Hochschule

2. Die WE Laborschule: Stellenwert, Forschungsanspruch, Evaluationskriterien

Stellenwert der WE Laborschule

Die Wissenschaftliche Einrichtung Laborschule stellt, wie die Laborschule selbst, sowohl im Bildungswesen insgesamt als auch im System erziehungswissenschaftlicher Forschung eine singuläre Institution dar. So wie die Laborschule schon von ihrem Gründer, Hartmut von Hentig, als forschende Schule konzipiert wurde, konkret als Experimentalschule und Curriculuminstitut, so ist auch die aktuell in der WE institutionalisierte, organisierte und abgesicherte spezifische Form der Forschung im Bildungssystem nirgends sonst in Deutschland anzutreffen. Dieser besondere Status betrifft sowohl den Forschungsanspruch und das hier realisierte Modell der Forschung als auch - lokal - die besondere Form der Zuordnung zur Universität und - überregional - ihre Stellung innerhalb der deutschen und internationalen Erziehungswissenschaft. Für die Evaluation der WE Laborschule waren diese Besonderheiten ausschlaggebende Referenzpunkte, und die Formulierung der Dimensionen und Kriterien der Evaluation stellte eine eigene systematische Herausforderung dar.

Forschungsanspruch

Im Selbstverständnis der Evaluationskommission können angesichts dieser besonderen Situation die Kriterien der Evaluation nicht allein vor dem allgemeinen Hintergrund der Erwartungen an wissenschaftliche Forschung entwickelt werden, sondern müssen in zumindest dreifacher Referenz gesehen werden:

(1) als wissenschaftliche Praxis,

(2) als wissenschaftliche Praxis in der Erziehungswissenschaft,

(3) als Praxis der schulbezogenen Forschung in einer forschenden Schule.

In der Erörterung und Festlegung der Evaluationskriterien und ihrer Referenzen hat die Kommission nicht nur die allgemeinen Erfahrungen mit Forschungseva13

luation aufgenommen, sondern auch die Ergebnisse der unterschiedlichen Verfahren der Forschungsevaluation in der Erziehungswissenschaft, die seit 2000 in der Bundesrepublik stattgefunden haben, so zu berücksichtigen versucht, dass wir die besondere Leistung der WE Laborschule sowohl in ihrem besonderen Kontext als auch nach ihren eigenen Kriterien fair und angemessen beurteilen konnten. Denn diese Verfahren richteten sich z.T. auf andere Gegenstände und fanden in einem anderen Kontext statt. Aus diesem Grunde sollen zunächst knapp die Konsequenzen erläutert werden, die sich mit den o.g. drei Referenzpunkten für eine Evaluation der WE Laborschule verbinden. Im Anschluss daran werden die Evaluationsdimensionen und -kriterien im Einzelnen vorgestellt.

(1) Auch die Praxis der Forschung in der Laborschule, wie sie für die Evaluation der Leistungen der WE Laborschule hier nach ihren Organisationsformen, Akteuren und Produkten zugrunde gelegt wird, ist zunächst wissenschaftliche Praxis.

Von Forschung kann man deshalb hier nur sprechen, wenn nicht allein der Aspekt der Entdeckung des Neuen und der Bearbeitung ungelöster Probleme die zentrale Aufgabe dieser Praxis darstellt, sondern zugleich sichtbar wird, dass diese Praxis sich in den Formen von Wissenschaft organisiert, also den eigenen Arbeitsprozess anhand von begründet gewählten, den Themen und Problemen angemessenen und im Fall des Zweifels und gegenüber Einwänden auch rechtfertigungsfähigen Theorien und Methoden organisiert.

Mit dieser Akzentuierung des Wissenschaftscharakters der Arbeit in der WE soll keineswegs ein Einheitsmodell von Forschung vorgegeben werden, an dem dann wie die Einwände vor allem aus dem Feld der Lehrerforschung nicht selten lauten

- die besonderen Vorgaben, Erwartungen, Leistungen und Funktionen dieses spezifischen Forschungstypus nur scheitern können. Nach Meinung der Evaluationskommission sind die hier genannten Merkmale einer wissenschaftlichen Praxis notwendige, aber allein nicht hinreichende Kriterien der Bestimmung wissen

Zu nennen sind vor allem: Berufswissenschaften der Lehrerbildung. Forschungsevaluation an niedersächsischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Ergebnisse und Empfehlungen. Hannover (Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen) 2002; Evaluation der Erziehungswissenschaft an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen des Landes Baden-Württemberg. Abschlussbericht der Gutachterkommission August 2004. Stuttgart (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst) 2004. Die Erziehungswissenschaftler in der Kommission haben an diesen Evaluationsprozessen selbst aktiv mitgewirkt und bringen insofern den systematischen Zusammenhang und die Kontinuität der Evaluation von Forschung in der Erziehungswissenschaft in die Evaluation der WE Laborschule ein. schaftlicher Arbeit, sichtbar in ihrer Begrenztheit schon daran, dass sie die disziplinäre Organisation des Forschungsprozesses noch ausklammern, die aber für konkrete Projekte hinzutreten muss.

(2) Wir verorten deshalb die Forschungspraxis der WE Laborschule konkret im Kontext der Erziehungswissenschaft. Mit dieser disziplinären Zurechnung ist einerseits der Referenzraum an verfügbaren, bewährten und erprobten Theorien und Methoden verbunden, mit dem in pädagogischer Intention Bildungsprozesse, Bildungssysteme und Formen der Lernorganisation analysiert werden. Mit der Zurechnung auf die Erziehungswissenschaft sind gleichzeitig besondere Probleme gegenwärtig, die sich in wissenschaftstheoretischen Kontroversen der Erziehungswissenschaft ebenso dokumentieren wie in dem besonderen Anspruch, mit dem sie Bildungsprozesse zu untersuchen verspricht.

Kontrovers ist dabei bis heute die Frage, ob sich wissenschaftliche Disziplinen tatsächlich als praktische Wissenschaft widerspruchsfrei entfalten und begründen können, wie das die Erziehungswissenschaft versucht. Die Kommission kann diesen systematischen Streit selbstverständlich nicht lösen, aber die Prämissen ihrer eigenen Arbeit und ihres Verständnisses von Erziehungswissenschaft offen legen: Unstrittig, auch als produktive Bewältigung der alten, im Ergebnis wenig ertragreichen wissenschaftstheoretischen Kontroversen, ist nach Meinung der Kommission, dass Erziehungswissenschaft nicht nur unterschiedliche Wissensformen in sich vereinigt (also strikt theorie-orientiertes, z.T. esoterisches Beobachterwissen ebenso wie handlungsbezogene professionelle Reflexion), sondern auch für unterschiedliche Adressatengruppen arbeitet. Ebenso ist unstrittig, dass keine der Wissensformen und der ihnen zugeordneten Praxen ohne distinkte Kriterien und Möglichkeiten der Begründung des je eigenen Wissens operieren kann.

Diese Wissensformen sind also distinkt; die Grenzen und Funktionsdifferenzen müssen beachtet werden; die verschiedenen Wissensformen berühren und beeinflussen sich wechselseitig, z.T. finden auch Durchdringungsprozesse statt. Grundsätzlich sind sie jedoch nicht wechselseitig substituierbar.

Angesichts der Tatsache, dass vor allem im Bereich der professionsbezogenen Reflexion nicht allein der Konsens über Kriterien der Forschung bisher noch fehlt, sondern auch disziplinübergreifende Diskussion und Erprobung solcher Kriterien