Arbeitslosigkeit

Der höchste Frauenanteil entfällt auf Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung. Obwohl er hier durchgängig über der 50 %-Marke liegt, wird ein weitgehend proportionaler Anteil zur Arbeitslosigkeit erst im Dezember 1994 erreicht. Seit diesem Zeitpunkt übersteigt sogar das Ausmaß der Berücksichtigung von Frauen in ABM ihren Anteil an den Arbeitslosen. An zweiter Stelle rangieren die Maßnahmen zur Fortbildung und Umschulung. Hier sind Frauen im September 1995 weitgehend entsprechend ihrem Anteil an den Arbeitslosen, in der Folge überproportional vertreten. Dabei lassen sich jedoch zwischen den einzelnen Qualifizierungskomponenten erhebliche Unterschiede nachweisen. Während Frauen in der eher kurzzeitig ausgerichteten Fortbildung im Dezember 1995 zu 72,3 % vertreten waren, reduzierte sich ihre Beteiligung an der beruflichen Umschulung bereits auf 55,1 %.

Bei der direkt arbeitsplatzrelevanten betrieblichen Einarbeitung machten weibliche Teilnehmerinnen nur noch einen Anteil von 40,5 % aus.

Unterproportional berücksichtigt blieben Frauen im gesamten Betrachtungszeitraum in Maßnahmen nach § 249h AFG, weil diese überwiegend im Umweltbereich mit für Frauen weniger geeigneten Anforderungen durchgeführt werden.

Die geschlechtliche Strukturierung des Arbeitsmarktes, wie sie bereits anhand der Arbeitslosenbestände sowie der extrem auseinanderfallenden Arbeitslosenquoten ablesbar war, zeigt sich auch bei der spezifischen Betrachtung ausgewählter Altersgruppen. Gleichwohl deutet sich auch hier eine leichte Verringerung der Geschlechterdifferenz ab. Nach den Strukturanalysen des Landesarbeitsamtes ist der absolute Bestand arbeitsloser junger Frauen unter 25 Jahren zwischen 1993 und 1995 von 14.145 auf 10.284 Personen zurückgegangen. Der Anteil junger Frauen an der Jugendarbeitslosigkeit hat sich von 61,1 % 1993 auf 55,3 % 1995 reduziert. 138: Anteil junger Frauen an der Jugendarbeitslosigkeit jeweils Ende September Quelle: LAA SAT, Berechnungen des IWSP

LAA SAT: Frauen auf dem Arbeitsmarkt, 1995: 11.

Auf weitaus höherem Niveau kristallisiert sich eine in der Tendenz vergleichbare Entwicklung auch für die Altersgruppe der ab 50jährigen heraus. Betrug hier der Anteil von Frauen 1992 noch über 70 %, so war er 1995 bereits auf 66,5 % gesunken. Zu diesem Zeitpunkt standen 16.104 arbeitslosen Männern dieser Alterskohorte 31.909 arbeitslose Frauen gegenüber. Auffällig sind dabei die divergierenden Verlaufsmuster der einzelnen Jahrgänge. 139: Anteil älterer Frauen an der Arbeitslosigkeit der jeweiligen Altersgruppe.

Quelle: LAA SAT, Berechnungen des IWSP

Diese Entwicklungen verdeutlichen zweierlei. Zum einen lenken sie den Blick auf das Ausmaß der geschlechtsspezifischen Strukturierung des Arbeitsmarktes. Verknüpft man die Aussagen zur Beteiligung von Frauen an der Altersarbeitslosigkeit mit dem oben geführten Nachweis eines überproportionalen Arbeitslosigkeitsrisikos dieser Altersgruppe, wird die Kumulation von Ungleichheitsstrukturen offensichtlich. Ältere Menschen sind überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen, wobei Frauen den dominanten Anteil dieser Altersgruppe bilden. Zum anderen verweisen die Entwicklungsverläufe sowohl bei der Arbeitslosigkeit insgesamt, als auch bei der Jugend- und Altersarbeitslosigkeit in der Tendenz auf eine leichte Abschwächung der nach wie vor erheblichen arbeitsmarktvermittelten Differenzen zwischen den Geschlechtern. Diese Veränderungen können jedoch weder als Wendepunkt in der Arbeitsmarktentwicklung für Frauen, noch als Abschwächung der geschlechtlichen Strukturierung des Arbeitsmarktes interpretiert werden. Es lassen sich im Gegenteil Entwicklungstendenzen identifizieren, die auf eine Verfestigung der Frauenarbeitslosigkeit und damit auf eine Bedeutungszunahme der Strukturierungskategorie Geschlecht hinweisen. Diese Vermutung wird durch die Betrachtung der dynamischen Faktoren des Arbeitsmarktes bestätigt.

Obwohl sich der Anteil von Frauen an den Arbeitslosenzugängen von fast 55 % 1991 kontinuierlich auf 49 % 1995 reduziert hat, liegt ihr Anteil am Arbeitslosenbestand auch 1995 bei fast 64 %. Diese Dispersion von Zugangs- und Bestandsanteilen kann als erstes Indiz für eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit von Frauen angesehen werden.

Darüber hinaus unterstützt die Entwicklung des Frauenanteils an der Langzeitarbeitslosigkeit eine solche Lesart. Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, hat der Anteil von Frauen an der Langzeitarbeitslosigkeit seit 1992 kontinuierlich zugenommen:

Wie die Tabelle zeigt, steigt der Anteil von Frauen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, im gesamten Betrachtungzeitraum an. Seit 1992 sind mehr als drei Viertel aller Langzeitarbeitslosen Frauen. Besonders dramatisch entwickelt sich dabei die Beteiligung von Frauen an der Langzeitarbeitslosigkeit über zwei Jahre. Mit einem Anteil von 83,7 % (1995) setzt sich dieses Arbeitslosensegment fast ausschließlich aus Frauen zusammen.

Für den Thüringer Arbeitsmarkt konnten somit zwei zunächst gegensätzlich scheinende Entwicklungstendenzen herausgearbeitet werden: eine leichte Abnahme der Geschlechterdifferenzen bei gleichzeitiger, sich in der Aggregation der Zugangs- und Verbleibsdaten herauskristallisierender Verfestigung der Frauenarbeitslosigkeit. Diese Entwicklungsverläufe in Thüringen entsprechen den Ergebnissen einer Längsschnittuntersuchung über Erwerbsverläufe in Ostdeutschland durch das Wissenschaftszentrum Berlin. Demnach erwiesen sich als Hauptvariablen, die das Risiko, die Vollerwerbstätigkeit zu verlieren, maßgeblich beeinflußten, die strukturellen Faktoren Branche und Stellung im Beruf. Sie wogen weit stärker beim Verlust der Beschäftigung als alle personalen Faktoren.

Die Wiedereinstiegschancen in Erwerbstätigkeit wurden jedoch besonders durch die personalen Merkmale Alter und Geschlecht strukturiert. Dies bestätigt das hohe Verbleibsrisiko von Frauen in der Arbeitslosigkeit.