Initiative für familienfreundliche Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen

I. Ausgangslage:

Der Fachkräftemangel zählt für das Gesundheitswesen bereits heute zu den großen Herausforderungen. Dies betrifft keineswegs nur den Bereich der niedergelassenen Ärzte in ländlichen Regionen sowie in Städten und Stadtteilen mit sozialen Problemlagen, sondern gerade auch die Krankenhäuser. Laut einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) vom September 2010 könnten dem Gesundheitswesen bis zum Jahr 2019 fast 37.000 Ärzte fehlen, wovon vor allem die Klinken betroffen seien.

Als eine der zentralen Ursachen für dieses problematische Szenario gelten neben der demografischen Entwicklung auch die Arbeitsbedingungen. Regelmäßig beklagt werden ein hoher bürokratischer Aufwand im Bereich der Dokumentation und die große körperliche und seelische Belastung. Erschwert wird dies durch eine voraussichtlich steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, die sowohl auf eine älter werdende Bevölkerung als auch auf den medizinischen Fortschritt zurückführbar ist.

Das Problem eines sich verschärfenden Personalmangels betrifft jedoch keineswegs die Ärzteschaft alleine. Für den Bereich der Pflege verdeutlichen aktuelle Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), dass im Jahr 2025 aller Voraussicht nach rund 152.000 Pflegekräfte fehlen werden, um die Zahl der Krankenhauspatienten sowie der Pflegebedürftigen zu versorgen. Allerdings dürfte dazu auch die Personalreduzierung in den Krankenhäusern während der letzten Jahre maßgeblich beigetragen haben. Nach Auskunft der Bundesregierung verminderte sich im Zeitraum von 1991 bis 2008 die Zahl der Pflegekräfte in den Krankenhäusern um 25.665 Vollkräfte. Daher wurde im Zuge der Krankenhausfinanzierungsreform von 2009 ein Förderprogramm zur Schaffung zusätzlicher Pflegestellen auf den Weg gebracht. Auf diese Weise können bis zum Jahre 2011 bis zu 16.500 neue Pflegestellen gefördert werden. Ungeachtet dessen ist zu befürchten, dass es in den kommenden Jahren zunehmend die Arbeitnehmer selbst sein werden, die sich vom Berufsfeld der Pflege abwenden. Die schwierigen Arbeitsbedingungen gelten, ähnlich wie bei der Ärzteschaft, als ein wesentlicher Grund. Hinzu kommt die nach wie vor zu geringe gesellschaftliche Wertschätzung für die pflegerische Tätigkeit.

Zu einem wachsenden Problem bei der Personalrekrutierung und -bindung aller Berufsgruppen im stationären Sektor entwickelt sich die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ausschlaggebend sind vor allem die langen Arbeitszeiten mit Schicht- und Wochenenddiensten, eine noch zu oft fehlende Flexibilität in der Arbeitszeit- und Organisationsgestaltung sowie ein Mangel an passgenauen Betreuungsangeboten für Kinder. Dies hat umso mehr Gewicht, weil in der Medizin eine deutliche Feminisierung zu beobachten ist. Der Anteil der Ärztinnen an den Erstmeldungen bei den Ärztekammern lag 2009 bei 58,1 Prozent. Auch die Gruppe der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe weist einen überdurchschnittlichen Anteil von Frauen auf. Insgesamt liegt der Frauenanteil im Gesundheitswesen bei 72,3 Prozent. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass die Familienorientierung nicht nur für weibliche, sondern auch für männliche Mitarbeiter immer wichtiger wird.

Der Marburger Bund hat angesichts dieser Entwicklung im Februar 2007 die Kampagne Für ein familienfreundliches Krankenhaus ins Leben zu gerufen. Obgleich betriebswirtschaftliche Kriterien über den Erfolg von Krankenhäusern entscheiden, sei dennoch ein großer Nachholbedarf bei der Einbeziehung sogenannter weicher Faktoren feststellbar ­ so der Marburger Bund. Diese seien für den Aufbau und den Erhalt einer positiven und motivierenden Arbeits- und Unternehmenskultur von besonderer Bedeutung. Als Handlungsfelder böten sich insbesondere die Implementierung flexibler Arbeitszeit- und Arbeitsorganisationsmodelle sowie Angebote zur Kinderbetreuung und weitere Familienserviceansätze an.

Wichtige Hinweise enthält auch eine Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Unternehmensnetzwerkes Erfolgsfaktor Familie zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Krankenhaus. Als ein Beispiel aus der Praxis wird unter anderem die Stadt Hamm in Nordrhein-Westfalen genannt, in der sich alle sechs Krankenhäuser zu dem Projekt Krankenhaus ­ Familie zusammengeschlossen haben, um in klinikübergreifenden Arbeitsgruppen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Neben solchen gemeinschaftlichen Projekten gibt es auch krankenhausindividuelle Aktivitäten. Einen bundesweiten Überblick zu Kinderbetreuungsangeboten seitens der Krankenhäuser bietet der Deutsche Ärztinnenbund.

Als gleichfalls bedeutsames Handlungsfeld für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erweist sich die ­ als Folge des demografischen Wandels ­ künftig steigende Zahl von Mitarbeitern, die neben ihrer Tätigkeit pflegebedürftige Angehörige versorgen müssen.

Neben einer Familienpflegezeit, die ab 2012 gesetzlich geregelt werden soll, sowie kurzzeitigen Arbeitsfreistellungen können Maßnahmen zur Beratung und Schulung als Unterstützungsangebote von Seiten der Krankenhäuser hilfreich sein. Ebenso wie bei der Betreuung von Kindern liefern flexible Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeitszeit und der Arbeitsorganisation auch hier wichtige Voraussetzungen, um die beruflichen und die privaten Pflichten besser miteinander in Einklang zu bringen.

Hinzuweisen ist darüber hinaus auf einen Runden Tisch im Bundesgesundheitsministerium, der sich mit weiteren Möglichkeiten befasst, um die Arzt- und Pflegeberufe familienfreundlicher zu gestalten. Dabei geht es unter anderem auch um die Beseitigung von Hemmnissen in der Aus- und Weiterbildung. Außerdem haben das Bundesministerium für Gesundheit und die Deutsche Krankenhausgesellschaft im April 2011 eine neue Internetplattform zum Thema Attraktives Arbeiten im Krankenhaus freigeschaltet. Dort werden erfolgreiche Modelle pflegerischer Arbeit im Krankenhaus vorgestellt, die sich unter anderem auch der Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf widmen.

II. Der Landtag stellt fest:

Familienfreundliche Krankenhäuser leisten einen unverzichtbaren Beitrag, um dem wachsenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dazu gehören insbesondere flexible Möglichkeiten zur Arbeitszeitgestaltung und zur Arbeitsorganisation sowie Angebote zur Kinderbetreuung für unterschiedliche Altersgruppen, die sich an den Schichtdiensten der Mitarbeiter orientieren (Beispiel: Unfallkrankenhaus Berlin). Aber auch die Unterstützung bei der Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen der Mitarbeiter stellt eine wichtige Voraussetzung dar, um Krankenhäuser für Arbeitnehmer attraktiver zu machen.

Eine familienfreundliche Personalpolitik im Krankenhaus wirkt sich positiv auf die Motivation und die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter aus und steigert somit die Versorgungsqualität. Davon profitieren Patienten und Arbeitgeber gleichermaßen.

III. Der Landtag beschließt:

Der Landtag fordert die Landesregierung auf, auf Basis der bisherigen Erkenntnisse und unter Einbeziehung der Aktivitäten auf Bundesebene gemeinsam mit der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, den Krankenkassen sowie den Interessenvertretungen der Gesundheitsberufe im Krankenhaus ein Konzept zu entwickeln, um die Familienfreundlichkeit der nordrheinwestfälischen Krankenhäuser zu stärken; hierbei insbesondere auf den Aspekt des Ausbaus der betriebsnahen oder betriebseigenen Kindertagesbetreuung einzugehen; den Landtag über die Eckpunkte des Konzeptes sowie dessen Umsetzung zu informieren.