Kopfnoten nun hätten diese Nebenwirkungen in noch gesteigertem Maße wenn sie überhaupt ernst genommen würden

Diese Störungen erfassen nicht nur die Kinder mit den unbefriedigenden Noten - nein, es sind häufig auch die leistungsstarken Kinder, die plötzlich aus Notenangst vor Klassenarbeiten nicht mehr schlafen können. Wären Noten ein Medikament, wären sie wegen der erheblichen Nebenwirkungen längst vom Markt genommen.

Kopfnoten nun hätten diese Nebenwirkungen in noch gesteigertem Maße, wenn sie überhaupt ernst genommen würden. Gestern erzählte mir meine mittlerweile 84-jährige Mutter aus der Zeit von Kopfnoten und Prügelstrafe von einem Mitschüler, der bei der Hausaufgabenkontrolle stets bereitwillig nach vorne ging, sich bückte, drei Schläge auf das Kinnhinterteil entgegennahm und damit für seine Faulheit bezahlte. Hausaufgaben hat er nie regelmäßig gemacht.

Die Grundschule dagegen hat seit Jahren hervorragende Erfahrungen mit der ermutigenden Beschreibung von Arbeits- und Sozialverhalten gemacht. Kinder brauchen nämlich für die Entwicklung ihres Verhaltens keine Angst vor schlechten Noten, sondern inhaltliche Hinweise. Die individuellen Bemerkungen, die in der Grundschule üblich sind, erlauben differenzierte Aussagen und auch bedeutsame Vorschläge zur Verhaltensmodifikation in Bezug auf Lern- und Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Konfliktfähigkeit oder dem, was sonst gerade für dieses Kind und seine Entwicklung wichtig erscheint.

Kopfnoten wären dagegen inhaltsleere Hülsen. Kopfnoten würden das erprobte und erfolgreiche Modell der Verhaltensförderung an Grundschulen zerstören.

Wir vom Grundschulverband meinen: Eine Landesregierung, die wirklich individuelle Förderung will, muss es durch gesetzliche Vorgaben möglich machen, die heterogenen Lerngruppen zu erhalten, so lange es geht, und auch auf Noten, ganz besonders auf Kopfnoten, so lange wie möglich völlig zu verzichten.

Wir denken, dass sich auch eine konservative liberale Landesregierung beim Wort nehmen lassen muss, wenn sie allen Menschen im Lande individuelle Förderung ihrer Kinder verspricht - ohne Ansehen von Herkunft und sozialer Schicht. Insofern begrüßen wir auch ausdrücklich die Forderungen, die in dem vorliegenden Antrag von Bündnis 90/Die Grünen formuliert sind.

Verehrte Abgeordnete der Regierungskoalition, beweisen Sie Flexibilität und Konfliktfähigkeit im Umgang mit ihrer Ministerin! Helfen Sie mit, Grundschule als Schule der individuellen Förderung zu erhalten! Sorgen Sie dafür, dass Frau Sommer als Ministerin nicht die Pädagogik der Grundschule zerstört, für die sich Frau Sommer als Schulaufsichtsbeamtin so sehr eingesetzt hat.

(Michael Solf [CDU]: Schwer erträglich!)

Die Grundschulen und ihre Kinder werden es ihnen danken.

Vorsitzender Wolfgang Große Brömer: Herzlichen Dank, Herr Bertling. - Herr Solf, ich bitte dringend darum, den Umgangston in diesem Hause zu wahren.

Peter Blomert (Gesamtschule Espenstraße, Mönchengladbach): Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Ich möchte nicht viel von dem wiederholen, was gerade gesagt worden ist. Individuelle Förderung ist ein wunderbares Wort und beschreibt aus meiner Sicht und aus Sicht der Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, den Kern allen pädagogischen Tuns. Wenn das nicht geleistet wird, findet kein Lernen statt. Wenn kein Lernen stattfindet, haben wir unseren Job verfehlt.

Ich habe Ihnen ein kleines Buch mitgebracht - ich weiß nicht, ob Sie es lesen können -, das ist das Lehrer-Hasser-Buch, ein Buch, das von Lehrern nicht gerne gelesen wird.

Das gebe ich zu. In diesem Buch wird eines festgestellt: Individuelle Förderung findet insbesondere in den weiterführenden Schulen längst nicht in dem Maße statt, wie es sein sollte. Diese Wahrnehmung wird übrigens gestützt durch alle Schulleistungsuntersuchungen, wenn sie Pisa, wenn sie Informationen über Diagnosekompetenzen und Ähnliches lesen. Da wird immer wieder gesagt: Es wäre schön, wenn.... Aber das deutsche Schulsystem ist nicht dafür berühmt, in diesem Bereich besondere Meriten erworben zu haben. Ich schließe die Grundschule an der Stelle aus. Ich spreche über meinen Bereich.

Sie haben etwas Großes vor. Wenn sie individuelle Förderung in das Gesetz als Rechtsgarantie für alle Kinder hineinschreiben, wollen sie nicht mehr oder weniger als eine radikale Systemumsteuerung im Bereich Schule erreichen. Das ist gut. Das ist löblich. Aber die Wirkung von Gesetzen entscheidet sich nicht an der Präambel, sondern an den Voraussetzungen, die Sie schaffen, um ein solches System umzusteuern. Wenn Sie ein System umsteuern wollen - das kann ich Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung erstes als Leiter einer großen Schule und zweitens als Mitverantwortlicher eines mehrjährigen regionalen Fortbildungs- und Schulentwicklungsprozesses in Mönchengladbach, an dem bisher 75 Schulen von 92 öffentlichen beteiligt sind, sagen -, dann müssen Sie mehr tun als nur sagen, was sie wollen.

Drei Punkte sehe ich an dieser Stelle: Erstens. Grundannahmen, Grundhaltungen, Werte: Wenn sich ein System radikal ändern soll, müssen Sie diese Grundhaltungen und Werte entsprechend beeinflussen und verändern. Die zentrale Frage in unserem gegliederten Schulsystem ist häufig nicht:

Was muss Schule tun, um diesem Kind gerecht zu werden - das verstehe ich unter individueller Förderung -, sondern die Frage ist: Gehört dieses Kind auf diese Schule?

Wenn ich der vergleichsweise bescheidenen Ideologie der Begabungsdreifaltigkeit folge, dann steuere ich gleichzeitig ein Schulsystem in Richtung Segregation. Wenn ich ein Schulsystem in Richtung Segregation steuere, kann ich nicht erwarten, dass in den Schulen gleichzeitig Inklusion betrieben wird, jedes Kind mitgenommen wird und auf die Besonderheiten eines jeden Kindes eingegangen wird. So viel zum Thema Grundhaltung.

Der zweite Aspekt, den Sie bedenken müssen, wenn Sie ein System umsteuern wollen, ist - das bleibt nicht aus - die Frage der Ressourcen. Ich greife einen Punkt auf. Diese Ressourcen betreffen beispielsweise die Personaldecke der Schulen. Die abstrakte Zuteilung von Lehrerstellen anhand einer Lehrer-Schüler-Relation wird dem Anspruch auf individuelle Förderung nicht gerecht. Wenn Sie individuelle Förderung zum Kern des Schulgeschehens machen wollen, müssen Sie berücksichtigen, dass Förderung Aufwand ist und dass diese Förderung auch durch die Personaldecke geleistet werden können muss.

Wir hatten in den letzten Tagen in der WAZ einige Artikel. Nehmen Sie eine Schule im Essener Norden und nehmen Sie eine gleich große Schule im Essener Süden. Zu glauben, dass der Förderbedarf und auch der Personalbedarf dieser beiden Schulen identisch wäre, nur weil sie gleich viele Schüler haben, ist wirklichkeitsfremd. Das heißt, wir brauchen eine Umsteuerung im Bereich der Personalentwicklung in Richtung festgestellter Förderbedarfe und nachgewiesener Förderaktivitäten, wenn Sie tatsächlich individuelle Förderung in den Kern der Schularbeit hinein nehmen wollen, was ich nur wünschen kann, dass Sie das tun. Da ist viel zu tun, was mit dem Hineinschreiben in § 1 des Schulgesetzes noch nicht erledigt ist.

Der dritte und entscheidende Punkt - deswegen heißt das Buch Lehrer-Hasser-Buch, es heißt ja nicht Schulsystem-Hasser-Buch - ist die Frage: Wie beeinflusse ich das Handeln der Akteure in diesem System? Ich bin davon überzeugt, dass ein sehr großer Prozentsatz der Lehrer - ich bin bei 80 % und mehr - wesentlich mehr gibt, als es seine Dienstpflicht ist und mit hohem Engagement den Job vollführt.

Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass die Tatsache, dass dennoch nichts Besseres zustande kommt, unter anderem dem geschuldet ist, dass wir über die Kompetenzen nicht verfügen. Wir haben hohe Ansprüche in Bezug auf die fachliche Ausbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer. Zurzeit suchen wir beispielsweise Seiteneinsteiger. Wenn Sie in ihrer Klasse etwa einen Jungen haben, der nicht flüstern kann, sondern der nur nahe der Lautstärke des Schreiens sprechen kann, weil er es nie anders gelernt hat:

Was machen Sie dann als Architekt? Was machen Sie als Geographielehrer, der ein bestimmtes Pensum vollführen will, wenn Sie nicht darin trainiert sind, entsprechende soziale Kompetenzen auch zu vermitteln und gleichzeitig ihren fachlichen Ansprüchen zu genügen. Hier ist Nachholbedarf.

Die Kolleginnen und Kollegen gieren danach, vernünftig fortgebildet zu werden und die Kompetenzen zu erwerben, die ihnen helfen, den Job, den sie gewählt haben und den sie mit Engagement vertreten, besser zu machen. Das kann ich Ihnen aufgrund der Erfahrungen sagen, die wir in Mönchengladbach gemacht haben. Es ist eindeutig. An der Stelle muss ich sagen, dass die Bewegungen der Landesregierung zur Sicherstellung des Unterrichts an der Stelle definitiv kontraproduktiv werden, an der sie die Fortbildungsmöglichkeiten der Schulen dadurch beschränken, dass sie diese auf das Wochenende beziehungsweise auf die Ferienzeiten verschieben. Zwei Dinge dazu: Erstens. Schulen brauchen Gesamtfortbildungen des Kollegiums. Das ist für die Organisationsentwicklung zentral, unbedingt notwendig.

Zweitens. Mit solchen Entscheidungen, die Lehrer mögen bitte in ihren großen Ferien solche Fortbildungen machen, kann man sich sicherlich leicht den Beifall derer einheimsen, die den Lehrern unterstellen, es seien alles faule Säcke. Aber Sie wollen Effekte mit ihren Gesetzen und Regelungen erzielen. Diese Effekte sind zurzeit in diesem Jahr bereits feststellbar: ein bedeutsamer Rückgang der schulischen Vorbildung. Fragen Sie die Weiterbildungsinstitute! Fragen Sie die anderen Anbieter! Ihre Fortbildungen werden schlechter besucht. Viele Fortbildungen fallen mangels Nachfrage aus.

Sie werden auf diesem Wege letzten Endes das Fortbildungsangebot nicht mehr realisieren können, nicht mehr an den Mann und an die Frau bringen.