Kinderbetreuung

Leben in Thüringen: sozioökonomische Lage und Identität 15

Wie andere Erhebungen so zeigt auch der THÜRINGEN-MONITOR, dass die individuelle wirtschaftliche Situation stets besser als die allgemeine Wirtschaftslage eingeschätzt wird und überdies eine hohe Konstanz aufweist. Seit 2000 beurteilt fast durchgehend mehr als die Hälfte der Befragten die eigene finanzielle Situation als gut oder sehr gut, jeder dritte bis vierte nennt sie weniger gut und jeder sechste bis zehnte als schlecht. Diese Konstanz erklärt sich aus der Urteilsgrundlage. Seine eigene finanzielle Situation, die sich ­ jedenfalls für die Mehrheit ­ nicht kurzfristig ändert, kann jeder selbst einschätzen. Für die Beurteilung der allgemeinen Wirtschaftslage hingegen ist der Einzelne auf Informationen anderer aus zweiter oder dritter Hand angewiesen, ist also faktisch vor allem von der schwankenden Konjunkturen unterliegenden Medienberichterstattung abhängig. Abbildung 3 zeigt, dass sich das Urteil über die allgemeine wirtschaftliche Lage Thüringens 2011 wieder der relativ konstant positiven Einschätzung der persönlichen finanziellen Situation angenähert hat, die sich 2010 im Gegensatz zur allgemeinen Wirtschaftslage sogar noch verbessert hatte. Damit ist 2011 die bereits aus den Jahren 2007 und 2008 bekannte, für Zeiten der guten Konjunktur typische Situation wieder eingetreten, dass allgemeine und individuelle Wirtschaftslage ähnlich beurteilt werden.

Generell gilt, dass die persönliche finanzielle Situation die Sicht der allgemeinen Lage zwar beeinflusst, dieser Einfluss jedoch so moderat ist, dass einiger Spielraum bleibt für die Wirkung medial kommunizierter Szenarien der Wirtschaftsentwicklung, insbesondere im Hinblick auf deren Folgen für die Beschäftigungslage. So halten 2011 ca. 70 Prozent der persönlich gut Gestellten zugleich die allgemeine Wirtschaftslage Thüringens für gut, aber von den persönlich schlecht Gestellten tun dies immerhin 45 Prozent ebenfalls. Insgesamt gesehen ist festzuhalten, dass sich 2011 nicht nur der seit 2006 erkennbare Aufwärtstrend bei der Beurteilung der persönlichen finanziellen Lage stabilisiert hat, sondern auch der Wirtschaftsaufschwung seit 2010 voll auf die Einschätzung der allgemeinen Wirtschaftslage Thüringens durchschlägt.

Es kann daher nicht überraschen, dass die große Mehrheit der Thüringer die Auffassung vertritt, ihr Land könne einen Vergleich mit anderen Ländern gut bestehen. Fast zwei Drittel der Befragten halten die wirtschaftliche Lage Thüringens für besser als die in den anderen ostdeutschen Ländern. Für mehr als vier Fünftel gilt, dass Thüringen auch den Vergleich mit vielen westdeutschen Ländern nicht zu scheuen braucht. Und fast neun von zehn Befragten erklären: Auf das, was hier in Thüringen seit 1990 erreicht wurde, kann man stolz sein.

Diese Sichtweise ist so weit verbreitet, dass auch die weit überwiegende Mehrheit der sich benachteiligt Fühlenden oder der sich nach den DDR-Verhältnissen Zurücksehnenden sich ihr nicht verschließt.

Bei so viel Stolz auf das Erreichte und so viel positiver Bewertung der Leistungen im Land ­ deutlich über das Maß der vorangegangenen Jahre hinaus ­ verwundert es nicht, dass 2011 auch die Identifikation mit Thüringen zugenommen hat (Abb. 4). In den Vorjahren hatten sich in der Regel zwischen 42 und 46 Prozent der Befragten in erster Linie als Thüringer verstanden, 2010 waren es mit 48 Prozent knapp die Hälfte, und 2011 sind es mit 56 Prozent erstmals deutlich mehr als die Hälfte. Der Anteil derjenigen, die sich vornehmlich als Deutsche verstehen, liegt wie bisher bei knapp 30 Prozent (lediglich 2006, im Sommer der Fußballweltmeisterschaft, war der Anteil der Deutschen schlagartig angestiegen); dagegen sind die Anteile der Ostdeutschen mit jetzt elf Prozent und der Europäer mit fünf Prozent rückläufig und auf ihrem bisherigen Tiefststand angelangt.

Das Selbstverständnis hängt mit dem Alter zusammen. Die Thüringer sind am stärksten in der älteren Generation vertreten. In den Altersgruppen ab etwa 35 Jahren machen sie durchweg etwa 60 Prozent, bei den Jüngeren nur 40 Prozent aus.Deutsche; bei den unter 25-Jährigen sieht sich die Hälfte als Deutsche, gut 40 Prozent als Thüringer und jeweils nur drei Prozent als Ostdeutsche oder als Europäer. Frauen neigen deutlich mehr zu einer Thüringen-Identifikation als Männer, diese verstehen sich dafür häufiger als Deutsche. Wer in Thüringen lebt, aber nicht dort geboren ist, versteht sich verständlicherweise seltener als Thüringer als Eingeborene. Wer aus einem der westlichen Bundesländer stammt, definiert sich mehrheitlich als Deutscher oder als Europäer ­ aber immerhin auch zu einem Drittel als Thüringer. Wer aus einem der anderen neuen Länder kommt, tendiert stärker dazu, sich als Ostdeutscher (21 Prozent) zu verstehen, mehrheitlich jedoch als Deutscher (37 Prozent) Thüringer (28 Prozent) oder Europäer (10 Prozent). Auch der Bildungsstand und die Größe des Wohnorts haben Einfluss auf die Identifikation. Befragte mit Abitur fühlen sich um 20 Prozentpunkte seltener als Thüringer denn Befragte ohne Abitur, dafür häufiger als Deutsche und als Europäer. Dagegen sind die kleineren Orte mit bis zu 5.000 Einwohnern eine Domäne der Thüringer. Abb. 4: Identität 2000-2011

(in Prozent)

Gerade wer sich als Thüringer versteht, wer stolz ist auf das im Freistaat Erreichte, und wer Thüringen wirtschaftlich derzeit in guter Verfassung sieht, muss ein besonderes Interesse daran haben, dass das Erreichte gesichert wird, und dass das Land in eine gute Zukunft geht.

Wie die Thüringer die auf diesem Weg zu meisternden Herausforderungen in einzelnen Problemfeldern wahrnehmen, ist in früheren THÜRINGEN-MONITORen untersucht worden.

Dem Themenschwerpunkt des vorliegenden THÜRINGEN-MONITORs entsprechend ist von besonderem Interesse, wie der Standort Thüringen gesichert werden kann. Angesichts der demographischen Entwicklung kommt es dabei vor allem drauf an, qualifiziertes Personal im Land zu halten und ins Land zu holen. Deshalb wurde den Thüringern die Frage vorgelegt, wie wichtig einzelne Faktoren für die Attraktivität Thüringens auf Fachkräfte sind. Dabei sollte die Bedeutung von sieben Standortfaktoren in vier Stufen der Wichtigkeit eingeschätzt werden. Zunächst ist festzuhalten, dass die Bandbreite der möglichen Antwortalternativen nicht ausgeschöpft wurde. So gut wie niemand hat einen der Faktoren als unwichtig eingestuft, und auch für weniger wichtig hält ein nennenswerter Anteil der Befragten nur zwei der Faktoren. Dieses Antwortverhalten reflektiert die Frageformulierung, die keinerlei restriktive Bedingungen setzt und insbesondere nicht verlangt, die Faktoren in eine Rangfolge zu bringen. Die Antworten dürften deshalb die aus der Sicht der Befragten wünschenswerte Ressourcenausstattung wiedergeben, die nicht die bei Ausgabenentscheidungen regelmäßig gegebene Mittelknappheit widerspiegelt.

Dennoch ist die Antwortverteilung aufschlussreich. Die höchste Bedeutung für die Attraktivität des Standorts Thüringen für Fachkräfte wird dem Angebot von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie von Kinderbetreuung zugemessen. An dritter Stelle folgen gute Verdienstmöglichkeiten. Diese harten Faktoren sind nur zu einem Teil durch staatliches Handeln beeinflussbar, so die Ausbildungsplätze und die Kinderbetreuung, nicht hingegen die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und das Lohnniveau. Gute Verkehrsinfrastruktur und Hochschulen nehmen einen mittleren Rang ein. Im Fall der Hochschulen mag das auch damit zusammenhängen, dass der Begriff Fachkräfte keinen eindeutigen Rückschluss auf das Niveau der zugehörigen Qualifikation erlaubt. Bezeichnenderweise schätzen Befragte mit höherer Bildung die Bedeutung von Hochschulen als Standortfaktor deutlich höher ein. Am Schluss der Liste rangieren das Kulturangebot und das Erscheinungsbild der Städte als weiche Faktoren, obwohl sie von immerhin knapp 90 Prozent der Thüringer als mindestens wichtig bezeichnet werden.