Versicherung

Landtags Nordrhein-Westfalen, 40002 Düsseldorf, Postfach 10 11 43, Telefon (0211) 884 - 2439, zu beziehen.400 bis 1.600 Kinder mit Hörstörungen geboren. Damit ist dies die am häufigsten auftretende Sinnesbehinderung im Neugeborenenalter. Ein ausreichendes Hörvermögen ist die Voraussetzung vieler Entwicklungsprozesse wie für eine normale Sprachentwicklung. Deshalb ist eine Früherkennung hörgestörter Kinder und deren frühzeitige Behandlung notwendig, um negative Folgen soweit wie möglich zu verhindern und dem Kind einen optimalen Lebensstart zu sichern. Heute können Hörstörungen durch ein einfaches wie zuverlässiges Hörtestverfahren bereits in den ersten Tagen nach der Geburt erkannt werden. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Beginn einer Therapie einer Schwerhörigkeit im ersten Lebensjahr entscheidend ist, um einem hörbeeinträchtigten Kind eine nahezu normale Sprachentwicklung zu ermöglichen. Davon hängt sowohl die emotionale und soziale Reifung als auch die spätere Schul- und Berufslaufbahn des betroffenen Kindes ab. Je später Hörstörungen erkannt und behandelt werden, desto gravierender sind deren Auswirkungen.

Wenn Screening-Programme nur bei Vorliegen von Risikofaktoren angewandt würden, dann würden 50% der Kinder mit Hörschäden nicht erfasst werden. Ein Hörscreening ist in Deutschland flächendeckend nicht etabliert, wird jedoch in einzelnen Krankenhäusern angeboten. In Hessen ist das Neugeborenen-Hörscreening ein kostenloses Landesprogramm für alle Kinder. Darüber hinaus ist dort seit dem 01.01.2008 ein eigenes Gesetz zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes für Kinder in Kraft (GVBl. HE 2007, I S. 856).

Vor diesem Hintergrund frage ich die Landesregierung:

1. In welchen nordrhein-westfälischen Klinikstandorten wird ein Hörscreening für Neugeborene bereits durchgeführt?

2. Wird sich die nordrhein-westfälische Landesregierung dafür einsetzen, die flächendeckende Früherkennung durch ein generelles Neugeborenen-Hörscreening und die Versorgung von hörgeschädigten Neugeborenen einzuführen?

3. Welche Elterninformationsangebot (Broschüren, Internetpräsenz u. ä.) bietet die Landesregierung an, um auf die Notwendigkeit einer Früherkennung und Behandlung kindlicher Hörstörungen aufmerksam zu machen?

4. Was unternimmt die Landesregierung, um die Frühförderung hörgeschädigter Kinder und den erhöhten Fortbildungsbedarf der Frühförderkräfte im Hörgeschädigtenbereich zu verbessern?

5. Wie unterstützt die Landesregierung die Angebote zur Vermittlung von Gebärdensprachkompetenz zur frühzeitigen Förderung der Kommunikationsfähigkeit und zum Wissenserwerb?

Antwort des Ministers für Arbeit, Gesundheit und Soziales vom 21. Juli 2008 namens der Landesregierung im Einvernehmen mit dem Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration und der Ministerin für Schule und Weiterbildung:

Zur Frage 1:

Der Landesregierung liegt dazu keine vollständige Übersicht vor. Die Screeningzentrale Westfalen-Lippe an der Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Münster und die Screeningzentrale Nordrhein, ein Verbundprojekt der Universitätskliniken Aachen, Bonn, Düsseldorf und Köln, geben an, dass folgende Klinikstandorte im Rahmen eines Neugeborenenscreenings Daten an die jeweilige Screeningzentrale senden: Gütersloh, Minden, Bielefeld, Dortmund, Herne, Bochum, Datteln, Marl, Gelsenkirchen, Münster, Greven, Rheine, Steinfurt, Siegen, Olpe, Witten, Hamm, Kamen, Ahlen, Unna, Lippstadt, Brühl, Duisburg, Emmerich, Köln, Bensberg, Mettmann und Wesel.

Zur Frage 2:

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat am 19.06.2008 beschlossen, dass im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen für Kinder künftig auch eine Früherkennungsuntersuchung auf Hörstörungen bei Neugeborenen eine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung ist. Der Beschluss des G-BA wird dem Bundesministerium für Gesundheit zur Prüfung vorgelegt und tritt, wenn er nicht beanstandet wird, nach Bekanntmachung im Bundesanzeiger am 1. Januar 2009 in Kraft. Die Landesregierung begrüßt diesen Beschluss.

Zur Frage 3:

Die Landesregierung weist auf der Internetseite des Präventionskonzeptes NRW (www.praeventionskonzept.nrw.de) im Rahmen der Landesinitiative „Gesundheit von Mutter und Kind" auf die Bedeutung des Themas Hörscreening bei Neugeborenen hin. Dort ist eine Verlinkung zu einem bereits bestehenden Internetangebot www.hoerscreening-nrw.de mit Fachinformationen von ausgewiesenen Experten zu finden.

Zur Frage 4:

Einen Beitrag zur Frühförderung hörgeschädigter Kinder erbringt die Landesregierung dadurch, dass im Haushalt des Ministeriums für Schule und Weiterbildung rund 140 Lehrerstellen für sonderpädagogische Lehrkräfte ­ auch Fachlehrer an Förderschulen ­ zur Verfügung gestellt werden, die eine Förderung der Kinder vor Beginn der eintretenden Schulpflicht in unterschiedlichen Strukturen ermöglichen.

Dies kann ­ auf Antrag der Eltern ­ drei Monate nach der Geburt im Zuge der Hausfrüherziehung beginnen und sich ab dem vierten Lebensjahr durch die Förderung in einem Förderschulkindergarten ­ als Teil der Förderschule ­ oder einem Sonderkindergarten bzw. einer allgemeinen Kindertageseinrichtung fortsetzen. In diesen Fällen wird das Kind durch eine Lehrkraft der jeweiligen Förderschule sonderpädagogisch unterstützt.

Über die Grundversorgung der Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation hinaus stellt die Landesregierung zwölf Planstellen für die pädaudiologischen Zentren (Frühförderstellen) zur Verfügung, die an den jeweiligen Förderschulen angesiedelt sind.

Zur Frage 5:

Die pädaudiologischen Zentren kooperieren im Zuge ihrer Arbeit regelmäßig auch mit außerschulischen Diensten, die ebenfalls für den Bereich der frühen Förderung ­ außerhalb des schulischen Kontextes ­ verantwortlich sind. Im Rahmen der Vernetzung werden Eltern durch Fachleute dabei unterstützt, die erforderlichen Kompetenzen aufzubauen und ggf. im Bedarfsfalle die Deutsche Gebärdensprache zu erwerben.

Ferner hat sich das Modellprojekt GIB ZEIT, das von der Stiftung Wohlfahrtspflege von 2000 bis 2002 gefördert wurde, zum Ziel gesetzt, dass hörende Eltern und ihre hörgeschädigten Kinder lernen, miteinander zu kommunizieren. Das Sozialministerium hat die wissenschaftliche Begleitung des Projektes finanziert.

Der im Anschluss an das Modellprojekt gegründete Verein „GIB ZEIT e.V." vermittelt Kontakte zu gehörlosen Erwachsenen, die den Betroffenen die Gebärdensprache beibringen. Der Verein arbeitet eng mit Einrichtungen der Frühförderung, Kindergärten, Schulen und weiteren Institutionen zusammen.