Was die Frage nach einem Zusatzstudium angehe habe er ganz bewusst am Anfang seinen Werdegang dargestellt

Fachrichtung wie geistige Behinderung kämen und sich der Aufgabe der sprachlichen Förderung stellen sollten.

Was die Frage nach einem Zusatzstudium angehe, habe er ganz bewusst am Anfang seinen Werdegang dargestellt. Er habe ein Aufbaustudium absolviert. Vorher habe er in der Hauptschule gearbeitet und nach dem Aufbaustudium auch über Erfahrungen in der Förderschule Lernen verfügt.

Was die Fachlichkeit betreffe, wenn er höre, in Niedersachsen sollten Förderschulen LESQ und ES aufgelöst werden zugunsten einer sonderpädagogischen Grundversorgung von wöchentlich zwei Stunden, dann müsse gesagt werden, dass das keine Fachlichkeit darstelle. Das sei dort der Diskussionsstand vor einigen Monaten gewesen; er wisse nicht, wie weit der Prozess dort gediehen sei.

Er wisse momentan noch nicht, wie man das Dilemma Wohnortnähe und Fachlichkeit in den Griff bekommen könne. Im Landesverband werden diskutiert, ob Schwerpunktschulen oder Vorzeigeschulen das Modell des Tages seien. Der vds, der heute bedauerlicherweise nicht vertreten sein könne, lehne das ab mit der Begründung, keine einseitigen Schwerpunktschulen mit nur einer Fachrichtung zu wollen. Das führe aber zu dem Problem, wer über eine Ausbildung verfüge, um alle diese Förderschwerpunkte bedienen zu können.

Andreas Liebald (VBS NRW) unterstreicht zunächst die Ausführungen seines Vorredners und führt aus, auch der Förderschwerpunkt Sehen könne bundesweit nur an den vier Universitätsstandorten Berlin, Hamburg, Heidelberg und Dortmund studiert werden. Nordrhein-Westfalen befinde sich in der relativ glücklichen Lage, eine Universität zu haben, an der dieser Fachbereich studiert werden könne. Aber auch an dieser Universität verhalte es sich so, dass von den ursprünglich zwei Professuren nur noch eine verblieben sei. Durch den hohen Numerus clausus dieses Fachbereiches werde dieser kleiner. Hinzu komme, dass seitens der Universitäten schnell gesagt werde, für so wenig Studierende könne nicht noch eine zweite Professur eingerichtet werden. Aus der Tatsache, dass es nur vier Universitätsstandorten mit relativ wenig Studierenden gebe, werde ersichtlich, dass der existierende bundesweite Bedarf bei weitem nicht abgedeckt werden könne.

NRW befinde sich noch in der glücklichen Situation, dass die Schulen für Blinde und Sehbehinderte über eine relativ hohe Ausstattung mit ausgebildeten qualifizierten Fachpädagogen verfügten. Aber selbst in NRW gebe es einige Schulen, die schon einen großen Mangel aufwiesen und fachfremde Förderschulpädagogen einstellen müssten.

Wenn man im Inklusionsprozess eine blinden- und sehbehindertenspezifische Förderung an den allgemeinen Schulen sicherstellen wolle, könne man nicht irgendeinen Pädagogen einer anderen Fachrichtung dort einsetzen, der die Pädagogen der allgemeinen Schulen berate, wie etwa geometrisches Zeichen mit Blinden funktioniere.

Dafür bedarf es wirklich fachlich qualifizierten Personals, an dem es deutlich fehle.

Die Forderung bezüglich des Staatsvertrages beziehe sich nicht konkret auf die Schaffung bundesweiter Standards, sondern darin sollten Verabredungen getroffen werden, insgesamt mehr Ausbildungskapazitäten zu schaffen, die dem insgesamt bestehenden Bedarf Rechnung trügen. Nur weil zunehmend mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen beschult würden, entfalle nicht der Förderbedarf. Das heiße, das Personal werde weiter benötigt. Im Fachbereich gebe es nur die vier Universitätsstandorte. Letztlich müsse klar sein, dass manche Bundesländer über ihren eigenen Bedarf hinaus ausbilden müssten, um dem Gesamtbedarf nachzukommen. Darauf ziele die Forderung nach einem Staatsvertrag, dass sich die Schulministerien zusammensetzen und Vereinbarungen treffen sollten, manche Universitätsstandorte zu stärken und dort auch über den eigenen Landesbedarf hinaus ausgebildet werde. Außerdem sollte der konkret existierende Numerus clausus, der dazu führe, dass nicht alle Studenten mit dem Studium beginnen könnten, die das eigentlich gern wollten, der Realität angepasst werden. Aus dem schulischen Bereich wisse er, dass es sehr viele Anfragen bezüglich Praktika usw. gebe. Viele Schüler in der Berufswahlfindungsphase äußerten, durchaus Interesse zu haben, in dieses Berufsfeld einzusteigen, was ihnen aber wegen des hohen Numerus clausus einfach nicht möglich sei.

Marko Schaffner (BDH NRW) führt aus, es gebe verschiedene Diskussionen darüber, wie der Förderbedarf festgestellt werden könne, ohne den Kindern einen nicht gewollten Stempel aufzudrücken. Andererseits werde eine Beschreibung eines Förderbedarfs benötigt, damit adäquat gefördert werden könne. Das eine gehe nicht ohne das andere.

Seit Einführung des Neugeborenenhörscreening im Jahr 2008 habe sich die Zahl der Frühförderkinder von 90 auf aktuell 170 erhöht, weil die medizinische Diagnostik früher erfolge und demzufolge viel schneller in die Förderung eingestiegen werde. Am Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation werde darüber hinaus beobachtet, dass nach einer mehrjährigen Frühförderung eines Kindes die Zahl der Kinder, die die allgemeine Schule besuchten, viel höher sei, als das noch vor Jahren hätte der Fall sein können. Gehörlose Kinder, die heutzutage mit Hörgeräten bzw. Kochlearimplantat ausgestattet seien, hätten eine viel größere Chance, die allgemeine Schule zu besuchen, als das noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen wäre. Dies sei unter anderem aber auch darauf zurückzuführen, dass Sonderpädagogen vor Ort, die sich mit diesem Förderschwerpunkt auskennten, diese Förderung geleistet hätten.

Dies belege die Bedeutung der Fachlichkeit bei der Frühförderung. Außerdem bedürfe es einer Diagnose, um entsprechend diese Fachlichkeit sicherzustellen. Entwicklungspsychologisch gelte, je früher Förderung beginne, desto mehr Erfolg habe sie und desto mehr werde sie dazu führen, dass Kinder keine Förderschule mehr besuchen müssten.

Gerade bei der Schülerklientel im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation stelle man seit einigen Jahren fest, dass die Kinder, die als Einschulungskinder in diese Schule kämen, häufig welche seien, die einen zusätzlichen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen oder geistige Entwicklung hätten. In dem Augenblick, wo ein Kind schwerhörig oder gehörlos sei, aber kognitiv in der Lage sei, die Anforderungen der allgemeinen Schule zu erfüllen, befinde es sich auch dort. Es sei Aufgabe der Hörgeschädigtenpädagogen die Schulen und die Lehrer vor Ort zu begleiten und zu informieren und über das Phänomen Hörschädigung aufzuklären, damit die Förderung auch im Blick bleibe, wenn sich Hörgeschädigtenpädagogen wegen eines geringen Stundendeputats nicht vor Ort befänden.

Zu der Frage, welche Möglichkeiten bestünden, diese Förderschwerpunkte als Teil der allgemeinen Lehrerausbildung zu implementieren: In den letzten zehn Jahren sei er im Rahmen des gemeinsamen Unterrichts in allen möglichen Schulformen gewesen. Die sonderpädagogische Fachlichkeit könne nicht Teil der allgemeinen Lehrerausbildung werden. Es wäre aber schon ein großer Vorteil, wenn allgemein die Information darüber vorhanden wäre, dass Förderschulen existierten, bzw. sonderpädagogische Förderung einen Teil der Schullandschaft bildete bzw. Kinder mit Förderbedarf das Recht hätten, die allgemeine Schule zu besuchen, hätte man schon viel in den Köpfen bewegt. Damit beginne Inklusion grundsätzlich. Dann werde das erreicht werden, dass Inklusion mehr sei als die schulische Inklusion.

Gisela Gillmann (dgs-Westfalen-Lippe) legt dar, in den Köpfen der Allgemeinpädagogen müsse sich etwas bewegen. Ein großes Diskussionsthema in ihrem Kollegium bilde die Frage, wie man diese Bewegung in die Köpfe bekomme. Dazu müssten Fortbildungsmöglichkeiten für die Kollegen der allgemeinen Schule geschaffen werden, damit sie wüssten, wie sie auf diese Kinder zugehen könnten. Dabei spreche sie nicht von sinnesgeschädigten Kindern, sondern von solchen mit Lern- und Entwicklungsstörungen, d. h. von sprachbehinderten, lernbehinderten und verhaltensauffälligen Kindern. Kolleginnen machten die Erfahrungen, dass Kinder mit dem festgestellten Förderbedarf emotional-soziale Entwicklung zum Teil Verhaltensprobleme zeigten, weil der Umgang der Lehrperson oder auch das Classroommanagement nicht dem entspreche, dass sich dieses Kind dort zurechtfinden könne. Es könnten aber nicht die Sonderpädagogen, die bis zu vier Stunden in der Woche präventiv im Rahmen des Kompetenzzentrums tätig seien, diese Aufgabe auch noch übernehmen. Das bilde eine Grenze, die die Sonderpädagogen erführen. Es müssten im Land oder auf Kreisebene Möglichkeiten geschaffen werden, dass sich Allgemeinpädagogen weiter qualifizieren könnten, um einen Teil der Förderarbeit mit zu übernehmen, damit die Sonderpädagogen wirklich die sonderpädagogische Arbeit leisten könnten.

Dr. Stephanie Riehemann (dgs-Rheinland) fasst zu dem für die Landesarbeitsgemeinschaft wichtigen Punkt der Fachlichkeit zusammen, dass dies mit der ganz spezifischen Ausbildung anfange, die schon seit Jahren in NRW heruntergefahren werde. In den 70er-Jahren habe sie noch 70 Semesterwochenstunden Förderschwerpunkt Sprache studiert, im Moment liege der Anteil dieses Förderschwerpunktes bei 25 Semesterwochenstunden. Somit sei man schon im Studium bei einem Drittel der Fachlichkeit angekommen. Heute könne man sich später Sprachheillehrerin nennen, ohne jemals etwas über grammatische Störungen oder über einen Sigmatismus im Studium gelernt zu haben. So etwas gehe für sie nicht an. Somit gelte es, schon an der Universität die Fachlichkeit deutlich hochzufahren.