Steuer

II. Leben in Thüringen: sozioökonomische Lage und Identität Thüringen hat in den zwei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung eine tiefgreifende Umstrukturierung seiner Wirtschaft erfahren. Nach vier Jahrzehnten Abschottung vom Weltmarkt war in einer der großen deutschen Industrielandschaften für die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und für die Modernisierung der Infrastruktur ein enormes Volumen privater und öffentlicher Investitionen erforderlich. Nach anfänglichen Einbrüchen der Produktion, der Beschäftigung und des Außenhandels im Zuge des wirtschaftlichen Systemwechsels trug die Neuorganisation der Wirtschaft Früchte (Überblick bei Sonntag/Walter/Schreiber 2011; Paque 2009; TM 2008). Vor allem drei Aspekte dieser Entwicklungen sind mit Blick auf die Einschätzungen der Thüringer hervorzuheben.

Erstens hat die Thüringer Wirtschaft ­ beginnend mit zweistelligen Steigerungsraten ­ seit 1992 ein beträchtliches Wachstum erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich von 17,2 Mrd. im Jahr 1991 auf 49,9 Mrd. im Jahr 2010 fast verdreifacht, preisbereinigt immerhin mehr als verdoppelt.

Abb. 1: Arbeitslosenquoten 1991-2010

(in Prozent der zivilen Erwerbspersonen) Anm.: Für 1991-1993 Arbeitslosenquote der abhängigen zivilen Erwerbspersonen Quellen: Thüringer Landesamt für Statistik (Thüringer Daten); Statistisches Bundesamt (Vergleichsdaten)

Um ein Vielfaches gewachsen ist das Volumen des Außenhandels; bei völliger Neuausrichtung der Handelsströme stiegen die Exporte von 1,5 Mrd. (1991) auf 10,9 Mrd. (2010). Das durchschnittliche verfügbare Jahresnettoeinkommen privater Haushalte pro Kopf hat sich in Thüringen von 1991 bis 2006 verdoppelt, preisbereinigt nimmt sich der Zuwachs um ca. ein Drittel allerdings moderater aus.

Zweitens haben sich Thüringen und die übrigen neuen Länder ­ trotz ihrer beachtlichen Erfolge ­ dem westdeutschen Wirtschaftsniveau zwar angenähert, dieses aber (noch) nicht erreicht. Die Arbeitsproduktivität (Abb. 2), die Exportquote und das Lohnniveau liegen bei drei Viertel bis vier Fünftel der jeweiligen westdeutschen Werte, und selbst die Beschäftigungslage Thüringens ist ungünstiger als der westdeutsche Durchschnitt, so dass der Freistaat nach wie vor Arbeitskräfte durch Abwanderung verliert. Trotz der beträchtlichen Steigerung ihrer Wirtschaftskraft ist daher das Steueraufkommen der neuen Länder auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch niedrig; 2010 lag es pro Kopf der Bevölkerung für Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei ca. der Hälfte des Durchschnitts der deutschen Länder insgesamt.

Abb. 2: Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen 1991-2010

(in zu Marktpreisen) Quellen: Thüringer Landesamt für Statistik (Thüringer Daten); Statistisches Bundesamt (Vergleichsdaten) Drittens: Im Vergleich der neuen Länder steht Thüringen in vieler Hinsicht gut da. Beim Wirtschaftswachstum und beim Wachstum der Produktivität (nicht allerdings beim erreichten Niveau der Produktivität) steht Thüringen an der Spitze der ostdeutschen Länder vor Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg/Berlin. Auch beim Volumen 1 Steuern der Länder vor Umsatzsteuerausgleich. Vgl. Bundesfinanzministerium 2011, S. 9, Tab. 1. des Weiteren hatte Thüringen in den vergangenen Jahren nach Sachsen die höchste Exportquote. Und in der Arbeitslosenstatistik nimmt Thüringen ­ freilich begünstigt durch seine Lage als Nachbar dreier westlicher Länder ­ seit 1998 den besten Platz im ostdeutschen Vergleich ein.

Auch die jüngste Wirtschaftskrise hat Thüringen vergleichsweise gut gemeistert. Nach einem zwar etwas größerem Rückgang 2009 hat es 2010 ein kräftigeres Wachstum (+ 3,7 Prozent) erzielt als die übrigen neuen Länder (+ 2,7 Prozent). Im ersten Quartal 2011 übertrafen die Thüringer Exporte ihren bisherigen Höchststand vom zweiten Quartal 2008. Und in der Arbeitslosenstatistik hat Thüringen 2010 seinen Abstand vor dem Durchschnitt der ostdeutschen Länder ausgebaut (Abb. 1).

Dem Umstand, dass Thüringen insgesamt glimpflich durch die Weltwirtschaftskrise gekommen ist und dass das Land im Laufe des Jahres 2010 einen neuen Aufschwung erlebt hat, der die Arbeitslosenzahlen auf einen seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr gekannten Wert zurückgeführt hat, dürfte es zuzuschreiben sein, dass die Thüringer im Frühsommer 2011 die allgemeine wirtschaftliche Lage des Freistaats sehr positiv sehen. 83 Prozent der Befragten, mehr als bei jeder früheren Messung durch den THÜRINGEN-MONITOR, halten ihren Arbeitsplatz für sicher. Und nachdem bei der letztjährigen Erhebung in der Spätphase der Krise im Januar 2010 nur noch 38 Prozent der Thüringer die Wirtschaftslage des Landes als gut eingeschätzt hatten, ist dieser Anteil nun auf 60 Prozent angewachsen ­ das ist nicht nur der stärkste Anstieg von einem Jahr zum nächsten, sondern auch der höchste Wert, der bei den Erhebungen des THÜRINGEN-MONITORs bisher gemessen wurde (Abb. 3). Abb. 3: Positive Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Thüringens und der eigenen finanziellen Situation 2000 bis 2011

(Werte sehr gut und gut zusammengefasst;in Prozent)