Erarbeitung und Umsetzung des Profils der Thüringer Schulen

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie viele Thüringer Schulen haben ein eigenes Profil entwickelt und konzeptionell untersetzt (bitte nach Schulamtsbereichen aufschlüsseln)?

2. In welchen Bereichen/Themengebieten profilieren sich Thüringer Schulen (bitte nach Schulamtsbereich, Schulart aufschlüsseln)?

3. Wer wird in der Regel an der Erarbeitung und Umsetzung des Profils der Thüringer Schulen beteiligt?

4. Welche signifikanten Unterschiede im Profilierungsbemühen bei Schulen unterschiedlicher Schularten gibt es (bitte nach Schulamtsbereichen aufschlüsseln)?

5. Wie viele Wochenstunden wurden in Thüringen zur Profilierung der Einzelschule genehmigt (nach Schulamtsbezirken, Schulart, Anzahl)?

6. Welche bestätigten Konzeptionen von Schulen, die schulartübergreifend langfristig Zusammenarbeit mit anderen Schulen entwickeln wollen, gibt es (bitte nach Schulamtsbereichen aufschlüsseln)?

7. Gibt es bestätigte Konzeptionen von Regelschulen oder Gymnasien, die integrativ Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf beschulen (bitte nach Schulamtsbereichen aufschlüsseln)?

8. Gibt es für die unter Frage 7 benannten Schulen personelle Unterstützung durch zusätzliche Stellen? Wenn ja, welche?

9. Werden Aktivitäten von den unter Frage 7 benannten Schulen von den Schulträgern durch entsprechende bauliche Ergänzungen unterstützt?

12. Dezember 2003

Das Thüringer Kultusministerium hat die namens der Landesregierung mit Schreiben vom 30. November 2003 wie folgt beantwortet:

Zu 1.: Die langfristige und konsequente Strategie des Kultusministeriums ist es, die inhaltlichen, schulrechtlichen und personellen Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass an allen Thüringer Schulen in eigener Verantwortung über Schulentwicklung und damit über das Schulprofil entschieden werden kann. Ein besonders wichtiges Ziel ist dabei die Schulentwicklung zur Qualitätsverbesserung von Unterricht. Dieser soll verstärkt die individuelle Förderung und Forderung des einzelnen Schülers in den Mittelpunkt der pädagogischen Überlegungen und Anstrengungen stellen.

Der vorhandene Gestaltungsspielraum ist nicht nur eine Option für die Schulen, sondern zwingt jede Schule, die Verantwortung für die eigene Entwicklung zu einem Großteil in die eigenen Hände zu nehmen.

Thüringer Schulen profilieren sich als Einzelschulen vor Ort in oben genanntem Sinn und Ausmaß und mit dem Ziel, bestmögliche Angebote für die Förderung der dort lernenden Schülerinnen und Schüler zu unterbreiten.

Insofern kann ausgesagt werden, dass alle Thüringer Schulen ein eigenes Profil entwickelt haben und dieses konzeptionell untersetzen. Im Rahmen der dialogischen Schulaufsicht ist festzustellen, dass diese Konzepte durchaus unterschiedliche Qualität aufweisen. Die Strategie des Kultusministeriums bei der beratenden Begleitung und im schulaufsichtlichen Dialog besteht darin, die Verantwortung der Einzelschule vor Ort zu stärken. Konzepte liegen in der Verantwortung der Schulkonferenz und sind der Schulaufsicht nicht zur Genehmigung vorzulegen. Schulen bekommen mehr Rechte, größeren Gestaltungsfreiraum und damit mehr Verantwortung.

Darüber hinaus werden grundsätzlich neue pädagogische, methodische und organisatorische Modelle, die über die gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen hinausweisen, in Schulversuchen erprobt. Diese konzipiert, genehmigt, begleitet und evaluiert das Kultusministerium in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien und zahlreichen Wissenschaftlern.

Zu 2.: Im Rahmen der Aufgaben der Schulaufsicht werden für jedes Schuljahr Prüfschwerpunkte festgelegt. Dabei geht es jedoch entsprechend der unter Frage 1 ausgeführten Strategie nicht um eine der konzeptionellen Schwerpunktsetzung einzelner Schulen. Eine statistische Aufschlüsselung ist daher nicht möglich. Die von Thüringer Schulen verfolgten Profile zeigen jedoch insgesamt eine beeindruckende Vielfalt, die zum einen den jeweiligen regionalen Gegebenheiten Rechnung trägt und zum anderen zur stetigen qualitativen Weiterentwicklung in den Schularten und im Schulnetz beiträgt. Folgende Beispiele für Schulprofile machen dies deutlich: Grundschule:

- bewegungsfreundliche Schule

- Rhythmisierung des Schulalltags

- Englisch ab Klasse 1

- Mehrsprachigkeit

- Medienschulen

- reformpädagogische Konzeption (Jena-Plan, Montessori)

- Umweltschulen Europa

- Natur erleben und Naturgestaltung - Schule im Grünen

- Schule ohne Gewalt

- integrative Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf Regelschule:

- Zusammenarbeit Schule und Wirtschaft

- Berufswahlvorbereitung

- Sport

- Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

- Europaschule

- Umweltschule

- musisch-künstlerische Profilierung

- Darstellen und Gestalten, Schultheater

- Medienschulen

- Schule mit Ganztagsangeboten, insbesondere im Rahmen von Schuljugendarbeit

- enge Kooperation Grundschule - Regelschule/kindgerechter Übergang von der Grund- in die Regelschule

- bewegungsfreundliche Schule

- längeres gemeinsames Lernen und individuelle Förderung durch differenzierte Lernangebote

Gymnasium:

- mathematisch-naturwissenschaftliches Profil im Rahmen des Wahlunterrichts sowie im Wahlpflichtbereich

- sprachliches Profil durch die Fremdsprachenfolge und Angebote in der dritten und vierten Fremdsprache sowie bilinguale Zweige

- musisch-künstlerisches Profil durch Angebote im Rahmen des Wahlunterrichts sowie im Wahlpflichtbereich

- Verstärkung des Profils durch Angebote im Leistungskursbereich der Qualifikationsphase sowie

- außerunterrichtliche Angebote im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften und Schuljugendarbeit

- Spezialschulen und -klassen (Sport, Musik, Sprachen, Mathematik-Naturwissenschaften)

- Zusammenarbeit mit regionalen Institutionen und Firmen unter diversen Gesichtspunkten Förderschule:

- Förderschulen entwickeln sich zu Zentren der Unterrichtung, Förderung, Kooperation und Beratung

- integrationsfördernde Schuleingangsphase

- praxisorientierte Berufswahlvorbereitung

- bewegungsfreundliche Schule

- Rhythmisierung des Schulalltags

Zu 3.: Wie eine Schule ihr angestrebtes Profil umsetzen will, liegt in der Verantwortung der jeweiligen Schulkonferenz, also von Lehrern, Schülern und Eltern. Staatliche Schulämter und das Kultusministerium bilden die dialogische Schulaufsicht. Das erarbeitet die begleitende Fort- und Weiterbildung und die Evaluation von Prozessen der Qualitätsentwicklung an den Schulen. Außerdem können die Schulen auf ein breites Unterstützungssystem zurückgreifen.

Zu 4.: Auf die Beantwortung der Fragen 1 bis 3 wird verwiesen.

Zu 5.: Grundsätzlich ist die Profilierung der Einzelschule eine Aufgabe, die im Rahmen der Gesamtzahl der der Einzelschule zur Verfügung stehenden Wochenstunden zu leisten ist.

Die zusätzlich zur Verfügung stehenden Lehrerwochenstunden für die Profilierung von Regelschulen werden nach Maßgabe von Punkt 7.2.3 der Verwaltungsvorschrift für die Organisation der Schuljahre 2003/2004 und 2004/2005 vergeben.

Ergänzend wird auf Folgendes hingewiesen: Regelschule Schwerpunktmäßig sollen insbesondere Projekte im Bereich der Berufswahlvorbereitung sowie der Schultheaterarbeit und der Leseinitiative gefördert werden.

Bei der Zuweisung der Lehrerwochenstunden zur Profilierung von Regelschulen an die Staatlichen Schulämter wurden darüber hinaus folgende Kriterien in die Entscheidungsfindung einbezogen:

- Unterstützung landesweiter Projekte

- anteilmäßige Zuweisung nach Regelschulen je Schulamt mit Bezug auf bisherige und zukünftige Profilierungsvorhaben

Für die Zuweisung an die jeweiligen Staatlichen Schulämter stehen hier im Schuljahr 2003/2004 550 Lehrerwochenstunden zur Verfügung.

Grundschule Grundschulen erhalten Erzieherwochenstunden für die gemeinsame Gestaltung des Schulvormittags (Anlage 4 der oben genannten Verwaltungsvorschrift) zugewiesen.

Förderschule

Hier ist die spezifische Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe zu nennen.

Zu 6.: Wie bereits ausgeführt, müssen Schulen in Thüringen ihre Konzeptionen nicht zur Genehmigung vorlegen. Schulen können unter Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und unter Erreichung der Lehrplanziele Konzepte entwickeln und eigenständig umsetzen. Dies können sie auch in schulartübergreifender Zusammenarbeit tun. Es gibt Regelschulen und Gymnasien, die beispielsweise mit Förderzentren und Grundschulen kooperieren. Diese Schulen schließen selbst Kooperationsvereinbarungen miteinander, in denen sie Art, Umfang und Dauer der Kooperation festlegen.

Diese kann zeitlich begrenzt (ein thematisch abgeschlossenes Vorhaben, z. B. Projekt), punktuell (gemeinsames Sportfest), im Schuljahr wiederkehrend oder auf lange Zeit angelegt sein (dauernde Kooperation zu bestimmten Schwerpunkten, z. B. an gemeinsame Lehrerkonferenzen von Grundund weiterführender Schule, kindgerechter Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule).

Zu 7.: Es sind einige solche Konzeptionen bekannt, zum Beispiel erfolgt die Beschulung von sehbehinderten und blinden Schülern am Sophien-Gymnasium Weimar mit dem Ziel, diese durch gemeinsamen Unterricht zum Abitur zu führen.

Es ist jedoch vorgesehen, dass auf der Grundlage der Sonderpädagogischen Förderverordnung die Förderzentren in ihrer Region mit den in ihrem Einzugsbereich liegenden anderen allgemein bildenden Schulen Vereinbarungen treffen, wie sie die Förderung und Unterrichtung der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf konkret gestalten wollen.

Hierzu wird ein Arbeitsprogramm für das jeweilig laufende Schuljahr von den Förderzentren mit ihren Kooperationsschulen erarbeitet.

Dem vorgeschaltet ist die Umsetzung der Richtlinie des Kultusministeriums zu Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche mit besonderen Lernschwierigkeiten in den allgemein bildenden Schulen (außer Förderschule) in Thüringen vom 30. Juni 1998 durch die allgemein bildenden Schulen.

Zu 8.: Die Verwaltungsvorschrift für die Organisation der Schuljahre 2003/2004 und 2004/2005 vom 28. Januar 2003 in der Fassung der Ersten Änderung vom 15.April 2003 (veröffentlicht im Gemeinsamen Amtsblatt Nr. 2/2003 und Nr. 5/2003) gibt unter Punkt 7.4.1 die Möglichkeit, Lehrerwochenstunden zur Umsetzung der Richtlinie zur Förderung von Schülern mit besonderen Lernschwierigkeiten in den allgemein bildenden Schulen (außer Förderschulen) in Thüringen zu beantragen.

Den Schulämtern werden für die Umsetzung der Richtlinie zur Förderung von Schülern mit besonderen Lernschwierigkeiten in den allgemein bildenden Schulen (außer Förderschulen) in Thüringen vom 30. Juni 1998, Gz.: 2B 2/51570, GABl. S. 487, zusätzlich Lehrerwochenstunden zur Verfügung gestellt. Bei Bedarf können Grund- und Regelschulen sowie Gymnasien für diese Aufgaben Wochenstunden zusätzlich zur Schulpauschale beim Schulamt beantragen.

Für die Beschulung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im gemeinsamen Unterricht an Grund- oder Regelschulen oder Gymnasien erhält das Förderzentrum, das die sonderpädagogische Förderung und Beratung durchführt, die Differenz der Stunden zwischen der für die Beschulung in einer Förderschule und der an anderen allgemein bildenden Schulen vorgesehenen Stunden zur Durchführung dieser Aufgabe über einen Schulamtspool zugewiesen.

Als Berechnungsgrundlage gilt die oben genannten Verwaltungsvorschrift.

Zu 9.: Schulträger haben verschiedene Möglichkeiten, bauliche Veränderungen vorzunehmen bzw. zu unterstützen. Bei Neubauten werden ohnehin alle für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen nötigen Einbauten vorgenommen.

Andere bauliche Veränderungen sind an Inhalte (z. B. Ganztagsangebote) gebunden.

Eine Beantwortung der Frage ist nicht möglich, weil Verantwortlichkeiten des Schulträgers im Einzelnen im Kultusministerium nicht statistisch erfasst werden.