Die Schere zwischen Fähigkeit und Schwierigkeit geht weit auseinander

Die Schere zwischen Fähigkeit und Schwierigkeit geht weit auseinander.

Das führt mich zu dem folgenden Punkt. Wenn wir das Potenzial gerade der Niedrigkompetenten ausschöpfen wollen, dann brauchen wir einen fähigkeitsadaptierten Unterricht. Das läuft auf individuelle Förderung hinaus. Wir brauchen die Schaffung einer Lernatmosphäre, in der jemand nicht einfach die Rollläden herunterlässt, wenn Mathematikunterricht beginnt, und sagt: Mathematik ist nicht mein Bier. Wenn die gleichen Aufgaben in einem Problemlösekontext mit realen Lebensbeispielen eingekleidet werden, dann können diejenigen solche Aufgaben relativ gut lösen.

Was wir auch brauchen: Letztendlich muss deutlich werden, dass fachliche Leistungen wertgeschätzt werden. Das scheint gerade in den unteren Kompetenzbereichen weniger der Fall zu sein. Das führt zu der Forderung, dass Erfolge möglich werden müssen, damit auch Niedrigleistende Erfolge bei ihrem Lernen haben können.

Eine letzte Bemerkung, Herr Solf, zu dem Thema samstags Zusatzunterricht. Wenn wir eines aus der Lehr-Lern-Forschung wissen, dann ist es das, dass zusätzliche Lernzeit ein sehr guter Prädiktor für zusätzlichen Lerngewinn ist. Wenn das möglich wäre, zusätzliche Lernzeit einzurichten - obwohl ich als Vater von drei Kindern auch gern den freien Samstag habe -, dann wäre das eine Maßnahmen, mit der man sich nicht auf dem falschen Dampfer befinden würde.

Michaela von Heereman: Ich möchte mich Herrn Prof. Leutner bezüglich der Frage des Samstagsunterrichts anschließen. Wir haben uns als Elternverein Nordrhein Westfalen aus lernpsychologischen Gründen immer gegen die Fünftagewoche gerichtet. Wir würden es mit großem Jubel begrüßen, wenn Ihr Vorschlag, den Samstag für zusätzlichen Unterricht zu nutzen, umzusetzen wäre.

Es gibt aber auch Schulen, in denen ohne diese Möglichkeit schon die erstaunlichsten Lösungen gefunden worden sind. An der vorhin von mir erwähnten Schule ist es so, dass die sogenannten Springer, die von der Klasse 10 in die Klasse 11 springen, ehrenamtlich von den Lehrern fünf bis sechs Monate lang an fünf Tagen in der Woche nachmittags zwei Stunden Liftkurse bekommen. Die Kinder, die dann wirklich springen, geben in den Klassen 11 und 12 den Problemkindern der Klassen 5, 6 und 7 ehrenamtlich Nachhilfeunterricht. Ich finde, dass das eine sehr gute Lösung ist, weil die Schüler dadurch zu Solidarität und Gemeinwohlverpflichtung angeleitet werden und merken, dass sie, weil sie der Schule viel zu verdanken haben, auch etwas zurückgeben können. Das hat sich sehr bewährt und ich weiß, dass die Kinder, die von den Schülern unterrichtet werden, das gut finden und mit einem enormen Ehrgeiz darangehen, weil sie ihresgleichen nicht entmutigen wollen.

Auf die nächste Frage von Herrn Kaiser bezüglich der Rückwirkung der Kopfnoten auf elterliches Erziehungsverhalten und bezüglich der Akzeptanz der Kopfnoten bei den Eltern gibt es keine einfache Antwort. Es gibt leider einen Teil Eltern, der das innere Instrumentarium, die Ressourcen zu einer vernünftigen Erziehungsarbeit nicht hat. Diese Eltern werden wir auch mit Kopfnoten nicht befähigen zu erziehen. Insofern teile ich vieles von dem, was die Experten heute früh vorgetragen haben.

Aber es gibt durchaus auch Eltern, und zwar auch akademisch gebildete Eltern, die sich so weit auf Selbstverwirklichung festgelegt haben, dass sie glauben, dass sie in dem Moment, in dem sie die Kinder in der Schule abgeben, auch ihre Verantwortung abgegeben hätten. Ich meine, dass die Eltern - vor allen Dingen in der Grundschule - sehr wohl die Verpflichtung haben, dafür zu sorgen, dass die Kinder zum Beispiel ihr Material da haben, wenn es in der Schule zur Sache geht, dass sie pünktlich kommen, dass sie ausgeschlafen sind und dergleichen mehr.

Wenn die Eltern durch die Kopfnoten und mit einem entsprechenden Gespräch durch die Lehrer noch einmal verstärkt auf ihre Mitverantwortung hingewiesen würden, wäre in bestimmten Kreisen, glaube ich, schon ein Verhalten in der elterlichen Erziehung zu erzielen.

Bezüglich der Akzeptanz seitens der Eltern kann ich auch wieder nur sagen, dass erziehungswillige und erziehungsfähige Eltern die Kopfnoten begrüßen werden, auch weil die Kopfnoten nicht nur sie selber motivieren zu erziehen, sondern weil sie spüren, dass das, was sie den Kindern nahe bringen wollen, von der Schule wertgeschätzt wird, während Eltern, denen das Erziehen schwer fällt, auch Kopfnoten nicht akzeptieren werden.

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Ich weise das aber für mich zurück. Ich bin auch erziehungswillig und erziehungsfähig und bin nicht für Kopfnoten. Ich möchte das nicht vermischt haben, bitte. Ich war lange Jahre Elternvertreterin.)

- Gut. Aber ich glaube, dass die Mehrheit der Eltern für Kopfnoten ist. Das hat man auch in der VBE-Umfrage gesehen. Ich habe sechs Kinder noch nicht ganz durch die Schule gebracht und muss sagen, dass ich mich oft in meinem Bemühen, Kinder zum Beispiel zu ordentlicher Heftführung zu veranlassen, allein gelassen gefühlt habe. Wenn von der Schule kein Echo kommt und die Kinder einem sagen können, dass die Lehrer meinten, es sei egal, Hauptsache sei, dass es stimme, dann steht man auf verlorenem Posten. Es kommt die Zeit, in der es notwendig ist, dass Kinder so schreiben, dass sie zum Beispiel bei mathematischen Gleichungen wirklich zwischen Rho und Phi oder dem, was jeweils angebracht ist, unterscheiden können.

Peter Silbernagel: Erstens. Zu der Frage von Herrn Kaiser, ob die Zielvorgabe in § 50 Abs. 3, wonach die Schule ihren Unterricht so zu gestalten hat, dass die Versetzung der Regelfall ist, richtig ist, folgende Anmerkung: Das Ziel ist korrekt, die Formulierung ist, um es nett zu formulieren, entbehrlich. Ich würde sogar sagen, sie ist nicht vernünftig, weil sie suggeriert, dass Unterricht bisher nicht diesem Ziel verpflichtet ist.

Wir geben den guten Rat, gerade weil hier das Rechtliche hineinspielt, diesen Satz zu streichen. Sie haben in § 1 eine klare Leitvorgabe gemacht, insofern muss das zwar gut Gemeinte, aber nicht optimal Gemachte nicht unbedingt noch einmal aufgenommen werden.

Zweitens. Herr Solf, zum Stichwort Samstags die Fördermaßnahmen für die Versetzungsgefährdeten umsetzen. Wichtig ist erstens, dass man anfängt, zweitens, dass die Verpflichtung greift, insofern wirklich auch die Schüler erfasst, die betroffen sind, 58 von 62 tens dass Lehrerstellen dafür zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Ich habe nachgewiesen, dass es sich rechnet. Dann bekommt man viertens auch das Organisatorische in den Griff. Ich würde es der eigenverantwortlichen Schule überlassen, ob sie es an einem Nachmittag organisiert oder die Organisation gegebenenfalls in das Wochenende hineinzieht. Das ist dann eine sekundäre Frage.

Drittens. Frau Beer, zum Stichwort Selektion. Das häufige Bemühen des Begriffes dokumentiert nicht die Angemessenheit des Begriffes.

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Sie sollten auf Herrn Sinn eingehen!)

Es ist nicht so, egal wen Sie zitieren, dass Quantität die Qualität ersetzt. Insofern plädiere ich sehr dafür, dass man diesen Begriff auch schon deshalb behutsam und vorsichtig benutzt, weil er für unsere Ohren sehr vorbelastet ist und etwas unterstellt, was einem viergliedrigen Schulsystem nun wirklich nicht unterstellt werden darf.

Zu der letzten Frage. Ich kenne den Begriff Sandwichkinder aus Fragen von Familienkonstellationen. Ich würde das unterstützen, was Herr Klein eben auch gesagt hat: Alle Schülerinnen und Schüler haben individuelle Stärken und Schwächen und es ist im Schulsystem möglich, dass man viele Angebote macht, um zu versuchen, die Stärken und Schwächen zu finden und herauszuarbeiten sowie entsprechend angemessen zu reagieren. Insofern sehe ich nicht den Fall, dass jemand von Fördermaßnehmen nicht erfasst werden würde.

Brigitte Balbach: Herr Solf, da können Sie mal sehen, was daraus wird, wenn man zuhört. Ich habe überhaupt nichts von Samstag gehört, ich habe nur Prävention Sitzenbleiben gehört und zu diesem Stichpunkt möchte ich auch gern Stellung beziehen.

Für Prävention Sitzenbleiben - dafür ist Herr Klein in meinen Augen in unserem Kreis heute das beste Beispiel - kann man viele Möglichkeiten wählen. Im Zuge des Wunsches der Landesregierung, die Schulen eigenverantwortlich machen zu wollen, und zwar alle, ist das doch ein wundervolles Beispiel, zu zeigen, wohin das führen kann.

Das heißt, Prävention ja, ob am Samstag oder wann auch immer ist nicht in erster Linie unser Thema. Thema ist aber, dass jede Schule sich vielleicht selbst einbringt und sich solche Präventionsmodelle, von denen wir hier gehört haben, überlegen kann. Denn ich glaube, dass in der Vielfalt und nicht unbedingt in der Vorgabe die Würze liegt.

Daran hören Sie schon, dass ich ein Verfechter dessen bin, dass nicht alles klein-klein gesetzlich vorgegeben werden muss, sondern dass Schule, Lehrer, Schüler und Eltern eigenverantwortlich denken und handeln können und dass sie das - ich denke, das werden auch Politiker noch lernen müssen - sicherlich auch beherrschen.

Das Nächste! Frau Beer, ich habe mir Stellenwert der Kopfnoten aufgeschrieben. Ich hatte in meinem Statement den Kriterienkatalog genannt und ich sage gern noch einmal, was ich vielleicht nur sehr kurz angesprochen habe: Sobald Transparenz bei Schülerinnen und Schülern vorliegt, und zwar nicht nur im Zeugnis, sondern auch zwischendurch durch das gemeinsame Besprechen, auch mit Eltern, alle in ein Boot zu holen, einen solchen Katalog herzustellen, in dem Moment sind auch alle im Boot, wenn es darum geht, Noten zu vergeben. Ich möchte ein Beispiel aus meinem eigenen Unterricht nennen. Ich bespreche meine Noten immer mit den Schülern und gebe klar vor,