Berufschancen von examinierten Sozialarbeitern/-innen in Thüringen

Obwohl der Bedarf an qualifizierten und motivierten Sozialarbeitern/-innen groß ist, sind die Berufschancen dieser Absolventen eher gering. Offenbar sind viele Stellen mit anderen Arbeitskräften besetzt.

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie hoch werden voraussichtlich die Absolventenzahlen der Direktstudenten und der Fernstudenten der Fachrichtung Sozialwesen 1995 bis 1999 an den Thüringer Fachhochschulen sein?

2. a) bei Behörden des Landes,

b) bei Kommunen,

c) bei freien Trägern?

3. z.Z. in Thüringen finanziert, und wie hoch könnte darunter der Anteil für Sozialarbeiterstellen sein?

4. Wie hoch ist der Mitfinanzierungsanteil der ABM-Stellen und der Stellen nach § 249 h AFG der Bundesanstalt für Arbeit, des Landes und der Träger für die Finanzierung der unter 3. genannten Stellen zur Zeit?

5. Wie hoch schätzt die Landesregierung die Zahl der neu oder wieder zu besetzenden Stellen für Sozialarbeiter

- bei Behörden des Landes,

- bei Kommunen und

- bei freien Trägern in den Jahren 1995 bis 1999 ein?

Das Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit hat im Einvernehmen mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dem Innenministerium und dem Finanzministerium die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 3. Januar 1996 wie folgt beantwortet:

Vorbemerkungen:

Von seiten der Landesregierung ist der Einsatz von Sozialarbeitern in vielen Fällen nicht nur erwünscht, sondern auch in Gesetzen und Richtlinien vorgeschrieben.

Gemäß der Richtlinie zur Förderung von Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen ist die in Thüringen. Entsprechendes gilt für Suchtberatungsstellen. Von 120 Fachkräften in über 30 Suchtberatungsstellen sind zirka 70 Sozialarbeiter. der Kinder- und Jugendhilfe, für die Leitung und Gruppenarbeit in Tagesgruppen für Kinder vorgesehen. Im Bereich der psychiatrischen Versorgung in Kliniken, Gesundheitsämtern, Beratungsstellen, Einrichtungen des betreuten Wohnens und Heimeinrichtungen zählen Sozialarbeiter zu den zentralen Berufsgruppen.

Zu 1.: Die Möglichkeit des Fernstudiums oder berufsbegleitenden Studiums zum Sozialarbeiter (FH) besteht in Thüringen nicht. Bis 1996/97 besteht noch die Möglichkeit der Externenprüfung. Insgesamt werden in den Jahren 1995 bis 1999 850 Absolventen mit dem Abschluß Diplom-Sozialpädagoge/in (FH)/Diplom-Sozialarbeiter/in (FH) erwartet.

1995 haben an der Fachhochschule Erfurt 90 Personen ihr Diplom im Regelstudiengang abgelegt. In Jena werden 1996 die ersten Absolventen ihr Diplom ablegen.

Eine statistische Erfassung von Sozialarbeiterstellen im Land Thüringen gibt es nicht. Die nachfolgenden Angaben resultieren aus einer Erhebung bei Behörden, Kommunen und freien Trägern.

Von den freien Trägern waren keine zahlenmäßigen, sondern nur prozentuale Angaben zugänglich. Die Befragung der Behörden, der Landratsämter und der Stadtverwaltungen der kreisfreien Städte wurden deshalb auch prozentual ausgewertet. Wesentliche Unterschiede in der Besetzung der Stellen in Abhängigkeit vom Arbeitgeber ergeben sich nicht. Zirka ein Drittel der Sozialarbeiterstellen sind mit Mitarbeitern besetzt, die keinen formalen Abschluß als Sozialarbeiter besitzen. Dieser Personenkreis verfügt nach Aussagen der Behörden und der freien Träger über die notwendige Kompetenz zur Erfüllung seiner Aufgaben.

In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass Stellen, die mit Sozialarbeitern besetzt werden können, teilweise auch Fachkräften anderer sozialer Berufe offenstehen und dann der Ausschreibung entsprechend besetzt sind.

Beispielsweise sind in den Empfehlungen zur Arbeit in Thüringer Einrichtungen, die gemäß § 45 bis § 48 des Achten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VIII) einer Betriebserlaubnis durch das Jugendamt bedürfen als geeignete Fachkräfte zur Leitung von Heimen neben Sozialarbeitern auch Hochschulabsolventen mit einschlägigen Fachrichtungen wie Pädagogik, Psychologie, Theologie und Pädiatrie sowie Heimerziehung mit Fachschulausbildung und dreijähriger Berufsausbildung vorgesehen, als Gruppenerzieher auch staatlich anerkannte Erzieher, Diakone mit sozialpädagogischer Ausbildung, Erzieher mit sonderschulpädagogischer Ausbildung, Rehabilitationspädagogen, bei behinderten Kindern auch Heilpädagogen.

Es sind Stellen auch dann entsprechend besetzt, wenn Personen keine Sozialarbeiter sind, aber gemäß Anlage 1 a zum d. h. durch die gründliche Beherrschung eines entsprechend umfangreichen Wissensgebietes und lange Tätigkeit und Erfahrung auf diesem Gebiet. Damit sind sie gemäß Tarifvertrag ordnungsgemäß als sonstige Angestellte, die auf Grund gleichwertiger Fähigkeiten und ihrer Erfahrung entsprechende Tätigkeiten ausüben eingestellt.

Gemäß § 23 des Thüringer Kinder- und Jugendhilfe-Ausführungsgesetzes sind geeignete Fachkräfte solche Personen, die über eine staatlich anerkannte oder dieser gleichwertigen Ausbildung verfügen. Im Einzelfall sind auf Antrag des Trägers auch solche Personen zuzulassen, wenn sie nach Vorbildung und Erfahrung geeignet erscheinen.

In der Übergangsbestimmung in § 28 Abs. 2 können Personen, die am 1. Januar 1993 die Tätigkeit einer Fachkraft wahrgenommen haben, weiterbeschäftigt werden, wenn sie die erforderliche berufliche Erfahrung haben und an Fortbildungsmaßnahmenteilnehmen.

Von diesen Personen, die formal keinen Abschluß als Sozialarbeiter haben, nimmt gegenwärtig ein großer Teil an Qualifizierungsmaßnahmen teil und wird in den nächsten Jahren einen Abschluß als Diplom-Sozialarbeiter/in (FH) erlangen.

Zu 3.: Dienste finanziert. Der Anteil der Sozialarbeiterstellen wird durch das Landesarbeitsamt Sachsen-Anhalt/Thüringen statistisch nicht erfaßt.

Per 31. Oktober 1995 befinden sich in Thüringen 1.706 Maßnahmen nach § 249 h AFG mit 3.568 Arbeitnehmern im Bereich Soziale Dienste in Förderung.

In der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung wird der Anteil der Sozialarbeiterstellen in diesen Maßnahmen statistisch nicht erfaßt. Ergänzend ist zu bemerken, dass die Absolventen auf Grund fehlender Voraussetzungen (Anspruch auf Arbeitslosengeld) für Maßnahmen gemäß § 249 h AFG nicht zuweisbar sind.

Zu 4.: bei den Maßnahmen nach § 249 h AFG statistisch erfaßt wird, können auch zu den Mitfinanzierungsanteilen der Bundesanstalt für Arbeit, des Landes und der Träger keine Angaben gemacht werden.

Jedoch werden im allgemeinen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Maßnahmen nach § 249 h AFG wie folgt gefördert:

Die Bundesanstalt für Arbeit finanziert bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Lohnkosten (90 Prozent der ortsüblichen Löhne) und die beantragten Sachkosten.

Sowohl das Land als auch die Bundesanstalt für Arbeit stellen im Verhältnis 1:1 Mittel im Rahmen der verstärkten Förderung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (§ 96 AFG) für ausgewählte Projekte zur Verfügung. Ansonsten erfolgt die Bezuschussung im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsverwaltung.

Die Maßnahmen nach § 249 h AFG werden durch die Bundesanstalt für Arbeit mit einem Festbetrag unterstützt, der für das Jahr 1995 1.779,00 Deutsche Mark pro Arbeitnehmer und Monat beträgt und sich jährlich ändert.

Der Arbeitgeber hat mit mindestens 10 Prozent der Gesamtkosten die Maßnahmen nach § 249 h AFG zu finanzieren.

Zu 5.: Dies wird schätzungsweise bisherigen Stellen ausmachen. Für die Landesbehörden und Kommunen bedeutet das in Zahlen ausgedrückt zirka 70 Stellen.