Neue tier- und Pflanzenarten - wie wirkt sich der Klimawandel aus?

Allein rund 1.200 neue, exotische Tierarten sind in den letzten Jahren in Deutschland anzutreffen, dazu kommen noch neue Pflanzenarten ­ eine zunehmende Herausforderung für unser Ökosystem. Der Vielfalt stehen Auswirkungen wie Verdrängungen, Schäden oder auch mögliche Folgen für die menschliche Gesundheit entgegen.

Auch in Köln gibt es eine zunehmende Vielzahl neuer, exotischer Tiere. Die Zahl der frei fliegenden Alexandersittiche wird auf über 2.000 geschätzt. Waschbären breiten sich weiter aus und siedeln sich nach Medienberichten und Stellungnahmen der Jägerschaft zunehmend in Randgebieten der Städte an, so auch in Köln. Im Rahmen des Kölner Bürgerhaushaltes wurde bereits gefordert, verstärkt Informationen über die hochallergene Ambrosia bereit zu stellen.

1. Welche neuen, in Nordrhein-Westfalen nicht heimischen Tier- und Pflanzenarten siedeln sich in welchem Umfang in Köln an?

Im Zuge der Klimaerwärmung dehnen einige Pflanzen- und Tierarten aus Süddeutschland bzw. Südeuropa, z. B. Orpheusspötter, Blauflügelige Sandschrecke oder Streifenwanze, ihr Areal nach Norden aus und sind inzwischen auch im Kölner Raum heimisch. Außerdem kommen nach grober Schätzung im Stadtgebiet von Köln mehr als 100 wild wachsende Neophyten vor, deren Zahl vor allem durch den globalisierten Handel, Reise- und Warenverkehr und weniger durch den Klimawandel stetig zunimmt (seit dem Jahr 1900 von 10% neophytischen Arten auf 13% im Jahr 1997 und auf 19,4% im Jahr 2007). In der Kleinlebewelt unter

Wasser dominieren zahlenmäßig sogar die Neozoen, was allerdings weniger mit der Erwärmung des Rheinstromes als mit der Einschleppung über den Schiffsverkehr und der Anbindung des Rheins an die Donau über den Rhein-Main-Donau-Kanal zu tun hat.

Datensammlungen, die für die Stadt Köln auswertbar wären, existieren nicht. Die Tabelle enthält deshalb lediglich eine Auswahl von neuen Arten, deren Ausbreitung mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Klimaerwärmung begünstigt worden ist.Schmitz und Schmitz&Lösch 2009

2. Inwieweit wirken sich in der Stadt Köln diese Entwicklungen auf die bestehenden Strukturen aus?

Von den gebietsfremden Arten, die durch Handel und Verkehr eingeschleppt werden, schafft nur ein sehr kleiner Teil unter hiesigen Umweltbedingungen und in Konkurrenz zu den etablierten, einheimischen Arten zu überleben. Von denjenigen, die sich behaupten können, ist wiederum nur ein sehr kleiner Teil problematisch. Diese problematischen Arten werden auch als invasive Arten bezeichnet. Sie gefährden heimische Pflanzen- und Tierarten oder verursachen wirtschaftliche oder gesundheitliche Schäden.

So zählt die Beifuß-Ambrosie zu den weltweit hochallergenen Pflanzenarten und kann bei Menschen Pollenallergie und Asthma verursachen. Nach mehreren sehr warmen Sommern kam es zu einem Massenbefall von Stadtbäumen im Kölner Stadtzentrum durch die Schildlaus Pulnivaria vulgaris. Nicht heimische Krebsarten im Rhein können Überträger der Krebspest auf den heimischen Edelkrebs sein.

3. Welche Ursachen, beziehungsweise Wirkungsketten für die Ansiedelung neuer Tier- und Pflanzenarten sieht die Landesregierung in der Stadt Köln?

Die Ansiedlung neuer Tier- und Pflanzenarten ist nur relativ begrenzt auf den Klimawandel zurückzuführen. Wesentlich größeren Einfluss hat die vom Menschen verursachte Verschleppung (Balastwasser von Schiffen, Rhein-Main-Donau-Kanal, Samen im Vogelfutter, aktive Anpflanzung etc.). Jedoch können dauerhaft wärmere Klimabedingungen die Etablierung dieser Arten fördern.

Die private Tierhaltung und das Entkommen bzw. das gezielte Aussetzen von Tieren trägt ebenfalls zur Einschleppung neuer, häufig Wärme liebender Arten bei. Beispiele sind verschiedene Schmuckschildkröten-Arten, die sich in großer Zahl in Stadtteichen finden oder der Ochsenfrosch, der in Meckenheim zur Reproduktion gelangen konnte aber inzwischen erfolgreich aus der Natur entnommen worden ist. Halsbandsittich und Alexandersittich als Arten der wärmeren Klimazonen sind aus Gefangenschaftshaltungen (1. Brutnachweis in Köln: 1969) entkommen und breiten sich entlang des Rheintales und im Ruhrgebiet aus.

Zahlreiche Insekten werden mit fremdländischen Pflanzen über den Gartenpflanzenhandel verbreitet. Exotische Gartenpflanzen gelangen über Gartenabfälle an den Waldrand bzw. in den nächsten Tümpel. Auch im Falle des Waschbären ist es nicht der Klimawandel, der zur Etablierung der Tiere in der Stadt geführt hat. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die nachtaktiven Tiere gut an die Nähe des Menschen anpassen konnten und dort leicht Nahrung finden.

Mobile Tierarten reagieren naturgemäß schneller auf sich verändernde Klimabedingungen als etwa Pflanzen. Das generell wärmere Stadtklima erleichterte bereits in der Vergangenheit fremdländischen, wärmeliebenden Pflanzen eine dauerhafte Etablierung. Die Verlängerung der Vegetationsperiode durch den Klimawandel kann diesen Prozess noch verstärken, so können sich z. B. die ursprünglich nur angepflanzten Robinien nun auch über Samen vermehren.

4. Inwiefern nehmen neue Tier- und Pflanzenarten ökologische Nischen ein, die den Klimawandel für die Bevölkerung in Köln positiv begleiten könnten?

Versiegelte Flächen, Schotterplätze oder Halden stellen Extremstandorte dar, die in der Natur nicht vorkamen, so dass neue ökologische Nischen entstanden sind. Zahlreiche z. T. sehr unauffällige Neophyten, z. B. an den Rheinufern, in Pflasterritzen, Parkrasen und an Straßenrändern werden von den Menschen nicht als störend wahrgenommen.

Halsbandsittich und Alexandersittich sind Beispiele für Neubürger, die von den Menschen überwiegend positiv aufgenommen werden. Die kolonieartigen Ansammlungen von Tieren in der Stadt (Brutkolonien, Schlafplätze) stoßen jedoch wegen ihrer Lautstärke nicht nur auf Zustimmung. Seit wenigen Jahren werden Tiere vergrämt und Nistbäume gefällt, was inzwischen zu einer deutlichen Reduzierung der Bestände geführt hat.

5. Müssen vor exotischen Tier- und Pflanzenarten aus Sicht der Landesregierung in Köln Schutzmaßnahmen eingeleitet werden?

Da das Verhalten einer Art in einer fremden Umgebung generell nicht sicher vorhersagbar ist, sollte der Vorsorgegedanke ein starkes Gewicht haben. Das Bundesnaturschutzgesetz regelt in § 40 Abs. 2 die Pflicht der zuständigen Behörden, Vorkehrungen gegen die Ausbreitung invasiver Arten zu treffen bzw. schon vorhandene Vorkommen zu beseitigen, sofern dies mit vertretbarem Aufwand zu realisieren ist.

Die invasiven Pflanzenarten Indisches Springkraut, Riesen-Bärenklau, Japanischer Staudenknöterich und Späte Traubenkirsche sind in der Stadt Köln mittlerweile flächig verbreitet und eine durchgreifende Bekämpfung (Ausrottung) ist mit angemessenem Aufwand nicht mehr durchzuführen. Hier wird lediglich eine lokale, gezielte Bekämpfung zum Schutz besonders wertvoller Gebiete (z.B. Wahner Heide) oder zur Vorbeugung in bisher nicht befallenen Gebieten empfohlen. Dagegen ist eine Bekämpfung der Beifuß-Ambrosie durchaus angezeigt. Sie hat bisher nur sehr wenige größere Vorkommen. Durch konsequente Bekämpfung aller Vorkommen ist die Art noch mit vergleichsweise geringem Aufwand zu kontrollieren. Da aber bei Vorbeugung und Bekämpfung vor Ort die Kompetenzen meist auf mehrere Ämter verteilt sind (im Falle der Beifuß-Ambrosie: Veranlassungskompetenz beim Gesundheitsamt, Maßnahmenkompetenz bei Pflanzenschutzbehörde und Landschaftsbehörde, Durchführungskompetenz beim Grünflächenamt, Durchsetzungskompetenz beim Ordnungsamt), scheitern sinnvolle, wichtige Maßnahmen oft auf administrativer Ebene in den Kommunen. Im Rhein wird die Errichtung von Krebssperren zum Schutz des heimischen Edelkrebses (Astacus astacus) vor nicht heimischen Krebsarten empfohlen, da sie Überträger der Krebspest sind.

Für das Ausbringen gebietsfremder Arten ist nach § 40 Abs. 4 eine Genehmigung erforderlich, die bei möglicher Gefährdung von heimischen Arten und Lebensräumen zu versagen ist.

Invasive Arten, welche in Gartenfachmärkten oder im Tierhandel zu kaufen sind, bergen das Gefahrenpotenzial, sich unkontrolliert auszubreiten. Ein Besitz- und Vermarktungsverbot lässt sich jedoch nur durch Aufnahme in die Bundesartenschutz-VO realisieren.

Weitere Schutzmaßnahmen in der Stadt Köln sind nicht notwendig bzw. aus o.g. Gründen nicht möglich. Die große Zahl der unproblematischen neuen Arten ist den heimischen Arten im Hinblick auf den allgemeinen Artenschutz nach §39 gleichgestellt, sofern sie sich ohne menschliche Hilfe über mehrere Generationen als Population erhalten können.