DDR-Geschichte im Schulunterricht ­ Nächster Versuch

In ihrer Antwort zu meiner Kleinen Anfrage DDR-Geschichte im Schulunterricht (Drucksache 15/1346) behauptet die Landesregierung, dass sich die Studie der Freien Universität Berlin nur auf das DDR-Bild von Berliner Schülern beziehe und sich daraus keine Rückschlüsse auf die DDR-Kenntnisse von nordrhein-westfälischen Schülern ziehen ließen.

Für die Studie wurden allerdings nicht nur Schüler aus Berlin, sondern auch aus Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen befragt. Für Nordrhein-Westfalen ziehen die Autoren das folgende Fazit: Die meisten Schüler wissen nur wenig über die DDR, da sie in der Schule kaum behandelt wird und im Freundes- und Familienkreis eher selten Gesprächsthema ist.

... Ein nennenswerter Anteil der nordrhein-westfälischen Schüler, unter ihnen überdurchschnittlich viele Gesamtschüler, neigt in gewisser Weise zu einer Verklärung der DDR, indem er die sozialen Aspekte überbetont und die diktatorischen untergewichtet oder verkennt. (Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDRBild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich, Verlag Ernst Vögel, Stamsried, 2008, S. 541).

Zudem wird in der Studie festgestellt, dass einer starken Minderheit... die Differenz zwischen Demokratie und Diktatur nicht geläufig ist (ebenda).

Vorbemerkung der Landesregierung:

In der Kleinen Anfrage 454 (LT-Drs. 15/1170) führt der Fragesteller in seiner Vorbemerkung an: Eine Studie der Freien Universität Berlin hat große Wissenslücken von Schülerinnen und Schülern beim Thema DDR offenbart. Weitergehende Hinweise zum Bezugspunkt der Kleinen Anfrage 454 werden nicht gegeben.

Folgt man diesen rudimentären Quellenangaben, so gelangt man zunächst auf eine Seite der Freien Universität Berlin auf der es u.a. heißt: Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Professor Dr. Klaus Schroeder, stellt am Freitag, 9. November 2007, 11 Uhr, die Ergebnisse des Forschungsprojektes. Das DDR-Bild von Berliner Schülern vor. Die Studie basiert auf den Ergebnissen einer standardisierten Befragung von 2.356 Schülern und auf zusätzlichen Einzel- und Gruppengesprächen mit etwa 100 Schülern. Dabei steht neben den Ergebnissen der Gesamtbefragung der Vergleich zwischen Ost- und Westberliner Schülern im Vordergrund. Vor diesem Hintergrund sind die Vorbemerkungen in der Antwort der Landesregierung zur Kleinen Anfrage 454 (LT-Drs. 15/1346) zu verstehen. Auf die dort gegebenen Antworten zu den Einzelfragen hat die erst mit der Kleinen Anfrage 638 festgestellte Unterschiedlichkeit der Bezugsdokumente von Fragesteller und Beantworter jedoch keinerlei Auswirkung.

Vor dem Hintergrund der in der Kleinen Anfrage 638 vom Fragesteller nunmehr präzisierten Quellenangabe (Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder. Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich, Verlag Ernst Vögel, Stamsried, 2008) ergeben sich die nachfolgenden Antworten auf die neuen Einzelfragen:

1. Warum wird in der Antwort auf meine Kleine Anfrage nicht auf die Erkenntnisse der Studie hinsichtlich der Schüler in NRW eingegangen?

Siehe Vorbemerkung der Landesregierung.

2. In welcher Form hat sich das Ministerium für Schule und Weiterbildung überhaupt mit den Erkenntnissen der Studie über das DDR-Bild von nordrheinwestfälischen Schülern befasst?

Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat die Studie rezipiert.

3. Wie beurteilt die Landesregierung das in der Studie gezogene Fazit über die DDR-Kenntnisse von nordrhein-westfälischen Schülern?

Die Studie setzt sich auf 759 Seiten engagiert mit dem DDR-Bild von Schülerinnen und Schülern ­ auch in Nordrhein-Westfalen ­ auseinander und betreibt in diesem Zusammenhang einen nicht unerheblichen Aufwand. Mit Blick auf den vermeintlich weitgehenden Aussageanspruch des Länderfazits NRW (Deutz-Schroeder 2008; S. 541) sowie des Gesamtfazits der Studie (ebd; S. 587 ff.) ist es aus Sicht der Landesregierung zu bedauern, dass sich die Untersuchung für die Ableitung von Konsequenzen auf Landesebene als ungeeignet erweist. Dies liegt ­ wie die Verfasser zu Recht selbst feststellen ­ vor allem an der fehlenden Repräsentativität der Befragung (vgl. ebd.; S. 20), die u.a. auf die geringe Stichprobengröße (881 Schülerinnen und Schüler), die unzureichende Schulauswahl von nur 10 nordrheinwestfälischen Schulen (nicht ausdifferenzierte Auswahl von Gesamtschulen und Gymnasien, ausschließlich beschränkt auf die Städte Aachen und Bochum), die nicht ausgewiesene Zuordnung von Befragten zu Schulformen und Jahrgangsstufen sowie die wenig nachvollziehbare Herauslösung eines Mädchengymnasiums aus der Gesamtbewertung des Landes zurückzuführen ist. Von daher bedauert es die Landesregierung, dass u.a. auch die nachfolgenden Passagen des Länderfazits NRW ohne landesbezogene Aussagekraft bleiben: Eine Ausnahme stellen die Schülerinnen des Mädchengymnasiums St. Ursula [Aachen, Anm. der Landesregierung] dar. Sie zeigen einen hohen Reflektionsgrad und Kenntnisstand, sodass sie deutlicher als alle Schülerinnen und Schüler der vier befragten Länder demokratische und gesellschaftspolitische Prozesse erkennen und beurteilen können. [...] In der vergleichenden Bewertung der DDR gegenüber der Bundesrepublik stellen sich die nordrheinwestfälischen Schüler ­ Gymnasiasten häufiger als Gesamtschüler ­ aber mehrheitlich eindeutig auf die Seite der pluralistisch und freiheitlich-demokratisch verfassten Bundesrepublik und votieren gegen Unfreiheit und Diktatur in der DDR. (Ebd.; S. 541).

4. Welchen Anlass sieht die Landesregierung, hinsichtlich der aus der Studie gewonnenen Erkenntnisse Konsequenzen für die Kernlehrpläne Geschichte und Politik zu ziehen?

Aufgrund der zuvor bereits dargelegten fehlenden Repräsentativität der Studie sind aus dieser insgesamt keine Konsequenzen für die Schulen des Landes Nordrhein-Westfalen zu ziehen. Dies gilt dementsprechend auch für die Kernlehrpläne in den Fächern Geschichte und Politik. Die im Untersuchungszeitraum (Herbst 2005 bis Frühjahr 2007) zugrunde gelegte und in der Lehrplanbetrachtung von den Verfassern analysierte curriculare Grundlage (vgl. ebd. S. 130 ff.) ist durch die Einführung neuer Kernlehrpläne für die genannten Fächer in den Jahren 2007 und 2011 bereits weitgehend überholt.

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass sich zum Untersuchungszeitpunkt in den Fächern Geschichte und Politik u.a. noch stofforientierte Lehrpläne aus den Jahren 1989 und 1993 in Kraft befanden. Kennzeichen dieser stofforientierten Lehrpläne war es, Aussagen über den von Lehrkräften zu behandelnden Stoff (Fokus: Input), nicht jedoch über die von Schülerinnen und Schülern zu erreichenden Kompetenzen (Fokus: Output) zu treffen. Als Konsequenz aus den Ergebnissen methodisch ausgereifter internationaler Leistungsvergleichsstudien mit angemessenen Stichproben hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt in allen Bundesländern ein Paradigmenwechsel von der Input- zur Outputorientierung vollzogen, der in wichtigen Fächern zur Inkraftsetzung von Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz und in Nordrhein-Westfalen zur Einführung ergebnis- und kompetenzorientierter Kernlehrpläne geführt hat. Vor diesem Hintergrund kann für die konkret angefragten Fächer Geschichte und Politik auch aufgrund der expliziten Ausweisung der Kompetenzbereiche Sach- und Urteilskompetenz in den neuen Kernlehrplänen davon ausgegangen werden, dass die bereits im Länderfazit der Studie für St. Ursula hervorgehobenen Reflexions- und Urteilskompetenzen künftig an allen nordrhein-westfälischen Schulen besonders deutlich in den Blick genommen werden. Dies gilt insbesondere auch für die Gesamtschule, die ganz aktuell erstmalig für den Lernbereich Gesellschaftslehre in der Sekundarstufe I einen eigenständigen Kernlehrplan erhalten hat.

Da sich die Wirkungen dieser gerade eingeführten neuen Unterrichtsvorgaben in den nächsten Jahren erst noch entfalten müssen, erscheint ­ neben der Inkraftsetzung und verbesserten Implementation kompetenzorientierter Kernlehrpläne für die Fächer des Lernbereichs Gesellschaftslehre ­ die vorschnelle Ableitung weiterer Konsequenzen zu diesem Zeitpunkt als unangebracht.

5. Beinhaltet der Geschichts- und Politikunterricht im Rahmen der Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur auch den Besuch von Museen oder Gedenkstätten, das Gespräch mit Zeitzeugen oder die Nutzung von Materialien, die von Institutionen wie zum Beispiel der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben werden?

Alle in der Frage angeführten und in den jeweiligen unterrichtlichen Kontexten zweifelsohne sinnvollen Elemente der Unterrichtsgestaltung können ­ nach jeweiliger Entscheidung der Lehrkraft ­ eingesetzt werden. Da die Kernlehrpläne ergebnisbezogene Kompetenzerwartungen für Schülerinnen und Schüler, nicht jedoch Vorgaben für die Unterrichtsgestaltung der Lehrkräfte formulieren, greifen hier die in § 70 Abs. 3 und 4 festgelegte Verantwortung der Fachkonferenzen sowie die in § 29 Abs. 3 verbrieften pädagogischen Gestaltungsspielräume der Lehrkräfte.