Gehörlose Menschen kommunizieren in Lautsprache und Gebärdensprache

Die bürgerrechtliche Gleichstellung nach Artikel 3 Abs. 3 des Grundgesetzes bedeutet, dass nicht mehr wie bisher die Fürsorge des Staates, sondern das Bürgerrecht der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben behinderter Menschen im Vordergrund zu stehen hat. Wesentliche Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit der Kommunikation der Menschen untereinander.

Gehörlose Menschen kommunizieren in Lautsprache und Gebärdensprache. Sie bedürfen für ihre Kommunikation neben den medizinisch-technischen Hilfsmitteln genauso visueller und manueller Hilfsmittel. Die Förderung aller Möglichkeiten der Kommunikation Gehörloser untereinander und mit hörenden Menschen ist die grundlegende Voraussetzung, die auch dieser Behindertengruppe eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in möglichst großem Umfang gewährleistet.

Dieser Tatsache tragen die Beschlüsse des Europäischen Parlaments vom 17. Juni 1988 und vom 12. November 1998 sowie die Beschlussempfehlung des Deutschen Bundestags vom 24. Juni 1998 Rechnung, indem sie die Anerkennung der Gebärdensprache auf nationaler Ebene fordern.

Anerkennung und Förderung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) ist ein wichtiger Bestandteil der Behindertenpolitik. Es ist eine seit längerem erhobene Forderung der Hörgeschädigten, um eine größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erreichen. Bei allem erreichten und auf gar keinen Fall in Frage gestellten medizinischen Fortschritt auf diesem Gebiet ist die Benutzung der DGS eine wesentliche Voraussetzung für hörgeschädigte Menschen am Leben teilzunehmen.

Wir fragen die Landesregierung:

1. Statistische Daten

Wie viele gehörlose Menschen leben in Thüringen?

Wie viele davon sind Frauen?

Wie viele gehörlose junge Menschen bis 27 Jahre leben in Thüringen?

Wie viele Gehörlose zwischen 16 und 65 Jahren sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt?

Welche Berufe werden vorrangig von Gehörlosen ausgeübt?

Wie viele schwerhörige Menschen leben in Thüringen?

Wie viele davon sind Frauen?

21. Juli 2000

Wie viele schwerhörige junge Menschen bis 27 Jahre leben in Thüringen?

2. Frühförderung von hörgeschädigten Kindern

Neben dem Ziel, das Resthörvermögen maximal auszunutzen, wird es trotzdem für eine optimale Entwicklung der kommunikativen Kompetenzen eines Kindes notwendig sein, andere Kommunikationsmittel einzusetzen.

Gibt es im Freistaat Thüringen ein System zur frühzeitigen Erkennung hörgefährdeter und hörgestörter Kinder, z.B. Neugeborenen-Hörscreening, bzw. ist die Etablierung eines solchen geplant?

Wie viele Frühförderstellen im Freistaat Thüringen gibt es?

Gibt es Frühförderstellen, die speziell hörgeschädigte Kinder und deren Eltern beraten und betreuen?

Werden die Eltern hörgeschädigter Kinder durch unabhängige Experten über alle möglichen Förderansätze (hörgerichteter Spracherwerb, Gebärdensprache usw.) informiert und beraten?

Wo haben Eltern die Möglichkeit die Gebärdensprache oder das Gebärden zu erlernen, um mit ihren hörgeschädigten Kindern auch mit diesen Mitteln kommunizieren zu können, und wie können sie gefördert werden?

3. Schulbildung und berufliche Bildung

Wie viele Schüler haben die Gehörlosenschule seit 1992

- mit dem Hauptschulabschluss,

- mit dem qualifizierten Hauptschulabschluss,

- mit dem Realschulabschluss,

- mit dem Abitur (bitte nach Jahrgängen aufgeschlüsselt) im Freistaat Thüringen abgeschlossen?

Wie viele Schüler haben die Schwerhörigenschule seit 1992

- mit dem Hauptschulabschluss,

- mit dem qualifizierten Hauptschulabschluss,

- mit dem Realschulabschluss,

- mit dem Abitur (bitte nach Jahrgängen aufgeschlüsselt) im Freistaat Thüringen abgeschlossen?

Wie viele gehörlose Schülerinnen und Schüler haben im Freistaat Thüringen seit 1992 eine berufliche Bildung aufgenommen und abgeschlossen (bitte aufgeschlüsselt nach Schulformen und Jahrgängen)?

Wie viele Schülerinnen und Schüler haben nach Abschluss der Berufsausbildung einen Arbeitsplatz erhalten?

4. Studium

Gibt es an den Thüringer Hochschulen gehörlose Studentinnen bzw. Studenten (bitte Angaben ab 1995)?

Wenn ja, wie viele und an welcher Einrichtung studieren sie welche Fachrichtungen?

Gibt es an den Thüringer Fachhochschulen gehörlose Studentinnen bzw. Studenten (bitte Angaben ab 1995)?

Wenn ja, wie viele und an welcher Einrichtung studieren sie welche Fachrichtungen?

Welche Fördermöglichkeiten erhalten diese Studentinnen bzw. Studenten?

Gibt es Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen in der Bundesrepublik Deutschland, die speziell für gehörlose Studenten Studienplätze anbieten?

Wenn ja, wo und welche?

5. Anerkennung der Gebärdensprache

Welche Bundesländer haben bisher einen Beschluss zur Anerkennung der Gebärdensprache gefasst und umgesetzt?

Wenn ja, mit welchen Inhalten (Förderung und Anwendung in den Schulen, Ausbildung und Vermittlung von Gebärdensprachdolmetschern usw.)?

Gibt es auf Bundes- oder Länderebene Arbeitsgruppen, die die Inhalte und die rechtlichen und finanziellen Auswirkungen der Anerkennung der DGS erarbeiten und versuchen abzuschätzen?

Gibt es im Freistaat Thüringen Bestrebungen, ähnlich wie in dem Gesetz zu Artikel 11 der Verfassung von Berlin vom 29.April 1999, die lautsprachbegleitenden Gebärden und Gebärdensprache neben der Laut- und Schriftsprache als gleichberechtigte Kommunikationsform der Deutschen Sprache anzuerkennen?

Wenn Frage 5.4 ja, in welcher Form wurde der Gehörlosenverband mit eingebunden, und wie ist der jetzige Sachstand?

Welches sind nach Meinung der Landesregierung unter der Voraussetzung der Anerkennung der DGS Indikationen für die Inanspruchnahme eines Gebärdensprachdolmetschers?

6. Gebärdensprachdolmetscher

Wie viele Gebärdensprachdolmetscher gibt es in Thüringen?

Werden in Thüringen Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet?

Welche Voraussetzungen müssen für die Ausbildung mitgebracht werden?

Wie erfolgt die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher?

Wie hoch sind die Kosten der Ausbildung und wer trägt diese?

Wird die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher als Beruf anerkannt?

Wenn nein, gibt bzw. gab es Bundesratsinitiativen zur Anerkennung des Berufsbildes Gebärdensprachdolmetscher, und wie ist der derzeitige Sachstand?

Wo haben Gehörlose einen Rechtsanspruch auf die Unterstützung durch einen Gebärdensprachdolmetscher, und wer trägt die Kosten des Einsatzes, gegebenenfalls auch bei einer notwendigen Doppelbesetzung?

Wie oft wurden durch Gehörlose in den Jahren seit 1995 Gebärdensprachdolmetscher angefordert (bitte aufgeschlüsselt nach Jahrgängen)?

Gibt es in Thüringen Prüfungs-, Zulassungs- und Honorarordnungen für Gebärdensprachdolmetscher?

6.11 Wenn Frage 6.10 nein, wann wird eine entsprechende Richtlinie ausgearbeitet?

6.12 Schätzt die Landesregierung die Zahl der Gebärdensprachdolmetscher als ausreichend ein?

7. Benutzung und Vermittlung der deutschen Gebärdensprache im Unterricht gehörloser Schüler

Werden Hörgeschädigtenpädagogen in ihrer Ausbildung befähigt DGS zu benutzen bzw. auch zu vermitteln?

Wenn Frage 7.1 nein, was ist die Begründung dafür?

Wird im Unterricht an den Schulen die DGS gelehrt und benutzt?