Wohnen und Pflege im normalen Wohnumfeld ­ selbstständiges Leben durchgängig sichern helfen

1. Der demografische und soziale Wandel stellt die Gesellschaft in den kommenden Jahren vor große Herausforderungen. Die Zahl der älteren und pflegebedürftigen Menschen wird in den nächsten Jahren deutlich ansteigen und der Anteil der Menschen, die im Alter alleine und ohne Angehörige leben, wird weiter zunehmen. Die Kommunen stehen dabei vor demografischen Umbrüchen in den Wohnquartieren und Stadtteilen. Dies führt zu neuen Anforderungen, aber auch Chancen für die Sozial- und Wohnungspolitik, Quartiersplanung, Infrastrukturplanung. Auch die Wohnungswirtschaft, Dienstleister und Mittelstand stehen vor der Aufgabe, sich auf die Bedarfslage eines immer größer werdenden Kundinnen- und Kundenkreises älterer und pflegebedürftiger Menschen auszurichten.

2. Wohnen besitzt eine zentrale Bedeutung für die Erhaltung der Selbstständigkeit und Gesundheit. Dabei ist von besonderer Bedeutung die Kompetenzen der älteren Menschen zu stärken und zu unterstützen. Die Ansprüche an Wohn- und Versorgungsformen im Alter und bei Pflegebedürftigkeit haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Ältere Menschen wünschen heute eine weitgehend selbstständige und zufrieden stellende Lebensführung auch bei eintretender Pflegebedürftigkeit. Traditionell ausgerichtete Angebote der Altenhilfe können diese Anforderungen immer weniger erfüllen. Deshalb sind in den letzten Jahren zunehmend Neue Wohnformen entstanden, die auch eine gesicherte Pflege bieten. Eine zentrale Aufgabe der Wohn- und Pflegepolitik für ältere Menschen wird deshalb darin liegen, die Wohnung und das Wohnumfeld wie auch den Pflege- und Hilfemix so zu gestalten, dass ältere Menschen auch bei Einschränkungen oder Pflegebedürftigkeit selbstständig und selbstbestimmt leben können. Wohn- und Hilfeangebote für ältere und pflegebedürftige Menschen müssen im normalen Wohnumfeld verankert werden. Kooperationen von Wohnungsunternehmen und sozialen Dienstleistern werden dabei zukünftig eine zentrale Rolle einnehmen.

3. Eine barrierefreie Ausrichtung der Wohnungen und des Wohnumfeldes stellt eine wichtige Voraussetzung für ein eigenständiges Wohnen im Alter und bei Pflegebedürftigkeit dar und kommt dabei auch anderen Personengruppen wie Menschen mit Behinderungen und Familien mit kleineren Kindern zu gute. Handlungsbedarf besteht insbesondere für Stadtteile und Wohnquartiere, die noch nicht entsprechend baulich angepasst sind. Ziel dabei ist auch, das Zusammenleben von Alt und Jung zu fördern. Insbesondere für die Stadtteile und Wohnquartiere, die einen überdurchschnittlichen Anteil an älterer Bevölkerung aufweisen, müssen Rahmenbedingungen und Infrastrukturen für ein stärkeres Zusammenleben mehrerer Generationen geschaffen werden.

4. Wohn- und pflegebegleitenden Hilfen und Dienstleistungen erhalten eine wachsende Bedeutung, für die selbstbestimmte Lebensführung und den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit und eigenen Wohnung. Hierzu gehört u.a. eine notwendige Infrastruktur an Läden, Dienstleistungen und auch Hol- und Bringdiensten in den Stadtteilen und Wohnquartieren.

Ebenso stellt das Zusammenwirken von Trägern sozialer Arbeit, Initiativen und Selbsthilfe einen wichtigen Trägermix dar, der neue insbesondere quartiersbezogene Angebotsformen möglich macht. Von besonderer Bedeutung ist dabei eine enge träger- und angebotsübergreifende Kooperation mit örtlichen Vereinen, Initiativen, Wohnungsunternehmen, sozialen Trägern, und Kirchengemeinden sowie Trägern zielgruppenspezifischer Angebote und Einrichtungen und informeller Hilfeleistungen.

5. Der Bedarf an professioneller Beratung im Zusammenhang mit Pflegebedürftigkeit nimmt weiter zu. Wohnberatung leistet dabei nachweislich erfolgreiche Arbeit, in dem für viele ältere Menschen das gewünschte Verbleiben in den „eigenen vier Wänden" ermöglicht, angemessene Hilfemaßnahmen gestaltet aber auch weitaus höhere Folgekosten vermieden werden können. Derzeit werden in NRW im Rahmen eines Modellprojektes 35 Wohnberatungsstellen über eine gemeinsame Finanzierung durch Land, Kommunen und Pflegekassen gesichert. Langfristig bedarf es allerdings einer Regelung zur dauerhaften Finanzierung der Wohnberatung.

Eine unabhängige Informations- und Beratungsarbeit ist Voraussetzung, um einen Überblick über die örtlichen Angebote und auch die leistungsrechtlichen Rahmenbedingungen zu geben. Im Rahmen des Landespflegegesetzes NW ist deshalb eine unabhängige Pflegeberatung verankert. Diese gilt es, weiter auszubauen und zu einem kundinnen- und kundenorientierten Casemanagement weiterzuentwickeln, das die einzelnen Menschen dabei unterstützt, passende individuell zugeschnittene Hilfeangebote zu finden und in Anspruch zu nehmen.

6. In NRW sind bereits in den letzten Jahren folgende Rahmenbedingungen für das Wohnen im Alter gesetzt worden, die bundesweit Beachtung gefunden haben:

· In der Landesbauordnung wurde festgeschrieben, dass in Gebäuden mit mehr als zwei Wohnungen die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein müssen. Seit 1998 ist die Barrierefreiheit verbindliche Voraussetzung für die Förderung von Mietwohnungen im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung.

· Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms sind darüber hinaus innovative Wohnangebote für alte und pflegebedürftige Menschen gezielt unterstützt worden. Dabei wird u.a. der Neubau von Gruppenwohnungen, in denen pflegebedürftige Menschen gemeinschaftlich zur Miete wohnen und ihre Pflege ambulant je nach individuellem Bedarf organisieren, gefördert. Zur Unterstützung von quartiersnahen Angeboten für pflegebedürftige Menschen werden im Zusammenhang mit der Förderung von Mietwohnungen auch ergänzende Pflegewohnplätze gefördert.

· Mit dem Programm „Neue Wohnformen" werden seit 1997 in NRW modellhaft gemeinschaftliche Wohnformen für ältere, pflegebedürftige und behinderte Menschen unterstützt und zwei Regionalstellen gefördert, die Wohngruppeninitiativen, Wohnungsunternehmen, Kommunen, Seniorenverbände und freigemeinnützige Träger bei der Planung und beim Aufbau von Neuen Wohnformen beraten und unterstützen.

Die Enquetekommission „Situation und Zukunft der Pflege in NRW" hat im Rahmen ihrer Arbeit das Thema "Wohnen im Alter und bei Pflegebedürftigkeit" intensiv behandelt und hierzu eine Vielzahl von Empfehlungen ausgesprochen, die für die Weiterentwicklung des Wohnens im Alter und bei Pflegebedürftigkeit mit aufgegriffen werden sollen. Der Landtag NRW hat auf Initiative der Fraktionen von SPD und DIE GRÜNEN im April 2005 die Handlungsempfehlungen der Enquetekommission begrüßt und dabei Grundsätze hervorgehoben, die insbesondere die individuellen Bedürfnisse der älteren und pflegebedürftigen Menschen bei der Gestaltung der Wohn- und Pflegeangebote in den Mittelpunkt stellen (Drucksache 13/6890). Die CDU/FDP-Koalition hat ihrerseits in ihren Vereinbarungen das Ziel verankert, älteren Menschen das selbstbestimmte Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen.

II. Der Landtag bekräftigt deshalb folgende Grundsätze:

1. Erhaltung der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Menschen müssen Grundlage für die Ausrichtung der Wohn- und Pflegeinfrastruktur sein. Hierzu gehört die Orientierung an Normalität, Integration in das Gemeinwesen, Partizipation der Betroffenen, Möglichkeit die Individualität und eigene Lebensführung zu sichern. Die Rahmenbedingungen für einen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit müssen weiter verbessert und Nachbarschaftssysteme, Netzwerke und Selbsthilfeorganisationen gestärkt werden. Eine wichtige Grundlage ist auch das solidarische Zusammenleben der verschiedenen Generationen. Hierfür gilt es auch die nötige Infrastruktur für Alt und Jung in den Stadtteilen zu sichern oder zu entwickeln.

2. Neben der Unterstützung der häuslichen Pflege bedarf es eines breiten und differenzierten Angebotes an Pflegediensten- und -einrichtungen sowie Pflegearrangements professioneller und informeller Pflege. Die zentrale Orientierung in der Alten- und Pflegepolitik muss dabei in der Gestaltung von Wohn-, Pflege- und Hilfeangeboten im normalen Wohngebiet statt in einem weiteren Ausbau der Sonderwohnformen liegen.

Hierzu gehört die soziale Integration älterer und pflegebedürftiger Menschen im Wohnquartier zu erhalten und zu fördern. Dies ist auch eine wichtige, ressortübergreifende Zukunftsaufgabe für die Stadt-, Quartiers-, aber auch für die Verkehrs- und Sozialplanung. Die Kooperation von Wohnungswirtschaft und sozialen Dienstleistern wird zunehmend an Bedeutung gewinnen bei der Schaffung neuer Angebote und der Weiterentwicklung der Infrastruktur.

3. Im stärkeren Maße als bisher müssen bei der Planung von neuen Wohnprojekten und bei der altersgerechten Umgestaltung bestehender Wohnquartiere zielgruppenspezifische Interessen und Bedarfe berücksichtigt werden, bspw. für Menschen mit Behinderungen, jüngere Pflegebedürftige, Menschen mit Demenz oder Menschen mit gleichgeschlechtlichem Lebensentwurf und ältere Migrantinnen und Migranten. Hierzu gehört bspw. eine individuelle und kultursensible Ausrichtung der Angebote.