Ich halte einen inhaltlichen Austausch über diese Problematik wichtig

Frau Beer hat nachgefragt. Wir müssen eine Analyse der Ursachen durchführen: Warum kommen die Betreffenden nicht? Welche Inhalte müssen wir anbieten? Sollen wir nur Alphabetisierungskurse anbieten oder müssen wir einen Schritt vorneweg machen, damit sie überhaupt diese Hürde nehmen? - Das ist das, was Frau Beer eben andeutete.

Ich halte einen inhaltlichen Austausch über diese Problematik wichtig. Wir können nicht zulassen, dass sich bestimmte Personenkreise - wir dürfen heute nicht mehr von Schichten sprechen - immer weiter qualifizieren und andere werden vergessen. Mir liegt viel daran, dass wir darüber diskutieren, welche kreativen Möglichkeiten es gibt. Wir werden im zweiten Teil noch ausführlich darüber sprechen, was kommen wird. An dieser Stelle müssen wir auch eine andere inhaltliche Diskussion führen.

Zu dem Vorschlag eines Best-Practice-Pools: Wir verfahren mit Blick auf die Schulen ebenso. Wir heben diejenigen heraus, die es besonders gut machen und besonders viele Erfahrungen auf einem bestimmten Gebiet haben. So kann man voneinander lernen. Ich halte wenig davon, auf andere mit erhobenem Zeigefinger zu zeigen und zu sagen: Da seid ihr noch nicht soweit. Der Austausch geschieht auf gleicher Augenhöhe.

Helga Hege (Paritätisches Bildungswerk, Landesverband NRW e. V.): Frau Sommer, darauf muss ich spontan noch einmal reagieren. Ich hatte vorhin die Benachteiligten angesprochen. Wir haben bereits so etwas wie Best-Practice-Börsen. Ich muss in meine Rolle als Vorsitzende des Arbeitsausschusses für Familien- und Weiterbildung der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in NRW springen. Unter unserer Internetadresse www.familienbildung-in-nrw.de finden Sie eine Projektbörse für den Bereich der Migration, insbesondere zum Thema Stärkung der Erziehungskompetenz.

Wir hinterfragen in den Projekten verschiedene Möglichkeiten und zeigen auf, welche zusätzlichen Förderungen man findet kann. Das, was Sie fordern, nämlich ein kreatives Umgehen damit, ist tägliche Übung. Was jetzt durch die Kürzung passiert, ist eine Zerschlagung der Struktur. Nicht nur Gelder für die Durchführung von Maßnahmen, sondern auch Gelder für das Personal werden gekürzt. Wir brauchen Personal, wenn wir mit Benachteiligten arbeiten müssen. Gerade da benötigen wir Strukturen, weil wir an solche Zielgruppen nur herankommen, wenn wir vernetzt arbeiten. Vernetzung erfordert eine ausreichende personelle Struktur.

Sigrid Beer (GRÜNE): Frau Ministerin, Sie sprachen das Thema Kreativität an. Ich habe gedacht, dass Sie Ihre kreativen Ideen aus dem Ministerium auch der Weiterbildungskonferenz vortragen. Welche neuen Impulse sollen das sein? Aus dem Auditorium habe ich noch nicht gehört, dass mehr Geld gefordert wird. Ich habe den Ausführungen entnommen, dass es an dieser Stelle vor allem um eine Sicherung der bestehenden Strukturen geht.

Ich glaube nicht, dass denjenigen, die sich im Augenblick auf dem Drahtseil befinden und diesen Akt vollführen müssen, damit geholfen ist, wenn sie ein neues buntes Kostüm anziehen. Man muss die Grundlagen sichern und verbessern. Als Erstes 10 von 48 re ich mich für Ihre kreativen Ideen, die Sie den Weiterbildungsträgern anbieten oder vorstellen möchten.

Johannes Rücker (Katholische Landvolkshochschule Warendorf-Freckenhorst): Frau Ministerin, es geht aus unserer Sicht keineswegs darum, ständig mehr Geld zu fordern. Allerdings stehen wir vor dem Problem, dass wir ständig weniger Geld bekommen.

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, haben sich die finanziellen Mittel für die Weiterbildung seit dem Jahre 1983 insgesamt nicht erhöht. Sämtliche Kostensteigerungen Personalkosten, Sachkosten, Energie und dergleichen mehr - mussten von den Trägern aufgefangen werden. Sie sind unter anderem auch in Form steigender Teilnehmergebühren weitergegeben worden.

Wir diskutieren jetzt darüber, wie wir die bildungsfernen Schichten erreichen können, ob die Möglichkeit besteht, sie stärker am Weiterbildungsprozess zu beteiligen. Wir haben das Jahresprogramm 2007 in diesen Tagen unter große Fragezeichen erstellt. Wir wissen nicht, ob wir die erreichten Ziele und die Preiskalkulationen überhaupt umsetzen können. Wir mussten die Teilnehmergebühren in den letzten Jahren anheben. Dies geschah schlicht und ergreifend deshalb, weil wir Haushaltslücken stopfen mussten.

Wenn der Trend so weitergeht, werden sich die Angebote in den nächsten Jahren in vermehrtem Maße an diejenigen richten, die sich die Weiterbildung noch leisten können. Dann werden wir diejenigen, um die es auch in der heutigen Diskussion geht, garantiert nicht erreichen. Das ist das Problem, vor dem wir stehen. In struktureller Hinsicht geht es einigen Einrichtungen jetzt an die Existenz.

Sigmar Fischer (Landesarbeitsgemeinschaft Demokratischer Bildungswerke): Frau Ministerin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir sind ein Zusammenschluss politischer Bildner. Wir sind kleine, mittlere und große Bildungswerke. Wir haben Bildungswerke in unserem Verbund, die mit einer Bildungsstätte zusammenarbeiten, und solche, die das nicht tun. Ich versichere Ihnen: In unserem Mitgliederspektrum wird schon lange Arbeit mit Benachteiligten geleistet, egal, ob es sich um allein erziehende Mütter, um benachteiligte Jugendliche oder um Migrantinnen und Migranten handelt. Diese Arbeit ist allerdings sehr aufwendig.

Wir haben die Konzepte. Ich kann Frau Hege nur bestätigen. Wir haben auch die Erfahrung und Kompetenz. Der Zugang zu diesem Personenkreis erfolgt in der Regel durch Vernetzung, beispielsweise mit Jugendsozialarbeit, mit Straßensozialarbeit oder mit anderen Einrichtungen der sozialen Arbeit. Die Adressaten, die wir erreichen wollen, sind nun einmal nicht sehr zahlungsfähig und zahlungsbereit. Wir müssen schon mit sehr spitzem Bleistift kalkulieren. Auch müssen wir eine ungeheure Qualität liefern, um sie überhaupt zu motivieren. Das ist unsere Erfahrung. Insofern kommen wir zwangsläufig zu dem zweiten Teil dieser Konferenz, wenn wir über dieses Thema reden.

Es bedarf der Sicherung der Strukturen. Mit den Kürzungen, die dieses Jahr wirksam geworden sind, haben Sie uns bereits mit dem Rücken an die Wand gestellt. Das belegen auch Umfragen in unserem Verband. Es fällt immer schwerer, eine solche Arbeit zu leisten. Wenn Sie auch nur noch ein Prozent kürzen, spricht diese Finanzpolitik der Absicht einfach nur Hohn, qualifizierte Bildungsarbeit für Benachteiligte zu leisten.

Günter Boden (Evangelisches Erwachsenenbildungswerk NRW): Die Kollegen vor mir haben bereits darauf hingewiesen, wir haben sehr viel an Initiativen und Modellen, um uns im breiten Ansatz um die Benachteiligten zu kümmern. Es gibt diese Erfahrung und diese Kompetenzen. Frau Ministerin, Sie wollen mit uns fachlich darüber diskutieren, wie wir dieses Ziel gemeinsam erreichen können, um die Weiterbildungsbeteiligung zu erhöhen. Dafür gibt es bestimmte Bedingungen.

Die Frage der Information ist nach meiner praktischen Erfahrung und Erkenntnis eine der geringeren. Die Vielzahl derjenigen, die diese Defizite haben, kommt nicht über das Internet. Sie braucht Entscheidungsgrundlagen und Beratung. Es gibt Rahmenbedingungen, die wir kennen. Es gibt Good-Practice- und Best-Practice-Beispiele, die diese Weiterbildungsbeteiligung tatsächlich erhöhen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Im Bereich der abschlussbezogenen nachholenden Grundbildung gibt es Kurse mit 20 Personen, die aus 17 Nationen kommen. Darunter sind auch viele Frauen.

Sie haben es selbst evaluiert und geprüft. Ihr Ministerium kennt solche Ansätze auch aus anderen Bereichen. Diese Maßnahmen sind sehr personalintensiv. Genügend Personal ist Voraussetzung für einen Erfolg. Sie müssen sich darum kümmern, dass die Kurse nicht abgebrochen werden. Die Menschen müssen sozialpädagogisch begleitet werden. Diese Personalintensität setzt solide und gute Infrastrukturen voraus. Deswegen ist es verständlich, wenn andere Kollegen auf die Ressourcenfrage hingewiesen haben. Sind diese vorhanden, haben wir gute Chancen, bei diesem Ziel auch in Bezug auf die Vernetzung weiterzukommen.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Weiterbildung dies nicht alleine kann. Wir arbeiten aber mit der Diakonie, mit der Caritas, mit Wohlfahrtsverbänden und mit Beratungsinstitutionen zusammen. Das erhöht die Chance und die Qualität der Angebote und die Erfolgsaussichten. Diese Bedingungen sind fachlich vorhanden. Wir würden sie gern gemeinsam mit Ihnen nach vorne bringen. Die Ressourcenfrage kann aber nicht völlig losgelöst betrachtet werden.

Es geht nicht um mehr Geld, aber man benötigt solide Grundförderung und Strukturen, die das bewältigen können. Dann kommen wir auch voran. Wir sind hoffnungsvoll. In den letzten fünf Jahren ist viel bei den Weiterbildungseinrichtungen passiert. Die gesetzten Akzente finden bei uns volle und breite Unterstützung.

Regina Schumacher-Goldner (Arbeit und Leben DGB/VHS NW e. V.): Ich möchte den Beiträgen meiner Vorredner noch ausdrücklich den Aspekt der politischen Bildung hinzufügen. In der bis jetzt geführten Diskussion wurde dieser Aspekt zu kurz beleuchtet. Erfreulicherweise wurde mit Blick auf die Familienbildung auf diesen Aspekt besonders deutlich hingewiesen. Für die politische Bildung vermissen wir dies noch etwas.

Dies gilt insbesondere dann, wenn wir in Rechnung stellen, was Frau Sommer angesprochen hat, nämlich kreativ zu sein und sich stärker um diejenigen zu kümmern, die an den Maßnahmen bisher unterdurchschnittlich teilgenommen haben. Das tun wir.