Thüringen neben den Aktivitäten zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit auch spezielle Projekte, die begleitende bzw. vorbeugende Angebote für die betroffenen Kinder/Jugendlichen machen?

8. Wie viele Kinder sind infolge von elterlicher Arbeitslosigkeit von Sozialhilfe abhängig?

Das Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 4. Februar 1994 wie folgt beantwortet:

Zu 1.: Die Zahl der von elterlicher Arbeitslosigkeit betroffenen Kinder wird in der Arbeitslosenstatistik nicht erfaßt und kann auch nicht indirekt erschlossen werden. Rund die Hälfte der Bezieher von Arbeitslosengeld und von Arbeitslosenhilfe erhalten höhere Leistungen, weil sie für Kinder zu sorgen haben. Arbeitslose Eltern, die ganz oder teilweise von der Sozialhilfe leben, sind im Sozialhilfebericht des Statistischen Landesamtes erfaßt (siehe Frage 8).

Zu 2.: Der Landesregierung liegen keine speziellen Thüringer Untersuchungen vor. Nach allgemeinen Erkenntnissen ist jedoch davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche durch die elterliche Arbeitslosigkeit belastet sind. Mit zunehmender Dauer bzw. Häufigkeit elterlicher Arbeitslosigkeit wächst der Problemdruck auch für die betroffenen Kinder. Kinder und Jugendliche führen bei der Beantwortung der Frage, wie sie selbst die elterliche Arbeitslosigkeit erleben, vorrangig die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten an. Sie werden von ihnen z. B. in häufigen Auseinandersetzungen in der Familie um Geldfragen, durch gemindertes Taschengeld sowie generell in einer mehr oder weniger starken Zurücksetzung im Konsumverhalten gegenüber anderen Kindern und Jugendlichen erlebt.

Zu 3.: Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit der Eltern und der Arbeitslosigkeit ihrer Kinder belegen, sind der Landesregierung nicht bekannt. Aufgrund allgemeiner Erfahrungen kann jedoch davon ausgegangen werden, daß eine strukturbedingte, vorübergehende Arbeitslosigkeit der Eltern nicht zu einem erhöhten Arbeitslosigkeitsrisiko für deren Kinder führt. Etwas anderes mag für diejenigen Eltern gelten, die nicht rezessionsbedingt bzw. wegen allgemeiner wirtschaftlicher Umgestaltung ihren Arbeitsplatz verloren haben, sondern infolge ihrer eigenen mangelnden gesellschaftlichen Integration. In diesen Fällen ist zu vermuten, dass die Kinder entsprechende Verhaltensmuster ihrer Eltern übernehmen und damit selbst einem erhöhten Risiko sozialer und beruflicher Desintegration ausgesetzt sind.

Zu 4.: Der Landesregierung liegen keine entsprechenden Daten vor, da die Erfassung der jeweiligen Tätigkeiten der Eltern für schulische Zwecke nicht erforderlich und daher datenschutzrechtlich unzulässig ist.

Zu 5.: Untersuchungen über spezielle gesundheitliche Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen arbeitsloser Eltern sind der Landesregierung nicht bekannt.

Zu 6.: Der Landesregierung sind keine Kinder bekannt, die ohne Zuhause auf Thüringer Straßen und Plätzen nächtigen. Wären solche Einzelfälle bekannt geworden, hätte die Landesregierung umgehend das örtlich zuständige Jugendamt informiert, damit dieses das betroffene Kind nach § 42 des Achten Buches Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfe) in Obhut nehmen kann.

Zu 7.: In Thüringen gibt es keine speziellen präventiven Jugendhilfeangebote für Kinder und Jugendliche arbeitsloser Eltern. Diese Kinder und Jugendlichen sollen nicht noch zusätzlich stigmatisiert werden. Kinder und Jugendliche, deren Eltern arbeitslos sind, haben vielmehr den gleichen Zugang zu Angeboten der Jugendhilfe, insbesondere im Bereich der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, wie alle anderen Kinder und Jugendlichen.

Für die von Arbeitslosigkeit bedrohten oder betroffenen Jugendlichen selbst ist zunächst auf der Grundlage des Landesprogramms Jugendberufshilfe Thüringen, gemäß § 19 Abs. 2 des Thüringer Kinder- und vom 12. Januar 1993 (GVBl. S. 45), ein landesweites Netz von Jugendberufshilfeberatungsstellen aufgebaut worden. Zu den Aufgaben der Beratungsstellen gehören zum einen die Entwicklung einer regionalen Verbundstruktur aller bereits bestehenden Einrichtungen der Jugendberufshilfe, die Abstimmung der Angebote der Jugendberufshilfe in Zusammenarbeit mit den Trägern sowie die Schließung vorhandener Lücken durch Schaffung neuer Angebote. Zum anderen sollen die Beratungsstellen u. a. hilfesuchende Jugendliche, aber auch Jugendverbände, Schulen usw., über die Angebote der Jugendberufshilfe informieren.

Neben dem Aufbau des oben genannten Beratungsstellennetzes fördert die Landesregierung insbesondere der Berufsvorbereitung dienende Einrichtungen der Jugendberufshilfe. Hierzu standen im Landeshaushalt 1993 drei Millionen Deutsche Mark zur Verfügung, 1994 können es bis zu elf Millionen Deutsche Mark sein.

Zu 8.: Im Jahr 1992 waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes insgesamt 6.803 Haushalte mit ca. 12.200 Kindern bedingt durch elterliche Arbeitslosigkeit von der Sozialhilfe abhängig.