Suchterkrankungen

Ausgangssituation Suchterkrankungen nehmen in der öffentlichen und politischen Diskussion einen breiten Raum ein. Sie sind zu einer Herausforderung für die Gesundheits- und Sozialpolitik geworden, weil sie ein wesentlicher Faktor des Krankheitsgeschehens und der Sterblichkeit sind, hohe Kosten für Behandlung und Rehabilitation verursachen, das Unfallgeschehen erheblich mitbestimmen und durch Arbeitsausfälle zu Produktionsverlusten führen. Suchterkrankungen ziehen durch die Zerrüttung von sozialen Bindungen in Familie und Freundeskreis sowie die tragische Zerstörung individueller Lebenswege ein nicht meßbares Leid nach sich. Hinzu kommen die sozialen und strafrechtlichen Anforderungen und Konsequenzen, die sich aus dem Konsum illegaler Drogen ergeben und auch für Thüringen zu erwarten sind.

Suchterkrankungen sind häufig das Resultat einer nicht gelingenden Lebensbewältigung, wenn vor dem Hintergrund einer mehr oder minder starken körperlichen Disposition soziale Anforderungen und persönliche Ressourcen einander nicht entsprechen. Gerade in den neuen Bundesländern kommt es infolge der tiefgreifenden gesellschaftlichen Strukturveränderungen für viele Menschen auch zu grundlegenden Lebensveränderungen, die eine Neudefinition von Wertvorstellungen und nicht selten eine Korrektur individueller und familiärer Lebensentwürfe fordern. Der Gebrauch von Alkohol, Medikamenten, Tabakerzeugnissen oder anderen suchtauslösenden Substanzen wird dabei als individuelles Instrument der Konfliktbewältigung benutzt, wenn produktive Möglichkeiten der Bewältigung erschöpft sind oder der Konflikt unlösbar erscheint.

Sucht steht jedoch erst am Ende eines langen Weges, der oft mit dem sozial integrierten, unauffälligen Konsum von Alkohol beginnt. Die Übergänge vom unauffälligen Gebrauch zum Mißbrauch und von diesem zur Abhängigkeit bzw. Sucht sind fließend. Letztendlich bestimmt die spezifische Vernetzung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen, der beruflichen und familiären Anforderungen, der individuellen Handlungsmöglichkeiten sowie der sozial üblichen Normen im Umgang mit suchtauslösenden Substanzen und deren pharmakologische Eigenschaften, ob dieser Weg im Einzelfall mit allen seinen tragischen Konsequenzen gegangen wird oder nicht.

An jedem Punkt der Wegstrecke besteht die Möglichkeit zur Umkehr: durch Suchtprävention, um der Entwicklung gesundheitsgefährdender Gebrauchsmuster entgegenzuwirken, durch die Suchtkrankenhilfe, um Gefährdeten und Kranken rechtzeitig die erforderliche Hilfe zur Krankheitsbewältigung sowie zur sozialen Wiedereingliederung nach erfolgter Therapie zu geben, durch repressive Maßnahmen, um das Angebot an illegalen Drogen zu reduzieren und die Drogenkriminalität zu bekämpfen.

Der vorliegende Plan zur Suchtprävention, Suchtkrankenhilfe und Drogenbekämpfung in Thüringen gibt einen Rahmen für die Maßnahmen der Landesregierung sowie der öffentlichrechtlichen und freien Träger zur Bewältigung der mit Sucht und Drogen verbundenen Probleme.

Die Suchtprävention in Thüringen ist ursachenorientiert und vorwiegend suchtmittelunspezifisch ausgerichtet. Die Suchtkrankenhilfe folgt einem integrativen und gemeindenahen Ansatz, wodurch eine ausreichende Flexibilität erreicht werden kann, um auf mögliche Entwicklungstrends in der Suchtproblematik reagieren zu können.

Die repressiven Maßnahmen dienen vorrangig der Reduzierung des Angebotes auf dem illegalen Drogenmarkt. Im Hinblick auf die Konsumenten illegaler Drogen steht das Prinzip Hilfe vor Strafe im Vordergrund.

Die Schwerpunktsetzung im Thüringer Plan für Suchtprävention, Suchtkrankenhilfe und Drogenbekämpfung erfolgt hinsichtlich des Alkohols, der Medikamente und der illegalen Drogen, ohne dabei andere Formen von Mißbrauch und Sucht (z. B. Tabak) von vornherein zu vernachlässigen.

Unter den Suchterkrankungen werden verschiedene Krankheitsbilder eingeordnet, die sich zum einen auf die Abhängigkeit von (potentiell) suchtauslösenden Substanzen wie Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen beziehen, aber zum anderen auch sogenannte nichtstoffgebundene Formen süchtigen Verhaltens wie Eßstörungen oder pathologisches Spielen betreffen.

Alkohol Deutschland nimmt in der Weltrangliste des Alkohol-Pro-Kopf-Verbrauchs den ersten Platz ein (11,4 Liter Reinalkohol pro Kopf der Bevölkerung im Jahr 1994).

Seit 1990 verringern sich die Unterschiede im Pro-Kopf-Verbrauch an Reinalkohol zwischen den alten und den neuen Bundesländern, d. h. der Konsum in den neuen Bundesländern ist zurückgegangen. Allerdings trinken die Ostdeutschen im Vergleich zu den Westdeutschen etwa doppelt so viel Spirituosen pro Kopf der Bevölkerung (12,0 bzw. 6,1 Liter).