Verzichtet die Landesregierung auf eine Entlastung der pädagogischen Fachkräfte

Zu den größten Problemen, die durch das Kinderbildungsgesetz der CDU/FDP geführten Vorgängerregierung entstanden sind, gehört eine Erhöhung der Arbeitsdichte und Personalnot in den Kindertagesstätten ­ insbesondere bei den pädagogischen Fachkräften.

Die Landesregierung versprach eine zügige und umfassende Revision dieses Gesetzes. Das nun vorgelegte 5-Punkte-Programm für das Kindergartenjahr 2011/12 bleibt aber weit hinter den öffentlichen Erwartungen zurück und bewirkt kaum eine Entlastung der Erzieher/innen.

Die Landesregierung hat angekündigt, die Ausbildung neuer Erzieher/innen in den Kindertagesstätten zu fördern. Diese an sich begrüßenswerte Initiative sieht vor, in den nächsten zwei Jahren einen finanziellen Anreiz für 1.000 zusätzliche Berufspraktikant(inn)en zu erbringen. Die Landesregierung erweckt damit aber den Eindruck, dass der Fachkräftemangel in den rund 9.500 Kindertageseinrichtungen zuallererst auf einen Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt und nicht etwa auf zu niedrige Kindpauschalen oder geringe Personalschlüsselvorgaben des zurückzuführen ist.

Daten der Bundesagentur für Arbeit NRW zeigen, dass die tatsächlich gemeldeten Stellenangebote für Erzieher/innen sehr gering sind. So lag der Bestand an gemeldeten Arbeitsstellen für Erzieher/innen 2010 im Durchschnitt bei 865 Stellen; diesen offenen Stellen standen zugleich im Durchschnitt 5.184 arbeitssuchende Erzieher/innen gegenüber, davon allein 971 in der Gruppe der Berufsanfänger/innen unter 25 Jahre. Da das 5-Punkte-Programm des Familienministeriums keine zusätzlichen Mittel für die Einstellung von Erzieher(inne)n zur Verfügung stellt, besteht die Gefahr, dass die zusätzlich geplanten Berufspraktikant(inn)en nach ihrem Anerkennungsjahr und der Vollendung ihrer Ausbildung zum Erzieher / zur Erzieherin von den Einrichtungen nicht übernommen werden können und in die Erwerbslosigkeit entlassen werden.

Die Landesregierung möchte außerdem zusätzliche Mittel für die Einstellung von Kinderpfleger(inne)n zur Verfügung stellen; sie hat aber hier noch keine konkrete Feststellung über die Anzahl der neu einzustellenden Kinderpfleger/innen oder die Höhe der hierfür verwendeten Landesmittel getroffen. Hinzu kommt, dass Kinderpfleger/innen nicht als pädagogische Fachkräfte eingesetzt werden können.

1. Sieht die Landesregierung einen Mangel an pädagogischen Fachkräften in den Kindertagesstätten?

Die aktuelle Kinder- und Jugendhilfestatistik weist für Nordrhein-Westfalen keinen Fachkräftemangel in den Kindertageseinrichtungen aus. Gleichwohl stellt sich die Situation regional unterschiedlich dar. Das Deutsche Jugendinstitut hat im Rahmen der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte Berechnungen zu den personellen Folgen des U3-Ausbaus angestellt. Die Entwicklung des Fachkräftebedarfs steht danach im Zusammenhang mit unterschiedlichen Faktoren wie z. B. dem U3-Ausbaubedarf, der demografischen Entwicklung, dem Beschäftigungsumfang, der Rückkehr in den Beruf nach Familienphasen, dem Ersatzbedarf für ausscheidende Fachkräfte.

2. Wie möchte die Landesregierung sicherstellen, dass Erzieher/innen mehr Zeit für die pädagogische Arbeit erhalten, wenn für ihre Neueinstellung keine zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden?

Die Landesregierung beabsichtigt in einem ersten Schritt der Grundrevision des Kinderbildungsgesetzes, durch die Bereitstellung zusätzlicher Mittel für den Einsatz von Ergänzungskräften die Betreuungsqualität zu verbessern.

Weiterhin plant die Landesregierung, einen finanziellen Anreiz für die Beschäftigung von 1.000 zusätzlichen Berufspraktikantinnen und -praktikanten in den Kitas zu schaffen. Damit sollen mehr Absolventinnen und Absolventen der Erzieherausbildung als bisher für eine Tätigkeit in der Kindertagesbetreuung gewonnen und so der perspektivisch steigende Personalbedarf für den Ausbau der U3-Betreuung gedeckt werden.

3. In welchen pädagogischen Tätigkeitsfeldern können Berufspraktikant(inn)en Erzieher/innen ersetzen?

Grundsätzlich sollen Berufspraktikantinnen und Berufspraktikanten von den Trägern zusätzlich zu den Fachkräften und Ergänzungskräften in jeder Einrichtung, ggf. gruppenübergreifend eingesetzt werden. Darüber hinaus können die Träger gemäß der Vereinbarung zu den Grundsätzen über die Qualifizierung und den Personalschlüssel nach § 26 Abs. 2 Nr. 3 des Kinderbildungsgesetzes Berufspraktikantinnen und Berufspraktikanten in der Betreuung der Unterdreijährigen (Gruppenformen I und II) mit einem Drittel ihrer Arbeitszeit höchstens bis zur Hälfte der ausgewiesenen Fachkraftstunden einsetzen.

4. In welchen pädagogischen Tätigkeitsfeldern können Kinderpfleger/innen Erzieher/innen ersetzen?

Der Einsatz von Ergänzungskräften auf Fachkraftstunden ist in § 3 der Vereinbarung zu den Grundsätzen über die Qualifizierung und den Personalschlüssel nach § 26 Abs. 2 Nr. 3 des Kinderbildungsgesetzes geregelt.

Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger sind mit ihrer Ausbildung besonders geeignet, die Erzieherinnen und Erzieher bei den pflegerischen Tätigkeiten in der Betreuung der unterdreijährigen Kinder zu unterstützen und ihnen damit Raum für andere pädagogische Arbeiten zu eröffnen.

5. Wie möchte die Landesregierung sicherstellen, dass Kinderpfleger/innen ihre begonnene Weiterbildung zum Erzieher / zur Erzieherin fortsetzen können, ohne von ihren Arbeitgebern dazu gedrängt zu werden, mit dem vom Land zur Verfügung gestellten Mitteln als Kinderpfleger/in weiterbeschäftigt zu werden?

Die Landesregierung empfiehlt, dass dem pädagogischen Personal in den Kindertageseinrichtungen Möglichkeiten eingeräumt werden, sich fort- und weiterzubilden. Eine Weiterqualifizierung eröffnet jeder pädagogischen Kraft zusätzliche Chancen und ist ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung von Betreuungsqualität, frühkindlicher Förderung und Bildung der in den Einrichtungen betreuten Kinder. Die konkrete Ausgestaltung eines Arbeitsverhältnisses obliegt den Vertragsparteien. Die Landesregierung strebt an, mit den Trägerverbänden eine Vereinbarung über Fort- und Weiterbildung zu treffen.