Seismischer Dienst in Thüringen

Die vielfältige geologische Struktur in Thüringen und menschliche Eingriffe in den letzten Jahrzehnten bedürfen einem Mindestmaß an seismischer Kontrolle. Der seismische Dienst ist trotz geringer Erdbebengefahr in Deutschland auch in vielen anderen Bundesländern üblich.

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie sichert die Landesregierung den seismischen Dienst in Thüringen ab?

2. Welchen Ausbaustand hat der seismische Dienst in Thüringen?

3. In welcher Form werden die Universitäten und Hochschulen in Thüringen in den seismischen Dienst in Thüringen eingebunden?

4. Welche Bedeutung mißt die Landesregierung dem seismischen Dienst in bezug auf die Talsperre Leibis und die Versatzmaßnahmen im Rahmen der Sanierungsvorhaben im Kalibereich bei?

5. In welchem Umfang ist der seismische Dienst an Untersuchungen im Rahmen der Sanierung des Uranbergbaus einschließlich der Sicherung und Verwahrung der Schächte, deren Flutung und der Sicherung und Verwahrung der Tailings beteiligt?

Das Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 19. März 1998 wie folgt beantwortet:

Zu 1.: Ein seismischer bzw. ein seismologischer Dienst im Sinne einer Verwaltungseinheit für einen Landeserdbebendienst existiert in Thüringen nicht. Solche Dienste bestehen in Deutschland nur in den Bundesländern, die von seismisch besonders aktiven Zonen betroffen sind. Maßstab dafür ist DIN 4119. So haben die Länder Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Landeserdbebendienste zur Beobachtung lokaler Ereignisse auf Landesebene; in Sachsen versucht man mit einem Seismoverbund diesen Aufgaben gerecht zu werden. Die östlichen Teile Thüringens werden ebenfalls durch eine seismisch aktive Zone tangiert. Deshalb hat sich die Registrierung und Erforschung der Erdbebensituation Thüringens traditionell hier konzentriert. Die Errichtung und der Betrieb eines seismologischen Dienstes erfordert erhebliche Haushaltsmittel. Eine lokale seismologische Überwachung potentiell gefährdeter Gebiete bzw. Objekte ist demgegenüber kostengünstiger und wird im Regelfall von Dritten finanziert. Deshalb wurde bisher in Thüringen eine derartige Überwachung dort praktiziert, wo ein Erfordernis dazu gesehen wird.

Zu 2.: Auch wenn es einen seismologischen Dienst als Verwaltungseinheit in Thüringen nicht gibt, ist dennoch die seismologische Überwachung in Thüringen im erforderlichen Umfang gesichert.

Die seismologische Station Moxa (bei Ranis), die von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betrieben wird, ist in das seismologische Regionalnetz Deutschlands eingebunden, das über das Seismische Zentralobservatorium Gräfenberg mit dem weltweiten Erdbebennetz verknüpft ist.Auch die Zusammenarbeit mit internationalen Forschungseinrichtungen ist so garantiert.

Die Station Moxa beobachtet auch lokale seismische Ereignisse auf Landesebene. Weitere lokale Meßnetze werden in den ehemaligen Kaliabbaugebieten in Nordthüringen und im Kaliabbaugebiet an der Werra betrieben.Auch der Sanierungsbergbau der Wismut verfügt über ein eigenes Meßnetz.

Zu 3.: Zwischen der Landesanstalt für Geologie Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena besteht eine Vereinbarung, wonach das Institut für Geowissenschaften dieser Universität der Landesanstalt für Geologie Monatsberichte bzw. Sofortmeldungen über stärkere Beben mit Magnituden über 2,5 zur Verfügung stellt. Die seismologischen Messungen werden im Geodynamischen Observatorium Moxa vorgenommen, welches die Universität Jena im Jahr 1992 von der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR übernommen hat. Diese Dienstleistung vergütet die Landesanstalt für Geologie der Universität jährlich mit ca. 15.000 Deutsche Mark.

Vereinbarungen mit anderen Thüringer Hochschulen bzw. Fachhochschulen bestehen nicht.

Zu 4.: Die Talsperre Leibis befindet sich in der Erdbebenzone 0, das heißt in einer seismisch inaktiven Zone (nach DIN 4149). Trotzdem werden bei der Bemessung von Stauanlagen Einwirkungen aus seismischen Ereignissen nach DIN 19700

Teil 11 Talsperren berücksichtigt. Zur Kontrolle solcher möglichen seismischen Ereignisse sollen im Bereich der Talsperre Leibis entsprechende Meßeinrichtungen installiert werden.

In der Talsperrenrichtlinie ist festgelegt, dass bei Kenntnis von besonderen seismischen Ereignissen mit der Magnitude größer 2,5 der Richterskala der Talsperrenunternehmer unverzüglich Kontrollbegehungen zu veranlassen hat. Zwischen den Talsperrenunternehmen und der Thüringer Landesanstalt für Geologie gibt es hierzu entsprechende Übereinkünfte. Eines besonderen seismologischen Dienstes bedarf es für die Talsperren nicht.

Was die Sicherungs- bzw. Sanierungsvorhaben im Kalibergbau betrifft, so ist festzustellen, dass in allen versatzpflichtigen Bergwerken Nordthüringens und an der Werra ein seismisches Überwachungsnetz flächendeckend betrieben wird. Damit ist eine zuverlässige Ortung seismischer Ereignisse lückenlos gewährleistet, und die gegebenenfalls auftretenden Schwingungsbeanspruchungen sind für Gebäude in den Ortslagen im Einwirkungsbereich der Bergwerke entsprechend DIN 4150 quantifizierbar. Die Bewertung der bergbauinduzierten Seismizität wird nach § 125 des Bundesberggesetzes durch unabhängige Sachverständige vorgenommen. Bergbauinduzierte seismische Ereignisse mit höherer Energiefreisetzung, die über den Bereich der lokalen Grubennetze hinausgehen, werden von den benachbarten seismischen Stationen, z. B. Moxa, Gräfenberg und Clausthal, registriert und ausgewertet. Gleiches gilt für energiestarke natürliche Erdbeben, die von den Grubennetzen registriert werden.

Zu 5.: Das Netz der seismischen Stationen im Sanierungsgebiet Ostthüringen der Wismut besteht derzeit aus den Stationen in Posterstein und am Reuster Turm, wobei letztere gegenwärtig getestet wird. Weitere seismische Stationen sind am Haldenfuß der Drosener Halde und an der Halde Paitzdorf vorgesehen. Die Errichtung dieser Stationen kam auf Initiative der Universität Jena in Verbindung mit der Wismut zustande.

Im Rahmen der Verwahrung der Schächte, der Flutung des Grubengebäudes und der Verwahrung der Tailings werden keine bergbauinduzierten seismischen Ereignisse, wie Gebirgsschläge, erwartet. Die vorhandenen Gebirgseigenschaften lassen auch in Verbindung mit dem Sanierungsstand der Untertageanlagen keine Spannungsakkumulationen erkennen, die Voraussetzungen für derartige seismische Ereignisse sein könnten. Die Standsicherheit der Schutzdämme der industriellen Absetzanlagen gegenüber Auswirkungen von Erdbeben ist gutachterlich nachgewiesen.