Jugendliche in Nordrhein-Westfalen: Perspektiven durch Teilhabe, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit

Einleitung: Jugend ist ein eigenständiger Lebensabschnitt, der von massiven Umbrüchen gekennzeichnet ist. Junge Menschen wachsen in Eigenverantwortung hinein, wollen selbstständig und selbstbewusst ihren biographischen Weg, ihr persönliches Umfeld und ihre Umwelt gestalten. Jugendliche haben dabei ihre eigenen Zukunftsansichten, individuellen Wert- und Lebensvorstellungen, die z. T. stark von denen älterer Menschen abweichen.

Neben der Familie, die jungen Menschen in ihrer Entwicklung zur heranwachsenden Bürgerin bzw. zum heranwachsenden Bürger Sicherheit, Schutz und Vertrauen geben soll, hat auch der Staat eine große Verantwortung, die notwendigen Rahmenbedingungen für eine positive Zukunftsperspektive, Teilhabechancen, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit zu schaffen. Über die Bildungseinrichtungen, die Jugendhilfe, aber auch die Arbeitsmarktpolitik, die Integrationspolitik und andere Politikbereiche soll die Entwicklung junger Menschen zu eigenständigen und sozialen Persönlichkeiten unterstützt werden. Jugendpolitik ist eine Querschnittsaufgabe. Eine jugendgerechte Politik muss die differenzierten und komplexen Lebenswelten von Jugendlichen und die Vielfalt des Jungseins berücksichtigen.

Jugendpolitik muss dabei beachten, dass sich Jugendliche heute mit vielfältigeren und anderen gesellschaftlichen Anforderungen als in der Vergangenheit konfrontiert sehen. Die Umbrüche der Gesellschaft haben die Jugendphase längst erreicht. Jugendpolitik muss demzufolge Freiräume für individuelle Bewältigungsstrategien schaffen, Jugendschutz und Chancengleichheit gewährleisten und dabei auf umfassende Teilhabe, Interkulturalität, Inklusion und Gerechtigkeit zwischen den Generationen setzen. Dies bedeutet auch, die Frage der Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen der Jugendpolitik konsequent mitzudenken.

Stereotype, geschlechterspezifische Barrieren und Benachteiligungen müssen überwunden werden, um allen jungen Frauen und Männern die gleichen Teilhabechancen zu gewährleisten. Dabei sind Jugendliche zu beteiligen, denn schließlich sind sie Expertinnen und Experten in eigener Sache und Träger eigener Rechte.

Auf Jugendliche aus bildungsfernen und sozial prekären Schichten muss die Jugendpolitik ein besonderes Augenmerk legen, zumal hier der Druck hin zu genderstereotypen Verhaltensweisen besonders hoch ist. Keine Jugendliche und kein Jugendlicher darf der Gesellschaft verloren gehen. Kinder- und Familienpolitik ist zwar auch präventive Jugendpolitik, kann aber eine eigenständige Jugendpolitik keinesfalls ersetzen. Eine Jugendpolitik der jetzigen Landesregierung ist jedoch bestenfalls in Ansätzen erkennbar. Es muss endlich deutlich werden, welche Bedeutung die Landesregierung der Jugendpolitik geben will, welche Ziele sie damit verfolgt und welche Schlussfolgerungen sie daraus zieht.

Wir fragen die Landesregierung:

I. Stellenwert, Bedeutung und Ziele von Jugendpolitik

1. Welchen Stellenwert nimmt die Jugendpolitik in der Arbeit der Landesregierung ein und wodurch wird dieser Stellenwert deutlich?

2. Welche Zielsetzungen verfolgt die Landesregierung im Rahmen ihrer Jugendpolitik?

3. Inwiefern will die Landesregierung die Zugänge von Jugendlichen zu gesellschaftlichen Ressourcen und ihre Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen fördern?

Welche Maßnahmen sind dazu für weibliche und männliche Jugendliche konkret geplant, initiiert oder bereits durchgeführt?

4. Welche Bedeutung hat in diesem Rahmen die Schaffung von Perspektiven für besonders benachteiligte Jugendliche? Welche Maßnahmen sind dazu für junge Mädchen und Jungen konkret geplant oder bereits durchgeführt?

II. Jugendliche und Bildung

5. Welche Schulabschlüsse haben wie viele Jugendliche, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Migrationshintergrund der Schülerinnen und Schüler sowie Bildungsabschluss der Eltern (aufgeschlüsselt nach Müttern und Vätern), in den Jahren 2007 und 2008 erreicht?

In welchem Verhältnis stehen diese Zahlen zum Anteil der jeweiligen Gruppe an der Gesamtbevölkerung?

Welche Unterschiede zeigt ein Vergleich dieser Daten zu den Ergebnissen anderer Bundesländer?

6. Wie hoch ist der Prozentsatz von Jugendlichen ohne Schulabschluss (aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Migrationshintergrund und nach Schulformen inklusive Förderschulen)?

Wie hat sich dieser Prozentsatz seit 1998 entwickelt?

7. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den verbindlichen Übergangsempfehlungen zum Gymnasium einerseits und dem Geschlecht, dem Migrationshintergrund und den Einkommensverhältnissen der Familie andererseits?

Welche regionalen Verteilungsmuster sind in diesem Zusammenhang auffällig?

8. Welche Erkenntnisse liegen der Landesregierung darüber vor, in welchen Zusammenhang der Schulabschluss der Jugendlichen zur sozialen Herkunft bzw. Bildungsferne/Bildungsnähe ihrer Eltern steht?

Welche Konsequenzen zieht die Landesregierung aus diesen evtl. vorhandenen Erkenntnissen?

9. Welche konkreten Vorhaben und Maßnahmen für weibliche und männliche Jugendliche plant die Landesregierung, um auf mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem hinzuwirken, wie dies z. B. der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung anregt?

10. Unterstützt die Landesregierung im Rahmen des Zusammenwirkens von Bund, Ländern und Kommunen den Ausbau von qualitativ hochwertigen Ganztagsschulen über das Ende des Investitionsprogramms im Jahr 2009 hinaus?

Wenn ja, in welchem Umfang und auf welcher rechtlichen Grundlage?

Welche Unterstützung sollen finanzschwache Kommunen erhalten, um die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zu erreichen?

11. Wie viele Schulen - gegliedert nach Schulformen - arbeiten bereits im Ganztag bzw. mit Ganztagsangeboten, wie hoch ist der prozentuale Anteil von Ganztagsschulen an allen Schulen (ebenfalls gegliedert nach Schulformen) und mit welcher Entwicklung des Bedarfs an Ganztagsschulen rechnet die Landesregierung?

12. Welche Beteiligungsformen von Jugendlichen und Eltern sind im Zusammenhang mit dem Ausbau und der Gestaltung von Ganztagsschulen erprobt oder gestärkt worden?

Mit welchem Ergebnis?

13. Welche Maßnahmen ergreift die Landesregierung, um Programme zu entwickeln, die Schulen darin unterstützen, sich als Lernorte zu vernetzen und durch die Arbeit multiprofessioneller Teams den Jugendlichen ein umfassendes Angebot von Bildung und Erziehung bieten zu können?

14. Welche nachhaltigen Maßnahmen hält die Landesregierung für Schulverweigerinnen und Schulverweigerer für erforderlich, um die hohe Zahl der schulfrustrierten Jugendlichen zu verringern?

15. Welche Maßnahmen (aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Migrationshintergrund) plant oder unterstützt die Landesregierung im Bereich der Benachteiligtenförderung?

16. Welche Maßnahmen (aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Migrationshintergrund) plant oder unterstützt die Landesregierung im Bereich der Begabtenförderung?

17. Welche konkreten Maßnahmen plant oder unterstützt die Landesregierung, um die Vereinbarkeit von jugendlicher Elternschaft mit Schule oder Hochschule zu verbessern, um eben auch diesen jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu gewährleisten?

18. Welche konkreten Maßnahmen plant oder unterstützt die Landesregierung, um die UN-Konvention für Menschen mit Behinderung im nordrhein-westfälischen Bildungssystem umzusetzen?