Jedoch ist mir an der Stelle wichtig dann nicht zu sagen Jetzt fangen wir von vorne an

Landtag Nordrhein-Westfalen - 67 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste aus der Ordnungsarbeit der Sozialpartner in der Berufsbildung kann man einiges übernehmen, denn diese Kompetenzorientierung hat in der Aus- und Fortbildung Einzug gehalten. Wir haben vonseiten der Wirtschaft sehr stark die Kriterien für den Qualifikationsrahmen in Deutschland miterarbeitet. Insofern haben wir einiges an Know-how, das wir sicherlich Hand in Hand einbringen können.

Jedoch ist mir an der Stelle wichtig, dann nicht zu sagen: Jetzt fangen wir von vorne an. ­ Denn es ist von mehreren Vorrednern gesagt worden, dass es vernünftige Systeme in Schulen gibt. Wenn einige zusammenlegt und schaut, wie die das gemacht haben, sieht man: Das ist nicht völlig unterschiedlich. Wir brauchen jetzt nicht zu unterstellen, jede Schule mache eine völlig andere Bewertung des Arbeitsverhaltens.

Dafür arbeiten hauptberufliche Pädagogen dort. Aber wenn man das zusammenbringt, kann man sicherlich schnell zu einem Konsens kommen.

Werner Kerski (Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschulen Nordrhein Westfalen e. V.): Ich möchte mich nur zu zwei Sachverhalten äußern, bei denen ich mich angesprochen fühlte, zunächst zur Schulkonferenz und den Paritäten in der Schulkonferenz.

Die Schulkonferenz sehen wir, die GGG, als das Schulparlament an. Die Stellungnahme ist von der Idee beeinflusst, dass die Konsenskultur an den Schulen zu stärken ist. Das ist eigentlich das Ziel. Die Drittelparität ist das deutliche Signal zum Austausch, zum gegenseitigen Argument und zum gegenseitigen Respekt.

Ich bin 24 Jahre Schulleiter gewesen: 20 davon mit Drittelparität, vier ohne Drittelparität. Ich habe natürlich Erfahrungen im Umgang mit diesen Schulkonferenzen gesammelt. Meine Erfahrungen sind ­ das sage ich sehr breit ­:

1. Die Eltern, Schülerinnen und Schüler sind Argumenten zugänglich.

2. Eltern und Schüler haben großes Interesse an der Qualität der Schule und an der Entwicklung der Qualität der Schule. Das ist ihnen alles andere als egal.

3. Eltern und Schüler sind Experten für das Lernklima und für Umgangsformen in der Schule. Darum müssen sie ihren Platz in der Schulkonferenz haben.

Unser Ziel ist: Alle Gruppen müssen sich in der Schulkonferenz auf Augenhöhe begegnen. Keine Gruppe darf die andere wie auch immer majorisieren. Das muss ausgeschlossen sein.

Auch die Wahl des Schulleiters in der Schulkonferenz sehe ich als problematisch und diskussionswürdig an. Das ist aber ein Grundsatzproblem der Konstruktion der Schulkonferenz und kein Problem der Paritäten, denn eigentlich geht es an dieser Stelle vielmehr um Lehrerinnen und Lehrer als um Schülerinnen, Schüler und Eltern.

Zur Fragwürdigkeit der Grundschulgutachten: Herr Silbernagel hat vorher gesagt ­ das hat mich gereizt, darauf zu antworten ­, es könne nicht sein, dass 40 % der Grundschulempfehlungen Fehlempfehlungen seien. Das erinnerte mich an einen Spruch von Christian Morgenstern: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." Es ist so, und das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Alle Landtag Nordrhein-Westfalen - 68 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste Untersuchungen ­ wir könnten viele anführen ­ zeigen den großen Prognosefehler der Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer, der im System drinsteckt.

Ich möchte deutlich sagen, damit sie sich nicht diesen Schuh anziehen: Die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer sind überfordert, verbindliche Prognosen in diesem Alter zu stellen. Das hat Folgen für die Bildungsbeteiligung bei uns. Man kann sich das im EU-Durchschnitt ansehen: Die OECD-Studie „Education at a Glance 2010" zeigt, dass der Finne offensichtlich klüger als der Deutsche ist. Nebenbei: Wenn man sich die Grundschulempfehlungen für das Gymnasium in Nordrhein Westfalen anschaut, stellt man fest, dass der Rheinländer klüger als der Westfale ist.

(Teilweise Heiterkeit und Widerspruch)

­ Das können wir jetzt diskutieren, aber das steckt als Ergebnis dahinter.

Ich nenne noch ein letztes Ergebnis: Wir haben 2009 keine beurteilende, sondern eine beschreibende Statistik gemacht. Das heißt, wir haben an den Gesamtschulen gezählt und nicht gewertet, mit welchen Eingangsvoraussetzungen die Schülerinnen und Schüler, die Abitur im Jahr 2009 gemacht haben, ihre Schullaufbahn im fünften Jahrgang begonnen haben. Dabei stellte sich heraus: 70 % der Abiturientinnen und Abiturienten des Jahrgangs 2009 an Gesamtschulen hatten keine Gymnasialempfehlung. Auch das deutet darauf hin, dass mit den Empfehlungen irgendetwas nicht ganz korrekt sein kann.

Monika Landgraf (Landeselternkonferenz NRW): Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Ich möchte ganz kurz auf die Drittelparität eingehen. Dafür habe ich mich intensiv in den letzten Jahren eingesetzt. Ich bin auch froh, dass einige Vorredner schon das Wort gewählt haben, die Schulkonferenz sei das Parlament der Schule und das höchste Gremium.

Ich habe selbst vier Kinder. Ich habe wunderbare Schulkonferenzen erlebt. Dabei gab es kein Hauen und kein Stechen, sondern da gab es anständige Argumente. Die Eltern, die sich in Schule einbringen, und die Schüler und Schülerinnen, die sich in Schule einbringen, sind daran interessiert, wie mein Vorredner schon sagte, eine gute Schule zu haben. Deshalb muss die Drittelparität her; das ist sehr wichtig.

Die Kopfnoten müssen auf jeden Fall sofort weg. Damit können wir noch einige Kinder retten. Das muss sofort sein. Dafür haben wir uns so lange eingesetzt.

Warum gibt es Fehlentscheidungen bei der Empfehlung zur weiterführenden Schule?

Das ist der Fall, weil Kinder mit neun Jahren nach der vierten Klasse selektiert werden. Wohin geht denn der Weg? Dann kommt noch die Pubertät. Ich möchte das nicht weiter ausführen ­ ganz schrecklich. ­ Danke schön.

Joachim Miekisch (Landeselternrat der Gesamtschulen in NW e. V.): Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Auf ein paar Punkte möchte ich eingehen. Fangen wir wieder bei den Kopfnoten an. Hierbei kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen. Ich bin Handwerksmeister, also kann ich mich hineinversetzen Landtag Nordrhein-Westfalen - 69 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste und weiß, wie das Handwerk denkt. Ich habe es selbst erlebt: Ich bekomme jemanden, der zwar die Kopfnoten Eins und Zwei, aber 100 unentschuldigte Fehlstunden hat. Das steht in keinem Verhältnis; das kann nicht passen. Da ist keine Vergleichbarkeit vorhanden.

Das heißt also, ich schaue mir den Menschen an, genau wie ein Schulleiter sich den Menschen erst einmal anschaut und sich fragt: Wie ist er? Das heißt also, Kopfnoten sind auch in meinen Augen überflüssig. Sie belasten nur die Lehrer, die mit ihrer Zeit wahrscheinlich viel Sinnvolleres anfangen können, nämlich Unterricht für die entsprechenden Schüler vorzubereiten, denn auch der Tag eines Lehrers ist endlich.

Die Schulkonferenz ­ das haben wir schon einige Male gehört ­ ist das Parlament der Schule. Wenn ein Pädagoge die Eltern mitnimmt und ihnen die Kompetenz verleiht, das zu verstehen, schaffen sie das auch. Auch wenn ich einen Auszubildenden einstelle, der hinterher irgendwann Geselle wird, muss ich ihm Kompetenzen vermitteln.

Das kann ich allerdings viel leichter, indem ich mit ihm zusammenarbeite ­ nicht gegeneinander.

Bezogen auf die Geschichte mit den Schulleitern ist das natürlich so eine Sache ­ ähnlich wie es Werner Kerski schon sagte ­: Das steht so im Gesetzentwurf, ist aber nicht ganz glücklich. Dass Eltern das unbedingt mitentscheiden müssen, ist so eine Sache; das weiß ich nicht.

Frau Böth, es ist schön, dass Sie darüber hinausgehen wollen, über die Besetzung der Schulkonferenz die Schüler zu stärken. Gehen wir einmal davon aus, dass es einem Pädagogen viel schwerer fällt, Eltern einzuschüchtern, als einen Schüler einzuschüchtern. Denn der muss auf der Schule leben. Ihm kann man zur Not mit Noten drohen, nach dem Motto: Entweder du machst, oder wir unterhalten uns über deine Noten. ­

Ich bin bewusst sarkastisch, aber im Prinzip ist es so. Diejenigen, die normalerweise in der Schulkonferenz sitzen, sind natürlich nicht so.

Aber wenn wir zumindest, ähnlich wie der Kollege von der LandesschülerInnenvertretung sagte, schon einmal bei der Drittelparität wären, hätten wir eine Menge im Gegensatz zu heute gewonnen. Da muss noch nicht einmal ein Elternteil umfallen, sondern in der Schulkonferenz mit heutiger Besetzung ­ 50 % Lehrer, 50 % Eltern und Schüler ­ muss bei einem Patt letztlich der Schulleiter entscheiden: Entscheide ich gegen meine Kollegen oder entscheide ich gegen die anderen? Dann können wir letztlich nur mit Logik arbeiten und miteinander kommunizieren.

Gestatten Sie noch einige kurze Anmerkungen zu Herrn Gottmann. Sie haben so schön gesagt, bei den Berufsschulen gebe es bezirksübergreifende Schulen. Das ist richtig. Aber diese Bezirksfachklassen, die in § 84 Abs. 2 und 3 Schulgesetz stehen, sind gar nicht betroffen. Nur Abs. 1 ändert sich. Bezirksfachklassen sind ganz bewusst so eingerichtet worden, weil ansonsten nicht genug Schüler zusammenkommen. Sie werden von dieser Änderung gar nicht betroffen.

(Heinz Gottmann, Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs in NW e. V.: Dann ist ja alles in Ordnung!)