Zudem sind diese Noten nach meiner persönlichen Meinung nicht justiziabel

Wir sahen die Gefahr, dass es eine Disziplinierungsmaßnahme sein könnte, dass eine gewisse Hilflosigkeit Ersatz für fehlende Erziehung von zu Hause darstellen würde. Vor allen Dingen war ein wichtiger Punkt: In der Sekundarstufe I hat auch die sonstige Mitarbeit ein zunehmendes Gewicht. Bis zur Hälfte der Benotung kann und sollte über die sonstige Mitarbeit erfolgen. Die Schüler haben nicht wie in der Oberstufe eine Bringschuld, sondern wir müssen sie anregen, sie dahin bringen mitzuarbeiten. Von daher geht vieles, was in die sogenannte Kopfnote eingeht in den einzelnen Fächern in die sonstige Mitarbeit ein. Zusätzlich sahen wir die Gefahr, dass Kinder aus sozial schwächeren Schichten, die sich verbal nicht so gut äußern können, sich zurückhalten, also auch da benachteiligt werden können.

Zudem sind diese Noten nach meiner persönlichen Meinung nicht justiziabel. Wenn zehn, zwölf Lehrer eine gemeinsame Note geben und es kommt zu einem Gerichtsverfahren, weil jemand sich beworben hat und wegen einer schlechten Kopfnote abgelehnt worden ist, weiß ich nicht, wie das gehen soll.

Ich plädiere dafür: Weiterhin freiwillig wie bisher, wobei ich die Argumente von Frau Heereman zur Kenntnis genommen habe.

Zum Sitzenbleiben! Bisher ist es so, dass die Versetzung der Regelfall ist und die Nichtversetzung die Ausnahme. Das soll so bleiben. Aber diese Ausnahme sollte auch gegeben sein. Man sollte sich als Lehrer auch der Verantwortung stellen und sollte sagen: Die Leistungen sind nicht ausreichend.

Wenn jemand sitzen bleibt, ist das kein Stigma, sondern die Chance zum Neuanfang, um Lücken aufzuarbeiten, gerade in den Kernfächern. Ich hatte mir vorgenommen - ich lasse es aber wegen der Kürze der Zeit -, Sie zu bitten, dass diejenigen, die schon mal sitzen geblieben sind, aufstehen, damit wir einen kleinen Überblick bekommen. Lassen wir das.

Andererseits kann aber, wenn jemand sitzen bleibt, auch eine Überforderung klar erkennbar sein. Dann greift die Durchlässigkeit unseres Schulsystems, die ich nachhaltig begrüße in dem Sinne, dass es auch Chancengerechtigkeit für Leistungsstarke und Leistungsbereite geben muss.

Kurzer Forderungskatalog, um Sitzenbleiben möglichst zu vermeiden und Förderangebote bereitzustellen: Kleinere Klassen, die Lehrer-Schüler-Relation entsprechend verändern. In den Sekundarstufen I und II wachsen die Probleme bei einer Klassengröße von über 25 Schülerinnen und Schülern überproportional. Die Reduzierung des Stundendeputats der Lehrer ist von den Lehrerverbänden nicht genannt worden. Wir sind noch auf dem Stand der Brüningschen Notverordnung von 1930, was das Deputat angeht.

Vor allen Dingen Abbau unterrichtsfremder Aufgaben. Die Schulbuchverwaltung gehört nicht in den Bereich der Lehrer. Wenn Sie selbst einmal eine Umfrage dazu machen wollten, an wie viel Schulen Beförderungen nur deswegen ausgesprochen worden sind, um irgendjemand zu finden, der die Schulbuchverwaltung macht, wäre das sicherlich sehr hilfreich.

Ausdrücklich begrüßen wir die Abschaffung der Unterschiede der Grund- und Leistungskurse durch die vorbereitete Oberstufenreform, mit der die Verwaltung die 48 von 62 sationsstruktur ändert und den irrsinnigen Aufwand für den minimalen Unterschied, der noch zwischen Grund- und Leistungskursen herrscht, für jede Jahrgangsstufe, für jede Oberstufenorganisation abschafft. Des Weiteren: Warum macht man Arbeiten wie die Netzwerkwerkbetreuung nicht in einem Leasingverfahren? In Aachen zum Beispiel hat sich das sehr bewährt. Die Einstellung von Assistenten würde uns Lehrer entlasten, damit wir Zeit für die individuelle Förderung haben.

Verbindliche Vorgaben für den Schulträger auch für die Ausstattung von Schulen: Zurzeit gibt es diese verbindlichen Vorgaben nur für die Raumgröße. Das Wichtige ist jedoch das, was sich darin befindet. Das wird nicht vorgegeben. Da muss der Schulträger gezwungen werden, für eine entsprechende Ausstattung zu sorgen, gerade was Selbstlernzentren usw. angeht. Homogene Klassen müssen auf jeden Fall beibehalten werden, unbedingt auch das dreigliedrige Schulsystem.

Die Verbindlichkeit der Empfehlungen kann ich nur begrüßen, da ich seit 25 Jahren in der Schulverwaltung, der Schulorganisation tätig bin. Die Verlässlichkeit der Grundschulgutachten schätze ich sehr hoch ein. Ich habe häufig nach zwei, drei Jahren rückgefragt. Wir halten die Berichtszeugnisse der Klassen 2 und 3 vor und halten auch engen Kontakt zu den abgebenden Grundschulkolleginnen und -kollegen. Das hat sich ausgesprochen bewährt und darauf freue ich mich.

Die Fachausbildung der Lehrer darf nicht reduziert werden, unabhängig von der Tatsache, dass die pädagogisch-didaktischen Abteilungen der Universitäten entsprechend ausgelastet werden sollen. Die Fachkompetenz der Lehrer darf nicht reduziert werden.

Ich muss zuerst wissen, was ich vermittle, ehe ich mich der Frage widme, wie ich das mache.

Vor allen Dingen wäre bei den Forderungen ganz klar zu nennen: Endlich etwas Ruhe und Gelassenheit in das Reformvorhaben einfügen, damit wir Fuß fassen und die vor einiger Zeit durchgeführten Reformen entsprechend überprüfen können.

Vorsitzender Wolfgang Große Brömer: Damit sind wir bei der Frage- und Antwortrunde.

Michael Solf (CDU): Herr Vorsitzender, die erste Frage, die ich habe, können Sie mir gar nicht beantworten, nämlich die Frage, was für eine freundliche Regie es war, die uns das Erlebnis verschafft hat, heute Morgen fast nur die geballte Kritik zu hören und heute Mittag - vornehmlich aus dem Bereich der direkt an der Schule Tätigen - das Ganze in einem etwas differenzierteren Licht beobachten zu dürfen.

Ich möchte mit meiner Frage in einen Bereich vorgehen, der nach meiner Meinung heute generell etwas zu kurz kam, der Bereich Prävention Sitzenbleiben. Ich möchte die Praktiker fragen: Was halten Sie davon, wenn die Schülerinnen und Schüler, die auf dem Halbjahreszeugnis in einem Kernfach eine Fünf bekommen haben, verpflichtet werden, am Samstagvormittag in kleinen Kreisen nachzuarbeiten? Wäre es möglich, dass in diesen Fällen diejenigen, die nur ein bisschen faul gewesen sind, sich bemühen würden, dass in Zukunft der Samstag frei wäre, und dass diejenigen, die wirklich einer besonderen Nachhilfe bedürfen, in Kleingruppen - ohne dass Eltern, die das vielleicht nicht könnten, das bezahlen müssten - endlich die Hilfe bekämen, mit der auch sie das Ziel der Klasse erreichen könnten?

Vorsitzender Wolfgang Große Brömer: Herr Solf, können Sie erläutern, wen Sie mit den Praktikern direkt gemeint haben?

Michael Solf (CDU): Ich habe alle, die hier gesprochen haben, als Praktiker empfunden.

Sigrid Beer (GRÜNE): Meine Damen und Herren! Ich wundere mich über Ihre Einlassung, Herr Solf, und auch über das, was Frau Balbach gesagt hat, und darüber, wie systematisch der Beitrag der Grundschullehrkräfte von heute Morgen ausgeblendet worden ist. Ich glaube, das ist geballte Praxis, die sich dahinter verbirgt, im internationalen Vergleich übrigens äußerst erfolgreich. Das zum einen.

Ich möchte jetzt gerne weiter fragen, zuerst Herrn Prof. Leutner. In dem Kompetenzbegriff nach Weinert sind die motivationale und die volitionale Dimension schon inbegriffen.

Das heißt, dass genau das in der Entwicklung der Bildungsstandard schon thematisiert ist. Von daher begreife ich das sehr integrativ in Bezug auf die fachlichen Standards, die auch auf der Grundlage des Klieme-Gutachtens, das sich ebenfalls auf den weinertschen Kompetenzbegriff bezieht, entsprechend entwickelt werden.

Die Frage: Muss an dieser Stelle wirklich ein Auseinanderziehen sein und welche Kompetenzen müssten eigentlich bei der Entwicklung des Arbeits- und Sozialverhaltens zusätzlich beschrieben werden? - Ich sehe das im Widerspruch zu dem, was Sie gesagt haben und wie sich das entwickeln sollte. Es sollte unser Anliegen sein, diesen Kompetenzbegriff jetzt nicht wieder auseinander zu nehmen, er gilt für jeden fachlichen Standard. Dazu gehören immer die motivationale und die volitionale Komponente, also Fähigkeit und Bereitschaft.

Halten Sie die Form von Bildungsdokumentation Portfolio zum Beispiel nicht eher für geeignet, solch einem komplexen Anspruch gerecht zu werden - und das in Bezug auf die fachlichen Anforderungen wie auch auf Schlüsselqualifikationen, die Sie vielleicht an dieser Stelle angesprochen haben?

Ich möchte Herrn Dr. Keller noch fragen, was die Chancen auf dem Arbeitsmarkt angeht. Es ist eben von dem Schulleiter der Gesamtschule mit einem sehr plakativen Begriff sehr deutlich gesagt worden, was Kopfnoten und Leistungsfähigkeit in der Kombination aussagen wollen. Ich will es ein bisschen charmanter sagen: Bringt keine Leistung, ist aber lieb. Welche Chancen sind denn da, auf dem knappen Ausbildungsmarkt dann wirklich eine Stelle zu bekommen - ist das nicht eine Chimäre, die uns hier vorgegaukelt wird? - in der Konkurrenz zwischen Realschulabsolventen und -absolventinnen, Gymnasialabsolventen und -absolventinnen, die längst nicht alle bis zur Sekundarstufe II und danach nicht alle ins Studium gehen, sondern auch auf den Berufsmarkt und auf den Ausbildungsmarkt drängen?

Herr Silbernagel, Frau Demmer hat achtmal Selektion gesagt, ich sage es das neunte Mal und zitiere damit jemanden, der, soweit ich weiß.