Zwei-Klassen Medizin bei der Versorgung von Menschen in Großstädten und im ländlichen Raum?

Die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter hat die Kleine Anfrage 612 mit Schreiben vom 18. April 2011 namens der Landesregierung im Einvernehmen mit dem Minister für Arbeit, Integration und Soziales und dem Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz wie folgt beantwortet:

Vorbemerkung der Kleinen Anfrage:

In diesem Jahr steht eine neue Bedarfsplanung sowohl bei den Krankenhäusern als auch bei der ambulanten medizinischen Versorgung auf der politischen Agenda in

Die unterschiedlichen Wartezeiten von Patienten je nach Region auf bestimmte Arzttermine oder Untersuchungen im Krankenhaus zeigen die Notwendigkeit eines passgenaueren Angebots. Derzeit scheinen Patienten in ländlichen Regionen nicht nur aufgrund aktueller Probleme wie dem Ärztemangel, sondern auch aufgrund der derzeitigen Bedarfsplanung deutlich benachteiligt zu sein.

Dabei sollte jedem Patienten, egal ob er in der Großstadt oder auf dem Land lebt, in Nordrhein-Westfalen die Tür zu einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung gleichermaßen offenstehen.

1. Wie hoch ist die Lebenserwartung von Frauen und Männern in den einzelnen Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen?

Das statistische Landesamt (IT.NRW) berechnet die Lebenserwartung in NRW ausschließlich auf Landesebene. Im Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA.NRW) wird seit 15 Jahren zusätzlich die Lebenserwartung auf der Ebene der 54 (53) kreisfreien

Städte und Kreise als 3-Jahres-Mittelwerte berechnet (Indikator 3.10). Eine kleinräumigere Berechnung (z. B. Gemeindeebene) ist aufgrund der geringen Fallzahlen statistisch nicht vertretbar.

Für den Zeitraum 2007/2009 betrug die mittlere Lebenserwartung in NRW bei den Frauen 81,9 Jahre, bei den Männern 76,9 Jahre. Die regionalen Maximal- und Minimalwerte waren: Frauen: max. 83,3 Jahre (Münster), min. 80,0 Jahre (Gelsenkirchen) Männer: max. 79,3 Jahre (Bonn), min. 74,6 Jahre (Gelsenkirchen)

Die Daten aller 54 Verwaltungsbezirke ergeben sich aus dem Indikator (L) 3.10 des IT.NRW. Vergleicht man die Lebenserwartung der 22 städtisch und 32 ländlich geprägten Bezirke Nordrhein-Westfalens (Bevölkerungsdichte über bzw. unter 1.000 Einwohner pro Quadratkilometer), so ergibt sich folgendes Bild: In den letzten 20 Jahren (1990 bis 2009) lag die Lebenserwartung in den ländlichen Regionen durchgängig höher als in den Städten, bei den Frauen war die Lebenserwartung im ländlichen Raum durchschnittlich 0,5 Jahre höher als in den Städten, bei den Männern betrug diese Differenz sogar 0,7 Jahre. Bemerkenswert ist zusätzlich, dass die Differenz bei den Männern während des Beobachtungszeitraums konstant bleibt, während bei den Frauen ein kontinuierlicher Anstieg dieser Differenz von 0,3 Jahren 1990/92 auf 0,7 Jahre 2007/09 zu beobachten ist. Die Schere zwischen Stadt und Land geht bei den Frauen immer weiter auseinander, da der Anstieg der Lebenserwartung in den Städten zunehmend geringer ausfällt als in den ländlichen Regionen.

2. Welche Unterschiede gibt es in Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit zwischen Bewohnern von ländlichen Gebieten und Großstädtern insbesondere bei Diabetes, Krebserkrankungen und psychischen Erkrankungen?

Bei Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit zeigt sich teilweise dasselbe Land-Stadt-Gefälle, das bereits bei der Lebenserwartung zu beobachten war; teilweise sind keine Unterschiede zwischen Stadt und Land nachweisbar. Als Datenquellen stehen hierfür die Todesursachenstatistik, die Krankenhausdiagnosestatistik sowie die ambulanten Behandlungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen zur Verfügung. Die bevölkerungsbezogenen Raten wurden durchgängig altersbereinigt.

Im Einzelnen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Während die Sterblichkeit an Herzkreislauferkrankungen (ICD-10 I00-I99) in den letzten 10 Jahren sowohl im städtischen wie im ländlichen Bereich um jeweils 36% zurückgegangen ist, fiel der Rückgang der Krankenhausbehandlungsraten in dieser Gruppe geringer aus (Stadt -11%, Land -14%). Bei den ambulanten Behandlungsdaten wurde exemplarisch für diese Krankheitsgruppe die Einzel-Diagnose Hypertonie (I10) ausgewählt (Auswertungen von Diagnosegruppen sind mit diesen Daten nicht möglich). Die Häufigkeit der Hypertonie ist bei den ambulanten Behandlungsfällen zwischen 2005 und 2009 in Stadt wie Land um 11% angestiegen. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind für diese Krankheitsgruppe in allen drei Datenquellen sehr gering (Abweichungen zwischen 1 und 3%). Diabetes: Die Sterberaten wie auch die Krankenhausbehandlungsraten wegen Diabetes (alle Typen, E10-E14) stagnieren in den letzten Jahren. Differenzen zwischen Stadt und Land sind nicht erkennbar. Bei den ambulanten Behandlungsfällen war zwischen 2005 und 2008 ein deutlicher Anstieg zu erkennen: +19% im städtischen Bereich, +14% auf dem Land (E11 Diabetes Typ II). Hierbei lag 2009 die Behandlungsrate in den Städten um 14% höher als in den ländlichen Kreisen, auch hier nimmt die Stadt-Land-Differenz kontinuierlich zu (2005 noch bei 10,6%). Krebserkrankungen: Die (altersstandardisierten) Sterberaten und Krankenhausbehandlungsraten wegen Krebs (C00-C99) sind in den letzten 10 Jahren rückläufig (Sterblichkeit: ­ 17%, Krankenhausrate -11%), der Rückgang ist in Stadt und Land gleich stark ausgeprägt. Allerdings lag die Mortalitätsrate in den Städten 2009 um 7,4% höher als auf dem Land, auch hier nimmt der Abstand mit den Jahren zu. Die Behandlungsraten im Krankenhaus waren in den städtischen Regionen durchgängig um ca. 10% gegenüber ländlichen Gebieten erhöht. Noch ausgeprägter ist dies bei den ambulanten Behandlungen zu beobachten, hier am Beispiel Lungenkrebs (C34) untersucht: Die Rate der ambulanten Behandlungen wegen Lungenkrebs ist in den Städten um 18% höher als auf dem Land.

Psychische Erkrankungen: Bei den psychischen Erkrankungen (F00-F99) nehmen die Behandlungsraten zu: Die Krankenhausraten sind zwischen 2000 und 2009 um 28% angestiegen (Stadt +25%, Land +30%). 2008 lag die Behandlungsrate in den Städten 13% über denen auf dem Land. Die ambulanten Behandlungsraten wegen Depressionen (F32) nahmen von 2005 bis 2008 in der Stadt um 18% zu, auf dem Land um 16%. Die Raten lagen in der Stadt zwischen 5,6 und 8,6% höher, auch hier mit zunehmender Tendenz.

Anhand der Daten lassen sich deutliche Unterschiede in der Krankheitsbelastung der städtischen und der ländlichen Bevölkerung nachweisen. Fast durchgängig liegen Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten in den Städten höher, die Lebenserwartung im städtischen Raum ist dementsprechend niedriger. Dabei sind niedrigere ambulante und stationäre Behandlungsraten nicht als Ausdruck geringerer Behandlungskapazitäten bzw. von Unterversorgung zu sehen. Ansonsten würden Lebenserwartung und Sterberaten im ländlichen Raum nicht den hier beobachteten Vorsprung vor den Städten aufweisen. Zum anderen gibt es bisher z. B. in der ambulanten Versorgung keine Hinweise auf regionale Unterversorgung. Der Indikator (L) 6.2 der Ländergesundheitsberichterstattung dokumentiert den von den Kassenärztlichen Vereinigungen jährlich berechneten Versorgungsgrad für 14 Fachgebiete auf Kreisebene. In allen 54 Verwaltungsbezirken liegt im Jahr 2009 für alle Fachgebiete ein Versorgungsgrad von über 100%, teilweise deutlich höher, vor. Die einzigen Ausnahmen bilden die Versorgungsgrade im hausärztlichen Bereich in den Kreisen Borken (92,9%) und Hochsauerlandkreis (95,5%) sowie der Stadt Bielefeld (98,7%), die geringgradig unter 100% liegen, bei gleichzeitig deutlich überdurchschnittlichen Versorgungsgraden mit Internisten in allen drei Bezirken.

Dies schließt nicht aus, dass es in einzelnen Verwaltungsbezirken erhebliche kleinräumige Strukturunterschied gibt, wenn die Arztsitze z. B. in der Kreisstadt konzentriert sind, während in den umgebenden ländlichen Regionen keine Arztpraxen mehr zu finden sind.

3. Bei welchen Erkrankungen haben die Faktoren Urbanität (Geburt in der Stadt oder auf dem Land), Migration (Aufenthalt in einem Land, in dem man geboren wurde oder nicht) sowie der soziale Status Auswirkungen auf die Erkrankungshäufigkeit oder Sterblichkeit?

Das LIGA.NRW beobachtet seit vielen Jahren eine Häufung negativer gesundheitlicher Entwicklungen (sichtbar an Indikatoren wie Lebenserwartung, Krankheitslast und Gesundheitsverhalten) in Regionen, in denen bestimmte soziodemographische Kennzahlen erhöht sind, vor allem den Kernstädten des Ruhrgebiets. Seit mehr als zehn Jahren werden