Grundschule

Landtag Nordrhein-Westfalen - 43 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle de durchzuführen, um dort so etwas wie einen „Kompetenzlehrplan Arbeits- und Sozialverhalten" zu entwickeln.

Rixa Borns (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen): Zunächst möchte ich an die bereits geschilderte Beobachtung in Bezug auf die Schulbezirke anschließen. Unsere Erfahrungen decken sich mehr oder weniger mit dem, was Herr Menzel gerade vorgetragen hat. In der Tat sind die Auswirkungen von Schulort zu Schulort und auch von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Wir erleben allerdings auch ­ statistisch ist das wahrscheinlich nur sehr schwierig abzubilden ­, dass eventuell bei der Einschulung noch die wohnortnahe Schule gewählt wird, aber dass wir es im Laufe der Grundschulzeit mit einem immer stärkeren Wechsel zu tun haben, ohne dass die Eltern umgezogen sind. Sobald Schwierigkeiten auftreten ­ die Schule also sagt: Eltern, hier ist ein Problem ­, wechseln die Eltern die Schule und stellen sich nicht dem Problem. In einigen Gebieten in Nordrhein Westfalen spricht man schon von einem Grundschul-Hopping, weil das in einem nicht unerheblichen Maße stattfindet. Interessanterweise wirkt es sich zahlenmäßig nicht so deutlich aus, weil alle Schulen gewinnen und verlieren. Für eine kontinuierliche pädagogische Arbeit in den Schulen bedeutet das aber schon Probleme. Wir sehen, dass durch die Aufhebung der Schulbezirke dieses Verhalten doch sehr ansteigt. Das ist natürlich in Stadt und Land sehr unterschiedlich. Was Eltern an dieser Stelle unternehmen können, hängt schließlich auch davon ab, wie viele Schulen in erreichbarer Nähe liegen. Wir müssen aber feststellen, dass es hier Probleme gibt.

Davor darf man die Augen nicht verschließen.

Jetzt komme ich zu der Grundschulempfehlung aus Sicht der Grundschulen. Ich möchte ganz deutlich Folgendes betonen: Wenn wir uns dafür aussprechen, die Grundschulempfehlung in ihrer jetzigen Form abzuschaffen, bedeutet das nicht, dass wir uns aus der Beratung der Eltern zurückziehen. Dass diese Beratung und eine enge Kooperation mit den Eltern stattfinden, ist natürlich grundsätzlich Voraussetzung für alles. Herr Depenbrock hat vorhin die Zahl genannt, wie wenige Kinder wirklich in den Prognoseunterricht kommen. Das ist auch ein Zeichen dafür, wie viele dieser Beratungsgespräche im Konsens enden. In den allermeisten Fällen kommen wir in intensiver Beratung mit den Eltern auf den gleichen Weg, sodass es gar nicht so viele Konfliktfälle gibt, wie immer befürchtet wird.

Wir glauben allerdings auch, dass nach diesen intensiven Beratungsgesprächen und nach Jahren, in denen wir sehr ausführliche Zeugnisse geschrieben haben ­ was die Kollegen auch nicht ganz unerheblich belastet; das muss ich einmal ehrlich sagen ­, das Feedback an die Eltern in einem solchen Maße stattgefunden hat, dass wir auf ein zusätzliches Gutachten für den Übergang zur weiterführenden Schule eigentlich verzichten können, weil die Beratungen und die Mitteilung der Ergebnisse schon vorher sehr intensiv stattgefunden haben. Insofern würden wir diese Abschaffung auch begrüßen.

Wir ziehen uns nicht aus der Verantwortung zurück und geben auch nicht unsere Kompetenz auf, sondern sagen ganz deutlich: Diese Entscheidung muss zu diesem Landtag Nordrhein-Westfalen - 44 - APr 15/53

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Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle Zeitpunkt letztendlich auch von den Eltern verantwortet werden. Wir können die Kinder vier Jahre lang begleiten und auch sagen, was wir zu diesem Zeitpunkt meinen, wie es für sie weitergehen könnte. Letztendlich liegt diese Entscheidung aber bei den Eltern ­ zumal wir die Kinder den Rest der Schulzeit nicht mehr begleiten; das müssen die Eltern dann auch machen.

Sie haben auch eine Frage zum Einschulungsalter gestellt. Wir bitten an dieser Stelle dringend darum, das Schulgesetz zu ändern. Das, was im Augenblick vorgesehen ist ­ dass das Einschulungsalter immer niedriger wird ­, muss dringend gestoppt werden. Wir erleben leider, dass wir in den Grundschulen immer mehr sehr junge Kinder haben, die große Probleme haben, mit dem Schulalltag klarzukommen, weil sie von ihrer Entwicklung her einfach noch nicht so weit sind, dass sie das bewältigen könnten. Wir hatten diese Kinder früher auch. Damals gab es aber den Schulkindergarten. Seinerzeit haben wir uns auch dafür ausgesprochen, dass diese Sonderform nicht weiter bestehen muss ­ aber immer unter der Maßgabe, dass wir in den Grundschulen auch die entsprechende sozialpädagogische Unterstützung bekommen. Diese Unterstützung hat uns gefehlt. Wenn wir die Zahl der Sozialpädagogen, die es in den Grundschulen überhaupt gibt, mit der Zahl unserer Schulen vergleichen, stellen wir fest, dass das angedachte Ziel einer entsprechenden Unterstützung aller Grundschulen nicht umgesetzt worden ist. Viele Kolleginnen fühlen sich alleingelassen. Gleichzeitig kommen jetzt Kinder in die Grundschulen, die in ihrer Entwicklung noch Schwierigkeiten haben, sodass sie teilweise ein sehr frustrierendes erstes Schuljahr erleben, weil sie total überfordert sind.

Hier muss dringend etwas getan werden. Wir wissen doch ­ das erleben wir auch täglich in den Schulen; jetzt haben wir die ersten Klassen gerade wieder die ersten Wochen bei uns ­, dass sich nicht alle Kinder gleichförmig entwickeln; es gibt welche, die längere Zeit brauchen, und welche, die das schneller können. Insofern sage ich im positiven Sinne Ja zu Anträgen von Eltern auf vorzeitige Einschulung, die man dann entsprechend prüfen kann. Es sollten aber nicht generell alle Kinder sehr früh in die Schulen geschickt werden. Wir erleben, dass die Kinder sich dieses Jahr ganz schnell zurückholen. Damit geht der Effekt, den man mit dieser vorzeitigen Einschulung eigentlich erzielen will, dass die Kinder früher ihre Erfolge haben, völlig nach hinten los. Alle diese Kinder, die in dieser Weise überfordert sind und teilweise das erste Schuljahr mehr unter dem Tisch verbringen als auf dem Stuhl, holen sich dieses Jahr durch eine Wiederholung sehr schnell wieder. Hier müssen wir auch an das Wohl der Kinder denken.

Jutta Endrusch (Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW): Ich versuche, die vielen Fragen der Reihe nach abzuarbeiten. ­ Frau Pieper-von Heiden, Sie haben nach Gründen für die Wiedereinführung von Schuleinzugsbereichen gefragt. Ich glaube, dass das schon in dem mündlichen Statement deutlich geworden ist. Sicherlich haben Sie auch alle schriftlichen Stellungnahmen gelesen. Unter anderem wir machen in unserer Stellungnahme folgende Auffassung deutlich: Landtag Nordrhein-Westfalen - 45 - APr 15/53

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Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) kle Angesichts der aktuell prognostizierten Schülerzahlentwicklung in Nordrhein-Westfalen ist die Möglichkeit der Bildung von Schuleinzugsbereichen für die Kommunen eine Grundvoraussetzung, um mittels Schulentwicklungsplanung eine optimale Schulversorgung und die Vielfalt der einzelnen Bildungsgänge sowie Abschlüsse vor Ort gewährleisten zu können.

Verlässlich kalkulierbare Schülerzahlen können darüber hinaus die Planung für eine optimale Versorgung der Einzelschule mit Stellen für Lehrkräfte und Sozialpädagogen erleichtern.

Ich denke, dass es auch hinsichtlich der Auslastung der Räumlichkeiten vor Ort für die Kommunen, die zurzeit unter erheblichen Schwierigkeiten leiden, ganz wichtig ist, dass sie hier ein verlässliches Instrumentarium haben.

Gestatten Sie mir noch eine Ergänzung zu den Schulbezirken. Wenn man das ablehnt, was im Augenblick mit dem 4. Schulrechtsänderungsgesetz neu geplant wird, darf man nicht vergessen, mit welcher Intention die Schulbezirke seinerzeit abgeschafft wurden. Damals wollte man nämlich unter anderem erreichen, dass die Schulen in einen Wettbewerb gingen, um herauszufinden, welche Schulen von Eltern gewählt werden und welche nicht. Damit wollte man sich auch die Entscheidung leichter machen, welche Schulen man schließen kann. Ich denke, dass das an keiner Stelle ein fairer Wettbewerb gewesen ist. Zunächst einmal hätte man doch alle Schulen im Lande gleich ausstatten müssen. Zum Zeitpunkt X hätte man sie anschließend in den Wettbewerb schicken können. Dann wäre sicherlich auch einiges anders gelaufen, als es jetzt vor Ort gelaufen ist.

Hinzu kommt in diesem Zusammenhang noch, dass das angeblich so hoch aufgehängte Wahlrecht der Eltern auch sehr schnell an Grenzen gestoßen ist ­ spätestens zu dem Zeitpunkt, zu dem manche Eltern, vor allen Dingen aus den sozial etwas schwächeren Bereichen, es sich finanziell gar nicht leisten konnten, die Reisekosten ihrer Kinder zu den jeweiligen gewünschten Schulen zu übernehmen; denn diese Kosten wurden von den Trägern nicht mehr erstattet.

Frau Pieper-von Heiden, in Bezug auf die geplanten Änderungen zu den Kopfnoten haben Sie die Stichworte „großer Bürokratieaufwand", „Goodwill der Schulen", „Bürokratiemonster" usw. genannt. Grundsätzlich möchte ich noch einmal festhalten, dass die Schule nicht nur einen Bildungsauftrag hat, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Wenn man jetzt so vehement dagegen wettert ­ heute ist auch von „pädagogisch unwertem Geschwafel" gesprochen worden ­, macht man Front gegen eine Schulform, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart die erfolgreichste Schulform überhaupt war und ist, nämlich die Grundschule. Die Grundschule hat nicht nur die eindeutig heterogenste Schülerschaft, sondern es ist ihr auch gelungen, mit ihren sehr ausführlichen Beschreibungen zum Arbeits- und Sozialverhalten, aber auch ihren Empfehlungen insgesamt ein Instrumentarium zu entwickeln, das eine hohe Akzeptanz bei den Kindern ­ schon bei diesen jungen Kindern ­ und auch bei den Eltern genießt.

Nun komme ich explizit auf die Ziffernnoten zu sprechen. Sie hatten nur vier Notenstufen.