Grundschule

Projekte zur Schulentwicklung dienen der Gewinnung und Erprobung neuer pädagogischer, didaktisch-methodischer oder schulorganisatorischer Erkenntnisse. Sie sind zeitlich befristete Maßnahmen im Rahmen des regulären Schulwesens. Sie können auf die Umsetzung unterschiedlicher Bildungs- und Erziehungsinhalte gerichtet sein, z. B. die Erprobung des Einsatzes neuer Medien im Unterricht, Formen der Zusammenarbeit zwischen Grundschulen, Regelschulen, Gymnasien, Gesamtschulen, berufsbildenden Schulen und Förderschulen im unterrichtlichen Bereich, das Erproben von fächerübergreifendem Arbeiten o. ä. Inhalte.

Projekte zur Schulentwicklung bedürfen in der Regel keiner Genehmigung zur Durchführung und keiner wissenschaftlichen Begleitung, da sie sich im vorhandenen schulrechtlichen Rahmen bewegen, der Umfang der Erprobung im Vergleich zu Schulversuchen begrenzt ist und die Dokumentation und Bewertung des Vorhabens durch die Schulpraktiker selbst leistbar sind.

Die Erprobungsergebnisse sind in Dokumentationen oder Beiträgen in Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer auf Landes- oder regionaler Ebene anderen Thüringer Schulen zugänglich zu machen.

Schulversuche dienen der Gewinnung und praktischen Erprobung neuer pädagogischer, didaktisch-methodischer oder schulorganisatorischer Erkenntnisse sowie besonderer Ausbildungsrichtungen, Schulformen und Schularten. Sie sind Maßnahmen zur Erprobung von Veränderungen und Gliederung oder Organisation des regulären Schulwesens sowie von Veränderungen und Ergänzungen der Stundentafeln und Lehrpläne oder der Unterrichtsinhalte in Thüringen.

Für Zeugnisse und Abschlüsse muss sichergestellt sein, dass diese den einschlägigen Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) entsprechen. Gegebenenfalls ist die Zustimmung der KMK vor Beginn des Schulversuchs zu beantragen. Der Inhalt der Erprobung ist nur auf der Grundlage einer genehmigten Abweichung vom vorhandenen rechtlichen Rahmen realisierbar. Schulversuche bedürfen der wissenschaftlichen Begleitung, um gegebenenfalls aus Versuchsverlauf und Versuchsergebnissen Konsequenzen für das System ableiten zu können. Die Laufzeit wird bestimmt durch den Versuchsinhalt.

In Zusammenarbeit zwischen den Versuchsschulen und deren wissenschaftlicher Begleitung, dem TKM und dem sind geeignete Bedingungen für den Transfer von sich bewährenden Versuchsaspekten bereits im Versuchsverlauf vorzubereiten.

BLK-Modellversuche im Bildungswesen verfolgen der inhaltlichen Weiterentwicklung von Schule im Hinblick auf eine mögliche Übertragbarkeit zu erproben. Sie haben als Instrument der Innovation im Vergleich zu Schulversuchen zwei besondere Aspekte:

- Modellversuche werden bundesweit als unentbehrliche Grundlage für bildungspolitische Planungen, Diskussionen und Entscheidungen angesehen. Sie sind seit 1969 Bestandteil der gemeinsamen Bildungsplanung von Bund und Ländern (Bund-Länder-Kommission - BLK -).

- Von den Ergebnissen profitieren im Idealfall sowohl das durchführende Land als auch andere Bundesländer und der Bund mit seinen Gremien der Bildungsplanung.

Wesentliche Gesichtspunkte bei Modellversuchen:

- Innovationsmaßnahmen, die sich aus bildungspolitischen Rahmenvorgaben ergeben, werden durch Modellversuche unter begünstigten Bedingungen und somit in einem Schulalltag erprobt, der von materiellen, personellen und organisatorischen Zwängen teilweise entlastet ist.

- Diese Entlastung bildet die unabdingbare Voraussetzung dafür, Innovationsvorhaben in der Schule überhaupt durchführen zu können, da diese allen Beteiligten ein hohes Engagement und die Bewältigung nicht unerheblicher zusätzlicher Organisations- und Koordinationsaufgaben abverlangen.

- Die vom Alltag abweichenden Bedingungen zeigen auch den Hintergrund für eine kritische Einschätzung von Modellvorhaben im Hinblick auf ihren möglichen Beitrag zur tatsächlichen Weiterentwicklung von Schule.

Die Finanzierung erfolgt in der Regel so, dass die Gesamtsumme vom Bund und dem beteiligten Land bzw. den beteiligten Ländern je zur Hälfte aufgebracht wird. Der Länderanteil setzt sich dabei aus Lehrerstunden (Entlastungsstunden), die für den jeweiligen Modellversuch zur Verfügung gestellt werden, und Geldmitteln (Haushaltsmitteln) zusammen. Für den Finanzierungsplan werden die Lehrerstunden nach bundeseinheitlichen Pauschalwerten jeweils in Geldwert umgerechnet. Je nach Konzeption eines Modellversuchs können sich unterschiedliche Anteile von Entlastungsstunden und Geldmitteln ergeben. Jeder Modellversuch erfährt eine wissenschaftliche Begleitung. Diese soll über die gesamte Modellversuchsphase die Schulen begleiten und diesen Prozeß evaluieren und dokumentieren.

Im Jahre 1997 ist das Verfahren der Modellversuchsförderung grundsätzlich neu geordnet worden. Die länderübergreifende Zusammenarbeit bei Vorhaben rückt nun stärker in den Vordergrund. Gefördert werden nunmehr Programme, wobei der Modellversuch im herkömmlichen Sinne ein Element darstellt. Die Bedeutung einer gemeinsamen Bildungsplanung von Bund und Ländern ist damit erneut bekräftigt worden.

Durch die Neuregelung sollen die vorhandenen finanziellen Ressourcen noch effektiver genutzt werden und eine praxisbezogene Umsetzung von Ergebnissen schneller erfolgen. Insgesamt ist die BLK-abgestimmte Durchführung von Modellversuchen bzw. zukünftig von Programmen ein wesentlicher Beitrag zur koordinierten Bildungsplanung in einem föderativ aufgebauten Staat.

Mit Stand 1. Januar 1998 zeichnen sich im wesentlichen drei inhaltliche Dimensionen in der Weiterentwicklung des Thüringer Schulwesens durch genehmigte Versuche an Schulen ab:

1. Schulversuche, die an reformpädagogische Traditionen Thüringens anknüpfen Schulversuch zur Jenaplan-Pädagogik an den staatlichen Versuchsschulen:

- Jenaplan-Schule Jena, Ziegenhainer Str. 52, 07749 Jena (Staatliche Grund- und Regelschule bis Klassenstufe 10, genehmigt ab dem Schuljahr 1991/92)

- Jenaplan-Schule Suhl, Am Hoheloh 1, 98527 Suhl (Staatliche Grund- und Regelschule bis Klassenstufe 6, genehmigt ab dem Schuljahr 1993/94)

- Schulversuch Jenaplan an der Staatlichen Grundschule Christoph Martin Wieland, Gropiusstr. 1, 99423 Weimar (Staatliche Grundschule bis Klassenstufe 4, genehmigt ab dem Schuljahr 1994/95)

Dieser Schulversuch entwickelt Ideen und Traditionen der Jenaer Reformpädagogik (Jenaplan-Pädagogik) fort, die vor allem mit dem Wirken des Erziehungswissenschaftlers Peter Petersen (1884 bis 1952) verbunden sind.

Anstelle der Jahrgangsklasse wird mit altersgemischten Stammgruppen gearbeitet. Die traditionelle Form der Unterrichtsarbeit im Klassenverband wird ersetzt durch Unterrichtsformen wie das Kreisgespräch, die Arbeit in der Stammgruppe, in Kursen oder durch die Feier. Weitere Besonderheiten der Jenaplan-Versuchsarbeit sind zu finden in anderen Formen der Leistungsbewertung, in der räumlichen Ordnung des Schulgebäudes, im Morgenkreis, in der Wochenplan- und Projektarbeit, in dem Ganztagsangebot der Schulen, in der Zusammenarbeit mit den Eltern.

Schulversuch zur Reformpädagogik nach Hermann Lietz: Versuchsschule Hermann-Lietz-Schule Haubinda, Stiftung 1, 98663 Haubinda

Der Versuch beinhaltet die Wiedereinrichtung einer Bildungseinrichtung, die auf den Grundsätzen der Lietzschen Reformpädagogik aufbaut und an die Traditionen der Landerziehungsheime mit Schulstaat, Heimfamilie, Gilden, Kapelle u. a. anknüpft. Angestrebt werden die Einheit von Erziehung und Unterricht, von Schule und Internat, eingebunden in die Region und in die politische Gemeinde im Sinne der theoretisch und praktisch orientierten ganzheitlichen Erziehung der Schüler, die Integration in eine Schulgemeinschaft, die humanistischen und demokratischen Grundsätzen verpflichtet ist, die demokratische Selbstbestimmung der Schulgemeinschaft, die Schaffung von Freiräumen für künstlerisch-musische Erfahrungen sowie kreatives und praktisch erfahrbares Lernen, die Kooperation einer staatlichen Regelschule mit dem freien Träger des Heims, der Stiftung Landerziehungsheime.

2. Projekte zur Schulentwicklung und Schulversuche, die Auswirkungen des Systemumbruchs untersuchen Projekt zur Schulentwicklung Klassenstufenübergreifender Unterricht an 16 Thüringer Grundschulen:

Seit 1990 ist in allen neuen Bundesländern ein außergewöhnlich starker Rückgang der Geburten zu verzeichnen. So betrugen z. B. die Schülerzahlen der Grundschule im Schuljahr 1994/95 noch 132.000 Schüler und werden im Schuljahr 2000/01 bei 65.000 Schülern liegen (vgl. Kuthe, Manfred/Zedler, Peter: Entwicklung der Thüringer Grundschulen, Gutachten im Auftrag des Thüringer Kultusministeriums, Erfurt 1995).

Das bedeutet für die Thüringer Schulentwicklung, dass die pädagogisch-didaktischen Möglichkeiten kleiner Schulen zunehmend in allen Schularten an Bedeutung gewinnen werden. Das Projekt Klassenstufenübergreifender Unterricht an 16 Thüringer Grundschulen, das vom des TKM durchgeführt wird, zielt auf die Erarbeitung, Erprobung und Evaluation organisatorischer, didaktisch-methodischer und pädagogischer Grundlagen altersgemischten Lehrens und Lernens in kleinen und großen Grundschulen.

Schulversuch Lobdeburgschule: Staatliche Regel- und Versuchsschule Lobdeburgschule, Unter der Lobdeburg 4, 07747 Jena Ziel des Versuchs ist es, Möglichkeiten für die Gestaltung von kleinen Regelschulen zu erproben sowie die im Schulversuch entwickelten didaktischen und pädagogischen Konzepte für die Nutzung durch andere Regelschulen bereitzustellen. Eine Grundlage bei der Durchführung des Schulversuchs sind die verbindlichen Ziele und Inhalte der Thüringer Lehrpläne in der jeweils geltenden Fassung, welche für die Übergänge im Thüringer Schulwesen und für den Erwerb der schulischen Abschlüsse unverzichtbar sind. Die Stundentafel der Versuchsschule wird schrittweise in Richtung auf eine Struktur umgestaltet, die im wesentlichen durch drei Unterrichtsarten gekennzeichnet ist: Wochenplan und freie Arbeit, Fachunterricht sowie Epochenarbeit. Anteil und Umfang der Unterrichtsfächer, die für die Regelschule verbindlich sind, bleiben - jeweils für einen Bildungsgang - durch Vernetzung von Unterrichtsinhalten erhalten, werden jedoch innerhalb der Schuljahre zeitlich und didaktisch neu angeordnet und konzentriert.

3. Projekte zur Schulentwicklung und Schulversuche, die Schulen Freiräume zur inhaltlichen und schulorganisatorischen Gestaltung ermöglichen Schulversuch Globale Unterrichtsbedarfsberechnung an 14 Thüringer allgemeinbildenden Schulen: Meßzahlen für die Bildung von Klassen, Lerngruppen, Kursen gelten als Empfehlungen, von denen begründet abgewichen werden kann. Stundentafeln bleiben verbindlich, können aber unter Einhaltung von Jahresstundentafeln modifiziert werden. Die Wochenstundenzahl der Lehrkräfte kann variiert werden. Ziel des Versuchs ist die Aufrechterhaltung eines differenzierten Bildungsangebots auch an kleinen Schulen.

Die Ergebnisse des Schulversuchs werden durch das TKM für die landesweite Einführung der globalen Zuweisung von Wochenstunden für Lehrer, Erzieher und Sonderpädagogische Fachkräfte an Thüringer Schulen genutzt.

Anhand dieser wenigen ausgewählten Beispiele zur Veranschaulichung lässt sich die Rolle von Versuchen für die Thüringer Schulentwicklung in folgenden Thesen zusammenfassen:

1. Versuche haben dazu beigetragen, dass die beteiligten Schulen u.a. durch Rückbesinnung auf reformpädagogisches Erbe an Profil gewonnen haben. Eine erfreuliche Vielfalt von Schulprofilen ist nunmehr in der Thüringer Schullandschaft zu registrieren.

2. Versuche dokumentieren die Offenheit des Thüringer Schulwesens gegenüber neuen Ideen und erproben exemplarisch ihre Eignung als Angebot für eine Vielzahl von Schulen.

Die reformpädagogisch orientierten Schulversuche sind keine Kopien der alten Reformkonzepte zu Beginn dieses Jahrhunderts. Diese dienten als Anregung, um die traditionelle Schule mit ihrem jahrgangsbezogenen Unterricht, mit dem 45-Minuten-Takt, mit Frontalunterricht oder dem streng fachbezogenen Unterricht zu hinterfragen und eine zukunftsorientierte Schule zu gestalten.