Anleihe

Landtag Nordrhein-Westfalen - 70 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste

­ Ja, das habe ich jedenfalls so gelesen.

Johannes Papst (Landeselternschaft der Realschulen in NW e. V.): Zum Thema Drittelverteilung ist auch noch zu bedenken, dass es in verschiedenen Gremien den Effekt gegeben hat, dass nicht mehr reine Interessensvertreter der Sache anwesend waren, sondern Interessensvertreter einer Ideologie. Diese Gefahr besteht auch. Das heißt also, dass sich irgendeine Gruppierung auf einmal Gedanken macht, sich eines Systems zu bemächtigen, indem sie sich hochdemokratisch hineinwählen lässt, dort eine Mehrheit bekommt und mit dieser Mehrheit verschiedene Instrumentarien so nutzt, wie wir uns sie hier im Geiste gar nicht vorstellen können. Diese Gefahr besteht, wenn wir zu Mehrheitsverhältnissen, die sich bewährt haben, in irgendeiner Form zurückfinden oder sie neu definieren wollen. Ich möchte diese Gefahr nur aufzeigen.

Den Kontakt zu einem Lehrherrn durch Kopfnoten zu begünstigen, bei dem unsere Kinder nachher behütet in einen Lehrberuf übergehen sollen, hat einen gewissen Charme; diesen Begriff will ich jetzt einmal ausleihen. Dennoch ist der Kontakt nachweislich mittlerweile besser geworden, wenn die Pädagogen noch mehr mit den Lehrherren zusammenarbeiten. Ich verweise hier auf verschiedene Hauptschulen, die ihren Schülern gesagt haben: Wir machen einen Vertrag. Wir versprechen euch einen Ausbildungsplatz. ­ Dieses Versprechen wurde dann dadurch gefördert und immer wieder neu untermauert, dass auch ein entsprechend soziales Verhalten von den Schülern eingefordert wurde. Wenn ein Schüler bereit war, diesem ständigen Format zu entsprechen, hat er am Schluss die Garantie seines Ausbildungsplatzes. Das ist eine noch überspanntere Form dessen, was wir gerade diskutieren.

Ich möchte damit Folgendes aufzeigen: Wir als Landesrealschulelternvertreter sind bemüht, das dreisäulige Schulsystem zu fördern und zu stützen. Wir müssen mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen bleiben, den Lehrern und Pädagogen ihr Arbeitsfeld zumutbar gestalten, den Schülern ein breites Feld überlassen können, ihre Ausbildung wahrzunehmen und zu genießen. Die politische Landschaft muss entsprechend die Rahmenbedingungen setzen.

Wir müssen natürlich auch dem neuen Zeitgeist entsprechen. Diesen Zeitgeist sollten wir nicht überfordern. Wir sollten uns auch nicht irgendwie treiben lassen. Dass die Kopfnoten verschwinden werden, ist eine Tatsache, der man ins Auge schauen muss.

Das wird so sein. Es werden sich wieder Informationswege wie früher finden, um die Bewertung eines neuen Auszubildenden zu gewährleisten. Darin sehe ich keine großen Verluste.

Aber bei allem, was wir ändern, möchte ich Sie nachdrücklich auffordern, meine Damen und Herren von der Politik, weitreichender über eine Thematik nachzudenken, auch bei den Begründern von bestimmten Ideen nachzulesen und sich zum Beispiel zu fragen: Warum ist das damals im Grundgesetz so gefasst worden? Bei Themen wie der Hauptschule hat man sich etwas gedacht. Das sollte man nicht leichtfertig opfern.

Man sollte den Mut haben, über so etwas länger nachzudenken. ­ Vielen Dank.

Landtag Nordrhein-Westfalen - 71 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste Martin Depenbrock (Landeselternschaft Grundschulen NW e. V.): Kurz zu den Fragen von Frau Pieper-von Heiden. Es ging darum, dass wir befürworten, Kopfnoten in der heutigen Form abzuschaffen. Das liegt vor allen Dingen an unserer Position: Wir halten die Ziffernoten für kein bisschen aussagefähig. Es ist uns wichtig klarzustellen, dass Aussagen zu Arbeits- und Sozialverhalten sehr wichtig sind, allerdings nur mit Blick auf die Binnenwirkung innerhalb der Schule, nicht in Richtung Ausbildungsbetriebe. Ich kann der Direktorenvereinigung nur widersprechen und zitiere die Aussage eines Gymnasiallehrers zu den Kopfnoten: Wir haben allen Schülern Zweien im letzten Abitur gegeben. ­ Das geschah vor Zeugen. Sie können sich gerne bei mir erkundigen, wo das war. Das möchte ich öffentlich nicht sagen.

So etwas kommt vor. Ich befürchte, dass es nicht nur in dieser einen Schule vorkommt. Insofern sind wir sehr dafür, innerhalb der Schule Rückmeldungen durch verständliche Texte zu geben, sodass Eltern und Schüler das verstehen können. Eine Note zwischen Eins und Vier ist oft gar nicht zu verstehen.

Zur Frage von Frau Beer, ob es hilfreich wäre, eine gemeinsame Kompetenzbeschreibung zu bekommen: Nicht unbedingt als Pflicht, aber als Hilfsmedium halte ich das für sehr sinnvoll. 2005, als wir eine ähnliche Regelung hatten, haben sich die Dortmunder Realschulen zusammengesetzt und gemeinschaftlich mit Schülern und Lehrern ein solches Regelwerk erarbeitet. Es wurde von allen verstanden. Daraufhin wurden dann Aussagen erteilt. So etwas gibt es bereits; vielleicht kann man da Anleihen nehmen.

Zu den Fragen von Herrn Link: Wo ist bei Schulbezirken tatsächlich das Problem?

Was passiert? Ich habe damals schon auf Folgendes hingewiesen: Bildungsnahe Eltern finden auch bei Schuleinzugsbezirken natürlich Wege, sich eine Schule zu erkaufen. Dann beauftrage ich eine Tagesmutter, die in dem Bereich der Schule wohnt, auf die mein Kind gehen soll, oder ich bin auf einmal zeitweise sehr religiös. Dann kommt die katholische Grundschule zum Tragen, die ich gerade haben möchte. Es ist also für Eltern, die sich sehr interessieren und hineinhängen, gar kein Problem, ihr Kind auf die gewünschte Schule zu bekommen, und zwar in jeglicher Schulform. Aber gerade bei den Grundschulen ist das Engagement sehr hoch. Ich denke, das ist der falsche Weg.

In der Stellungnahme eines Verbandes ist auch davon die Rede, dass die jetzige Regelung zu mehr Ehrlichkeit und gar nicht zu großen Verwerfungen geführt habe. Ich kann für die Stadt Dortmund sagen, wo ich sehr intensiv mit diesen Verteilmechanismen beschäftigt bin, dass es solche Verwerfungen nicht gegeben hat. Natürlich gibt es immer wieder an jeder Schule auch mit Blick auf die Schuleinzugsbezirke Unterschiede.

An der Grundschule meiner Kinder liegt die Zahl seit Jahren bei 40 Kindern. Aber in diesem Jahr waren in dem Schuleinzugsbezirk nur 29 Kinder in dem Alter vorhanden.

So einfach ist das. Das passiert immer wieder. Das ist Bevölkerungsverhalten. Die demografischen Effekte kommen obendrauf. Die Kommunen haben durch die Zügigkeit der Schulen die Möglichkeit einzuschränken, wo überhaupt Schulen besuchbar sind. Es ist meines Erachtens unnötig, dafür noch Schuleinzugsbezirke einzurichten.

Ich denke, damit sind die Fragen sowohl von Herrn Link als auch von Herrn Sternberg zu Schulbezirken beantwortet.

Landtag Nordrhein-Westfalen - 72 - APr 15/53

Ausschuss für Schule und Weiterbildung (5.) 03.11.

Ausschuss für Kommunalpolitik (5.) ste

Kurz zum Hinweis der GEW zum Einschulungsalter: Auch wir denken, man sollte es bei dem jetzigen Stand möglichst schnell stoppen. Auf die voraussichtlichen Probleme hatten wir damals schon hingewiesen. Sie sind gekommen. Wir fordern nach wie vor, dass man eine entsprechende Erweiterung gestattet: Genauso wie Eltern heutzutage auf Antrag ihr Kind vorzeitig einschulen lassen können, sollten Eltern ihr Kind auf Antrag ein Jahr später einschulen lassen können, weil Eltern sehr oft sehr genau abschätzen können, wie weit ihr Kind tatsächlich ist.

Wir wissen von Kinder- und Jugendärzten, dass Kinder, die eingeschult werden, ein Entwicklungsspektrum von mehr als vier Jahren haben: Vier- bis Neunjährige werden heutzutage bei uns eingeschult. Insofern sollte man auch nach hinten eine Möglichkeit einräumen, einen Antrag zu stellen, über den letztlich natürlich der Schulleiter entscheidet. Mit dieser Möglichkeit wird diese Situation rund um das Einschulungsalter entschärft. Das ist, glaube ich, ein guter Gedanke.

Dr. Uwe Maerz (Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen e. V.):

Ich möchte zu vier Punkten Stellung nehmen.

Erstens. Schuleinzugsbezirke. Uns ist klar, dass wir über Jahrzehnte hinweg immer wieder dafür gesorgt haben, dass sich Schulen in der Sekundarstufe I auf ganz unterschiedliche Art und Weise profilieren. Eltern nehmen diese Schulen als unterschiedlich wahr und wählen die Schulen ganz bewusst. Ich halte es für nicht notwendig, dass von kommunaler Seite versucht wird, durch Schuleinzugsgebiete gegenzusteuern. Noch einmal ­ das haben wir in unserer Stellungnahme ganz deutlich geschrieben ­: Die pädagogische Vielfalt muss in jedem Fall vor der Schülerlenkung stehen. Nur so können sich Schulen entsprechend weiterentwickeln. Das fordern wir.

Zweitens. Kopfnoten. Ich kann es mir eigentlich nur so vorstellen: Wenn Sie in diesem Parlament im Dezember zu dem Ergebnis kommen, dass der Antrag der Fraktion Die Linke, grundsätzlich auf alle Kommentare zum Arbeits- und Sozialverhalten zu verzichten, eine Mehrheit findet, ist nicht vermittelbar, wenn am 1. Februar die Schulen noch einmal Kopfnoten oder andere Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten auf den Zeugnissen dokumentieren würden. Dann machen Sie es zum 1. Februar.

Wenn aber die Ziffernoten durch wie auch immer geartete Kommentare ersetzt werden, braucht die Entwicklung dieser Kommentare einen Konsens in der Schule. Das benötigt Zeit, auch weil Transparenz und Vergleichbarkeit gewährleistet sein müssen.

Dann wird dieser Termin in keinem Fall einzuhalten sein.

Ihren Vorschlag, Frau Beer, bei den Handreichungen mitzuarbeiten, sehen wir ähnlich wie Herr Depenbrock und wie die Vertreter aus der Wirtschaft. Das ist sinnvoll. Das müsste allerdings gegenüber den bisherigen Handreichungen deutlich qualitativ aufgewertet werden.

Drittens. Herr Kerski, mich reizt, Folgendes deutlich zu sagen: Wir nehmen die Untersuchungen der OECD ernst. Sie sind nicht gekauft, aber dennoch gibt es nicht nur Wissenschaftler, die sagen, diese 40-%-Regel sei richtig.