Auszubildenden

Lernen möglich sind, wenn man sein Zeug nicht dabei hat oder nicht kommt, wenn man kommen sollte.

Beim Sozialverhalten wird bewertet: ist hilfsbereit, hat höfliche Umgangsformen, kann sich selbst zurücknehmen, ist bereit, den Erfolg und die Leistung anderer anzuerkennen, ist auch fähig, eigene Fehler einzugestehen. Diese Kriterien sind in dem Versetzungszeugnis 2005 benotet worden und in der Klasse, die ich beurteilen kann, führte das zu einer Art Revolution. Diese Klasse hat durch Zufall eine Anhäufung hoch begabter Schüler aufzuweisen und eine Gruppe von zehn Schülern wusste, dass sie im nächsten Jahr von der ersten Hälfte der Klasse 10 in die zweite Hälfte der Klasse 11 springen wird.

In dieser Gruppe der hoch begabten Schüler gab es einen erheblichen Anteil, der nicht bereit war, sich selbst zurückzunehmen, die Leistungen anderer anzuerkennen oder gar eigene Fehler einzugestehen. Diese Schüler hatten in dem Bereich des Sozialverhaltens ein Befriedigend, das sich ziemlich unerfreulich von den übrigen Einsen abgehoben hat. Der Sturm der Eltern trat natürlich ein, unterstützt von den Kindern. Nachdem der Klassenlehrer und auch die Lehrerkonferenz auf die Kriterien verweisen konnten und die Jugendlichen so viel Selbsterkennung mitbrachten, dass sie spürten, dass sie dort tatsächlich Defizite haben, blieben die Noten, wie sie waren. In dem Halbjahreszeugnis 2006 haben sich die Noten für Sozialverhalten verbessert, und zwar deshalb, weil sich das Verhalten der Schüler verbessert hat.

Kopfnoten können also tatsächlich eine erzieherische Wirkung haben, vor allem dann, wenn die Lehrer sich wirklich einbringen und bereit sind, deutlich zu sagen, was sie erwarten, wenn sie bereit sind, die Kinder zu motivieren, sich so zu verhalten, und auch bereit sind, sich darüber mit ihnen auseinander zu setzen.

Wir sind der Überzeugung, dass sich jungen Menschen mit einem Sehr gut im Arbeits- und Sozialverhalten viele Türen öffnen werden. Gerade heute ist man unglaublich dankbar für angenehme Verhaltensweisen. Bei entsprechenden Vorbildern in der Schule, bei einer klaren Förderung und Forderung der Lehrer in Bezug auf diese Verhaltensweisen und bei einer eigenen Anstrengung können die Kinder die Kopfnoten verbessern, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob jemand in seiner Familie dafür Unterstützung findet oder nicht, denn erfreuliche wie unerfreuliche Verhaltensweisen finden Sie quer durch alle Bevölkerungsgruppen und -schichten. Das hat nicht immer etwas mit den Schichten zu tun.

Gerade wie in dem Fall, den ich jetzt geschildert habe, handelt es sich immer wieder auch um Eltern, die bereit sind, die Verhaltensweisen ihrer Kinder, ihrer Prinzen und Prinzessinnen, die sie zu Hause haben, im Ganzen abzusegnen, weil sie oft blind dafür sind, wie ihre Kinder sich verhalten. Sehr oft wissen die Eltern auch einfach nicht, wie sich Kinder in der Schule verhalten. Insofern haben diese Noten einen wichtigen informativen Wert. Das heißt, diese Noten können auch ein hilfreicher Impuls dafür sein, dass Eltern in die Schule gehen, sich Informationen holen und dann eventuell auch bereit sind, in ihrem eigenen Erziehungsverhalten nachzubessern.

Bedeutsam sind Kopfnoten unserer Meinung nach auch für Ausbilder, denn sie runden das Bild des Auszubildenden ab und erleichtern es, zum Beispiel vor Abschluss eines Ausbildungsvertrages die richtigen Fragen zu stellen. Im Übrigen sind wir der 42 von 62 gung, dass es gerade für Schüler, die Defizite im Lernbereich haben, oft leichter ist, eine Ausbildungsstelle zu finden, wenn sie ein positives Arbeits- und Sozialverhalten vorweisen können, das das Zeugnis auch dezidiert.

Individuelle Lernberatung und motivierende Leistungsbewertung sind wünschenswert und müssen notwendigerweise unternommen werden, aber sie stehen nicht im Gegensatz zu Kopfnoten. Das eine tun heißt nicht das andere lassen. Ich bin absolut einverstanden mit dem, was viele Experten hier gesagt haben: dass wir eine bessere Aus- und Fortbildung der Lehrer brauchen, sodass sie Diagnose- und Therapiemöglichkeiten an der Hand haben. Aber das heißt nicht, dass man deswegen Kopfnoten, die für alle verständlich sind und die auch motivierende Wirkung haben können, unterlassen könnte. Gute Kopfnoten haben die Möglichkeit, jede Leistung zu heben, und können unserer Meinung nach auch Minderleistungen hinnehmbar machen.

Peter Silbernagel (Philologen-Verband NW): Meine Damen und Herren! Auf die Thematik Kopfnoten möchte ich in meinem Beitrag nicht Bezug nehmen, ich werde mich auf das Sichtwort Individuelle Förderung konzentrieren.

Zweifellos ist ein tragfähiges Konzept individueller Förderung und Unterstützung leistungsschwächerer wie leistungsstärkerer Schülerinnen und Schüler ein wesentlicher Schlüssel zur höheren Wirksamkeit schulischer Bemühungen. Philologenverband und Realschullehrerverband - ich darf diesen Beitrag für beide Verbände abgeben - erinnern daran, dass insbesondere die Pisa 2000-Untersuchung auf die Wichtigkeit individueller Förderung verwiesen hat. Insofern begrüßen beide Verbände diese Schwerpunktsetzung in dem Entwurf des novellierten Schulgesetzes.

Während die Aufnahme der Begriffe in der Präambel in § 1 Abs. 1 eher akklamatorischen Charakter besitzt, wird die Vorgabe in § 2 Abs. 11 sehr konkret und sagt zu, dass die Schule begabte Schülerinnen und Schüler fördert und - ich zitiere drohendem Leistungsversagen und anderen Beeinträchtigungen [...] unter frühzeitiger Einbeziehung der Eltern mit vorbeugenden Maßnahmen begegnen wird.

Damit ist ein genereller Rechtsanspruch eröffnet, der sich nicht nur, wie in der Begründung hierzu ausgesprochen, an die Schulaufsicht und an die Schulverwaltung sowie an alle Schulen richtet, sondern gleichermaßen die Politik in die Pflicht nimmt. Allein der Hinweis: Schulen können zur individuellen Förderung und für Vertretungsaufgaben zusätzliche Lehrerstellen nach Maßgabe des Haushalts erhalten, reicht nicht aus, denn ohne hinreichende Ressourcen kann die gemachte Ankündigung nicht in Taten umgesetzt werden.

Wichtig in § 2 Abs. 11 ist gewiss, dass die Erziehungsberechtigten einbezogen werden.

Die Verantwortung für die Förderung kann nicht ausschließlich auf die Schule verlagert werden.

Zu überprüfen ist hierbei auch die Effizienz bisheriger individueller Lern- und Förderempfehlungen. Ich verweise auf § 50 Abs. 3. Der Ertrag der Förderempfehlungen zum Halbjahreszeugnis ist sehr gering. Bei der Nichtversetzung machen die Empfehlungen nicht zuletzt wegen fehlender organisatorischer Möglichkeiten der Rückmeldung keinen Sinn und sollten daher abgeschafft werden.

Individuelle Förderung ist eine Querschnittsaufgabe. Sie bezieht sich auf unterschiedliche Problemkomplexe, so beispielsweise auf die angestrebte Durchlässigkeit von unten nach oben, wobei den aufnehmenden Schulen flankierende Eingliederungshilfen für aufgenommene Schülerinnen und Schüler gegeben werden sollten.

Individuelle Förderung bezieht sich auf die Diagnosefähigkeit der Lehrerinnen und Lehrer in den Lehrerausbildungsphasen, auf Hochbegabtenförderung und auf die Absenkung hoher Wiederholerquoten. Siehe Referentenentwurf § 50. Die Pisa 2000-Studie belegt auch hier recht überzeugend, dass man begründete - ich zitiere - Zweifel an der pädagogischen Wirksamkeit von [...] Klassenwiederholungen haben kann.

Jährlich wiederholen ca. 2 bis 3 % aller deutschen Schülerinnen und Schüler eine Klasse. Betroffen sind in Nordrhein-Westfalen über 60.000 Schülerinnen und Schüler, bundesweit ca. 280.000, wobei die Wiederholerquote in den einzelnen Bundesländern schwankt. In Bremen liegt die Quote deutlich über 4 %, in Brandenburg unter 1 %. Ebenso sind die einzelnen Schulformen unterschiedlich betroffen. Im Grundschulbereich ist die Quote recht niedrig, im Hauptschul- und Realschulbereich deutlich höher. Jungen sind zahlenmäßig stärker vertreten als Mädchen.

Die individuellen Folgen sind dabei so breit gefächert, wie die Ursachen für die Klassenwiederholung vielfältig sind. Neben Frust, Enttäuschung, Demütigung, Lernstillstand und Erschütterung des Selbstwertgefühls treten ebenso Motivationsschub, Leistungsverbesserung, Selbsterkenntnis, Anstrengungsbereitschaft und bessere Selbsteinschätzung. Im Gegensatz zu den europäischen Ländern Dänemark, Irland, Vereinigtes Königreich und mit Einschränkung Schweden kennen folgende zehn Länder neben Deutschland leistungsabhängige Versetzungen: Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien.

Ausdrücklich warnen Philologen-Verband und Realschullehrerverband davor, rein schematisch Versetzungsbestimmungen außer Kraft zu setzen oder zu unterlaufen, da damit ein kontraproduktives Signal zur Leistungsorientierung im Schulwesen abgegeben würde. Daher braucht und darf man das Instrumentarium der Versetzungsentscheidung und -notwendigkeit nicht infrage stellen. In einem nach Begabungen, Neigungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler differenzierten Schulsystem ist dieses Instrumentarium systemimmanent. Es hat nichts mit Selektivität zu tun, auch wenn eine meiner Vorrednerinnen in ihrem Vortrag diesen Begriff achtmal benutzt hat. Eine schlichte Abschaffung des Sitzenbleibens löste im Übrigen grundsätzlich die Probleme notwendiger Förderung von Schwächeren und Leistungsstärkeren nicht, ebenso nicht die Problemkomplexe Unterrichtqualität und Diagnosefähigkeit von Lehrkräften.

Allerdings darf es kein Tabu sein zu prüfen, in welchen Fällen eine erfolgreiche Mitarbeit in der nächsten Klasse zu erwarten ist. Rein formal gibt es bereits die Ausnahmeklausel, die eine Versetzung aus pädagogischen Gründen ermöglicht.

Die Aussage in § 50 Abs. 3, wonach - ich zitiere - Die Schule [...] ihren Unterricht so zu gestalten [hat], dass die Versetzung der Regelfall ist, besitzt fast tautologischen Charakter.