Schulministerin Löhrmann und das gescholtene Bildungsbürgertum

Was ist aus Sicht der Schulministerin an Eltern verwerflich, die die bestmögliche schulische Ausbildung für ihre Kinder wünschen?

Laut eines Presseberichtes der Rheinischen Post vom 23. März 2011 hat Schulministerin Löhrmann auf einer Bildungskonferenz im Museum Kunstpalast in Düsseldorf Eltern aus dem sogenannten Bildungsbürgertum kritisiert. In dem Zeitungsartikel wird die Schulministerin wörtlich zitiert, diese Eltern hätten Angst, dass die Förderung, die sie für ihre Kinder wollen, Schaden nimmt, wenn Kinder mit anderem sozialen Hintergrund daran ebenfalls in einer Gruppe teilhaben.

Der Große Brockhaus aus dem Jahr 1978, also zu einem Erscheinungstermin, als Sylvia Löhrmann ihr Lehramtsstudium absolviert hat, deutet den Begriff des Bildungsbürgertums wie folgend zitiert: Bildungsbürgertum, seit dem 19. Jh. diejenigen Gruppen, die ihre Zugehörigkeit zum Bürgertum vom Grad ihrer Bildung herleiten. Heute wird der Begriff meist abwertend verwendet. (Der Große Brockhaus in zwölf Bänden, achtzehnte, völlig überarbeitete Auflage, Zweiter Band, Wiesbaden 1978, S. 127.).

Im Laufe der Jahre scheint sich allerdings die negative Konnotation, die in der genannten Definition angeführt wurde, verändert zu haben. So definiert der Duden des Library Information Portal den Begriff Bildungsbürgertum wie folgt: a) (Soziol.) (in der 1. Hälfte des 19. Jh.s) Gruppen des Bürgertums mit einem an idealistischen Werten u. am klassischen Altertum orientierten Bildungsideal; b) gebildete Schicht des Bürgertums. (Der Duden ­ deutsches Universalwörterbuch, Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache 6, überarbeitete Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 2007).

Da sich laut zitiertem Lexikonartikel der Eigenanspruch der Zugehörigkeit zu der Gruppe des Bildungsbürgertums demnach über den Bildungsgrad und nicht über die ökonomischsoziale Milieuzugehörigkeit definiert, bleibt unklar, welchen Sachverhalt die Schulministerin genau zu bewerten meint und was präzise sie unter anderem sozialem Hintergrund versteht. In den bildungspolitischen Diskussionen wird zu Recht auf eine mangelnde Chancengerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen aus sogenannten bildungsfernen Gesellschaftsgruppen hingewiesen. Alle demokratischen Parteien erachten hierbei eine bessere Förderung der Kinder und Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern als wichtiges Anliegen, damit alle Schüler unabhängig von ihrer sozialen Herkunft den individuellen Talenten entsprechend die bestmöglichen schulischen Ergebnisse erzielen können.

Politische Unterschiede werden jedoch offenbar, wenn es um den diesbezüglichen Weg zur besten Förderung aller Kinder geht. So vertreten Sozialdemokraten und Grüne nach Meinung der FDP gegenwärtig eine Politik der Leistungsnivellierung und Standardabsenkung. An dieser Stelle sei etwa auf den rot-grünen Koalitionsvertrag verwiesen, der das Ziel benennt, dass jede Schule alle aufgenommenen Kinder zu einem Abschluss führen muss ­ und dies offensichtlich unabhängig von der erbrachten individuellen Leistung. Die Folge einer solchen Bildungspolitik wäre zwangsläufig, dass auf deutlich niedrigerem Niveau schwache, dafür jedoch gleiche, uniforme Ergebnisse erzielt werden. Den Liberalen hingegen ist es ein zentrales Anliegen, bei hohen Leistungsstandards durch die Förderung von individuellen Talenten und Fähigkeiten unabhängig von der sozialen Herkunft alle Leistungspotentiale der Kinder und Jugendlichen abzurufen.

Gleichzeitig ist es der FDP-Landtagsfraktion ein wichtiges Anliegen, dass neben der Betrachtung der schwächeren Schüler auch die Potentiale des Mittelfelds und die herausragenden Leistungen eine angemessene Beachtung und Förderung verdienen.

Während SPD und Grüne vielfach besonders bzw. partiell ausschließlich auf den Staat als umfassenden Bildungsförderer und -erzieher der Kinder und Jugendlichen setzen, fordern die Liberalen neben einer umfassenden Bildungs- und Erziehungsförderung durch den Staat auch die Wahrnehmung erzieherischer Pflichten und eine die Bildung fördernde Rolle durch die Eltern ein.

Schulministerin Sylvia Löhrmann hat mit ihren Aussagen einer Gruppe von Eltern unterstellt, dass sie quasi automatisch Kindern und Jugendlichen aus anderen sozialen Milieus Bildungschancen verwehren will, ohne jedoch ihre Beschuldigungen empirisch zu verifizieren. Auch wird ohne jeglichen Beleg für ihre abwertenden Behauptungen von der Schulministerin den Eltern indirekt das grundsätzliche Recht abgesprochen, bestmögliche Bildungsergebnisse für ihre Kinder zu erreichen. Die in dem angeführten Zeitungsartikel genannte Verknüpfung der Kritik mit dem rot-grünen Schulkonzept wiederum legt nahe, dass die Ministerin sich auf Eltern bezieht, deren Kinder die unterschiedlichen Schulformen des gegliederten Schulsystems besuchen.

Das Gymnasium, als Beispiel einer historisch als traditionell bildungsbürgerlich zu bezeichnenden Schulform hat aber in der Vergangenheit eine massive Bildungsexpansion erlebt, die sich nicht nur in Form der quantitativen Zahlen belegen lässt, sondern die auch verdeutlicht, dass an dieser Schulform im gegliederten Schulwesen, die den höchsten Bildungsstandards entsprechen will, in seit Jahrzehnten ansteigender Zahl eine Vielfalt von Kindern aller sozialer Milieus auf der Basis von Leistungsorientierung zu höchsten schulischen Bildungsabschlüssen geführt werden. Der Gymnasialbesuch ist für viele Schüler gerade oft zum Startpunkt eines sozialen Aufstiegs geworden.

Die Schulministerin muss dem Parlament daher darlegen, wie sie in ihren Äußerungen die Eltern des Bildungsbürgertums definiert, auf welcher empirischen Basis fußend sie den Eltern des sogenannten Bildungsbürgertums eine diskriminierende Haltung vorwirft, warum sie eine werte- und bildungsorientierte Lebenseinstellung mit ihren pauschalen Unterstellungen letztlich kritisiert, und warum sie damit offenbar grundsätzlich einer Elterngruppe das legitime Recht auf den Wunsch abspricht, für ihre Kinder die bestmöglichen Bildungsabschlüsse zu wollen.

Ich frage daher die Landesregierung:

1. Anhand welcher einzelnen Kriterien genau definiert die Schulministerin die Gruppe der Eltern des von ihr kritisierten Bildungsbürgertums (bitte präzise aufschlüsseln nach den jeweiligen soziologischen Charakteristika dieser Gruppe)?

2. Von welchem absoluten Vorhandensein und prozentualen Verbreitungsgrad im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung geht die Schulministerin bei Eltern aus dem Bildungsbürgertum heute in Nordrhein-Westfalen aus?

3. Auf welche einzelnen empirischen Erhebungen oder anderweitigen fachlichen Befunde stützt die Schulministerin ihre Behauptung, dass diese Eltern des sogenannten Bildungsbürgertums Angst hätten, dass die Förderung ihrer Kinder Schaden nähmen, wenn Kinder mit anderem sozialen Hintergrund gemeinsam mit ihren Kindern unterrichtet würden (bitte präzise Quellenangabe)?

4. Wie bewertet die Schulministerin die Auswirkungen der über Jahrzehnte stark gestiegenen Übertrittsquote von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft zum Gymnasium für Aufstiegsprozesse und soziale Mobilität in unserem Land?

5. Da die Ministerin offenbar langfristig auch eine stärkere soziale Empathie in integrierten Schulsystemen herzustellen glaubt: Wie bewertet sie vor diesem Hintergrund die Aussagen im 2. BIJU-Bericht (1996), der auf steigenden Egoismus und sinkende Altruismusmotive in einem integrierten System im Vergleich zur gegenläufigen Entwicklung am klassisch bildungsbürgerlichen Gymnasium hingewiesen hat?