Bekommen schlechte Schülerinnen und Schüler gute Kopfnoten?

In der Auseinandersetzung um die Sinnhaftigkeit der Vergabe von Kopfnoten für das Arbeits- und Sozialverhalten wird von der Landesregierung und auch von den Regierungsfraktionen gerne das Argument in die Diskussion eingebracht, Schülerinnen und Schüler mit schlechten Noten in den Fächern könnten durch gute Kopfnoten ihr Zeugnis verbessern. In der Plenarsitzung vom 19. Juni 2008 bezeichnete Schulministerin Sommer die Kopfnoten erneut als "Chance für die Schülerinnen und Schüler, die ein "Sehr gut" in Deutsch, Mathematik oder Englisch nicht erreichen."

Vor diesem Hintergrund frage ich die Landesregierung:

1. Auf welchen empirischen Erkenntnissen beruht die Einschätzung der Landesregierung, Schülerinnen und Schüler mit schlechten Noten in den Fächern bekämen überdurchschnittlich oft gut Kopfnoten?

2. Wie viele nordrhein-westfälische Schülerinnen und Schüler haben auf den Halbjahreszeugnissen und den Jahreszeugnissen des gerade vergangenen Schuljahres durchschnittlich bessere Kopfnoten erhalten als Noten in den Fächern?

3. Wie bewertet die Landesregierung den Zusammenhang des Aufwachsens von Schülerinnen und Schüler in schwierigen familiären und/oder sozialen Verhältnissen und schlechten Kopfnoten?

4. Geht die Landesregierung davon aus, dass eine siebenjährige Grundschülerin, die in schwierigen familiären Verhältnissen aufwächst und wenig Unterstützung für ihre schulische Entwicklung seitens ihrer Eltern erfährt, die gleichen Chancen auf gute Kopfnoten hat wie eine siebenjährige Grundschülerin, die von ihren Eltern gut unterstützt wird?

5. Inwiefern können die unterschiedlichen Ausgangslagen der beiden Schülerinnen im Rahmen einer Ziffernote für das Arbeits- und Sozialverhalten differenziert zum Ausdruck gebracht werden?

Antwort der Ministerin für Schule und Weiterbildung vom 7. August 2008 namens der Landesregierung:

Zu den Fragen 1 und 2:

Es ist nicht die Einschätzung der Landesregierung, dass Schülerinnen und Schüler mit schlechten Fachnoten überdurchschnittlich oft gute Kopfnoten erhalten. Die Landesregierung hat dagegen immer betont, dass die Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens schwächeren Schülern die Chance eröffnet, bei schwächeren Fachnoten dennoch auch gute Noten zu bekommen. Daten über die Zensuren der Schülerinnen und Schüler werden mit den Amtlichen Schuldaten nicht erhoben.

Zur Frage 3:

Der Landesregierung ist keine Quelle bekannt, die diese Behauptung belegt.

Zur Frage 4:

Die Landesregierung geht davon aus, dass allen Schülerinnen und Schülern unabhängig von ihren familiären Verhältnissen in der Schule die gleiche Förderung zu Teil wird. Die schulischen Bedingungen zur Erreichung guter Noten zum Arbeits- und Sozialverhalten sind für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem familiären Hintergrund identisch. Die Lehrkräfte haben bei der Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens die Möglichkeit, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler vor dem Hintergrund ihrer individuellen Situation zu würdigen.

Zur Frage 5:

Vgl. meine Antwort zu Frage 4. Im Übrigen wird auf die Möglichkeit verwiesen, die Ziffernnoten nach Beschluss der Schulkonferenz durch Beschreibungen zu ergänzen.