Sozialhilfe

Es gibt zwar tendenziell noch deutlich mehr Räumungen in den Städten, das betrifft vor allem aber alleinstehende Männer; bei alleinerziehenden Frauen, bei Familien und vor allem bei alleinstehenden Frauen gleichen sich die Zahlenverhältnisse an. Eine Erklärung hierfür gibt es nicht. Allerdings ist dies ein weiteres Indiz für die These, dass Obdachlosigkeit in Thüringen ein strukturelles Problem des Wohnungssektors ist, das sich eben nicht nur auf Ballungsräume konzentriert, sondern immer mehr auch in den Mittel- und Kleinstädten sowie im ländlichen Raum Einzug hält.

Bei der Unterbringung nach durchgeführten Räumungen melden die befragten Kreise und kreisfreie Städte eine deutliche Differenzierung:

Alleinerziehende und Familien werden schwerpunktmäßig in Familienwohnheimen und Notwohnungen untergebracht, allerdings gibt es auch Fälle, die in Obdachlosenasylen mit Unterkunft versorgt werden.

Alleinstehende Frauen werden vor allem in Obdachlosenasylen untergebracht, allerdings gibt es auch einige Fälle, in denen Frauen in Familienwohnheimen und Notwohnungen Obdach erhielten. Es gibt in letzter Zeit, vor allem in einer kreisfreien Stadt, gewisse Ansätze zu einer Versorgung der Frauen nach § 72 BSHG.

Alleinstehende Männer werden nur selten in Notwohnungen untergebracht; sie erhalten vor allem in Obdachlosenasylen Unterkunft. Es gibt zudem eine allmähliche Zunahme alleinstehender Männer in Einrichtungen nach § 72 BSHG; so entsteht das Klientel der alleinstehenden Wohnungslosen (der Nichtseßhaften).

Ehepaare ohne Kinder sowie Rentnerehepaare sind von ihrer Fallzahl zu gering, so daß keinerlei Einschätzung erfolgen kann.

Die aus Kommunen der alten Länder bekannte Praxis, obdachlose Personen in Pensionen unterzubringen, gab es zum Zeitpunkt der Befragung in Thüringen noch nicht.

Institutionelle Hilfen Anfang 1996 gab es in Thüringen 43 institutionelle Hilfen (Einrichtungen) zur Beseitigung aktueller Obdachlosigkeit/Wohnungslosigkeit. Das IWSP hat alle mit einem standardisierten Fragebogen angeschrieben, der Rücklauf lag bei 90 %. Die Bezeichnung dieser institutionellen Hilfen, die dabei am häufigsten, nämlich von 40 %, verwandt wird,

- ist Obdachlosenasyl bzw. Obdachloseneinrichtung,

- Not- oder Schlichtwohnungen wurden von fast einem Viertel angegeben

- sowie knapp 10 % nannten Familienwohnheime als Unterbringungsform.

- ein Viertel der Einrichtungen bezeichnete sich als Einrichtungen nach § 72 BSHG (in absoluten Zahlen: elf).

Das Ergebnis der Umfrage lässt allerdings nicht erkennen, welchen Qualitäts- und Betreuungsstandard die einzelne Einrichtung aufweist.

Die Verwaltung der Einrichtungen liegt, laut Befragungsergebnis, zu 75 % in den Händen der kommunalen Verwaltung und nur zu 25 % bei freien Trägern.

Die Anzahl der in den Einrichtungen zur Verfügung stehenden Betten stieg von 1993 bis 1995 um etwa 57 % an. Das heißt in absoluten Zahlen, dass in den 39 in das Befragungsergebnis eingegangenen Einrichtungen die Bettenzahl von 664 auf 1.042 anstieg. Gleichzeitig stieg aber auch der Auslastungskoeffizient stark an: von 54 % in 1993 über 63 % in 1994 auf 71 % in 1995.

Trotz des Anstiegs der Bettenkapazität ist die Auslastung aber noch relativ niedrig. Die Gründe hierfür sind vielfältig: zum einen könnte dies darauf hinweisen, dass es dem institutionellen Hilfesystem relativ schnell gelingt, Betroffene in Normalwohnraum unterzubringen; zum anderen könnte dies aber auch darauf hindeuten, dass obdachlose Personen diese Einrichtungen nicht gern annehmen.

Die relativ geringe Auslastung kann aber auch zur Vermutung führen, dass die derzeitige Kapazität ausreicht und so eine Erweiterung wenig sinnvoll scheint. Die Bettenzahl entspricht durchaus dem offiziell gemeldeten Bedarf (1.091 obdachlose Personen in Thüringen) und scheint auf Grund der Auslastung derzeit auch zu genügen. Die stetigen Steigerungen der Zahlen Betroffener im Bereich akuter Obdachlosigkeit, die sich ja auch in den zugleich steigenden Bettenkapazitäten bei ebenfalls steigendem Auslastungsgrad zeigen, weisen aber darauf hin, dass auch in Zukunft ein Ausweiten der Bettenkapazitäten notwendig werden kann und u. U. nach Einschätzung der Entwicklung sogar notwendig werden wird. Die oben diskutierten Zahlen aus der Sozialhilfestatistik zeigen sogar, dass sich hier eine dramatische Entwicklung in naher Zukunft abzeichnen kann.

Die nachgefragte Herkunft der Bewohner zeigt, dass Obdachlosigkeit in Thüringen, die im institutionellen Hilfesystem auftritt, ein zumeist am Ort entstandenes Problem ist. Fast zwei Drittel kommen aus dem Ort bzw. Die Zahlen in den Einrichtungen liegen für Frauen und Kinder dabei noch höher als die Angaben der Ämter; das bedeutet aber, dass sich in den Einrichtungen deutlich mehr Familien (alleinerziehende Frauen) mit Kindern konzentrieren, als sie sich im Gesamtanteil der obdachlosen Personen wiederfinden.

Die nachgefragte Dauer der Unterbringung zeigt eine Tendenz, dass Personen entweder recht bald - innerhalb eines Monats - die Einrichtungen verlassen oder aber längere Zeit, das heißt bis zu einem Jahr und länger bleiben; wobei es hier noch eine Geschlechtsspezifik gibt: Männer verlassen deutlich früher die Einrichtungen als Frauen.

Tab. Es deutet aber auch darauf hin, dass die Versorgung mit Normalwohnraum nicht für alle gleichermaßen zu gewährleisten ist.

Die Gründe, die von Einrichtungen für die Unterbringung betroffener Personen angegeben werden, zeigen eine deutliche Tendenz: Es sind zur Hälfte Mietschulden und Räumungen, von den befragten Einrichtungen gaben zudem ca. 20 % an, dass sich seit 1992 die Gründe für die Einweisung deutlich in Richtung zunehmender Räumungsklagen verändert haben. dabei ist es durchaus möglich, dass zwar familiäre Probleme als entscheidend angesehen wurden, der tatsächliche Anlaß zur Obdachlosigkeit aber eine Räumungsklage war.