In all diesen drei zentralen Punkten die ich Ihnen genannt habe muss wenn Sie das System verändern wollen nachgebessert werden

Kompetenzen der Beschäftigten in diesem Bereich so weit nach vorne zu bringen, dass individuelle Förderung tatsächlich geleistet werden kann.

In all diesen drei zentralen Punkten, die ich Ihnen genannt habe, muss, wenn Sie das System verändern wollen, nachgebessert werden. Wenn Sie da flankierende Maßnahmen ergreifen oder im Gesetz entsprechende Punkte hinzusetzen, dann unterschreibe ich auf jeden Fall die Ausrichtung unseres Schulsystems in Richtung individuelle Förderung. Wenn Sie dieses nicht tun, kann dieses Gesetz das nicht leisten. Bestenfalls verkommt ein solcher Passus dann zur folgenlosen Floskel. Wahrscheinlicher - das muss ich auch sagen - ist allerdings, dass der Schule wieder einmal eine neue Aufgabe zugewiesen wird, ohne gleichzeitig für die entsprechende Unterstützungssysteme und Ressourcen zu sorgen. Das heißt letztlich: Man gibt auf eine relativ wohlfeine Art die Verantwortung für das Scheiden der Bildung an die Beschäftigten weiter. Da stelle ich ganz deutlich fest: Das ist nicht angemessen.

Ich komme zum zweiten Thema, dem Thema Kopfnoten. Ganz eindeutig: Die Vermittlung von Arbeits- und Sozialverhalten, die Vermittlung von Selbststeuerungs- und Sozialkompetenzen ist ein wesentlicher Punkt unserer Erziehungs- und Bildungssystems.

Genauso deutlich: Wir sind nur unzureichend dafür qualifiziert. Vorhin ist über die Sinnfälligkeit oder den Unsinn von Ziffernoten gesprochen worden. Ich spreche hier aus der Sicht von Eltern und Schülern, dem, was mir regelmäßig gesagt wird. Die Eltern möchten gerne Ziffernoten, weil sie hoffen, auf diese Art eine Möglichkeit zu bekommen, die Leistungsfähigkeit ihres Kindes oder die erbrachten Leistungen in einem scheinbar objektiven System einzuschätzen. Die gleichen Begründungen bekommen Sie auch mit Blick auf die Frage, warum die Menschen Standards wollen und sich an diesen auch messen wollen.

Schauen Sie einmal genauer hin! Wenn Sie Noten geben: Wie viel Rechtsrahmen ist um diese Noten herum gesetzt worden, damit sie auch nur teilweise diesen Wünschen entsprechen können? Es gibt klare curriculare Festlegungen. Am Anfang des Jahres muss ich den Eltern genau Rechenschaft ablegen, was in diesem Jahr beigebracht wird. Ich muss den Eltern Rechenschaft ablegen, wie die Kinder das lernen, wie ich das Gelernte überprüfen werde. Ich muss Rechenschaft über die Kriterien ablegen, nach denen ich unterscheide, in welche Bewertungsstufe ein Kind kommt. Wenn nach all diesen Rechenschaftslegungen die Eltern unzufrieden sind oder der Meinung sind, eine Note sei nicht angemessen, steht ihnen der Beschwerdeweg, der Widerspruchsweg, sogar die verwaltungsrechtliche Klage offen, um festzustellen, ob diese Note tatsächlich so objektiv und berechtigt ist, wie es behauptet wurde.

An die Lehrer werden besondere Herausforderungen gestellt. Sie müssen in der Oberstufe zum Beispiel zwei staatliche Examina abgelegt haben, damit sie dieses Fach überhaupt unterrichten dürfen. Das heißt, die Kompetenz wird systematisch an verschiedenen Stellen geprüft.

Sehen wir uns jetzt einmal die so genannten Kopfnoten an. Curriculum: Sendepause; Rechenschaftsregelung gegenüber den Eltern: Sendepause; Festlegung, Klärung der Formen der Leistungsüberprüfung: Sendepause; beschriebene Kompetenzanforderungen an die Lehrer: Sendepause; Widerspruchsrecht, Klagerecht gegen dieser Noten: Sendepause.

Kopfnoten - wie der Name sagt - benoten Köpfe. Es sind beliebige, der Willkür überlassene Aussagen darüber, ob ich diesen Jungen mag oder nicht. Ich kann Pünktlichkeit feststellen. Ich kann feststellen, ob er sein Heft mitbringt. Ob er in Gruppen zusammenarbeiten kann, ob er über Prozesse nachdenken kann, ob er selbst reflexiv ist, ob er eine vernünftige Selbsteinschätzung produzieren kann, und, und, und, viele Dinge, wichtige Kompetenzen, soziale Kompetenzen und Selbststeuerungskompetenzen kann ich auf diese Art nicht angemessen erfassen. Ich behaupte: Solange ein solcher Rahmen, wie er für andere Noten selbstverständlich gilt, nicht geschaffen wird, sind Kopfnoten von Übel.

Wenn Sie stattdessen wie wir in Mönchengladbach in eine langfristige und umfängliche Ausbildung der Kolleginnen und Kollegen investieren, wenn Sie ihnen die Kenntnisse und Kompetenzen vermitteln, wie sie die Vermittlung von Sozialkompetenzen und Selbststeuerungskompetenzen mit ihrem Fachunterricht verbinden, darin integrieren und gleichzeitig die Qualität dieses Fachunterrichts verbessern, wenn Sie das tun, dann kommen Sie beispielsweise in Mönchengladbach an meiner Schule dazu, dass das Kollegium sich zusammensetzt, intensive Maßnahmen beschließt, spezielle Förderunterrichte, spezielle Veränderungen, spezielle Hauscurricula in Zusammenhang mit sozialen und Steuerungskompetenzen entwickelt. Dann können wir den Eltern und den Kindern in einem transparenten System verdeutlichen: Das ist das, was wir euch beibringen wollen. So wollen wir es euch beibringen. So und so stellen wir, teilweise auch ihr in Form von Selbstreflexionsbögen fest, wie weit ihr diese Sachen bereits gelernt habt.

Diese Informationen sind hilfreiche, das Lernen fördernde Informationen für die Schülerinnen und Schüler. Die geben wir den Schülerinnen und Schülern mit dem Zeugnis dazu - neben vielen Gesprächen und wichtigen Elterninformationen.

Kopfnoten als Ziffernoten angesichts einer derartigen ungeregelten Situation halte ich für kontraproduktiv. Sie sind für die Zielsetzungen, die ich teile, nämlich dass wir systematisch darauf blicken, wie wir Sozialkompetenz und Selbststeuerungskompetenz vermitteln, nicht förderlich, sondern hinderlich.

Marianne Demmer (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Nordrhein-Westfalen): Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! In den vergangenen Beiträgen wurde schon sehr viel Grundsätzliches gesagt, glücklicherweise. Denn Bildung ist ein so umfassendes Feld, eine so umfassende Angelegenheit der ganzen Gesellschaft, des einzelnen Individuums, das ich es durchaus für angemessen halte, wenn auch Ausflüge in die Menschheitsgeschichte vorgenommen werden. Ich glaube, dass das hilfreich ist, um sich nicht in detaillierten Problemstellungen zu verlieren, die man anscheinend losgelöst von den größeren Zusammenhängen betrachten kann.

Mit den Themen Klassenwiederholung und Kopfnoten unter der Überschrift Individuelle Förderung greifen die Fraktionen des Landtages zwei sehr sensible Bereiche unseres so früh, so konsequent sortierenden und aussondernden Schulwesens auf, eines Schulwesens, das auf die Herstellung der homogenen Lerngruppe gerichtet ist.

Beim ersten Zugriff fiel mir auf, dass es sich scheinbar um zwei gegensätzliche Intentionen handelt. Während die Klassenwiederholung als ein wesentliches Selektionsinstrument bei der Herstellung von homogenen Lerngruppen, auch mittels vorbeugender

Fördermaßnahmen reduziert werden soll, haben Kopfnoten, soweit ich das aus dem Gesetzentwurf entnehmen kann, vor allen Dingen die Funktion, zusätzliche Hinweise für die schulischen und vor allen Dingen auch nachschulischen Selektionsprozesse zu geben.

Das größte Interesse - das wissen wir - an Kopfnoten im Abschlusszeugnis, das jetzt wohl neu eingeführt werden soll, hat die abnehmende Wirtschaft, vor allem deshalb, um in der Fülle eingehender Bewerbungen sehr schnell auch nach diesem Kriterium sortieren zu können. Da ist natürlich jeder längere Text, jede Beschreibung äußerst hinderlich. Das müsste im Personalbüro gelesen werden. Aber wenn da eine knappe Ziffer steht, ist das - ins Töpfchen, ins Kröpfchen - sehr viel schneller getan.

Noten, selbst Ziffernoten können Rückmelde- und Unterstützungsfunktion haben. Im traditionellen deutschen Schulsystem entfalten sie aber regelmäßig sehr viel eher ihre Selektionsfunktion und überlagern diese mögliche rückmeldende Funktion vollständig.

Kopfnoten werden vor allen Dingen eines tun: Sie werden durch das System und ihre Herkunft benachteiligte Schülerinnen und Schüler ein drittes Mal benachteiligen.

Der zweite Punkt, die Verminderung von Klassenwiederholungen, wird von der GEW generell gegrüßt, wobei ich allerdings auch nachdenkliche Töne anschlagen möchte.

Eben wurde vermutet, es sei möglicherweise eine prinzipielle Umsteuerung damit verbunden, wenn jetzt das Prinzip individuelle Förderung im Gesetz hervorgehoben und durch das weitgehende Vermeiden von Klassenwiederholungen unterstützt wird.

Ich habe mich gefragt: Ist das wirklich der Ansatz im Gesetz, das Schulsystem prinzipiell umzusteuern - weg von der Selektion hin zu integrativem Lernen und Unterrichten -, oder ist es nicht vielleicht der Versuch, ein Schulsystem, das sich zunehmend als unfähig erweist, die Herausforderungen und Notwendigkeiten der modernen Gesellschaft zu erfüllen, mithilfe dieses Prinzips der individuellen Förderung zu modernisieren, aber mit der Absicht, es zu erhalten? Meiner Meinung nach müsste sehr viel gründlicher darüber nachgedacht werden, was im Gesetz notwendig wäre, damit diese prinzipielle Richtungsänderung erfolgen kann und es nicht auf eine lediglich kosmetische Korrektur zusteuert, um die nachteiligen, mittlerweile in der Gesellschaft als noch problematisch empfundenen Auswirkungen der frühen Selektion etwas abzumildern.

Wie gesagt, die GEW begrüßt es grundsätzlich, dass man an diesem Thema arbeiten will. Wir machen allerdings auch darauf aufmerksam: Wenn man gleichzeitig eine Qualitätsverbesserung schafften will, ist eine Reihe vielfältiger Maßnahmen notwendig, von denen einige schon genannt sind. Wir brauchen eine grundsätzliche Bewusstseins- und Einstellungsänderung bei den Lehrkräften. Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen in der Lehrerbildung. Wir brauchen vor allen Dingen schulnahe Unterstützungssysteme.

Wer glaubt, individuelle Förderung könne nur mit gutem Willen - der ist sicherlich auch notwendig - und mit Bordmitteln der Schule verwirklicht werden, der irrt gewaltig. Ein solches Unternehmen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Auf Sitzenbleibenlassen zu verzichten, heißt für Lehrkräfte - ich will es hier offen ansprechen - in unserem traditionellen System der Sekundarstufen, den Verlockungen dieses selektiven Systems zu widerstehen. Sie können sich nämlich jetzt von problematischen Schülerinnen und Schülern trennen. Dieser Verlockung zu widerstehen, heißt, ein unglaublich hohes Maß an pädagogischem Ethos zu verlangen.