Es folgen einige organisatorische Hinweise zum Ablauf der Anhörung

Vorsitzender Wolfgang Große Brömer: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich begrüße Sie herzlich zu unserer öffentlichen Anhörung zum Thema Individuelle Förderung des Ausschusses für Schule und Weiterbildung. Grundlage der Anhörung sind folgende Anträge: Sitzenbleiben überflüssig machen - Individuelle Förderung stärken Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie: Individuelle Lernberatung und motivierende Leistungsbewertung statt Kopfnoten Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

(Es folgen einige organisatorische Hinweise zum Ablauf der Anhörung.) Otto Herz: Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Da ich der erste Redner bin, ist es angebracht, grundsätzlich zu beginnen - in den Feinheiten werden wir uns vermutlich noch verstricken.

Die Hauptfrage neben den vielen gestellten Fragen, die ich mir gestellt habe, ist: Entspricht dieses Gesetz den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jahrhunderts? Das 20. Jahrhundert war das blutigste Jahrhundert in der Menschheitsgeschichte. Das Bildungswesen hat seinen Beitrag dazu geleistet. Die Hauptfrage heißt: Leistet dieses Gesetz etwas, um den sicherlich nicht einfachen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden?

Erstens. Der Grundauftrag jeder Schule muss die bestmögliche Entfaltung aller sein.

Das Organisieren von Scheitern ist grundgesetzwidrig und menschenrechtswidrig. Ich kann Ihnen an vielen Stellen zeigen, dass wir ein Bildungswesen haben, das Scheitern organisiert. An dieser Stelle bedarf es grundsätzlicher Veränderungen.

Zweitens. Jeder Mensch ist einzigartig. Deswegen gibt es keine homogenen Gruppen.

Es gibt nur heterogene Gruppen. Es gibt die Bereitschaft vieler, über die Verschiedenartigkeit der Menschen hinwegzusehen. Wenn das so ist, dann ist aber eine Vielfalt in einer Einheit adäquater als eine dreifältige Einfalt in verschiedenen Schulformen.

Es gibt keine begabungsgerechten Schulformen. Das ist barer Unsinn. Alle Schulen haben den Auftrag zu begaben. Die Menschen sind nicht da, nach vorsortierten Organisationsformen zu Tüten gemacht zu werden. Auch das ist tendenziell grundgesetz- und menschenrechtswidrig.

Drittens. Lernen ist das Individuellste des Menschen. Deswegen muss alles, was Förderung bedeutet, heißen, sich auf die Individuen einzustellen und den Individuen ein größtmögliches Maß einzuräumen, dass sie ihre Potenzen entfalten können. Ich hebe an dieser Stelle hervor, dass es von größter Bedeutung ist, dass das Subjekt des Lernens einen wesentlichen Einfluss auf das Was, das Wie, das Wo, das mit Wem des Lernens hat. Das Individuum ist nicht dazu da, in eine planwirtschaftliche Organisation die größte, die es in diesem Land gibt, ist das Schulwesen - eingefügt zu werden.

Viertens. Die Welt ist davon überzeugt, dass lebenslanges Lernen sowohl für das Individuum wie für die Gesellschaften von herausragender Bedeutung ist. Nur wenn Menschen früh in ihrem Lernprozess erfahren, dass Lernen eine positive Sache ist, werden sie ein Interesse und eine Bereitschaft zu lebenslangem Lernen ausbilden. Sonst ist der Hinweis auf das lebenslange Lernen die Androhung von lebenslänglich. Deswegen muss die gesamte Schulkultur von einer Vertrauenskultur gekennzeichnet sein. Es lässt sich an sehr vielen Stellen zeigen, dass sehr viele Regeln Ausdruck einer ausgeprägten Misstrauenskultur sind. Jeder einzelne Paragraph wäre durchzugehen, um dieses zu verändern.

Letzter Punkt in diesem Grundsätzlichen: Der Lernerfolg ist immer ein Produkt aus mindestens vier Faktoren: der Fähigkeit und Bereitschaft des lernenden Subjekts - der Kinder und Jugendlichen -, ihrer Eltern, der professionellen Pädagogen in ihrer Unterschiedlichkeit und von Partnern im Gemeinwesen. Die Afrikaner sagen: It takes a whole village to educate a child - es bedarf eines ganzen Gemeinwesens, um wirkliche Erfolge zu erzielen. Nimmt man dieses ernst, dann muss man ein solches Gesetz unter dem Gesichtspunkt prüfen: Dient es einer produktiven Kooperation auf gleicher Augenhöhe mit gleicher Berechtigung aller Beteiligten im Zusammenwirken? Oder gibt es Machtzentren, die womöglich, staatlich sanktioniert, Interessen gegen die Subjekte durchzusetzen haben? Dies ist kein erfolgreiches Lernsystem.

Nehme ich das alles zusammen, komme ich zu dem Ergebnis - wie mein akademischer Lehrer und Freund, Hartmut von Hentig, immer zu sagen pflegte: Es ist ein Gesetz zur Korrektur von Maßnahmen, zur Korrektur von Maßnahmen, zur Korrektur von Maßnahmen. Es hat keinen prinzipiellen innovatorischen Gehalt gegenüber dem, was die wirklichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind.

Geht man zwölf Jahre in die Schule und lernt nichts Taugliches, dann ist das viel zu lange. Lernt man Sinnvolles, sind 13 Jahre sinnvoller als zwölf. Das sind sekundäre Fragen gegenüber dem, was ich versucht habe, zu charakterisieren. Ich gehe noch auf drei Details aus den Fragen ein: Kopfnoten sind immer Etikettierungen und damit Festlegungen. Lernen aber ist Entwicklung, ist Förderung, ist Wachstum. Und wer Lernen, Entwicklung, Wachstum will, darf kein Mittel zum Einsatz bringen, das etikettiert und festlegt. Insofern sind Kopfnoten kontraproduktiv im Interesse der Lernförderung, wobei ich selbstverständlich ein großer Freund davon bin, dass Kinder, Jugendliche, die Lehrerinnen und Lehrer genauso lernen, Verhaltensweisen im Umgang miteinander zu entwickeln, die sozial, human und solidarisch sind. Aber dazu braucht es ein dialogisches Prinzip und nicht die Macht einer Gruppe, die anderen eine Kopfnote aufdrückt.

Zweiter Punkt: Menschen sind vielfältiger, als dass man ihnen ein Etikett 1, 2, 3, 4, 5, 6 anhängen darf. Die Etikettierung der Individualität von Menschen und ihrer Anstrengungen mit so simplen Chiffren verletzt den § 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir brauchen ganz andere Formen der Beschreibung der herausfordernden Animation für Weiterentwicklungen und keine Etikettierungen.

Gefragt wird auch zu der Lehrerbildung, ob die Aufnahme der individuellen Förderung in das Gesetz Veränderungen in der Lehrerbildung zur Folge haben muss. Meine Antwort ist knapp. Sie heißt ja, seit mindestens 100 Jahren.

Prof. Dr. Peter J. Brenner (Institut für Medienevaluation, Schulentwicklung und Wissenschaftsberatung): Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren!

Mit Blick auf die fortgeschrittene Zeit verzichte ich darauf, menschheitsgeschichtliche Erörterungen anzustellen. Ich möchte einige Überlegungen zum Nutzen und zur Notwendigkeit von Sekundärtugenden wie der Pünktlichkeit darbieten. Auch davon hält mich der Blick auf die Uhr ab.

Stattdessen beschränke ich mich auf die Frage: Weshalb können oder sollen wir Kopfnoten in den Schulen einführen? Welche Effekte können wir uns davon versprechen?

Welche Probleme kämen damit auf uns zu?

Nun werden wir niemals messen können, ob die Kopfnoten wirklich die Effekte haben werden, die wir uns davon versprechen. Heute werden sicherlich noch viele Statistiken dafür oder dagegen zitiert werden. Man muss sich aber klar machen: Es ist zunächst eine bildungspolitische und keine empirisch-wissenschaftliche Entscheidung, ob man ein Schulsystem mit Kopfnoten versehen will oder nicht.

Bei allen Problemen, die mir auch nicht unvertraut sind, neige ich dazu, diese Frage zu bejahen. Ich verspreche mir zwei Effekte davon. Das eine ist ein institutioneller Effekt.

Wir wissen nicht sehr viel darüber, wie Schule funktioniert. Wenn wir die Kriterien für das Funktionieren guter Schule zusammentragen, dann kommen wir in der Regel auf ein rundes Dutzend. Eine dieser Faktoren ist die Überlegung, dass in einer Schule disziplinierte Ordnung, die Einhaltung von Regeln gewährleistet sein muss, damit Schule funktionieren kann. Das ist also ein interner Effekt, den man meines Erachtens dadurch stärken kann, indem man nach außen signalisiert, dass die Schule Wert darauf legt, dass sie das für ihre Schüler auch dokumentiert, dass ihre Schüler das in dieser guten oder weniger guten Form erreicht haben.

Dass das in Notenform geschieht, ist Normalität. Es geschieht in allen Fächern heute.

Alle Argumente, die man dafür oder dagegen bringt, gelten auch für die Kopfnoten.

Selbstverständlich müsste man das differenzierter beschreiben. Das geschieht jetzt in Bayern. Dort sind für die Lehrer Beobachtungs-Kriterienkataloge herausgegeben worden, die einen vernünftigen Ansatz haben, die am Ende auch in eine Note oder Etikettierung münden. Für Schüler, Eltern und für die aufnehmenden Institutionen, die Universitäten, die Wirtschaft ist das sicherlich eine wichtige Information. Ich sehe darin nichts Problematisches, so wie es jetzt vorgetragen wurde.

Der zweite Effekt, den ich mir verspreche, ist ein sozialer Effekt. In dem Antrag, der von den Grünen vorgelegt wurde, wird gesagt, dass jede schulische oder gesetzliche Maß