Ausbildung

C.VI. Lebenslanges Lernen

­ Situationsbeschreibung ­ enten Lernorganisation einschließlich der Kenntnis und des erfolgreichen Einsatzes von Lernstrategien subsumieren. Ferner gilt es, Ressourcen und Medien zu nutzen und mit anderen lebendige Lerngemeinschaften zu bilden. Lernkompetenz wird dort entwickelt, wo Lernende Gelegenheit und Anregung erhalten, ihre eigenen Lernprozesse angstfrei und ohne unmittelbaren Leistungsdruck zu analysieren und zu reflektieren. Hierfür müssen geeignete Bedingungen gegeben sein.

Mit dem Ziel, allgemeine Lernkompetenzen zu fördern, orientieren sich die Thüringer Lehrpläne am Erwerb grundlegender Kompetenzen, die als flexible Fertigkeiten für die Bewährung in breit definierten Problemfeldern verstanden werden. Vor allem die personalen Kompetenzen der Selbst- und Sozialkompetenz, die unter anderem Selbstachtung, Selbststeuerung, Empathie und Diskursfähigkeit beinhalten, sind wesentliche Voraussetzungen selbst gesteuerten lebenslangen Lernens, auch bei kooperativ angelegten Lernanforderungen. Die Entwicklung der genannten Kompetenzen setzt die Möglichkeit ihrer Entfaltung im problemlösenden, entdeckenden und projektorientierten Unterricht voraus und erfordert die sensible Messung der sich verändernden Kompetenzen als Grundlage für differenzierte Fördermaßnahmen. Für diesen Zweck ist ein Verfahren erarbeitet worden, das der Einschätzung zur Kompetenzentwicklung dienen und überfachliche Fertigkeiten, Leistungen, Haltungen und Verhaltensstile einer differenzierten Erfassung zugänglich machen soll.

Außerhalb des Unterrichts bieten Schülerwettbewerbe, die regelmäßig veranstaltet werden, Kindern und Jugendlichen frühzeitig Plattformen, um bereits erworbene Selbststeuerungskompetenzen (als eine der wichtigsten Grundlagen für lebenslanges Lernen) auszuprobieren und dafür Anerkennung zu erhalten. Da Leistungswettbewerbe mehr den sozialen Vergleich als die individuellen Lernbedürfnisse oder die Lerngegenstände zum Erfolgsmaßstab nehmen, können sie zur Förderung von Lernkompetenz nur eine eingeschränkte Rolle spielen.

Zur Sicherung eines klar festgelegten Grundwissens und unverzichtbarer Kompetenzen hat Thüringen gemeinsam mit anderen Ländern Bildungsstandards für verschiedene Unterrichtsfächer entwickelt. Die Bildungsstandards beschreiben Kerninhalte, die als gesichertes Wissen zusammen mit Fertigkeiten, Fähigkeiten und überfachlichen Kompetenzen am Ende eines Bildungsabschnitts verbindlich vorhanden sein sollen. Auch für das Abitur wurden abge146

Vgl. die Diskussion bei Conein, C.; Nuissl, E.: Lernen wollen, können, müssen! Lernmotivation und Lernkompetenz als Voraussetzungen lebenslangen Lernens. In: Arbeitsstab Forum Bildung (Hrsg.), Lernen ­ ein Leben lang. Vorläufige Empfehlungen und Expertenbericht. Bonn 2001, S. 71-85.

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­ Situationsbeschreibung ­ stimmte Anforderungsprofile für die einzelnen Fächer entwickelt, die so genannten Einheitlichen Prüfungsanforderungen (EPAs). Mit diesen Maßnahmen sollen auch die Bildungsabschlüsse in den verschiedenen Bundesländern transparenter und einheitlicher werden.

Ein Schritt zur Schaffung eines europäischen Raumes des lebenslangen Lernens und zur Vorbereitung Thüringer Schülerinnen und Schüler für Studien und Berufstätigkeiten in Europa ist die Entwicklung des Thüringer Modells eines Europäischen Sprachenportfolios. Dabei handelt es sich um ein Instrument, mit dessen Hilfe Sprachenlernende die Möglichkeit erhalten, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten in Bezug auf eine bestimmte Sprache selbst einzuschätzen sowie ihr Können selbstständig weiter zu entwickeln. Das Portfolio gehört dem Lernenden und kann für alle modernen Sprachen, auch die außerhalb der Schule erworbenen, eingesetzt werden. Das Sprachenkönnen wird dokumentiert auf der Grundlage eines sechsstufigen Systems von Skalen und Niveaustufen, das dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen entspricht. Am Ende des schulischen Bildungsganges oder beim Verlassen der Schule werden die erreichten Qualifikationen in einen Sprachenpass übernommen und können somit bei einer Bewerbung mit vorgelegt werden. Das Portfolio garantiert damit Vergleichbarkeit sprachlicher Kompetenzen im europäischen Kontext. Gegenwärtig läuft an 24

Thüringer Schulen eine eineinhalbjährige Erprobung, deren Ziel es ist, das Portfolio flächendeckend ab der Klassenstufe 3 einzuführen.

Zur Förderung des selbstständigen und kooperativen Lernens wurden das Seminarfach in der gymnasialen Oberstufe und die Projektarbeit in der Regelschule eingeführt. Die eigenständige Arbeit wird in diesem Unterricht durch Vermittlung von Arbeitsmethoden und Präsentationstechniken vorbereitet und begleitet. Nach ersten Erkenntnissen fördert dies die Kooperationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler und unterstützt ihre Berufswahlentscheidung.

Erwerb von Schulabschlüssen

Das (achtjährige) Gymnasium in Thüringen nimmt über 30 Prozent jedes Altersjahrgangs auf.

Einschulungsalter, Rückstellungs- und Versetzungsquoten in den Schularten unterscheiden sich nicht wesentlich von den anderen deutschen Bundesländern. Allerdings erwerben 9,4 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger am Ende nicht einmal einen Hauptschulab147

Vgl. Trim, J.; North, B.; Coste, D. in Zusammenarbeit mit Sheils, J.: Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen. München 2001.

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­ Situationsbeschreibung ­ schluss. Berücksichtigt man die Zahl der Hauptschulabgängerinnen und -abgänger insgesamt, dürfte mehr als ein Drittel der Thüringer Hauptschülerinnen und -schüler (deutschlandweit: ein Viertel) die Schule ohne Abschluss verlassen. Diese Quoten gehen vor allem zu Lasten der Jungen, die hier doppelt so stark vertreten sind wie die Mädchen.

Zur Entschärfung dieser Situation wurde auch in Thüringen das Berufsvorbereitende Jahr eingeführt, das anscheinend die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Hauptschulabschluss führt. Auch das Freiwillige 10. Schuljahr bietet unter anderem die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Der engen Verzahnung von schulischer und betrieblicher Ausbildung, mit der der Schulmüdigkeit erfolgloser Hauptschülerinnen und -schüler begegnet werden soll, dient das Projekt IMPULS (Interessieren ­ Motivieren ­ Produzieren ­ Umsehen ­ Lernen ­ Starten) zur Ausbildungsvorbereitung benachteiligter Jugendlicher, das das Thüringer Kultusministerium in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Infrastruktur, der Jugendberufshilfe Thüringen e.V. und den zuständigen Stellen für die Berufsausbildung durchführt. Das Programm basiert auf der Nutzung dreier Lernorte (Berufsschule, Maßnahmeträger und Betrieb) und schließt in Vorbereitung auf eine Berufsausbildung die notwendige Dualität zwischen Theorie und Praxis ein.

Für die Betreuung der Maßnahme beim Maßnahmeträger und im Betrieb ist der Einsatz von Sozialpädagoginnen und -pädagogen vorgesehen. Zur Prüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen sind Studien von neutraler Seite erforderlich.

Übergang Schule ­ Arbeitswelt 13 Prozent der Personen in Deutschland, die 20 Jahre oder älter, aber noch nicht 25 Jahre alt sind, verfügen über keinen Berufsabschluss (Studierende etc. wurden nicht mitgezählt)1. In den neuen Ländern sind es weniger, aber immerhin noch 9 Prozent. Ausländer bzw. Zugewanderte sind deutlich stärker betroffen als Deutsche, Frauen etwas stärker als Männer und dies, obwohl sie im Durchschnitt bessere Bildungsabschlüsse erzielen.

In den neuen Ländern verfügen 75 Prozent derjenigen 20- bis 25jährigen, die keinen Hauptschulabschluss erreicht haben, auch nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Diese Quote ist wesentlich höher als bei Vorliegen eines Hauptschul- (22 Prozent) oder eines Real148

Kompendium Statistik des Thüringer Kultusministeriums 2004.

Hovestadt, G.: Jugendliche ohne Berufsabschluss. Eine Studie im Auftrag des DGB-Bundesvorstandes. Rheine 2003, S. 5.