Kinderbetreuung

Wer geht hin, wer nicht? Gründe der Nicht-Inanspruchnahme von Kitas müssen analysiert werden!

Der Landtag stellt fest:

Die frühe Förderung von Kindern ist die Grundlage für ein lebenslanges Lernen, das von der frühkindlichen über die schulische, außerschulische und berufliche Bildung bis hin zur Weiterbildung reicht.

Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben in erster Linie das Elternhaus und das soziale Umfeld, in dem Kinder heranwachsen. Untersuchungen zeigen, dass die Familie elementar und unmittelbar auf die Kinder einwirkt, Einflüsse vermittelt und sie prägt.

Unumstritten ist zudem, dass der Besuch einer Kindertageseinrichtung einen positiven Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern hat. Die Studie Soziale Ungleichheit beim Schulstart des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) belegt, dass Kinder, die einen Kindergarten besucht haben, besser bei der Schuleingangsuntersuchung abschneiden und seltener vom Schulbesuch zurückgestellt werden. Wie das DIW herausfand, kann eine kontinuierliche und frühe Inanspruchnahme der Betreuungsangebote die Bildungschancen erheblich verbessern: Bei Kindern aus bildungsfernen Haushalten, die drei Jahre in einem Kindergarten verbleiben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, vom Schulbesuch zurückgestellt zu werden, von 42 Prozent auf 8 Prozent.

Erfreulich ist, dass die Betreuungsangebote in Nordrhein-Westfalen eine hohe Akzeptanz genießen. Insgesamt besuchen deutlich mehr als 90 Prozent aller Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren eine Tagesbetreuungseinrichtung. Im letzten Jahr vor der Einschulung sind es nahezu alle Kinder. Gleichwohl bestätigen Studienergebnisse, dass es sich lohnt, den Blick auf jene Kinder zu richten, die den Kindergarten zu keinem Zeitpunkt oder erst spät kennen lernen.

Die Inanspruchnahme außerhäuslicher Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten wird in der Regel durch familiäre Sozialisationsfaktoren bedingt. Während Untersuchungen bestätigen, dass von dem frühen Lernen in der Kita vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien überdurchschnittlich profitieren, wird gleichzeitig beobachtet, dass gerade diese einen überproportional häufig ablehnen.

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) beschreibt in diesem Zusammenhang zwei statistisch auffällige Faktoren: Kinder, die keinen Kindergarten besuchen, haben häufig viele Geschwister und ihre Mütter haben tendenziell einen niedrigeren Bildungsstand. Unter diesen haben Kinder mit Migrationshintergrund einen größeren Anteil.

Diese Auffälligkeiten geben letztendlich aber keine Antworten darauf, warum sich manche Eltern gegen einen Kita-Besuch entscheiden. Ob und in welchem Ausmaß kulturelle, religiöse, organisatorische oder anderweitige Gründe ursächlich sind, ist weitgehend unbekannt. Ebenso unbekannt ist, inwiefern finanzielle Gründe tatsächlich ein Hindernis darstellen: Denn bereits heute sind untere Einkommensgruppen unter sozialen Gesichtspunkten von Elternbeiträgen befreit.

Effektive Anreizsysteme zur Steigerung von Kita-Besuchsquoten sowie einer frühen erfordern im Rahmen ihrer Planung und Umsetzung eine intensive Prüfung und Auseinandersetzung mit elterlichen Ablehnungsgründen sowie mit weiteren fachlichen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Ungeachtet dieses Befunds plant die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen eine Elternbeitragsbefreiung für das letzte Kindergartenjahr. Die mangelnde fachliche Begründung der Beitragsbefreiung für das letzte Jahr ­ etwa im Gegensatz zu einer möglichen Befreiung des ersten Jahres ­ wird in der Aussage von Ministerin Schäfer deutlich: Nämlich, dass dieser Schritt einer rein politischen Entscheidung geschuldet sei.

Im Sinne der Verantwortung für die nachfolgenden Generationen muss die Finanzierung der Beitragsfreistellung haushaltsneutral und ohne die Aufnahme neuer Schulden erfolgen. Noch vor dieser Beitragsfreiheit ist es aber vor allem wichtig, dass das frühkindliche Betreuungsangebot weiter ausgebaut und die Qualität weiter erhöht wird. Nur so können die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert und gleiche Bildungs- und Lebenschancen für alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft gesichert werden. Ein umfassendes Programm der Schaffung von frühkindlichen Tagesstätten und der Ausbildung von Fachkräften für diesen Zweck hat höchste Priorität. Bildungspolitisch müssen verfügbare Ressourcen zunächst so eingesetzt werden, dass sie der Qualitätssteigerung zu Gute kommen. Denn gute Qualität ist der beste Anreiz, der in der frühkindlichen Bildung gesetzt werden kann. Wer bessere Kinderbetreuung will, muss in erster Linie für ausreichend gut qualifiziertes Personal sorgen und die Flexibilisierung der Betreuungszeiten in den Blick nehmen.

Der Landtag beschließt:

Die Landesregierung wird aufgefordert,

1. eine Studie in Auftrag zu geben, mit der die Gründe von Eltern für die von Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen gezielt untersucht werden,

2. die Untersuchungsergebnisse sowie weitere fachliche und wissenschaftliche Empfehlungen auszuwerten, abzuwägen und bei der Schaffung von Anreizsystemen zur Steigerung von Kita-Besuchsquoten und einer frühzeitigen Kita-Inanspruchnahme angemessen zu berücksichtigen sowie

3. dem Ausbau der Betreuungsangebote und einer Qualitätssteigerung Vorrang einzuräumen und von aktuellen Vorhaben wie der Elternbeitragsbefreiung eines Kindergartenjahres Abstand zu nehmen, solange hierfür die Spielräume im Landeshaushalt nicht bestehen.