Krankenversorgung

November 1991 hat folgenden Wortlaut:

Nach der positiven Evaluierung der Medizinischen Akademie Erfurt durch den Wissenschaftsrat gibt es Proteste der Studierenden und Beschäftigten gegen die weiterhin ungesicherte Perspektive der Hochschule, insbesondere der vorklinischen Einrichtungen.

Ich frage die Landesregierung:

1. Auf welche Höhe belaufen sich nach derzeitiger Kenntnis der Landesregierung die Investitionskosten für Aus- und Neubauten der Medizinischen Akademie Erfurt mit und ohne Vorklinik?

Wie werden sich diese Kosten auf Bund und Land verteilen?

2. Welche Investitionskosten würden dem Land und der Stadt Erfurt bei einem eventuellen Weiterbetrieb der Medizinischen Akademie Erfurt als Landeskrankenhaus oder als Städtische Klinik entstehen?

3. Wie steht die Landesregierung zu den von der Medizinischen Akademie Erfurt vorgelegten Berechnungen für die Kosten der vorklinischen Institute der Medizinischen Akademie Erfurt, insbesondere für eine Interimslösung?

4. Ist die Landesregierung bereit, die durch den Betrieb von zwei humanmedizinischen Ausbildungsstätten in Thüringen (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Medizinische Akademie Erfurt) entstehenden Mehrkosten zu tragen?

Das Thüringer Ministerium für Wissenschaft und Kunst hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 16. Dezember 1991 wie folgt beantwortet: Thüringen besitzt zwei medizinische Hochschuleinrichtungen für die Ausbildung von Human- und Zahnmedizinern:

- die Medizinische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU)

- die Medizinische Akademie Erfurt (MAE).

Ein Hochschulklinikum hat neben der Ausbildung von zukünftigen Humanmedizinern und Stomatologen auch die Aufgabe, im Land eine Krankenversorgung auf höchstem wissenschaftlichem Niveau anzubieten (Maximalversorgung), die Weiterbildung von Ärzten und Zahnärzten zu ermöglichen, Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens wahrzunehmen und die internationale Forschung auf medizinischem Gebiet sowie in benachbarten Disziplinen voranzutreiben. Die von den Krankenkassen bezahlte Krankenversorgung zwingt nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) zur kaufmännischen Buchführung und letztlich zu Wirtschaftlichkeitsüberlegungen und zur Wirtschaftsführung wie in großen Produktionsbetrieben. Aus diesem Grund besitzt jedes Klinikum ein eigenes Haushaltskapitel im Landeshaushaltsplan im Einzelplan 15 und wird wirtschaftlich losgelöst von der Kernuniversität wie ein Krankenhaus geführt.

Beide Hochschulklinika (FSU und MAE) sind Krankenhäuser der Maximalversorgung, welche darüber hinaus im jeweiligen Territorium auch Aufgaben der Grund-, Regel- und Zentralversorgung wahrnehmen.

Die Territorialanalyse für die FSU ergab für diesen Standort einen Gesamtbettenbedarf (Maximalversorgung mit Grund-, Regel- und Zentralversorgung) von 1.455 Betten, davon 600 bis 700 Betten für die Grund- und Regelversorgung. Nach Rücksprache mit dem Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit wird an diesem Standort in den nächsten zehn Jahren keine Änderung hinsichtlich der Krankenversorgung zu erwarten sein.

Die MAE ist ein Krankenhaus der Maximalversorgung im Territorium Erfurt mit derzeit 1.615 Planbetten und 3.538 Be-schäftigten (19. Oktober 1991). Darüber hinaus wird die MAE für einen mittelfristigen Zeitraum von mindestens zehn Jahren weiterhin auch Aufgaben der Akutversorgung (Grund- bis Zentralversorgung) im Territorium Erfurt wahrnehmen müssen. Ein Landeskrankenhausplan für das Land Thüringen ist in Vorbereitung.

Ein weiterer Bettenabbau wird an beiden Standorten angestrebt, nur ist die vom Wissenschaftsrat (Empfehlungen zur Hochschulmedizin in den neuen Ländern und in Berlin vom 27. September 1991) geforderte Reduzierung auf 1.350 Betten für ein Hochschulklinikum kurzfristig nicht realisierbar.

Die Zahl der von solch einer Ausbildungseinrichtung auszubildenden Human- und Zahnmedizinstudenten richtet sich nicht nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, sondern entsprechend dem Einigungsvertrag (Anlage I Kap. XVI Sachgebiet A Abschnitt II. 2 e, cc) spätestens ab 1. Juli 1993 nach der Kapazitätsverordnung § 6 Abs. 1 des Gesetzes zum Staatsvertrag über die Vergabe von Studienplätzen vom 1. Dezember 1986.

Wird bei der Ausbildung den Empfehlungen des Wissenschaftsrates gefolgt, würden pro Jahr an der FSU maximal 40 Studenten der Zahnmedizin und 200 Studenten der Humanmedizin zugelassen werden.

Der Wissenschaftsrat hält an der MAE eine jährliche Zulassungszahl von ca. 60 Studenten für die Zahnmedizin und von maximal 120 für die Humanmedizin für angemessen.

Sollte das Land Thüringen dem Staatsvertrag beitreten, wären für die klinische Ausbildung folgende Studentenzahlen pro Jahr zulässig (bei 85%iger Bettenauslastung): FSU: 308 Studenten der Humanmedizin MAE: 329 Studenten der Humanmedizin Jährlich könnten daher etwa 635 Studenten der Humanmedizin in Thüringen klinisch ausgebildet werden.

Die zulässige Zahl der Zahnmedizinstudenten richtet sich nach der Zahl der vorhandenen Behandlungsstühle.

Für die Abschätzung des Bedarfs an Studienplätzen Human- und Zahnmedizin in Thüringen liegen verschiedene Angaben vor:

a) Seitens der Landesärztekammer Thüringen wird bei einer vorsichtigen Schätzung ein Bedarf an ca. 200 bis 250

Humanmedizinern jährlich angegeben.

b) Bezieht man die Absolventenzahlen der Flächenländer unter den alten Bundesländern von 1989 auf die Bevölkerungszahl Thüringens 2.684 Mio., wären 427 Absolventen der Humanmedizin und 59 Absolventen der Zahnmedizin für die Ausbildungseinrichtungen des Landes Thüringen angemessen.

Berücksichtigt man zusätzlich auch noch die Ausbildungskapazität von Hamburg und Berlin, hätten bevölkerungsbezogen 1989 umgerechnet jährlich 550 Humanmediziner und 80 Zahnmediziner für Thüringen ausgebildet werden können. Wird die Senkung der Zulassungszahlen um 20 % zum Studienjahr 1990/91 berücksichtigt, wären es 440 bzw. 64 Absolventen.

c) Im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft und Kunst wurde von der Projektgruppe Hochschulforschung Berlin Karlshorst eine Studie Voraussichtliche Entwicklung der Studienanfängerzahlen in den Studienfächern Medizin, Pharmazie, Psychologie und Biologie an Hochschulen in Thüringen im Juni 1991 erstellt.

Basierend auf demographischen Angaben zur Altersstruktur in Thüringen werden im Mittel bis zum Jahr 2005 für das Studium der Humanmedizin 292 Studienanfänger jährlich und für das Zahnmedizinstudium 52 prognostiziert. Hierbei wurde der Bedarf seitens der Patientenentwicklung (Bevölkerungszahl) nicht berücksichtigt.

Die geographische Lage Thüringens und die Standorte der anderen medizinischen Ausbildungseinrichtungen in Deutschland lassen keinen nennenswerten Zustrom von Studenten aus benachbarten Bundesländern oder aus dem Ausland erwarten.

d) Im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft und Kunst wird ein Gutachten zum Finanzbedarf im Hochschulbereich des Landes Thüringen erstellt. Als ein Zwischenergebnis zur Entwicklung der Studentenzahlen wird für die Medizin/Zahnmedizin eine gleichbleibende Gesamtstudentenzahl von etwa 2.

Studenten/Jahr bis zum Jahr 2000 vorausgesagt. Bei einer Verweildauer von 12 Semestern wären das ca. 333

Studenten pro Studienjahr.

Sollte Thüringen jährlich mehr als 350 Humanmediziner und etwa 60 Zahnmediziner ausbilden, geschieht dies wahrscheinlich nicht zugunsten des eigenen Landes. Die Ausbildungskapazität Thüringens sollte sich daher an diesen Richtwerten orientieren.

Derzeit werden an der FSU 1080 Studenten der Humanmedizin und 276 Studenten der Zahnmedizin ausgebildet.

An der MAE sind es derzeit 567 Studenten der Humanmedizin und 257 Studenten der Zahnmedizin. Nach den Untersuchungen des Wissenschaftsrates werden die laufenden Betriebskosten für ein Universitätsklinikum in den alten Bundesländern mit mehr als 100 Mio. DM jährlich bezuschußt, d. h. nach Abzug der Einnahmen aus der Krankenversorgung verbleibt dieser Mittelbedarf. So wendet z. B. das Land Nordrhein-Westfalen jährlich knapp 900 Mio. DM als Zuschuß für den laufenden Betrieb seiner sieben medizinischen Einrichtungen auf und das Land Baden-Württemberg annähernd 500 Mio. DM für seine vier medizinischen Ausbildungsstätten.

Zu erwartende Personalkosten:

Bei beiden Einrichtungen ist bei Beibehaltung ihrer derzeitigen Struktur eher mit einem Anstieg als mit einer Reduzierung der Personalkosten zu rechnen, trotz Bettenabbaus.

Zu erwartende Sachkosten:

Der Sachkostenzuschuß ist wesentlich zu erhöhen, da ein enormer Nachholbedarf hinsichtlich der Ausstattung vor allem für die Krankenversorgung, aber auch für Forschung und Lehre besteht.

Die Förderung nach dem Hochschulbauförderungsgesetz (HBFG) betrifft nur Großgeräte und Baumaßnahmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert eine Grundausstattung vor Ort, um Projekte bewilligen zu können. Die Kleingeräte und Verbrauchsmittel sind vom Land zu finanzieren, soweit sie nicht von den Krankenkassen finanziert werden.