Astrid Birkhahn CDU Ich möchte noch einmal den Blick auf die Kopfnoten und deren Abschaffung lenken

Landtag Nordrhein-Westfalen - 40 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle von wem Sie haben, dass die OECD ihre Gutachten kaufe; das würde ich auch gerne einmal wissen. Jedenfalls haben sich hier viele für die Grundschulempfehlungen mit Nennung einer Schulform ausgesprochen. Meines Erachtens sollte man in der Debatte aber noch einmal das aufgreifen, was die GEW dazu gesagt hat. Dann kommt man nämlich zu dem Schluss, dass diese Empfehlungen eigentlich entfallen sollten, weil sie zahlreiche Probleme mit sich bringen. Sie sind sowieso falsch ­ 40 % geben eine falsche Empfehlung ­; Herr Dahlhaus hat ausgeführt, was bei einem Notendurchschnitt von 2,8 alles empfohlen wird; usw. Vielleicht kann der eine oder die andere dazu noch einmal Stellung nehmen.

Astrid Birkhahn (CDU): Ich möchte noch einmal den Blick auf die Kopfnoten und deren Abschaffung lenken. Lehrerinnen und Lehrer sind Begleiterinnen und Begleiter im Lernprozess. Sie beraten, sie unterstützen, und sie motivieren. An bestimmten Stellen sind sie aber auch als Beurteilende gefragt, zum Beispiel bei den Zeugnissen. Wenn ich im Ausbildungsprozess in der Schule durch Ermutung, durch Stärkung und durch eine Feedback-Kultur Schülerinnen und Schüler mitnehmen möchte, mich dann aber letztlich zurückziehe und zu den beiden Zeugnissen im Jahr nicht die präzise Formulierung einer Notenentscheidung darstelle, wäre das ein Abweichen vom üblichen Verfahren, das wir sonst in der Schule haben. Über die meiste Zeit des gemeinsamen Arbeitens haben wir wirklich diesen Begleitungsprozess. Zu den Zeugnissen gibt es an diesen ganz beschränkten Momenten aber auch die Rückmeldung in kurzer verschlüsselter Notenform. Wir führen hier nicht die Diskussion über Fließtexte, über Gutachten und Zensuren; das ist nicht unser Thema. Vielmehr geht es um die Frage, warum wir uns im Zusammenhang mit dem Arbeits- und Sozialverhalten auf ein anderes Verfahren berufen möchten, das von vielen von Ihnen nicht als transparent und auch nicht als nachvollziehbar gesehen wird. Ich bitte die entsprechenden Sachverständigen ­ die einen haben hier sehr umfassend deutlich gemacht, dass sie für Kopfnoten sind; die anderen sagten wiederum, sie wollten sie gerne abschaffen ­, diese Beurteilungsrolle der Lehrkräfte noch einmal zu würdigen und deutlich zu machen, warum sie in diesem speziellen Fall von einer Gleichbehandlung mit Leistungsnoten absehen möchten.

Sigrid Beer (GRÜNE): Ich habe nur eine kurze Ergänzung zu der Frage meiner Kollegin Paul. Es wäre schön, wenn diejenigen, die Übergangsempfehlungen befürworten, auch darstellen würden, wie sie sich die Tatsache erklären, dass es in Nordrhein-Westfalen Kommunen gegeben hat, in denen für 80 % der Kinder Übergangsempfehlungen zum Gymnasium ausgesprochen wurden ­ in Bonn sind es aktuell 60 % ­, während in anderen Regionen gerade einmal eine Quote von 27 bis 30 % zustande kommt. Gibt es Intelligenzverteilungen, die das Ganze untermauern?

Dr. Matthias Menzel (Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen): Frau Pieper-von Heiden, Sie haben die Frage aufgeworfen, ob es sich bei der Abschaffung der Schulbezirke um eine Phantomdiskussion handelt. Eine Phantomdiskussion ist es nicht, aber eine Diskussion, die weit über die Realität hinausgeht. Wir haben Landtag Nordrhein-Westfalen - 41 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle keine Umfrage bei unserer Mitgliedschaft dahin gehend durchgeführt, welche Mitgliedskommunen im Einzelnen beabsichtigen, die Schulbezirke wiedereinzuführen.

Ich kann hier nur einen Schätzwert angeben. Ich schätze, dass zwischen 5 und 10 % der Kommunen sie wiedereinführen werden.

Wir gehen also davon aus, dass die allermeisten Kommunen es beim Wegfall der Schulbezirke belassen werden. Der Hintergrund ist folgender: Der Umsteuerungsaufwand für die Abschaffung der Schulbezirke war für die Kommunen relativ groß; es waren zahlreiche Berechnungen und Elterninformationen erforderlich. Viele Kommunen haben jetzt festgestellt, dass sie mit den abgeschafften Schulbezirken auskommen. Diese Kommunen werden jetzt nicht hingehen und die Schulbezirke wiedereinführen. Das sieht die beabsichtigte Gesetzesregelung auch nicht unbedingt vor; denn es handelt sich eine Kannregelung, also eine Option.

Eine relativ kleine Anzahl unserer Mitgliedskommunen ­ genau quantifizieren können wir das nicht ­ hat allerdings doch erhebliche Steuerungsprobleme. Diesen Kommunen brechen dadurch, dass sie jetzt das Steuerungsinstrument „Schulbezirke" nicht mehr haben, womöglich gerade in Ortsteilen ­ Frau Beer, Sie haben das Thema „Zwergschulen" angesprochen ­ wichtige Schulen weg, die für die soziale und kulturelle Entwicklung insbesondere von Ortsteilen, aber vielleicht auch für die Kommune insgesamt von zentraler Bedeutung sind. Wenn hier zusätzlich noch der demografische Wandel greift, braucht ein Schulträger ein Steuerungsinstrument, um steuernd eingreifen zu können, damit gerade diese wichtigen Zwergschulen erhalten bleiben können.

Deswegen finden wir die Regelung in der vorgesehenen Form genau richtig. Die Kommunen werden nicht verpflichtet, Schulbezirke wiedereinzuführen; es handelt sich lediglich um eine Option. Wie gesagt, wird das in der Praxis nach unserer Einschätzung dazu führen, dass die allermeisten Kommunen es beim derzeitigen Status quo belassen werden.

Frau Pieper-von Heiden, Sie haben eben darauf hingewiesen, dass der Städtetag in seiner Stellungnahme ausgeführt hat:

Die ursprünglichen Befürchtungen hinsichtlich der Folgen einer Aufhebung der Schulbezirke... haben sich nicht bestätigt.

Für unseren Mitgliedsbereich kann ich das so definitiv nicht sagen. Wie gesagt, haben wir gerade in großen Flächenkommunen gewisse Problemlagen. Man muss allerdings festhalten, dass diese Problemlagen nicht überwiegend bestehen. Das heißt, dass bei Weitem nicht alle Kommunen diese Probleme haben, aufgrund derer letztendlich wieder mit Schulbezirksgrenzen eingegriffen werden müsste.

Außerdem haben Sie gefragt, ob die Schulbezirke für alle Schulformen gelten sollten.

Vom Grundsatz her sollte das der Fall sein, weil auch die Problemlage alle Schulformen betreffen kann, gerade im ländlichen Raum. Was die Berufsschulen angeht, ist die Problemlage sicherlich eine andere. Für die allgemeinbildenden Schulen sollte aber auf jeden Fall die entsprechende Option bestehen. ­ Frau Beer, damit dürfte auch Ihre Frage zu den Zwergschulen weitgehend beantwortet sein.

Landtag Nordrhein-Westfalen - 42 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle Dorothea Schäfer (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen): Frau Borns und ich werden uns die Antwort der GEW teilen. ­ Gestatten Sie mir zu den vielen Fragen zum Thema „Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens" zunächst eine Vorbemerkung. Ich habe als Schülerin noch im sechsten Schuljahr zum letzten Mal diese Bewertung auf dem Zeugnis erhalten. Damals hieß es auch „Kopfnoten", weil diese Noten im Kopf des Zeugnisses standen. In allen folgenden Jahren vom Ende der 1960er-Jahre bis zur Wiedereinführung gab es diese Noten nicht. Ich glaube nicht, dass diejenigen hier im Saal, die sie dann nicht mehr hatten, darunter gelitten haben.

Wir von der GEW halten Schule selbstverständlich auch für einen Ort der Erziehung.

Die Vermittlung von Arbeits- und Sozialverhalten ist ein ganz wichtiger Punkt in Schule. In den Schulen muss auch eine gute Feedback-Kultur entwickelt werden.

Dafür gibt es unzählige Beispiele. Es gibt auch Unterstützung durch entsprechende Programme. SEfU ­ Schüler als Experten für Unterricht ­ ist eine von vielen solchen Möglichkeiten. Ob die Schule sich dann dafür entscheidet, dass das auch in das Zeugnis einfließen soll, ist der nächste Schritt. Wichtiger ist allerdings die Rückmeldung. Es ist eine Rückmeldung an Schülerinnen und Schüler, und zwar in einer Form, in der sie damit umgehen können. Schließlich soll das Ganze auch eine Hilfestellung sein, um ein negatives Arbeits- und Sozialverhalten zu verändern oder ein positives Arbeits- und Sozialverhalten weiter zu fördern. Dazu brauche ich aber nicht das Zeugnis. Ich kann auch die entsprechenden Bewertungen nutzen. Ob jemand kooperationsbereit ist, lässt sich eben nicht in einer Ziffernnote ausdrücken. Als Mathematiklehrerin gebe ich die Noten ja auch nicht aus dem Ärmel heraus, indem ich mir den Schüler oder die Schülerin angucke und sage: Na ja, du bist ein netter Schüler oder eine nette Schülerin; jetzt gebe ich dir einmal eine Zwei in Mathematik. ­ Vielmehr habe ich dann Klassenarbeiten schreiben lassen, die ich nach entsprechenden Kriterien bewertet habe; ich habe Tests durchgeführt; ich habe mündliche Beiträge im Unterricht als Grundlage; es gab Referate von Schülerinnen und Schülern; usw. Das sind ganz viele Bausteine.

Zu der Befürchtung von Frau Pieper-von Heiden, dass es zu starker Bürokratie kommt, wenn jetzt andere Formen der Bewertung eingeführt werden: Es gab eine große Bürokratie, um zu Ziffernnoten zu kommen. Wir haben einmal ausgerechnet, wie viele Stunden an Arbeitszeit von Lehrkräften dort eingeflossen sind. ­ Wenn ich einfach eine Zwei gebe, ist das natürlich nicht sehr aussagekräftig. Allerdings haben sich viele Schulen im Interesse einer Arbeitserleichterung dafür entschieden, nur bei großen Problemfällen von einer gewissen Einheitsnote abzuweichen. Was die Aussagefähigkeit angeht, machen wir also ein dickes Fragezeichen.

Frau Beer, ich halte es nicht für erforderlich, eine Runde zu veranstalten, um Kompetenzbeschreibungen zu erstellen und zu erarbeiten, wie man zu Bewertungen von Arbeits- und Sozialverhalten kommen kann. Man sollte bei der jetzigen Formulierung bleiben, dass die Schulkonferenz Grundsätze aufstellt und auch in der Schule ­ das ist ja eine Stärkung der Eigenverantwortung von Schule ­ die Entscheidung fällt, in welcher Form das Arbeits- und Sozialverhalten bewertet wird und wie die FeedbackKultur aussieht.